Unter dem Motto „Together for a better Internet“ engagieren sich jedes Jahr im Februar weltweit Menschen und Institutionen für mehr Sicherheit im digitalen Raum. Der Safer Internet Day (SID) steht für viele wertvolle Initiativen und wird von klicksafe, einer unabhängiger EU-Initiative seit 2004 und für Deutschland von der Medienanstalt Rheinland-Pfalz koordiniert. Der SID macht digitale Risiken und Medienbildung sichtbar und versucht immer wieder, digitale Umbrüche und aktuelles digitales Zeitgeschehen zu beleuchten. Er möchte zwar dafür generationsübergreifend sensibilisieren, jedoch richtet er sich primär an Pädagog*innen, Erziehungsberechtigte und Multiplikator*innen, die Kinder und Jugendliche beim digitalen Kompetenzerwerb unterstützen. Durch diesen engen Blick erscheint die Verantwortung, sich um digitale Probleme zu kümmern, vor allem als individuelle Lernaufgabe für junge Menschen statt einer gesamtgesellschaftlichen Frage. Die Verantwortung wird nach unten verschoben – zu Nutzer*innen, Schulen und Familien. Die Idee hinter dem Aktionstag: „Wir alle machen gemeinsam das Internet sicherer und besser“ trägt nicht mehr. Es braucht verbindliche Verantwortungsübernahme durch Plattformen, Politik und professionelle Akteur*innen.
Charlotte Lohmann ist Bildungsreferentin für Medienkompetenz und digitale Demokratiegefährdung. Sie arbeitet seit 2021 bei der Amadeu Antonio Stiftung im Feld der Demokratie- und Medienbildung. Im Fokus ihrer Arbeit steht die Konzeption didaktischer Bildungs- und Lernformate, die Vermittlung pädagogischer Handlungsoptionen sowie die Analyse demokratiefeindlicher Onlinekulturen und rechtsextremer Social-Media-Nutzung.
2026 rückt klicksafe mit dem Motto „KI and me. In künstlicher Beziehung“ die Frage in den Mittelpunkt, wie KI-Begleiter unser Miteinander verändern, besonders mit Blick auf Kinder und Jugendliche. Im Fokus stehen parasoziale Beziehungen, also einseitige Bindungen zu digitalen Systemen, die Nähe und Vertrautheit simulieren. Jugendliche sollen laut Veranstalter gestärkt werden, KI-Bots reflektiert zu nutzen und Risiken zu erkennen. Die Schwerpunktsetzung auf KI als Beziehungsthema erscheint jedoch bemerkenswert vorsichtig für eine Zeit, in der digitale Räume zunehmend von KI-generierter Propaganda in Form von Sounds und Kurzvideos geschwemmt werden und Algorithmen für ihre Verbreitung sorgen. Deswegen wäre es eigentlich Zeit, über die Beziehung zwischen KI und Demokratiefeindlichkeit zu sprechen.
Aber was bedeutet es überhaupt, eine Beziehung zu Systemen einzugehen, deren Logik primär ökonomischen Interessen folgt? Denn diese Beziehungen sind nie nur privat, sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern in digitalen Öffentlichkeiten, die von Plattformlogiken, und auch von demokratiefeindlichen Narrativen geprägt sind. KI-Beziehungen entstehen also nicht nur zwischen Mensch und Maschine, sondern innerhalb von Machtverhältnissen und demokratischen Gesellschaften. Aus (politischer) Medienbildungsperspektive drängt sich daher eine Frage auf: Was bedeutet es für demokratische Gesellschaften, wenn KI-Systeme nicht nur Gesprächspartner*in, sondern auch Informationsquellen oder emotionale Bezugspunkte werden?
Die Reaktion liegt nah, aber sie greift viel zu kurz, denn sie folgt einem vertrauten Muster und individualisiert ein strukturelles Problem. Auch im KI-Kontext wird wieder von „Chancen und Herausforderungen“ gesprochen, von Abwägung, und langfristig wird die Verantwortung auf Medienkompetenz, vor allem für Jugendliche, gelenkt. Demokratische Aushandlungsprozesse und demokratiefeindliche Narrative finden ihren Weg, aber nicht nur ins Jugendzimmer. Sie zirkulieren in digitalen Öffentlichkeiten, die von einer ganzen Gesellschaft genutzt werden.
Passend zum Themenschwerpunkt veranstaltet klicksafe eine Schulstunde, die sich an Schulklassen richtet. Beim Blick auf die Veranstaltungsinfo wird eine Grafik verwendet, die ausgerechnet an Karl Klammer erinnert, den digitalen Microsoft-Assistenten der 90er und Nullerjahre, ein berüchtigt nerviger, aber freundlicher Helfer, der Orientierung versprach. Ein Gedankenspiel: Die beiden Büroklammern treffen sich zum Krisengipfel am Safer Internet Day und seufzen: Wir beiden, die alte und die neue, erklären die Welt und am Ende sollen es wieder die Nutzer*innen richten. Ein vertrautes Versprechen digitaler Moderne: Wer die Technik versteht, wird mit ihren Folgen schon zurechtkommen. Das zeigt eine bekannte Engführung digitaler Debatten: Technologische Entwicklungen werden pädagogisiert, während ihre politischen und ökonomischen Dimensionen in den Hintergrund treten.
Vielleicht ein guter Moment für einen Blick zurück, denn genau hier zeigt sich eine bekannte Schieflage digitaler Verantwortung. Denn während der SID 2026 über KI spricht, spült in den Feeds auf Instagram und Co zu Beginn des Jahres ein anderes Jahr nach oben: 2016. Unter dem Schlagwort „2026 ist das neue 2016“ teilten User*innen über einige Wochen Bilder, Erinnerungen und Reflexionen. Die Journalistin Nadine Lange beschreibt diesen Trend in ihrem Kommentar im Tagesspiegel als digitales Lagerfeuer, also einen Ort, an dem man sich trifft und für einen Moment durchatmen kann. In einer Zeit, die von Dauerkrisen und Kriegen dominiert ist, wird ein Bedürfnis nach Trost sichtbar. Sie diagnostiziert eine damit verbundene Sehnsucht nach einer unschuldigen Internet-Ära. Die nostalgische Erinnerung an eine Zeit, in der das Internet und Social Media noch von spaßigen Memes geprägt waren statt von Massen an KI-generiertem Müll. Ein Internet vor KI, vor Dauerkrise, vor allgegenwärtiger Eskalation.
Doch die Erinnerung an ein unschuldiges Internet ist verklärt, wenn man diesen Rückblick ernstnimmt und ihn auf den SID selbst anwendet. Schon 2016 – immerhin das Jahr von Brexit und Donald Trumps erstem Wahlsieg – standen Hass und Radikalisierung im Mittelpunkt des Aktionstags. Das Motto lautete damals „Extrem im Netz“. Die Probleme waren sichtbar. Das Wissen war da, die Warnungen schon längst. Denn 2016 war keineswegs ein harmloses Jahr im Internet. Zehn Jahre später stellt sich weniger die Frage, was schiefgelaufen ist, sondern eher, warum so vieles erwartbar war. Wo liegen die Grenzen bildungsbasierter Antworten? Diese Fragen zielen nicht darauf ab, Bildung zu kritisieren, sondern auf die wiederkehrende Tendenz, strukturelle Probleme vor allem pädagogisch lösen zu wollen.
2016 war auch das Jahr, in dem Instagram dem Vorbild von Facebook folgte und den algorithmischen Feed einführte und somit die Plattformlogik grundlegend veränderte, all das in einer Zeit, die politisch von vielen als Kipppunkt beschrieben wird. Sichtbarkeit und Selbstoptimierung rückten in den Vordergrund. Urlaubsfotos konkurrierten nun mit Inhalten, die durch die technische Erneuerung als relevanter eingestuft wurden. Denn ab jetzt war das Ziel, vom Algorithmus wahrgenommen zu werden. Wie schon längst bei Facebook, YouTube und Co. zeigt sich auch bei Instagram: Empörung und Emotionalisierung funktionieren dafür am besten. Die Folgen: Polarisierung, digitale Erschöpfung und wenig Raum für Komplexität. Die neue große Veränderung in den sozialen Medien und darüber hinaus heißt KI. Wieder treten die politischen und ökonomischen Dimensionen in den Hintergrund, wieder sollen vor allem Jugendliche das vermeintliche Allheilmittel „Medienkompetenz“ erlernen. Dabei bräuchte es vielmehr gestufte Verantwortung, die sich als Treppe denken lässt: von technischen und politischen Rahmenbedingungen über Plattformen und Medien bis hin zu Bildung und individueller Handlungsmacht. Heute wirkt KI wie ein weiterer Beschleuniger. Sie produziert keine völlig unbekannten Konflikte, sondern verstärkt bestehende Dynamiken. Genau deshalb muss die Frage nach Verantwortung neu gestellt und die Beziehung von KI und Demokratiefeindlichkeit unter die Lupe genommen werden. Der reflexhafte Ruf nach „mehr Medienkompetenz“ klingt inzwischen wie ein politisches Beruhigungsmittel. Stattdessen sollten wir die Grenzen dieser Kompetenz anerkennen, um nicht völlig erschöpft zurückzubleiben.
Vielleicht ist 2026 das Jahr, in dem wir fragen müssen: Braucht es den Safer Internet Day eigentlich noch? Wir stehen vor einer Mammutaufgabe, die mehr braucht als Bildung und den immer gleichen Debatten, die bei Regulierung, Altersgrenzen und Social-Media-Verboten landen. Der Hauptblick liegt auf Jugendlichen. Dabei müsste er sich auf die gesamte Gesellschaft richten, in der sich demokratiefeindliche Narrative, Social-Media-Hass und Desinformation normalisiert haben. Es handelt sich keinesfalls um ein Problem der radikalen Ecken und der „Anderen“. Die Beziehung von Demokratiefeindlichkeit und KI wirkt in diesem Kontext nicht als Auslöser, sondern als Verstärker: KI ermöglicht, menschenverachtende Ideologien in Sekundenschnelle, nahezu kostenlos und massenhaft zu verbreiten. Sie ist hier nicht nur Werkzeug, sondern Teil einer digitalen Infrastruktur, die politische Sichtbarkeit, Reichweite und Diskursdynamiken mitstrukturiert.
Würde das, was im digitalen Raum alltäglich sichtbar ist, im Fernsehen geduldet werden? In Zeitungen? Zum Glück nicht. Und doch wird die Antwort, auch an diesem Tag, immer wieder in Richtung Bildung verschoben. Bildung kann vieles leisten. Aber sie kann nicht die Müllabfuhr eines digitalen Systems sein, das strukturell auf Eskalation und Reichweite ausgelegt ist. Das stellt Medienkompetenz nicht infrage, es fordert aber, weiterzudenken. Gestufte Verantwortung hat hier zwei Ebenen: Die eine ist individuelle Medienkompetenz. Die andere liegt in den strukturellen Bedingungen, unter denen sich Hass, Desinformation und menschenfeindliche Ideologien normalisieren. Selbst eine vollständig „medienkompetente“ Gesellschaft wäre davor nicht immun. Die Verschiebung ist keine Zukunftsdystopie mehr, sondern gegenwärtige Realität. Wir stecken längst mittendrin. Die Folgen zeigen sich in wachsenden demokratiefeindlichen Einstellungen sowie in konkreten Handlungen: Immer mehr Menschen wählen, auf allen politischen Ebenen, rechtsextreme Parteien, während gleichzeitig Hassgewalt online und analog enorm zunimmt. Und das, obwohl es zahlreiche präventive Medienkompetenzangebote gibt. Wir sehen, dass sie sich die Grenzen des Sagbaren spürbar verschoben haben, Rechtsextreme Narrative sind nicht mehr Randphänomene, sondern in Teilen der gesellschaftlichen Mitte angekommen und zunehmend normalisiert.
Gestufte Verantwortung heißt, nicht nur Individuen zu adressieren, sondern Plattformen, Regulierung und gesellschaftliche Normen. Die Verantwortung muss auf verschiedene Schultern verteilt werden. Bildung bleibt wichtig. Aber sie kann nicht reparieren, was strukturell angelegt ist.


