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Wehrhafte Demokratie „Mutig gegen Rechtsextremismus“

In Berlin schlägt ein Betrunkener einen 33-jährigen Busfahrer nieder und äußert sich rassistisch. In Bayern beschimpft und bedroht ein 21-Jähriger im Zug einen Schwarzen, bis sich andere Mitfahrer schützend vor das Opfer stellen. In Brandis bei Leipzig stürmen 50 Neonazis ein Fußballspiel und attackieren Fans und Spieler der Mannschaft „Roter Stern Leipzig“, drei Menschen werden zum Teil schwer verletzt.

 

Allesamt rechtsextreme Taten, allesamt geschehen im Herbst 2010, allesamt bilden nur einen kleinen Ausschnitt alltäglicher Gewalt von rechts. Auch wenn derartige Taten nur noch selten in die Schlagzeilen gelangen, auch wenn Journalisten von Berichten herumpöbelnder Ewiggestriger manchmal ermüdet scheinen, so zeigt die nüchterne Auflistung doch eines: Rechtsextremismus ist nach wie vor eines der drängenden Themen unserer Gesellschaft.

Im Juni 2000 hatten Neonazis in Dessau den Familienvater Alberto Adriano erschlagen, die Republik war erschüttert, und bei den Redakteuren des Stern“ drängte sich ein Wunsch auf, dem Journalisten normalerweise nicht nachgeben: Sich einzumischen. Die stern-Aktion „Mut gegen rechte Gewalt“ wurde gegründet, mit prominenter Unterstützung, von Rocklegende Udo Lindenberg bis Bayern-Manager Uli Hoeneß, von Box-Weltmeister Dariusz Michalczewski bis zum Unternehmer Manfred Lautenschläger. Dass die Aktion bis heute besteht und agiert, ist unseren vielen Lesern, Unterstützern und unserem starken Partner, der Amadeu Antonio Stiftung, zu verdanken. 128 Projekte, die sich kreativ und mutig gegen Rechtsextremismus einsetzen, wurden bislang von der Aktion unterstützt, über 1,4 Millionen Spendengelder kamen zusammen. Die von der Amadeu Antonio Stiftung betreute Internetplattform mut-gegen-rechte-gewalt.de informiert aktuell und kompetent über die alltägliche Gewalt von rechts, über die viele Medien nicht mehr berichten. Und sie stellt Initiativen vor, die sich sinnvoll und effektiv gegen rechts engagieren.

Es gab auch schwierige Zeiten in der (2010) neunjährigen Geschichte der stern-Aktion: Wenn keine Spendengelder mehr flossen, wenn das Thema aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit zu entschwinden drohte, dann war die Arbeit der vielen, meist ehrenamtlichen Helfer bedroht. Doch gerade in solchen Momenten kann sich der stern auf seine Leser verlassen: Als das Aussteigerprogramm für Neonazis EXIT Deutschland, das im Jahr 2000 vom ehemaligen Kriminalkommissar Bernd Wagner mit Unterstützung von „Mut gegen rechte Gewalt“ gegründet worden war, Anfang dieses Jahres mangels staatlicher Fördergelder vor dem Aus stand, kamen durch Stern“-Leser rund 101.000 Euro an Spenden innerhalb kürzester Zeit zusammen und EXIT Deutschland konnte weitermachen. Für diese zuverlässige und großzügige Unterstützung sage ich allen Lesern und Helfern im Namen des Stern“ herzlichen Dank!

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

Der Text stammt von Andreas Petzold, früher Chefredakteur und Herausgeber des Magazins „Stern“ sowie Mitbegründer von „Mut gegen rechte Gewalt“.

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