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Opferberatungsvereine veröffentlichen Zahlen über rechtsextreme Gewalt 2010

Verschiedene Beratungsstellen für Opfer rechtsextremer Gewalt haben zum Jahresbeginn ihre Statistiken veröffentlicht. In der Stadt Berlin war – für das Jahr 2010 – ein Anstieg rechtsextremer Übergriffe in den westlichen Bezirken zu beobachten. Die Zunahme rechtextremistischer Gewalttaten in Brandenburg wurde vor allem im Süden des Landes registriert. In Sachsen konnte zwar ein leichter Rückgang rechtsextremer Übergriffe verzeichnet werden, mit 239 Fällen befindet sich die Zahl dennoch auf einem hohen Niveau. In Sachen-Anhalt nahm besonders die Zahl rassistisch motivierter Gewalttaten zu.

 

Berlin

Die Opferberatungsstelle ReachOut hat 109 rechtextreme Gewalttaten in Berlin für das Jahr 2010 registriert. Das ist ein leichter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr (102 Fälle). In den Bezirken Neukölln und Mitte verdoppelte sich die Zahl der Übergriffe. Damit nähern sich die Zahlen der östlichen und westlichen Bezirke weitestgehend an. Fast die Hälfte der rechtsextremen Gewalttaten ereignete sich 2010 in Westbezirken. Im Jahr zuvor gab es hier nur 36 Angriffe. Hauptsächlich waren die Übergriffe rassistisch motiviert und ereigneten sich im öffentlichen Raum oder in öffentlichen Verkehrmitteln und Bahnhöfen.

Brandenburg

Für das Land Brandenburg verzeichnete der Verein ?Opferperspektive? 108 rechtsextreme Gewalttaten. Dies bedeutet einen leichten Anstieg im Vergleich zum Vorjahr – 2009 wurden 101 Fälle registriert. Allerdings ist man damit weit entfernt von Jahren wie 2007, als 157 Übergriffe registriert wurden. Die meisten Übergriffe in Brandenburg richteten sich gegen Flüchtlinge und MigrantInnen. 74 Fällen sind Körperverletzungen. Generell beklagt der Verein einen Anstieg rechtsextremer Gewalttaten im Süden Brandenburgs. Die Stadt Cottbus hat mit 19 Fällen die größte Anzahl rechtsextremer Übergriffe zu verzeichnen. Solche räumlichen Verschiebungen haben auch mit der Veränderung rechtsextremer Strukturen zu tun, erläutert Dominique John von der „Opferperspektive“: „Wir beobachten, dass etwa ein Zusammenschluss rechtsextremer Kameradschaften wie ‚Spreelichter‘ Einfluss auf Gewalttaten hat. Menschen aus dem Kameradschaftsspektrum organisieren sich so offenbar auch für Gewalttaten.“

Sachsen

Die Opferberatung Sachsen hat 239 Fälle rechtsextremer Gewalttaten für das Jahr 2010 registriert. Im Vorjahr waren es noch 263 Übergriffe. Die meisten Gewalttaten haben die Städte Leipzig (44) und Dresden (35) zu verzeichnen. Als Region hat der Landkreis Leipzig die meisten Übergriffe zu verbuchen. In Sachsen richten sich die Gewalttaten hauptsächlich gegen nicht rechtsextreme Jugendliche, hier sind 102 Fälle bekannt. Mit 53 Fällen bildet Rassismus den zweiten Rang der Tatmotive. 39 Personen wurden aufgrund ihres Engagements gegen Neonazis angegriffen. Die Art der Straftaten waren – führend mit 206 Fällen ? der Tatbestand der Körperverletzung bzw. der versuchten Tötung, gefolgt von Nötigung, Bedrohung oder versuchter Körperverletzung mit 140 Fällen.

Sachsen-Anhalt

Für das Jahr 2010 hat die Mobile Opferberatung in Sachsen-Anhalt insgesamt 101 politisch rechts motivierte Gewalttaten in Sachsen-Anhalt registriert. Davon waren mindestens 176 Menschen direkt betroffen. 2009 waren es 111 Taten. In 85 Prozent der Fälle handelt es sich um Körperverletzungsdelikte (86). Somit wird statistisch gesehen alle drei bis vier Tage eine politisch rechts motivierte Gewalttat im Sachsen-Anhalt verübt. Besonders erschreckend: Der Anstieg rassistisch motivierter Gewalttaten. Deren Anteil an der Gesamtzahl von Angriffen im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt: Lag er 2009 bei 24 Prozent (34), so sind 2010 42 Prozent (42) aller Angriffe auf Rassismus zurückzuführen. „Der Anstieg rassistischer Gewalttaten kann als Resultat der verschärften Debatte um Zuwanderung und Integration in 2010 verstanden werden“, sagt eine Sprecherin der Mobilen Opferberatung. „Durch die damit einhergehende Abwertung und Stigmatisierung von Flüchtlingen und Migrant_innen fühlen sich rechte und rassistische Angreifer offenbar zunehmend legitimiert.“

Insgesamt scheinen sich also nach dem aktuellen Stand sich also die Opferzahlen auf immer noch hohem Niveau zu stabilisieren. Nachmeldungen von Übergriffen sind allerdings die Regel. Um Zahlen aus den Bundesländern zu erfahren, die keine Beratungsstellen für Opfer rechtsextremer Gewalt haben, muss die interessierte Öffentlichkeit auf die Verfassungsschutzberichte der jeweiligen Länder warten. Allerdings zeigt die Erkenntnis der vergangenen Jahre, dass die Zahlen der Opferberatungsstellen genauer sind – einfach, weil sich hier auch Menschen hinwenden, die Hilfe suchen, aber (noch) nicht zur Anzeige der Täter bereit sind.

Mehr auf netz-gegen-nazis.de

| Opferberatung

| 2009: 1.669 Menschen Opfer rechtsextremer Gewalt allein in den östlichen Bundesländern und Berlin

Mehr im Internet:

Opfern rechtsextremer Gewalt helfen:
| www.opferfonds-cura.de

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