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Rassismus im italienischen Fußball „Tiefgreifender Mentalitätswechsel“ erforderlich

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Aktuelles Hauptziel des rassistischen Hasses der italienischen Fußballfans ist Mario Balotelli, ein 19-jähriger Spieler von Inter Mailand. In den letzten Monaten waren vor allem die Fans von Juventus Turin durch rassistische Hetze gegen den in Palermo geborenen und bei einer italienischen Pflegefamilie aufgewachsenen Sohn ghanaischer Eltern in die Schlagzeilen geraten. Mehrfach wurde der Verein wegen rassistischer Gesänge zu Geldstrafen verurteilt. Zuletzt entschied ein italienisches Sportgericht, dass beim Heimspiel gegen den AS Rom am 23. Januar die Südkurve des Turiner Olympiastadion für die Fans geschlossen bleiben muß. Das Sportgericht brandmarkte die Juve-Fans dabei in seiner Urteilsbegründung ausdrücklich als Wiederholungstäter.

Das Erschreckende: Der Rassismus, der sich Mario Balotelli als Ventil gesucht hat, ist bei manchen Fans so groß, dass der 19-Jährige gar nicht auf dem Platz oder im Stadion anwesend sein muss, um von Zuschauern mit rassistischen Gesängen beleidigt zu werden. So ließen die Fans von Juventus Turin beispielsweise bei einem Auswärtsspiel in der Champions League in Bordeaux ihrem Hass gegen den Inter Mailand-Spieler Balotelli freien Lauf. Im Internetforum der Juve-Ultràs ?Drughi? finden sich haßerfüllte Kommentare gegen den 19-Jährigen – umgeben von zahlreichen rechtsextremen Symbolen. Und: Ein user namens ?NPD? (Wohnsitz: Mannheim, Motto: „Arbeit macht frei- Nationaldemokratische Partei Deutschlands“) ruft im Forum zur „Verteidigung der eigenen Rasse“ auf.

Rassismus und Rechtsextremismus: Problem des gesamten italienischen Fußballs

Rassistische Gesänge und rechtsextreme Symbole sind dabei allerdings nicht allein bei Fans von Juventus Turin zu finden. Auch andere italienische Vereine wurden in dieser Saison bereits wegen solcher Vergehen zu Geldstrafen verurteilt, auch andere schwarze und migrantische Spieler sind Hetzparolen ausgesetzt. So mußte der Verein Cagliari Calcio wegen rassistischen Gesängen gegen den Juve-Spieler Mohamed Sissoko eine Geldstrafe von 10.000 Euro bezahlen. Auch Inter Mailand und der AS Rom wurden wegen rassistischer Beleidigungen durch ihre Fans mit einer Geldstrafe von jeweils 15.000 Euro belegt.

Auch sind Rassismus und Rechtsextremismus bei weitem kein neues Problem des italienischen Fußballs. Manche Kurven gelten schon seit längerem als von rechtsradikalen Gruppierungen unterwandert. Prominentestes Beispiel hierfür ist wohl Lazio Rom mit seinen rechtsextremen Ultras und seinem ehemaligen Stürmer und Mussolini-Fan Paolo Di Canio. Aber auch ehemals linke Fankurven wie die des AC Milan und des AS Rom gehören mittlerweile dazu. Auch wurden in den letzten Jahren Vereine immer wieder für das Verhalten ihrer Fans zu Geldstrafen verurteilt, immer wieder mussten Spiele ohne Zuschauer ausgetragen werden. Und: Immer wieder gab es aus den Verbänden und aus der Politik deutliche Appelle gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Gewalt, sowie Aufrufe, eine Lösung für das Problem zu finden. Doch geändert hat sich dadurch scheinbar nicht wirklich viel.

Deutliche Worte und Reaktionen

Auch in der aktuellen Debatte um rassistische Gesänge gegen Mario Balotelli und andere Spieler beeilten sich die Vereine, die Verantwortlichen der Liga und des italienischen Fußballverbands wieder, das Verhalten der Fans zu verurteilen. So stellte Juve-Präsident Jean-Claude Blanc klar: „Juventus verurteilt jegliche Form von Gewalt und Rassismus“. Und der Präsident der italienischen Liga, Maurizio Beretta, sagte: ?Die rassistischen Gesänge beleidigen alle Fußball-Fans. Wir müssen alles unternehmen, um die Verursacher zu bestrafen“. Auch der Präsident des italienischen Fußballverbands (FIGC), Giancarlo Abete, fand deutliche Worte: „Es kann nicht so schwierig sein, 50 oder 100 Personen zu isolieren, deren Verhalten absolut intolerabel ist und das Ansehen des italienischen Fußballs beschmutzt.“

Außerdem bezogen auch einzelne Spieler Stellung. So bemühte sich Juve-Torwart Gianluigi Buffon beim Champions-League-Spiel gegen Bordeaux darum, die Fans seiner Mannschaft zur Ruhe zu bringen. Und: Mario Balotelli distanzierte sich auch vom Verhalten der eigenen Fans anderen Spielern mit einer anderne Hautfarbe gegenüber:?Es ist eine Schande, die aufhören muss?, schreibt er auf seiner Seite.

Die rassistischen Ausfälle in den italienischen Stadien rufen auch wieder die Politik auf den Plan: Der italienische Innenminister Roberto Maroni forderte beispielsweise „null Toleranz“ im Kampf gegen Rassismus in den Fußballstadien. Und Roberto Giachetti von der oppositionellen Demokratischen Partei (PD) rief die Regierung zu „einschneidenden Maßnahmen“ zur Bekämpfung des Rassismus in den Stadien auf. An deutlichen Worten und Gesten mangelt es also nicht.

Aktuelle Diskussion um Gegenmaßnahmen

Vor allem wird darüber diskutiert, ob bei rassistischen Gesängen das Spiel vom Schiedsrichter komplett abgebrochen werden soll. Unterstützt wird diese Idee vom italienischen Innenminister Roberto Maroni, vom Chef der Spieler-Gewerkschaft Sergio Campana und vom Inter-Spieler Muntari. Dafür ausgesprochen hatte sich auch der Präsident der UEFA, Michel Platini. Er hatte auch vorgeschlagen, bei rassistischen Vorfällen Stadien ganz zu schließen. Die bisher gegen Vereine verhängten Geldstrafen nannte Platini der Tageszeitung ?La Repubblica? gegenüber als ?lächerlich?. Zwar sei Rassismus mehr ein gesellschaftliches als ein sportliches Problem, ?aber wir dürfen nicht einfach nur zusehen. Wir müssen handeln und das Problem bis auf die Wurzeln bekämpfen?, so Platini weiter.

Es gibt aber auch Skepsis diesem Vorschlag gegenüber. So unterstützte der Ex-Nationalspieler und Kapitän des AS Rom, Francesco Totti, zwar grundsätzlich den Vorschlag, Spiele bei rassistischen Gesängen abzubrechen, zeigt sich aber skeptisch, dass dies jemals passieren wird. Andere Kritiker geben zu bedenken, dass es schwierig für den Schiedsrichter sein könnte, während des Spiels auch auf rassistische Gesänge und Spruchbänder zu achten und dann alleine die Verantwortung für einen Spielabbruch zu übernehmen. Der Kapitän von Sampdoria Genua, Angelo Palombo: „Wenn ein Schiedsrichter das Spiel abbricht, wird er massakriert“.

Auch die Entscheidung des italienischen Sportgerichts, die Südkurve des Turiner Olympiastadions für das Spiel gegen den AS Rom zu schließen, ist nicht unumstritten. Zwar hat Juventus keinen Einspruch gegen das Urteil eingelegt und auf der Website des ?Corriere dello sport? unterstützten bei einer Umfrage 71,5 % die Schließung der Curva Sud. In den Medien aber gibt es auch Kritik an dieser Entscheidung: Einige Kommentatoren geben zu bedenken, dass die Fans mit ihren rassistischen Gesängen nun einfach in eine andere Kurve des Turiner Stadions umziehen werden. Und der ?Corriere dello Sport? rechnet vor, dass die Sperrung der Südkurve kaum finanzielle Auswirkungen für Juventus Turin haben wird, da die Fans, die normalerweise in dieser Kurve stehen, fast ausschließlich Dauerkartenbesitzer seien.

?Gazetta dello sport?: ?Tiefgreifender Mentalitätswechsel? notwendig

Aber es gibt in Italien auch eine Debatte jenseits der Diskussion um härtere Maßnahmen. So gibt es Stimmen, die meinen, eine Nominierung Mario Balotellis für die WM 2010 in Südafrika sei das richtige Signal gegen die Diskriminierung farbiger Spieler. ?Supermario?, wie er von der ?Gazzetta dello Sport? getauft wurde, ist bereits Stammspieler in der italienischen U-21-Nationalmannschaft und hat seit August 2008 die italienische Staatsbürgerschaft. Vielen gilt er in Italien als großes Fußballtalent. Neben der Debatte gibt es aber auch bemerkenswerte Aktionen der Fans. So kündigte eine Ultrà-Gruppe aus Bari an, Mario Balotelli beim Spiel Bari – Inter einen „herzlichen Empfang“ zu bereiten. Der Kopf der Gruppe, Alberto Savarese sagte: „Wir sind keine Rassisten. In unserem Wortschatz existiert das Wort Rassismus nicht. Rassismus ist nicht Teil unserer Kultur. In unserem Team gibt es farbige Spieler, die unsere Idole sind.“ Savarese wünschte Balotelli „alles Gute für die Zukunft- als Mensch und als Spieler“.

Vielleicht kommt es ja durch die aktuellen Ereignisse und in Folge der derzeitigen Diskussion endlich zu dem „tiefgreifenden Mentalitätswechsel“ im italienischen Fußball, den die ?Gazzetta dello Sport? einfordert. Allerdings: ?Man hätte nicht auf die Vorschläge von Platini und Maroni warten müssen“, sagt Christiano Lucarelli, Stürmer des AC Livorno. Die Probleme mit rassistischen Gesängen seien schon lange bekannt. „Man mußte nicht auf das Jahr 2010 warten, um hiervon Kenntnis zu nehmen“, so Lucarrelli weiter.

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