In ganz Deutschland entstehen – verstärkt seit 2024 – neue rechtsextreme Jugendgruppen, die aggressiv im Kontext von CSD-Paraden auftreten und vor allem junge Männer über Social Media ansprechen. Bilder von rechtsextremen Demos beim CSD in Bautzen oder aggressive Jung-Nazis am Leipziger Hauptbahnhof sorgen bundesweit für Aufmerksamkeit.
Michael Fischer, der Chef des Berliner Verfassungsschutzes, spricht im Sommer 2025 von einem „neuen Phänomen“ – einer rechtsextremen Jugendkultur, die sich nicht dem klassischen Rechtsextremismus zuordnen lasse. „Saufen und Rumhitlern“, da sind sich Verfassungsschutz-Chef Fischer und Linken-Innenpolitiker Niklas Schrader einig, stünden in ihrem Zentrum.
Was zunächst wie lose organisierte Jugendcliquen wirkte, entwickelt sich zunehmend zum Rekrutierungsfeld organisierter rechtsextremer Parteien und Kaderstrukturen. Parteistrukturen wie die Jungen Nationalisten (JN), der Jugendverband der rechtsextremen „Heimat“ (ehemals NPD) oder die Nationalrevolutionäre Jugend (NRJ) vom rechtsextremen „III. Weg“, haben es geschafft, Teile der neuen Jugendgruppen an sich zu binden und Nachwuchs zu rekrutieren. Aus einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen Bundestagsabgeordneten Marlene Schönberger geht hervor, dass die rechtsextreme JN ihre Mitgliederzahlen in den vergangenen zwei Jahren verdoppeln konnte. Die AfD-nahe „Patriotische Jugend“ präsentiert sich nach außen parteiunabhängig: An Social-Media-Auftritten, aber auch durch gemeinsame Demonstrationen und Personalien zeigen sich jedoch schnell Überschneidungen.
Jugendgruppen als Rekrutierungsfeld
Mit der Anbindung an rechtsextreme Strukturen verändert sich auch die ideologische Ausrichtung der Gruppen. Die Instagram-Accounts vieler Jugendgruppen sehen kaum noch nach „Saufen und Rumhitlern” aus. Stattdessen geht es um klassische, rechtsextreme Kernthemen: Geschichtsrevisionismus, die Relativierung des Holocaust, Remigration und völkisch-rassistische Ideologie. Auch die Anlässe zur Mobilisierung haben sich erweitert. Es wird nicht mehr nur gegen CSD-Kundgebungen („Unsere Stadt bleibt Hetero!“) mobilisiert, sondern beispielsweise auch zum Gedenken an den vermeintlichen „Bombenholocaust“ an der deutschen Zivilbevölkerung in Dresden 1945 aufgerufen oder Solidarität für die 2023 vom Bundesinnenministerium verbotene völkisch-rechtsextreme Sekte „Artgemeinschaft“ eingefordert.
Rechtsextreme Parteistrukturen bieten den Jugendlichen einen ideologischen Unterbau, der jugendliche Rebellion zu einem politischen Kampf erhöht und ihnen unter Umständen sogar eine politische Laufbahn verspricht. Beispiele, wie der wegen Angriffen auf politische Gegner*innen verurteilte Anführer des sächsischen JN-Ablegers „Elblandrevolte“, der mittlerweile im Bundesvorstand der Jugendorganisation sitzt, zeigen, wie neonazistische Biografien von gewaltvollem Straßenkampf zur parteipolitischen Karriere überführt werden sollen.
Ideologische Festigung und Radikalisierung
Die fortschreitende Radikalisierung und Ideologisierung unter rechtsextremen Jugendlichen wird über Social Media stolz präsentiert: unter anderem beim Aktivistentag der Heimatjugend Sachsen (so nennt die sächsische Ex-NPD ihre Jugendorganisation), bei dem ein gemeinsames Kampfsporttraining unter Anleitung des bekannten Neonazis Sebastian Richter stattfand.
Heute vermarktet sich Richter als Outdoor-Experte und bietet Eltern-Kind-Tage in der Natur an. Früher war er in der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) aktiv, die 2009 aufgrund ihrer Wesensverwandtschaft zur Hitlerjugend verboten wurde. Die Strategie von heute ähnelt der von damals: Über vorgeblich unpolitische Freizeitangebote wird rechtsextreme und völkische Indoktrination vorangebracht, besonders bei jungen Menschen.
Kampfsporttrainings, meist unter dem Label eines Selbstverteidigungskurses, sollen jungen Menschen gezielt Gewaltkompetenz vermitteln. In Kombination mit einer zunehmenden Festigung rechtsextremer Ansichten, die als Legitimation für die Gewaltanwendung gegen Migrant*innen, queere Menschen oder Linke dienen, entsteht dadurch eine massive Gefahr für diejenigen, die nicht in das rechtsextreme Weltbild passen.
Gesellschaftliche Folgen: Gewalt, Bedrohung und Einschüchterung
Die zunehmende Radikalisierung innerhalb der Szene wirkt sich unmittelbar auf die Menschen aus, die von Rechtsextremen als Feindbilder markiert werden, und verändert zugleich das gesellschaftliche Klima.
Einer 2023 veröffentlichten Studie zufolge steht die Verbreitung von Hasskriminalität im Zusammenhang damit, wie groß Täter*innen die Unterstützung für ihre Taten in der Gesellschaft einschätzen. Rechtsextreme Wahlerfolge, die unkritische Übernahme rechtsextremer Narrative in den gesellschaftlichen Diskurs und auch die seit Jahren hohen Zustimmungen zu menschenfeindlichen Überzeugungen in der breiten Gesellschaft – regelmäßig belegt in der Mitte-Studie: Manche Jugendliche verstehen das als (Teil-)Legitimation für ihr extremes und gewaltvolles Verhalten.
Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich nicht nur in konkreten Angriffen, sondern auch in der Verunsicherung und Einschüchterung ganzer Bevölkerungsgruppen. Menschen, die von Hasskriminalität, rechtsextremer, rassistischer oder antisemitischer Gewalt betroffen sind, haben laut Studien weniger Vertrauen in die Gesellschaft, in politische und staatliche Institutionen oder auch in andere Mitmenschen. Studien zeigen auch, dass Hasskriminalität das Sicherheitsgefühl ganzer Bevölkerungsgruppen verändert, Vertrauen in staatliche Institutionen untergräbt und eine klare Botschaft an alle sendet, die als Feindbild markiert werden: Ihr seid hier nicht sicher.
Die Einbindung rechtsextremer Jugendgruppen in rechtsextreme Parteistrukturen und die damit einhergehende ideologische Festigung und Radikalisierung sind nicht nur ein Problem der Sicherheitsbehörden. Im Umgang damit trägt die Gesamtgesellschaft eine wichtige Verantwortung: hinzuschauen, Haltung zu zeigen und sich solidarisch mit Betroffenen zu verhalten. Denn: Hasskriminalität und Gewalt sind die logische Konsequenz von rechtsextremer Ideologie. Für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch sicher ist, braucht es dafür ein Bewusstsein und eine klare Gegenhaltung zu Menschenfeindlichkeit im Alltag.


