Im November 2023 untersagte die Universität Wien die Teilnahme des rechtsextremen Verlegers Götz Kubitschek an einer Veranstaltung des FPÖ-nahen „Rings Freiheitlicher Studenten” (RFS). Kubitscheck war eingeladen worden, um über den dystopischen Roman „Fahrenheit 451” von Ray Bradbury zu sprechen. Der Titel verweist auf die Temperatur, bei der Papier sich entzündet. Der Roman spielt in einem Staat, in dem Lesen und der Besitz von Büchern verboten sind.
Rechtsextreme Studierende der Universität Wien, darunter auch Kubitscheks Sohn, organisierten in Reaktion auf die geplatzte Veranstaltung eine Protestkundgebung vor dem Unigebäude, bei der Götz Kubitschek – extra aus Deutschland angereist – eine Rede hielt. Neben rechtsextremen Burschenschaftlern und jungen FPÖ-Politikern befanden sich Aktivist*innen der Identitären Bewegung wie Martin Sellner unter den um die Meinungsfreiheit besorgten Teilnehmenden. Während Götz Kubitschek auf der Bühne vor einer vermeintlichen Cancel-Culture der Linken an den Universitäten warnte und das Publikum zu „Meinungsfreiheit ist kein Verbrechen”-Sprechchören animierte, nahm Sohn Wieland das Eintreten für den offenen Diskurs selbst in die Hand und warf einem vermeintlichen Gegendemonstranten eine Flasche gegen den Kopf. Der entpuppte sich jedoch im Nachhinein als Anhänger der Identitären Bewegung. Gewaltvolle Szene im Rahmen der Kundgebung dokumentiert zudem ein Video des Vereins democ, der demokratiefeindliche Bewegungen beobachtet. Unter anderem stößt ein rechtsextremer Kampfsportler einen Polizisten brutal zu Boden und tritt mit seinem Knie auf das Gesicht des Beamten ein.
Lesekreise für die Neue Rechte
Diese Tumulte gelten als Gründungsmoment der „Aktion 451“ – einer in Österreich entstandenen rechtsextremen Hochschulgruppe, die seit Neustem versucht, sich auch an deutschen Universitäten wie Frankfurt, Leipzig, Erfurt oder Dresden zu etablieren. Der österreichische Verfassungsschutz sieht in ihr eine „Tarnorganisation der Identitären Bewegung”. Die „Aktion 451” kämpft gegen eine angebliche linke Indoktrination an Hochschulen und dockt dabei problemlos an neurechte Verschwörungserzählungen eines angeblichen „Bevölkerungsaustauschs” sowie einer „kulturellen Selbstaufgabe” an. Queerfeministische Vorlesungen, Seminare über Autokratisierung und Infostände an Universitäten werden als Orte mangelnder Meinungsfreiheit inszeniert.
Flyer der „Aktion 451”, der bei der Störung der Veranstaltung „70 Jahre FPÖ. Aufstieg der radikalen Rechten” an der Universität Wien am 23.04.2026 verteilt wurde
Der Social-Media-Auftritt der Nachwuchsgruppe der Neuen Rechten erinnert in seiner Professionalität und Abgestimmtheit an die Online-Präsenz rechtsextremer Jugendgruppen wie den Jungen Nationalisten. Über Instagram, Telegram, TikTok und X wird zu Lesekreisen eingeladen. Auf der Bücherliste stehen Autoren der sogenannten „konservativen Revolution”.
Die „Aktion 451” liest Texte aus dem klassischen Kanon der Politikwissenschaft wie Antonio Gramsci, dessen Konzept kultureller Hegemonie immer wieder von der Neuen Rechten missbraucht wird, oder Carl Schmitt, der als antiliberaler Kronjurist und intellektueller Vordenker des Dritten Reiches gilt. Aber auch gegenwärtige rechtsextreme Ideologen wie Curtis Yarvin oder Benedikt Kaiser werden behandelt. Yarvin ist Stichwortgeber für Tech-Faschisten und Autokraten: Peter Thiel und J.D. Vance berufen sich auf die antidemokratischen Ideen des Bloggers, der von einer autoritären Machtübernahme des Silicon Valley träumt.
Kaiser publiziert für die rechtsextreme „Sezession”, den „Jungeuropa Verlag” und Kubitscheks Antaios Verlag, auf dessen Gelände in Schnellroda regelmäßig zentrale Akteure der Neuen Rechten zusammenkommen. Außerdem arbeitete er mehrere Jahre für den AfD-Bundestagsabgeordneteten Jürgen Pohl. Fotos der Zeitung „Welt” zeigen ihn zudem im Umfeld der später verbotenen „Nationalen Sozialisten Chemnitz“, der Hooligangruppe „New Society 2004“ („NS-Boys“) sowie auf Demonstrationen der NPD (heute „Die Heimat”). Was sich nach außen als harmloser konservativer Lesekreis gibt, fungiert als rechtsextreme Indoktrinationsmaschinerie.
Doch es bleibt nicht bei rechts-intellektuellen Literaturdebatten. Die „Aktion 451” wirbt neben Bildung auch mit Sport- und Gemeinschaftsangeboten. Ähnlich wie rechtsextreme Jugendgruppen im außeruniversitären Raum lädt die „Aktion 451” auch zu Wanderausflügen, gemeinsamem (Eis-)Laufen und Barabenden ein. Gemeinsam mit Szene-Influencer*innen Michelle Gollan (Eingollan) und Cornell Peschke werden Flyer verteilt und über Infostände Kommiliton*innen rekrutiert. An der Uni Wien störten die Aktivist*innen der Aktion im April 2026 eine Veranstaltung, die den Aufstieg der rechtsextremen FPÖ thematisierte.
Richtungsstreit der AfD um das rechtsextreme Vorfeld
Der neue Akteur im deutschsprachigen Rechtsextremismus mischt die Szene auf und bringt frischen Wind in die Richtungsdebatte der AfD: Wie offen rechtsextrem soll die Partei nach außen erscheinen? Anfang Mai warnte der hessische AfD-Landesvorstand seine Jugendorganisation vor der Teilnahme an Treffen der rechtsextremen Hochschulgruppe per Rundschreiben. Zu groß die Sorge, dass die frisch gegründete „Generation Deutschland” erneut das Siegel „rechtsextrem” erhält oder gar zu einem Parteienverbot beiträgt. Das parallel laufende Verfahren der hessischen AfD gegen die nachrichtendienstliche Beobachtung der Partei als rechtsextremer Verdachtsfall – das Verwaltungsgericht Wiesbaden bestätigte mittlerweile die Einstufung – dürfte ebenfalls zur strategisch motivierten Mäßigung nach außen beigetragen haben: „Gerade unsere jungen Mitglieder stehen unter besonderer Beobachtung durch viele Medien, die darauf warten, dass wir Fehler machen“, heißt es laut der Frankfurter Rundschau in dem Brief. Das Recherche-Kollektiv Rhein-Main Rechtsaußen berichtete einen Monat vor der Verbreitung des Rundschreibens, dass der neue Schatzmeister der hessischen AfD-Jugend Thomas Janeczek an einem Treffen der „Aktion 451” teilgenommen hatte. Wegen seiner offenen Kontakte zur Identitären Bewegung, die eigentlich auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD steht, wurde Janeczek wenig später seines Postens enthoben.
Die „Aktion 451” zeigt sich auf X über die Distanzierung des hessischen AfD-Landesverbands enttäuscht: „Eine starke Partei und starke außerparteiliche Gruppen sind Teile derselben Auseinandersetzung mit einer linksliberalen Vorherrschaft in unseren Ländern”. Die österreichische FPÖ habe das besser verstanden als die AfD. Solidarität mit der „Aktion 451” kommt aus anderen Bundesländern. Joachim Paul (Rheinland-Pfalz), Franz Schmid (Bayern) und der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich (Selbstbezeichnung: „das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“) hatten bereits in der Vergangenheit keine Berührungsängste mit Akteuren der Identitären Bewegung wie der neurechten Frauenorganisation Lukreta. Auf Instagram werden sie dafür von der „Aktion 451” als „Helden des Vorfelds” gefeiert.
Die Abgrenzung der AfD zur Identitären Bewegung erscheint strategisch motiviert, die Sanktionierung von Verstößen gegen die Unvereinbarkeitsliste selektiv. Ideologisch wie personell ist die Partei auf rechtsextreme Kulturkämpfer*innen aus dem vorpolitischen Raum angewiesen. Junge Menschen, die sich nicht von gewaltaffinen rechtsextremen Jugendgruppen angesprochen fühlen, könnten in der „Aktion 451” eine politische Heimat finden. Es droht die Etablierung einer weiteren neurechten Kaderschmiede an Hochschulen, die durch eine kontinuierliche Diskursverschiebung langfristig Wissenschafts- und Meinungsfreiheit unter Druck setzt und gleichzeitig eine neue rechtsextreme Jugendelite ausbildet.


