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„Tendieren in die rechte Richtung“

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Dezember 2006: Ein paar Gebäude, die der Zweite Weltkrieg verschont hat, stehen in Chemnitz noch. Viele zerfallen, einige werden abgerissen, andere besprayt. Das kleine Häuschen vor dem Stadion des Chemnitzer FC, das zwischen ein paar Bäumen steht, beachtet niemand richtig. Jugendliche wanken im Halbdunkel an ihm vorbei. Sie wollen in die Fan-Halle neben dem Stadion. Auf die breiten blauen Striche, die im bröckeligen Beton das Wort ?NS-BOYS? ergeben, schauen sie nicht. Niemand schaut darauf.

Auf der anderen Seite des Stadions tanzen die NS-BOYS. Aus den Lautsprechern schreit Wolfgang Petrys Stimme. Weihnachtsfeier der Fans. Ihr Klub hat am Nachmittag das letzte Oberliga-Spiel des Jahres gegen die zweite Mannschaft von Rot-Weiß Erfurt gewonnen. Der Senegalese Gerald Sambou hat das 2:0 vorbereitetet. In der vollgestopften Halle drängen sich die Mitglieder der NS-BOYS, die Chemnitzer Ultra-Fans und HOONARA-Mitglieder.
Nach der Wiedervereinigung benannte sich der ehemalige DDR-Meister und UEFA-Pokal-Teilnehmer, der FC Karl Marx Stadt, in Chemnitzer FC um. Einige Jahre spielte der Verein in der Zweiten Bundesliga, dann ging es bergab. In der Saison 2000/01 gewann der Klub nur drei von 34 Zweitliga-Spielen. Die ?Himmelblauen? stiegen erst in die Regionalliga und fünf Jahre später als Tabellenletzter in die Oberliga ab. Auf dem Fußballplatz sorgte in den vergangenen Jahren nur der in Chemnitz groß gewordene Michael Ballack für Schlagzeilen. Neben dem Platz verschafften sich die Chemnitzer Hooligans als HOONARA einen europaweit gefürchteten Namen.

?Zeig deinen Ausweis ?, verlangt Thomas Haller. Alle in der Halle scheinen ihn zu kennen. Wenn er spricht, schweigen die anderen. Wenn er zuhört, schauen sie zu ihm auf. Er ist groß, breit und tätowiert. An seinen Ohren hängen Ringe und auf seinem schwarzen Basecap steckt ein goldenes H. Wenn man irgendwo in Deutschland jemanden fragen würde, wie ein Hooligan aussieht, würde er Haller beschreiben. Er ist der Gründer von HOONARA und sagt, mit Meinungsverdrehern sei er vorsichtig. Haller liest den Ausweis, notiert sich die Adresse, schaut hoch: Gegen ein Interview habe er nichts.

In der Fan-Halle richt es nach Glühwein, Bier, Schnaps und Schweiß. An die hundert Grölende und Schlagermusik stimmen ineinander. Der Sonnenberg, der Stadtteil in dem auch das Chemnitzer Stadion steht, sei ein Problembezirk mit vielen Spätaussiedlern, erklärt ein Fan. Er steht direkt neben Haller und ist Mitglied des Chemnitzer Ultras. Zu fast jedem größeren Fußballklub gehören Ultra-Fans. Sie bereiten die Choreografien und Transparente fürs Stadion vor. Vor einigen Jahren, fährt der Ultra-Fan vor, sei er gemeinsam mit einer ordentlichen Masse ein paar Nächte lang über den Sonnenberg gezogen. Sie hätten denen ?einiges klar gemacht? und dadurch ein riesiges Russenproblem gelöst.

Den Kopf durch ein hellblaues Basecap versteckt, kommt Nino an den Tisch. Er hat ein schmales Gesicht. Wenn er etwas sagt, spricht er leise. Nino ist Mitglied der NS-BOYS. Er war dabei, als sich die Nachwuchs-Gruppierung der Chemnitzer Ultra-Fans vor sechs Jahren gründete. Er stand auch im April 2006, beim Spiel gegen den FC St. Pauli im Block, als die NS-BOYS rote Flaggen mit weißem Kreis in die Höhe hielten. Zur originalgetreuen Nazi-Fahne fehlte nur das Hackenkreuz. Vor jenem Spiel stürmten die Chemnitzer mit ?Sieg-Heil-Rufen? in türkische Friseursalons. Nach dem Spiel ließen sie Aufkleber mit Motiven ihrer Flaggen produzieren. Nino erzählt, sie hätten allein in der ersten Woche 5.000 Stück über das Internet verkauft. Er lächelt. Auch er hat wie Haller nichts dagegen, dass das Aufnahmegerät nun läuft:

Was bedeutet das NS in NS-BOYS?
Nino: NS steht für New Society. Wir sind hauptsächlich Fans, die versuchen sich einen Namen zu machen und bei Gewalt größtenteils nicht nein sagen.

Für was steht HOONARA?
Haller: HOONARA steht für Hooligans-Nazis-Rassisten. Wenn man mit so etwas wie HOONARA anfängt, braucht man als Namen einen Knüller. Das ist wie mit dem Namen einer Popband, die in die Schlagzeilen kommen soll.

Was ist HOONARA?
Haller: HOONARA ist ein Relikt aus alter Zeit, eine Hooliganbewegung, die ich in den Neunzigern in Chemnitz gegründet habe. Wir sind Fußballleute, die Deutschland und Europa gezeigt haben, dass es Sachsen gibt.

Was habt ihr gemacht?
Haller: Wir haben nach der Wende allen großen Fan-Gemeinschaften aus den alten Bundesländern ein Angebot gemacht. Das Schlimmste war, wenn man was ausgemacht hatte, extra hunderte Kilometer weit gefahren war, und dann keiner für die Fights da war. Beispielsweise die angebliche Nummer eins in der Hooliganszene: Fünfmal Köln, fünfmal Leerfahrt.

Hängen HOONARA und die NS-BOYS zusammen?
Haller: Wir als HOONARA haben mit den Jungs gar nichts zu tun. Er kennt mich mehr als ich ihn.
Nino: Wenn man hört, was HOONARA getan hat, weiß man, was man hier noch machen könnte. Für einen Teil von uns ist HOONARA Vorbild. So einen Ruf müssen wir uns erst noch erarbeiten.

Wie viele Mitglieder seid ihr?
Haller: Etwa 50 aus dem näheren Umkreis von Chemnitz. Das sind die verschiedensten Leute. Zum Beispiel auch Bänker oder Rechtsanwälte.
Nino: Etwa 20.

Ist HOONARA noch aktiv?

Haller: Heute sind wir alle zehn Jahre älter geworden und haben Familie. Eigentlich gibt es HOONARA nicht mehr, andererseits sind wir in einer halben Stunde da.

Sind HOONARA oder die NS-BOYS rechtsradikal?
Haller: In anderen Großstädten ist es vielleicht normal, dass Deutsche von Ausländern abgezockt werden. In Chemnitz gibt es so etwas nicht. Hier kann es entweder sein, dass der Deutsche so etwas macht oder keiner. Aber in Chemnitz gibt es keine Organisation, auch nicht HOONARA, die in einer Kameradschaft oder Burschenschaft oder so mündet. Die Seelenfänger von der NPD oder DVU gibt es hier nicht.
Nino: Wir wurden von den Ultras aufgelöst, weil wir mehr in die rechte Richtung tendieren.

Haller streckt die Brust heraus und trinkt. Mit Mitte 40 ist er der Älteste am Tisch. Er ist verheiratet und hat sechs Kinder. Zu DDR-Zeiten lernte er Metzger. 15 Jahre arbeitete er in einer Fleischerei. Nach der Wende wurde die Firma vom Westen ?abgewickelt?. Er sagt, er musste sich kümmern und gründete eine Sicherheitsfirma. Seine Leute überwachen inzwischen europaweit Sportveranstaltungen, Supermärkte, Volksfeste, Kneipen, Discotheken und Fußballspiele. Zu DDR-Zeiten saß er zwei Monate im Gefängnis. Wegen Körperverletzung sei er zigmal vorbestraft. Aber jetzt, so Haller, sei er ein seriöser Geschäftsmann. Nur an die Demokratie glaube er nicht mehr. Wenn es nach ihm ginge, bräuchte Deutschland ein ganz neues System. Denn alle drei, der Nationalsozialismus, der Kommunismus und die Demokratie hätten die Deutschen verarscht. Nino nickt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Chemnitz eine der bedeutendsten Industriestädte Deutschlands. Man nannte die Stadt ?Sächsisches Manchester? oder ?Rußnitz?. Etwa 80 Prozent der Weltproduktion von Damenstrümpfen fand in der Chemnitzer Umgebung statt. Mitte der 1920er Jahre ging der Bürgermeister davon aus, dass Chemnitz zur Millionenstadt heranwachsen würde. Doch die Bombenangriffe von 1945 zerstörten die Innenstadt zu 95 Prozent. Die Regierung erklärte Chemnitz danach zur ?toten Stadt?.

In keiner Großstadt Deutschlands leben heute anteilig weniger Jugendliche unter 15 Jahre und mehr Rentner über 60 Jahre als in Chemnitz. Aufgrund einer Abwanderungswelle nach der Wende und niedriger Geburtenraten scheint die Jugend auszusterben. Der Altersdurchschnitt unter den NS-BOYS liege bei 20 Jahren, sagt Nino. Als Haller Anfang der 1990er HOONARA gründete und einmal im Monat zu Hooligan-Fights fuhr, ging Nino noch in die Grundschule. Ja, wiederholt Haller, er sei der Gründer von HOONARA. Gleichzeitig arbeite seine Securityfirma unter anderem für den Chemnitzer FC, um im Stadion für Ordnung zu sorgen. Dieses Sicherheitskonzept hat der Verein mit dem DFB abgestimmt. Ein Ultra-Fan gibt Haller das nächste Bier und sagt, bei seinen Leuten wüssten die Fans wenigstens, dass etwas dahinter steht. Jeden anderen Sicherheitsdienst würden sie aus dem Stadion kloppen.

Januar 2007: Ein Fotografenteam soll für das Interview in Chemnitz fotografieren. Rund um das Chemnitzer Stadion sind die Botschaften der NS-BOYS fast überall in blauer Farbe auf grauem Beton zu lesen. Der Fotograf kauft sich nach der Arbeit im Supermarkt um die Ecke etwas zu trinken. Ein Emigrant, der dort arbeitet, will zu den NS-BOYS nichts sagen. Er hat Angst und fragt sich, ob die Deutschen nicht wüssten, für was NS stehe.

Die Gruppierung HOONARA ist dem Verfassungsschutz seit den 1990er Jahren bekannt. Zuletzt fiel sie im Jahr 2005 auf: Ein von der Gruppierung organisiertes rechtsextremes Konzert musste von der Polizei aufgelöst werden. Bei einem weiteren Konzert stellte HOONARA im November desselben Jahres den Sicherheitsdienst. 1999 wurde in Chemnitz 1999 ein Punk von drei Türstehern erschlagen. In Sachsens größter Tageszeitung stand damals, dass einer der Täter Kontakte zu HOONARA pflegte.

Vor der Veröffentlichung des Interviews hört sich Haller den Wortlaut noch einmal an und erteilt die Freigabe. Nur mit seinem Namen will er nicht erscheinen. So wird veröffentlicht, dass ein Thomas von Mühlstedt in Personalunion Gründer von HOONARA und Chef einer Sicherheitsfirma sei, die im Stadion des Chemnitzer FC arbeite. Die Verantwortlichen des Vereins kennen die Namen ihrer Sicherheitsdienste. Hallers Pseudonym ist wertlos.

März 2007: Nach der Veröffentlichung kündigt der Chemnitzer FC die Zusammenarbeit mit Hallers Sicherheitsfirma. Als Grund für die Trennung nennt der Geschäftsführer des Vereins Hallers Interview. In der Pressemitteilung heißt es, damit habe er dem Verein geschadet. Der Geschäftsführer merkt in diesem Zusammenhang an, dass nicht die offensichtlich rechtsextreme Gesinnung des Security-Chefs der Grund für die Trennung sei.

Haller sagt, nach der Veröffentlichung des Interviews habe er Probleme mit der Polizei bekommen. Seine Firma stehe kurz vor dem wirtschaftlichen Bankrott. Sein Anwalt will gegen die Veröffentlichung des Interviews klagen, kann aber durch die Autorisierung keine Vorwürfe erheben.

Der Chemnitzer FC distanziert sich auch von den NS-BOYS mehr als zuvor. Offiziell darf niemand von ihnen mehr ins Stadion. Die Chemnitzer Ultras wollen angeblich nichts mehr mit ihrer einstigen Nachwuchsorganisation zu tun haben. Andersherum grenzen sich auch die NS-BOYS von den normalen Fußballfans ab. Freunden geben sie für deren Interseite ein Interview: Auf Mal-Aktionen und Fan-Choreografien hätten sie keine Lust mehr. Niemand von ihnen könne sich mit dem Ultra-Gedanken ohne Gewalt identifizieren. Anders als HOONARA, deren Mitglieder sich nicht über das Internet verständigen, besteht die Website der NS-BOYS weiter. Explizit als rassistisch zu erkennende Inhalte werden gelöscht. Im Forum begrüßen sie sich häufig mit den Worten ?Schmeck Heil?.

2008: Nach gut einem Jahr überlegt Haller lange, ob er in einem zweiten Gespräch zu seinen Aussagen vom Dezember 2006 etwas ergänzen wolle. Nachdem ihm ein Anwalt abgeraten hat, sagt er ab. Auch die NS-BOYS lassen mitteilen, dass sie mit der ?Scheiß-Presse? kein Wort mehr reden.

Seit dem Sommer 2007 gibt es für den Chemnitzer FC erstmalig ein Fanprojekt. Der zuständige Sozialpädagoge erzählt, mit den NS-BOYS habe er nichts zu tun. In verfestigte Weltbilder und Strukturen könne er nicht mehr eingreifen. Stattdessen arbeitet der 25-Jährige mittwochs bis freitags von 14 bis 19 Uhr mit der nachrückenden Generation zusammen. Einige U16 Fahrten zu Auswärtsspielen hat er bereits begleitet. Er sagt, dass in Chemnitz die Gruppe der Jugendlichen mit rechtem Gedankengut sehr hoch ist. Der Verfassungsschutz schätzt, dass bei etwa 15 Prozent der Hooligans in Sachsen Verbindungen zur rechtsextremistischen Szene bestehen. Im Dezember 2007 hat der Sozialpädagoge die Weihnachtsfeier in der Fan-Halle organisiert. Anders als in den Jahren zuvor war die Feier nicht öffentlich. Nino und seine Freunde haben im Internet geschrieben, dass sie zum neuen Sozialpädagogen des Fanprojektes nichts sagen wollen. Außer: ?Das ist purer Hass.?

Ein Mitarbeiter von Hallers Firma sagt, die Geschäfte laufen inzwischen wieder sehr gut. Beim vergangenen Sommerfest der größten Chemnitzer Tageszeitung soll Hallers Sicherheitsdienst, wie schon in den Jahren zuvor, tätig gewesen sein. Ebenso bei Spielen des zweitgrößten Fußballvereins in Chemnitz.

Nino und Haller gehen gelegentlich noch zum Chemnitzer FC. Bevor sie zum Stadion kommen, laufen sie am kleinen grauen Häuschen vorbei. Zwischen den Bäumen beachtet es scheinbar immer noch niemand. Die blaue Farbe, die das Wort NS-BOYS ergibt, klebt immer noch im bröckeligen Beton.

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