Dieser Artikel ist zuerst bei Volksverpetzer erschienen.
Ist das Journalismus – oder kann das weg? Die Frage begleitet das Online-Medium „Nius“ seit dem Start 2022. Die einen sagen, das rechtspopulistische Portal von Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt gehöre „selbstverständlich“ zur „freien Medienlandschaft in diesem Land“ – der notorische ÖRR-Kritiker Alexander Teske (Buch „Inside Tagesschau“) beispielsweise.
Andere blicken kritisch auf das Portal – etwa die Journalistin Malene Gürgen. Sie schrieb 2023 in der „taz“ unter der Überschrift „Grundprinzip verdrehte Fakten“, dass das vom CDU-nahen Milliardär Frank Gotthardt finanzierte Portal „rechter Hetze eine Bühne“ biete. Wer hat nun recht?
In diese Diskussion, die ja kürzlich auch der Kieler Ministerpräsident Daniel Günther von der CDU befeuert hat, platzt aktuell eine Personalie: Pauline Voss, stellvertretende Chefredakteurin von „Nius“, hat die Aufnahme in die Bundespressekonferenz beantragt, den Verein der in Berlin (ein paar gibt’s auch noch in Bonn) tätigen Parlamentskorrespondent:innen, die regelmäßig über die Bundespolitik berichten.
Voss wäre die dritte Vertreterin von „Nius“ in dem eingetragenen – und von der Bundesregierung unabhängigen – Verein, bisher schon sind Julius Böhm und Ralf Schuler dabei.
Zum Artikel: Hetz-Portal Nius soll hoffähig werden.
Der Mitgliedsausschuss der BPK hat die Aufnahme von Pauline Voss beschlossen. Am vergangenen Donnerstag wurde die Mitgliedschaft darüber unterrichtet. Nach Paragraf 11, Absatz 1 der Satzung wird der Beschluss wirksam, wenn nicht innerhalb von zehn Tagen Einwände erhoben werden. Bis zum 15. März also läuft die Frist. Es gibt bereits mehrere solche Einwände, sodass sich der Mitgliedsausschuss erneut mit der Personalie befassen muss. Der Ausgang ist offen.
„Freiwillige Selbstaufgabe“ der BPK?
Der unter anderem regelmäßig für das ARD-Magazin „Kontraste“ tätige Journalist und Rechtsextremismus-Experte Silvio Duwe wirft „Nius“ & Co. „Hass- und Einschüchterungskampagnen“ vor. Auf Bluesky schreibt Duwe, selbst kein Mitglied der BPK, zum Aufnahmeantrag von Pauline Voss:
„Vereine, in denen sich Journalist:innen selbst organisieren, sollten ein Interesse daran haben, eine klare Linie zwischen kritischem Journalismus und propagandistischen und verschwörungsideologischen Akteuren zu ziehen. Die BPK hat sich stattdessen offenbar für freiwillige Selbstaufgabe entschieden.“
Ein Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der selbst seit vielen Jahren in der Bundespressekonferenz organisiert ist, wirft „Nius“ und deren Redakteur:innen vor, „dass sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dessen Akteure (auch BPK-Mitglieder) als Feindbilder pflegen und in verleumderischer Weise Fehler aufbauschen, skandalisieren, ohne dazu Stellungnahmen einzuholen“. Namentlich zitiert werden möchte der Kollege mit diesem Statement vorerst nicht.
Gemessen an den insgesamt mehr als 900 Mitgliedern der BPK mag die Zahl von zwei Handvoll Leuten gering erscheinen, die in dem Verein für Parallelmedien im Einsatz sind. Ein Redakteur des AfD-nahen Internetradios Kontrafunk ist Mitglied – er arbeitete zuvor als Hauptstadtkorrespondent für die ARD. Die rechtsradikale „Junge Freiheit“ hat ebenso einen Korrespondenten in der BPK wie die linksradikale „Junge Welt“. Roland Tichy hat Gaststatus, ein Kollege von ihm ist offizielles Mitglied. Anfang 2025 wurde ein Journalist der „Epoch Times“ in den Verein aufgenommen, eines rechtsradikalen Fake-News-Mediums.
Diskussion um Reitschuster und Warweg
Diese wenigen Akteure können jedoch sehr laut werden: 2021 beschrieb die „Süddeutsche Zeitung“, wie manche Teilnehmer die Veranstaltung BPK missbrauchen: Einige Journalisten und Blogger – „vor allem die Namen Boris Reitschuster und Florian Warweg fallen da immer wieder“ – würden die Veranstaltung sehr erfolgreich als Bühne für Verschwörungsmythen und Fake News nutzen. Der Deutschlandfunk fragte damals in einem Beitrag
„Ist die Bundespressekonferenz zur Bühne für Selbstdarsteller und Verbreiter von Desinformationen geworden? Wurde die Bundespressekonferenz ,gekapert’?“
Der rechte Blogger und frühere Moskauer „Focus“-Korrespondent Reitschuster ist nicht mehr Mitglied der BPK. Der Verein erklärte die Mitgliedschaft Ende 2021 für beendet, nachdem dieser seinen Firmensitz nach Montenegro verlegt hatte.
Warweg wiederum war nie Mitglied der BPK – aber er nutzt sie seit Jahren als Bühne. Er hatte bis Anfang 2022 als Mitglied des Vereins der ausländischen Presse (VAP) Teilnahme- und Fragerecht, damals als Korrespondent und Online-Chef des vom russischen Staat finanzierten Kanals RT Deutsch. Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges – und dem Verbot von RT Deutsch in Deutschland – erkämpfte Warweg 2023 vor dem Landgericht Berlin, dass er von der BPK „wie ein Mitglied“ behandelt werden muss – ohne dies formell zu sein. Warweg war inzwischen zu den verschwörungsideologischen „Nachdenkseiten“ gewechselt.
„Lebenslänglich Bundespressekonferenz“
Seit Anfang 2026 arbeitet er für Holger Friedrichs Blätter „Berliner Zeitung“ und „Ostdeutsche Allgemeine“. In der ersten, Ende Februar erschienenen OAZ-Ausgabe stellte Warweg seine Tätigkeit in der BPK auf einer Seite vor, Überschrift „Die stille Zensur“. Er schrieb, die Bundespressekonferenz verfehle zunehmend den Anspruch, ein Ort kritischer Öffentlichkeit zu sein. Vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass die BPK ihre Berufung im Verfahren vor dem Landgericht Berlin um die Mitgliedschaft von Warweg zurückgenommen hat.
Warweg jubelte auf X: „Ich kann jetzt also rechtssicher und de jure unbegrenzt an den Regierungspressekonferenzen und anderen Pressekonferenzen der BPK mit Fragerecht teilnehmen.“ Sein Anwalt habe ihm erklärt: „Herr Warweg, das heißt lebenslänglich BPK für sie.“ Dieser Sonderstatus habe „durchaus auch Vorteile“, erklärte Warweg. Er müsse sich „da noch beraten, ob wir es bei diesem Status belassen oder ob ich nochmal Vollmitgliedschaft beantrage“. Mit anderen Worten: Die Bundespressekonferenz wirkt in seinem Fall ziemlich ohnmächtig. Und nicht nur in diesem.
Böhm und Schuler für „Nius“ schon dabei
Zurück zu „Nius“: Die beiden erwähnten Vertreter des Krawallportals, Julius Böhm und Ralf Schuler, waren schon für ihren früheren Arbeitgeber, die „Bild“-Zeitung, in der Bundespressekonferenz und haben ihre Mitgliedschaft mitgenommen. Pauline Voss, die früher für die „Neue Zürcher Zeitung“ gearbeitet hat, ist die erste, die den Aufnahmeantrag für „Nius“ selbst stellt.
2025 spielte Pauline Voss eine maßgebliche Rolle bei der Kampagne gegen NGOs. Die These hinter ihrem im Juni 2025 auf „Nius“ verbreiteten Video: Nichtregierungsorganisationen würden von der Regierung finanziert, um einen Komplex zu schaffen, „mit dem man gegen die eigene Bevölkerung vorgeht“, sie gar „bekämpft“ – so zitierte die „Süddeutsche Zeitung“ Pauline Voss.
Die YouTuberin Jasmin Kosubek, frühere langjährige Moderatorin beim russischen Propagandakanal RT Deutsch („Der fehlende Part“), präsentierte Voss anschließend eine Stunde lang in ihrem Podcast und behauptete, die Nichtregierungsorganisationen würden „steuerfinanzierte politische Agitation“ betreiben. Kira Ayyadi schrieb dagegen auf „Belltower News“, einem Portal der Amadeu-Antonio-Stiftung: „Die extreme Rechte versucht, die demokratische Zivilgesellschaft zu zerschlagen. Wichtiger Gehilfe ist ,Nius‘, aus dem Mediengeflecht rund um Julian Reichelt.“
Meinungsfreiheit für den „Stürmer“?
Im Januar 2026 postete das niedersächsische Innenministerium zum Holocaust-Gedenktag ein Foto des NS-Vernichtungslagers Auschwitz, dazu der Satz: „Es begann nicht mit Gaskammern, sondern mit Worten.“ Voss machte einen Screenshot dieses Postings und verbreitete ihn mit der Bemerkung: „Am Holocaust-Gedenktag fällt dem SPD-Innenministerium nichts Besseres ein, als die Opfer für die Agitation für die Meinungsfreiheit zu missbrauchen und ,Worte‘ unter Verdacht zu stellen.“
Der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz kommentierte, Voss habe den Hinweis kritisiert, „dass den Gaskammern Worte vorausgingen. Sie tut das im Namen der Meinungsfreiheit und reklamiert sie damit auch für den ,Stürmer‘ – denn dessen Worte hatten ihrer Ansicht nach nichts mit den Gaskammern zu tun“.
Die #Bundespressekonferenz will Pauline Voss vom Krawallportal #Nius als Mitglied neu aufnehmen.Echt jetzt?
— Matthias Meisner (@meisnerwerk.bsky.social) 5. März 2026 um 19:11
Der damalige und heutige BPK-Vorsitzende Mathis Feldhoff sagte 2021, es gebe in dem Verein keine „etablierten oder nicht-etablierten Kollegen“ und auch „keine richtigen und falschen Fragen“. Die Bundespressekonferenz sei die „Herzkammer der Meinungsfreiheit“. Zum aktuellen Fall Pauline Voss will er sich nicht äußern – so wie zu „internen Mitgliederfragen“ grundsätzlich nicht.
Tagesordnung: Kreml-Propaganda?
Doch wie zieht der Verein der Parlamentskorrespondent:innen die Grenze zu Desinformation und Ideologie, wie zu den zahlreicher werdenden rechten Portalen, die sich als „alternative“ oder „freie“ Medien verkaufen? Wie zu – auch die ist ja mit Florian Warweg in der BPK an der Tagesordnung – Kreml-Propaganda?
Vor einigen Jahren hat der Verein als Konsequenz aus der Diskussion um Reitschuster und Warweg seine Satzung geschärft. Dort heißt es nun: „Die Pressekonferenzen der Bundespressekonferenz dienen einer sachlichen, an Tatsachen orientierten und fairen Vermittlung von politischen Informationen, Aussagen und Positionen. Die Bundespressekonferenz trägt damit zu einem freiheitlichen, kritischen und unabhängigen Diskurs in der demokratischen Öffentlichkeit bei.“
Ann-Katrin Müller aus dem Hauptstadtbüro des „Spiegel“ sagt unter Bezug auf die Satzungspassage mit der „sachlichen, an Tatsachen orientierten und fairen Vermittlung“: „Ich sehe nicht, wie das gelingen soll, wenn rechtspopulistische Akteure mehr Raum für ihre krawalligen und zum Teil verschwörungsideologischen Fragen bekommen.“
Motto des Bundespresseballs: „Pressefreiheit stärken“
Im April findet, ausgerichtet von der Bundespressekonferenz, der 73. Bundespresseball statt. Das diesjährige Motto heißt: „Für die Demokratie – Pressefreiheit stärken“. Das Magazin zum Presseball enthält ein „Dossier Pressefreiheit“. Es geht dabei unter anderem um die Frage, wie Autokraten Medien diskreditieren und ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellen. Wie die Vereinigten Staaten, aber auch Ungarn, Polen, die Slowakei und einige andere Länder seit Jahren vormachen, wie demokratische Institutionen ausgehöhlt und vor allem die Pressefreiheit mehr und mehr eingeschränkt wird. Wie Donald Trump Klagen gegen missliebige Journalisten und Medienhäuser anzettelt. „Das kann in Deutschland nicht geschehen, denkt man mit einem ungläubigen Blick über den Atlantik – und geht in dieser Annahme fehl“, heißt es in dem Magazin zum Presseball.
Pressefreiheit stärken: Das muss auch bedeuten, eine altehrwürdige Institution wie die Bundespressekonferenz zu schützen vor Angriffen von Ideologen und Propagandisten. Konkret folgt daraus, dass „Nius“ nicht in die Bundespressekonferenz gehört. Und ein paar andere dort vertretene Medien müssten zumindest als Verdachtsfall gelten. Es geht darum, die Bundespressekonferenz vor Desinformation zu schützen, sie letztlich zu retten. Wie diese Forderung umzusetzen ist, muss der Verein rasch diskutieren
Transparenzhinweis: Der Autor dieses Textes ist seit 1994 Mitglied der Bundespressekonferenz, zunächst als Parlamentskorrespondent in Bonn für die „Sächsische Zeitung“, von 1999 bis 2021 als politischer Korrespondent des „Tagesspiegels“ und seither als freier Journalist. Er gehörte zu denen, die 2022 Einspruch gegen die Aufnahme von Florian Warweg eingelegt haben. Und hat dies auch jetzt im Fall von Pauline Voss getan. Es gibt mehrere Einsprüche dazu aus der Mitgliedschaft, darüber entschieden wurde noch nicht.


