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„System Bürgergeld, Leben ohne Leistung?“ Wie das ZDF den Puls hochtreibt, statt ihn zu messen

„System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?“ So heißt eine Ausgabe der ZDF-Reihe „Am Puls mit Sarah Tacke“. Der Titel setzt direkt den Rahmen – und in dem Beitrag geht nicht nur um Bürgergeld, sondern auch um Jobcenter und vermeintlichen Missbrauch. Übergeordnet wird die Frage gestellt, ob Menschen im Sozialstaat locker leben können, ohne irgendetwas zu leisten. Doch zentrale Zahlen in der Doku sind verkürzt und teilweise irreführend. Ein Faktencheck.

 
(Quelle: Michael Gaida/ Pixabay)

Millionen beziehen Bürgergeld, gleichzeitig fehlen Arbeitskräfte. Wie passt das zusammen?“ So preist das ZDF die Doku in ihrem Pressetext an. Und weiter: Die Doku werfe einen Blick „hinter die Kulissen der Jobcenter“. Es gehe um Missbrauch, Überforderung und die Frage, ob das System ausgenutzt werde oder an sich selbst scheitere. Diese Rahmung macht neugierig. Und skeptisch. Denn sie verbindet zwei Zahlenkomplexe, die im öffentlichen Streit über das Bürgergeld immer wieder kurzgeschlossen werden: viele Leistungsbeziehende, viele offene Stellen.

Um zu prüfen, wie diese Rahmung in der Sendung selbst umgesetzt wird, wurde das ZDF um das vollständige Manuskript beziehungsweise Transkript gebeten. Bis Redaktionsschluss lag keine Antwort vor. Auf den ZDF-Seiten war ein vollständiges Skript nicht verfügbar. Die Untertiteldatei musste daher über Drittprogramme aus der Mediathek gesichert werden.

Die Auswertung des Untertiteltranskripts zeigt: Die Doku arbeitet mit realen Schwachstellen. Aber sie baut ihre Wirkung an mehreren Stellen aus einer problematischen Mischung: amtliche Daten, Einzelfälle, lokale Beobachtungen, anonyme Behördeneinschätzungen und politisch stark aufgeladene Begriffe stehen dicht nebeneinander. Genau dort beginnt die journalistische Verantwortung. Besonders beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Der Einstieg: Drei Zahlen, ein starkes Narrativ

Gleich zu Beginn setzt die Doku die Tonlage: „50 Milliarden explodierende Kosten.“ Danach: „Wie kann es sein, dass überall Arbeitskräfte gesucht werden, mehr als eine Million offene Stellen und gleichzeitig mehr als fünf Millionen Menschen nicht arbeiten und Bürgergeld beziehen?“

Das ist dramaturgisch wirksam; faktisch aber erklärungsbedürftig. Erstens: Die „50 Milliarden“ sind kein „Bürgergeld“ im engeren Sinne. Der Bundestag nennt für 2026 rund 51 Milliarden Euro für die Grundsicherung für Arbeitsuchende insgesamt. Darin stecken nicht nur Regelbedarfe, sondern unter anderem auch Kosten der Unterkunft und weitere Leistungen. Die engeren Bürgergeld-Ausgaben liegen deutlich darunter.

Wenn das ZDF von „explodierenden Kosten“ berichtet, passt das ebenfalls nicht zu den tatsächlichen Zahlen: Für 2026 sind die Ausgaben für die Grundsicherung laut Haushaltsunterlagen nicht höher, sondern etwas niedriger als 2025 veranschlagt. „Explodierend“ ist ohnehin eher politische Sprache als eine Analyse.

Zweitens: „Mehr als eine Million offene Stellen“ ist im Kern belegbar. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) meldete für das vierte Quartal 2025 rund 1,26 Millionen offene Stellen. Aber diese Zahl allein sagt nicht, ob Bürgergeldbeziehende diese Stellen antreten könnten. Entscheidend sind Qualifikation, Gesundheit, Alter, Betreuungspflichten, Sprache, regionale Erreichbarkeit und die konkrete Tätigkeit. Eine offene Stelle in einem kleinen Betrieb, mit Schichtarbeit, körperlicher Belastung oder Fachkräfteanforderung ist nicht automatisch eine realistische Stelle für jede Person im Bürgergeldbezug.

Drittens: „Mehr als fünf Millionen Menschen arbeiten nicht und beziehen Bürgergeld“, heißt es in der Doku. Das ist in dieser Kürze problematisch. Die Bundesagentur für Arbeit weist rund 5,3 bis 5,5 Millionen Menschen in Bedarfsgemeinschaften beziehungsweise Regelleistungsberechtigte aus. Darunter sind längst nicht nur arbeitsfähige Erwachsene ohne Job. Rund 1,4 Millionen sind nicht erwerbsfähige Leistungsberechtigte, dabei handelt es sich überwiegend um Kinder unter 15 Jahren. Von den erwerbsfähigen Leistungsberechtigten wiederum sind nicht alle arbeitslos: Einige arbeiten und stocken auf, andere sind in Ausbildung, betreuen Kinder, sind krank, nehmen an Maßnahmen teil oder stehen dem Arbeitsmarkt aus anderen Gründen nicht unmittelbar zur Verfügung.

Die drei Zahlen haben also jeweils einen realen Kern. Zusammengesetzt erzeugen sie ein stark vereinfachtes Bild: Der Staat gebe sehr viel Geld aus, überall fehle Personal, Millionen Menschen arbeiteten nicht. Das schreit geradezu nach einfachen Lösungen wie „Die sind alle nur zu faul!“ Tatsächlich ist es ein komplexes arbeitsmarkt- und sozialpolitisches Problem.

Die stärkste Zahl: „30, 40 Prozent machen keine wahren Angaben“

Eine zentrale Passage der Doku ist ein Gespräch mit einem Jobcenter-Mitarbeiter. Moderatorin Sarah Tacke fragt: „Bei wie vielen Menschen haben Sie den Eindruck, egal was ich hier anbiete, der will weiter vom Staat leben?“ Die Antwort: „Das schockt zwar jetzt, diese Aussage, aber ich gehe davon aus, und das ist im Jobcenter eigentlich ein offenes Geheimnis, das heißt, 30, 40 Prozent machen keine wahren Angaben. Die Motivation der Leute ist, im System drinne zu bleiben.“

Diese Zahl bleibt hängen, ist aber keine amtliche Statistik. Sie ist keine empirische Erhebung. Sie wird nicht mit Daten der Bundesagentur für Arbeit, Jobcenter-Statistiken oder Forschung unterlegt. Es handelt sich um eine subjektive Einschätzung eines Mitarbeiters, der offenbar aus seiner beruflichen Erfahrung spricht. Das kann journalistisch interessant sein. Es darf aber nicht wie ein belastbarer Befund wirken.

Auch die Formulierung „offenes Geheimnis“ ist heikel. Sie immunisiert die Aussage gegen Nachprüfung: Was angeblich alle wissen, muss nicht mehr belegt werden. Für einen Faktencheck ist genau das zu wenig. Wenn 30 bis 40 Prozent der Bürgergeldbeziehenden falsche Angaben machten, wäre das ein massiver Befund, der aber eine belastbare Überprüfung benötigt.

Zahlen weit niedriger und ebenfalls erklärungsbedürftig

Vielmehr nennt die Doku später selbst Zahlen, die deutlich vorsichtiger machen müssten: „Im regulären Verfahren wurde im vergangenen Jahr 224.100 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten das Bürgergeld gekürzt. Das sind 0,9 Prozent.“ Danach folgt: 2025 habe es 25 Prozent mehr Leistungsminderungen gegeben als im Vorjahr.

Diese Zahlen entsprechen der Bundesagentur für Arbeit. Aber ihre Aussage ist eine andere als die 30- bis 40-Prozent-Schätzung. Die BA meldete für 2025 rund 461.400 Leistungsminderungen. Im Schnitt waren 0,9 Prozent der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten von mindestens einer Leistungsminderung betroffen. Die Ursachen dafür sind aber nicht zwingend Betrugsabsichten. Der häufigste Grund waren vielmehr Meldeversäumnisse, also versäumte Termine. Nur ein weit geringerer Teil betraf die Weigerung, Arbeit, Ausbildung oder eine Eingliederungsmaßnahme aufzunehmen oder fortzuführen.

Einzelfälle mit großer Wirkung

Statt diese Zahlen weiter einzuordnen und zu differenzieren, zeigt die Doku mehrere Personen, die starke Bilder liefern. Da ist ein Mann, der berichtet, er habe sich 76 Wochen krankschreiben lassen, obwohl er nicht krank gewesen sei. Da ist ein Langzeitbezieher, der nach eigener Darstellung seit Jahrzehnten vom System profitiert. Da ist ein Handwerker, der Bürgergeld bezieht und nebenbei unangemeldet arbeitet. Er erzählt, er habe im Vorjahr knapp 60.000 Euro Umsatz gemacht; nach Material und Lohn für Helfer seien „40.000 bis 45.000 Euro“ übrig geblieben. Die Doku rechnet daraus „3500 Euro Taschengeld pro Monat“, zusätzlich zu Miete, Heizung und Krankenversicherung über Bürgergeld.

Solche Fälle sind journalistisch relevant. Sie zeigen, wie Missbrauch funktionieren kann. Sie sind konkret, anschaulich und für das Publikum nachvollziehbar. Sie zeigen auch, warum viele Menschen solche Fälle als ungerecht empfinden. Doch Einzelfälle sind kein systematischer Beweis. Aus einem Mann, der Termine versäumt, folgt nicht, wie repräsentativ dieses Verhalten ist. Aus einem Menschen, der offen zugibt, Leistungen auszunutzen, folgt keine Quote.

Die Sendung markiert an einer Stelle, der Fall des Handwerkers sei „sicher ein Extrem, aber gewiss kein Einzelfall“. Das ist aber keine überprüfbare Größenordnung. Es kann zehn Fälle bedeuten, tausend, zehntausend oder mehr. Für ein öffentlich-rechtliches Format reicht diese Formulierung nicht, wenn gleichzeitig der Eindruck eines umfassenden Systemproblems entsteht.

Gerade hier hätte die Doku ihre eigene Dramaturgie stärker kontrollieren müssen: Was ist Fallbeispiel? Was ist struktureller Befund? Was ist bekannt? Was ist nicht bezifferbar?

Sanktionen: Kleine Quote, große Symbolik

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, ob Jobcenter zu wenig durchgreifen. Die Doku zeigt Hausbesuche und Fälle, in denen Menschen lange nicht persönlich erschienen sind. Eine Jobcenter-Mitarbeiterin berichtet etwa von einer 60-jährigen Frau, die seit 24 Jahren im Leistungsbezug sei; der letzte persönliche Kontakt habe 2022 stattgefunden. Wenn sie nicht angetroffen werde, sei entschieden, nicht weiterzuzahlen. Die Sendung kommentiert: Das sei eine „kreative Auslegung der aktuellen Rechtslage“ und „eigentlich nicht vorgesehen“.

Das ist eine relevante Beobachtung: Jobcenter suchen offenbar Wege, um mangelnde Erreichbarkeit praktisch zu sanktionieren. Der Bundesrechnungshof hat ebenfalls kritisiert, dass Jobcenter vorhandene Beschäftigungspotenziale nicht hinreichend aktivieren und dass Menschen über lange Zeit für Vermittlung kaum erreichbar sein können.

Aber auch hier gilt: Die Doku arbeitet stark mit zugespitzten Fällen. Die BA-Zahlen zeigen, dass Sanktionen zwar zunehmen, aber weiterhin nur einen kleinen Teil der Leistungsberechtigten betreffen. Zudem sind Meldeversäumnisse nicht dasselbe wie Arbeitsverweigerung. Wer einen Termin versäumt, kann unzuverlässig sein, überfordert, krank, schlecht erreichbar, konfliktscheu oder tatsächlich verweigernd. Ohne weitere Prüfung wird daraus keine „Totalverweigerung“.

Der politisch aufgeladene Begriff des „Totalverweigerers“ wird in der Bürgergeld-Debatte seit Jahren benutzt. Die IAB-Forschung weist darauf hin, dass diese Figur den Diskurs stark prägt, die empirisch eindeutig identifizierbare Gruppe aber klein ist. Sie taugt nicht als Gesamtbild des Bürgergelds.

Migration und Bürgergeld: Kosten sind keine Betrugsstatistik

Besonders sensibel ist der Abschnitt zur Dortmunder Nordstadt und zu EU-Zuwanderung. Die Doku beschreibt kriminelle Strukturen: Menschen aus Bulgarien oder Rumänien würden mit Arbeit, Wohnung und Sozialleistungen nach Deutschland gelockt, arbeiteten oft nur als Minijobber und hätten dadurch mitunter Anspruch auf Bürgergeld. Sie würden in heruntergekommenen Häusern zu überteuerten Mieten untergebracht; einen Teil ihrer Sozialleistungen müssten sie an Drahtzieher abgeben.

Das ist ein reales Problem. Kommunen wie Dortmund beschäftigen sich seit Jahren mit ausbeuterischen Miet- und Arbeitsstrukturen sowie organisierter Kriminalität. Darüber zu berichten ist legitim und wichtig.

Die Doku fügt aber weitere Zahlen hinzu: In der Dortmunder Nordstadt lebten knapp 40 Prozent der Menschen von Sozialleistungen. Gut 180.000 Menschen aus Bulgarien und Rumänien lebten in Deutschland von Bürgergeld. Dafür seien im vergangenen Jahr 1,4 Milliarden Euro gezahlt worden, dazu rund 223 Millionen Euro Kindergeld. Danach heißt es, knapp die Hälfte der Bürgergeldempfänger habe keinen deutschen Pass. Für Ukrainer, Syrer und Afghanen nennt die Sendung Bürgergeldkosten von 11,6 Milliarden Euro im Jahr 2025; mit Kindergeld seien es rund 13,3 Milliarden Euro.

Diese Zahlen können sozialpolitisch relevant sein. Sie können Fragen nach Integration, Arbeitsmarktzugang, EU-Freizügigkeit, Fluchtmigration, kommunaler Überforderung und sozialer Infrastruktur aufwerfen. Aber sie belegen keinen Missbrauch.

Hier werden die Themen Betrug, Sozialstaat und Migration allgemein miteinander vermischt. Das ist journalistisch fragwürdig: Denn die Tatsache, dass Menschen ohne deutschen Pass Bürgergeld beziehen, sagt noch nichts darüber aus, ob sie betrügen, arbeiten könnten, wegen Krieg geflohen sind, Kinder haben, krank sind, keinen anerkannten Abschluss haben oder an bürokratischen Hürden scheitern.

Die Doku zeigt später auch eine syrische Familie, in der der Vater arbeitet und die Mutter Arbeit sucht. Sie nennt Zahlen zur Arbeitsmarktintegration von 2015 Geflüchteten: Bei Männern sei die Erwerbstätigkeit viel höher als bei Frauen. Das ist eine notwendige Differenzierung. In der Dramaturgie kommt sie aber nach einem stark aufgeladenen Kosten- und Missbrauchsblock. Der Verdachtsrahmen ist da bereits gesetzt.

Nicht einfach wahr oder falsch

Wie fast immer ergibt ein Faktencheck kein einfaches „wahr“ oder „falsch“. Es geht um den Kontext, in dem Zahlen genannt und wie sie eingeordnet werden.

Belegt ist: Es gibt mehr als eine Million offene Stellen. Es gibt Menschen im Bürgergeldbezug, die Einkommen verschweigen oder unangemeldet arbeiten. Jobcenter haben Schwierigkeiten, in allen Fällen konsequent zu kontrollieren. Leistungsminderungen haben 2025 zugenommen. Organisierter Sozialleistungsmissbrauch ist ein reales Thema.

Nicht belegt ist: dass 30 bis 40 Prozent der Bürgergeldbeziehenden falsche Angaben machen. Nicht belegt ist auch, dass „mehr als fünf Millionen Menschen“ einfach nicht arbeiten, obwohl sie problemlos arbeiten könnten. Nicht belegt ist, dass Kosten für Bürgergeldbeziehende ohne deutschen Pass ein Hinweis auf Betrug sind. Und nicht sauber ist es, die 50-Milliarden-Euro-Zahl als einfache Chiffre für „Bürgergeldkosten“ und „explodierende“ Ausgaben zu nutzen.

Die zentrale Schwäche der Doku liegt also nicht darin, dass sie Missbrauch thematisiert. Die Schwäche liegt darin, dass sie an mehreren Stellen Missbrauch, Kosten, Migration, offene Stellen und Jobcenter-Defizite so eng montiert, dass ein größerer Verdacht entsteht, als die belastbaren Zahlen hergeben.

Die Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Öffentlich-rechtlicher Journalismus darf und soll ungerechte Fälle zeigen, staatliches Versagen benennen und Missstände recherchieren. Aber er trägt eine besondere Verantwortung bei Darstellung und Sorgfalt; insbesondere bei Gruppen, die ohnehin stigmatisiert werden: arme, erwerbslose Menschen, Personen mit Erkrankungen, geflüchtete Menschen.

Das gilt umso mehr, wenn das Format selbst mit Praxis- und Realitätsnähe wirbt. Diese selbst behauptete Nähe wird problematisch, wenn sie diese über populistische Codes herstellen will: „die da oben“, „das kaputte System“, „die, die nicht leisten“, „die, die uns ausnutzen“. In solchen Darstellungen verdrängt die vermeintliche Nähe, der „Mut zur Wahrheit“, die Einordnung. Das ist bei „Am Puls“ nicht durchgehend so; die Sendung enthält auch Gegenbeispiele und differenzierende Momente. Aber ihre stärksten Bilder und Sätze zeigen in eine andere Richtung, so auch der Pressetext und der Titel.

Rechte und konservative Anschlusskommunikation

Wie folgenreich diese Rahmung ist, zeigt die Berichterstattung nach der Ausstrahlung. Konservative, boulevardnahe und rechte Medien griffen vor allem die Missbrauchsszenen auf.

BILD“ machte daraus eine Erzählung über „Stütze-Empfänger“, die den Steuerzahler „abzocken“. Welt stellte das Fazit in den Mittelpunkt, das System mache Missbrauch einfach. Der „Focus“ griff den Langzeitbezieher und versäumte Jobcenter-Termine auf. „Apollo News“ verknüpfte die Doku mit Regierungskritik und der Frage nach Zuwanderung in Sozialsysteme.

So wird aus einer ZDF-Doku ein Kronzeugenbeleg für eine bekannte Erzählung. Die Anschlusskommunikation lautet: Sogar das öffentlich-rechtliche ZDF zeigt jetzt, dass das Bürgergeldsystem ausgenutzt wird. Gerade darin liegt die medienethische Brisanz. Wenn ein öffentlich-rechtliches Format mit starken Verdachtsframes arbeitet, müssen rechte und boulevardnahe Medien diese Frames nur noch zuspitzen. Die journalistische Herkunft aus dem ZDF verleiht ihnen zusätzliche Autorität.

Das ist kein Argument dafür, solche Recherchen nicht zu senden. Aber es ist ein Argument dafür, sie besonders präzise zu senden. Denn die Anschlussfähigkeit an Ressentiments entsteht nicht erst bei „BILD“ oder „Apollo“. Sie beginnt bereits dort, wo Komplexität zu stark in eine Missbrauchserzählung sortiert wird.

Sanktionsfrei“ kritisiert Sendung scharf

Dass die Sendung nicht nur in rechten und konservativen Medien aufgegriffen wurde, sondern auch deutliche Kritik aus sozialpolitischer Perspektive ausgelöst hat, zeigt eine Programmbeschwerde der Initiative Sanktionsfrei beim ZDF-Fernsehrat. Die Initiative wirft der Doku vor, mit drastischen Einzelfällen, fehlender Einordnung und pauschalisierenden negativen Zuschreibungen gegenüber Bürgergeldbeziehenden zu arbeiten. Kritisiert werden unter anderem eine verzerrte Darstellung von Sozialleistungsbetrug, eine Bagatellisierung von Erkrankungen, unscharfe oder falsche Begrifflichkeiten, die problematische Verknüpfung von Migration und Sozialleistungsmissbrauch sowie fehlende Ausgewogenheit.

Diese Kritik ist für die Bewertung der Sendung relevant, weil sie genau an den Punkten ansetzt, die auch die Auswertung des Transkripts zeigt: Die Doku verschiebt durch Auswahl, Montage und Sprache die Wahrnehmung. Gerade deshalb ist das ZDF gefordert, nicht nur einzelne Fakten zu verteidigen, sondern die eigene Erzählweise zu prüfen.

Zuspitzung als Methode

Denn ein Blick auf die Titel der Reihe „Am Puls“ zeigt schnell: Die Bürgergeld-Ausgabe ist kein Einzelfall, vielmehr arbeitet das Format mit stark zugespitzten Titeln: „Arbeitslos: Kein Bock oder keine Chance?“, „Blaumacher-Republik Deutschland?“, „Zerreißprobe Zuwanderung“, „Kein Respekt! Wenn Jugendliche zuschlagen“, „Wütend, laut, radikal: die neue Protestkultur?“, „Ist unsere Meinungsfreiheit in Gefahr?“

Solche Titel sind aufmerksamkeitsstark und greifen reale Konflikte auf. Aber sie arbeiten regelmäßig mit Krisen-, Angst- und Verdachtsrahmen. Das ZDF will mit „Am Puls“ offenbar zeigen, was Menschen bewegt. Doch der Puls einer Gesellschaft ist nicht nur Empörung. Er besteht auch aus Unsicherheit, Überforderung, Angst vor Abstieg, tatsächlicher Ungerechtigkeit, Ressentiments, politischer Instrumentalisierung und fehlender Kenntnis von Details. Journalismus muss diesen Puls messen. Er soll ihn aber nicht künstlich hochtreiben.

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