Brandenburg steht 2026 vor einer Reihe kommunalpolitischer Entscheidungen mit erheblicher Tragweite. In gleich sechs Landkreisen werden die Spitzen der Kreisverwaltungen gewählt. Für die AfD sind diese Wahlen mehr als Routine: Sie markieren den nächsten Schritt einer gezielten Strategie zur Erlangung exekutiver Macht. Nach Erfolgen bei Europa-, Kommunal- und Landtagswahlen zielt die Partei nun auf jene Ebene, auf der staatliches Handeln besonders unmittelbar wirkt.
Gerade in Brandenburg ist diese Entwicklung brisant. Der AfD-Landesverband gilt als einer der radikalsten bundesweit und wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Landratsämter ermöglichen der Partei, ihre Ideologie nicht nur parlamentarisch zu vertreten, sondern administrativ umzusetzen – oft abseits großer medialer Aufmerksamkeit. Die Landratswahlen 2026 werden damit zu einem Prüfstein für die demokratische Substanz des Landes.
Warum Landratsämter politisch so relevant sind
Landrät*innen sind keine bloßen Verwaltungsleitungen. Sie führen große Behörden, sind Dienstvorgesetzte hunderter Beschäftigter und setzen politische Prioritäten in zentralen Bereichen wie Asyl- und Migrationsverwaltung, Gesundheitsversorgung, Schulentwicklung, Jugendhilfe und Sozialpolitik sowie Katastrophenschutz. Sie entscheiden darüber, welche Projekte gefördert werden, wie Verwaltungen mit zivilgesellschaftlichen Trägern kooperieren und welches politische Klima innerhalb einer Kreisverwaltung herrscht.
Ein rechtsextrem geführtes Landratsamt würde diese Macht nicht neutral ausüben. Verwaltungsentscheidungen könnten gezielt genutzt werden, um demokratische Standards zu unterlaufen, kritische Initiativen zu behindern und Zugehörigkeit zunehmend an Herkunft oder politische Loyalität zu knüpfen. Die Folgen wären konkret und spürbar, für Verwaltungen, für Engagierte und für das Sicherheitsgefühl vieler Menschen im Alltag.
Oberspreewald-Lausitz: Der mögliche Dammbruch
Den Auftakt machte die Landratswahl im Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Der langjährige Amtsinhaber Siegurd Heinze (parteilos) trat nach 16 Jahren nicht erneut an, wodurch ein offenes Rennen um das Amt entstand. Die AfD unterstützte mit Antje Ruhland-Führer eine offiziell parteilose Kandidatin, ein bekanntes Vorgehen, um gesellschaftliche Vorbehalte zu umgehen und gleichzeitig organisatorisch angebunden zu bleiben.
Im ersten Wahlgang am 11. Januar 2026 erreichte Ruhland-Führer 43,6 Prozent der Stimmen. Der CDU-Kandidat Alexander Erbert kam auf 48,8 Prozent und verfehlte die absolute Mehrheit knapp. Damit kommt es am 25. Januar zur Stichwahl. Erbert, der auf Verwaltungserfahrung und eine klare Abgrenzung zur AfD setzt, wird dabei von breiten Teilen der demokratischen Parteien und zivilgesellschaftlichen Akteuren unterstützt. Die Stichwahl gilt über den Landkreis hinaus als Testfall: Sie entscheidet darüber, ob rechtsextreme Normalisierungsstrategien auf kommunaler Ebene durchbrochen werden können, oder erstmals Erfolg haben.
Elbe-Elster und Spree-Neiße: Soziale Unsicherheit als Angriffspunkt
Auch in Elbe-Elster, wo am 15. Februar gewählt wird, zielt die AfD auf soziale Verunsicherung. Mit dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten Norbert Kleinwächter kandidiert ein profilierter Parteivertreter. Zentrale Themen wie die Zukunft kommunaler Krankenhäuser oder die Infrastruktur werden dabei nicht als Ergebnis politischer Entscheidungen verhandelt, sondern in migrationspolitische Schuldzuweisungen umgedeutet. Dem stellt sich unter anderem der amtierende Landrat Christian Jaschinski (CDU) entgegen, der auf Verwaltungskontinuität, finanzielle Stabilität und öffentliche Daseinsvorsorge setzt. Eine mögliche Stichwahl ist für den 1. März angesetzt.
Ähnlich gelagert ist die Situation im Landkreis Spree-Neiße, wo am 8. März gewählt wird. Die AfD kandidiert hier mit Christine Beyer, während demokratische Alternativen mit Heiko Jahn (SPD) und Martin Heusler (CDU) auf soziale Stabilität, Strukturförderung und Verwaltungskompetenz setzen. Der bisherige Landrat Harald Altekrüger tritt nicht erneut an. Auch hier zeigt sich: Wirtschaftliche Unsicherheit wird von der AfD politisch zugespitzt, ohne tragfähige Lösungen anzubieten. Eine Stichwahl ist für den 22. März vorgesehen.
Uckermark und Barnim: Normalisierung oder klare Grenze?
Besonders symbolisch ist die Landratswahl in der Uckermark am 19. April. Der AfD-Kandidat Felix Teichner, Landtagsabgeordneter und tief in der regionalen Parteistruktur verankert, steht für eine langfristig angelegte Machtstrategie. Die rbb-Dokumentation Blaues Land – Wie die AfD den Osten verändert zeigt exemplarisch, wie die Partei in der Region Netzwerke aufbaut und politische Räume besetzt.
Demgegenüber tritt mit Karina Dörk die amtierende Landrätin für die CDU erneut an. Sie setzt auf Verwaltungserfahrung, regionale Stabilität und breite demokratische Bündnisse. Ein AfD-Sieg hätte hier eine enorme Signalwirkung, weit über den Landkreis hinaus. Eine mögliche Stichwahl ist für den 10. Mai angesetzt.
Auch im Barnim wird am 19. April gewählt. Der amtierende Landrat Daniel Kurth (SPD) kandidiert erneut, ebenso Daniel Sauer (CDU). Die AfD ist hier kein klarer Favorit, wirkt aber diskursiv stark. Der Wahlkampf zeigt, wie rechtsextreme Rhetorik demokratische Debatten verschiebt, selbst dort, wo ein Wahlsieg nicht wahrscheinlich ist. Auch hier ist eine Stichwahl am 10. Mai möglich.
Ostprignitz-Ruppin: Wirkung auch ohne Kandidatur
Den Abschluss bildet Ostprignitz-Ruppin, wo am 7. Juni gewählt wird. Ob die AfD mit einem eigenen Kandidaten antritt, ist bislang offen. Der amtierende Landrat Ralf Reinhardt (SPD) kandidiert erneut, weitere demokratische Bewerbungen kommen aus CDU- und freien Wählerkreisen. Doch selbst ohne formale Kandidatur zeigt sich die Wirkung der AfD: Themen, Frames und Abwertungen prägen lokale Debatten und verschieben politische Maßstäbe. Eine Stichwahl wäre für den 28. Juni vorgesehen.
Brandenburg als demokratischer Prüfstein
Die Landratswahlen 2026 sind kein regionales Randthema. Sie entscheiden darüber, ob rechtsextreme Politik in Brandenburg exekutive Realität wird. Landkreise sind Orte des Alltags: Hier werden Schulen geplant, Krankenhäuser verwaltet, Jugendhilfe organisiert, Unterkünfte verwaltet und Fördermittel vergeben. Wenn an der Spitze einer solchen Verwaltung eine Partei steht, die Demokratie und Menschenrechte infrage stellt, sind die Folgen konkret.
Brandenburg wird damit zum Prüfstein. Die zentrale Frage lautet nicht, ob kommunale Politik „unpolitisch“ sein sollte, sondern ob sie demokratisch bleibt.


