In Baden-Württemberg wird am historisch bedeutsamen 8. März ein neuer Landtag gewählt. Umfragen deuten darauf hin, dass sich die AfD bei allen anstehenden Wahlen stark verbessern wird. Trotzdem sind die Ausgangs- und Rahmenbedingungen je nach Bundesland sehr unterschiedlich. Das zeigt auch ein Blick nach Baden-Württemberg.
Wahlkampf-Themen der AfD
Die AfD in Baden-Württemberg hat erst im Januar ihr Wahlprogramm veröffentlicht. Es enthält viele Bundesthemen für die eine Landesregierung gar nicht zuständig ist. Vor ihrem Landtagswahlprogramm hatte die Baden-Württemberger AfD bereits ein achtseitiges 9-Punkte-Sofortprogramm veröffentlicht, welches dem Landtagswahlprogramm nun voran gestellt ist. In diesem skizziert sie die angestrebten Maßnahmen für ihre ersten 100 Tage an der Regierung. Auch hier tauchen bundespolitische Themen auf, die auf Landesebene gar nicht mitentschieden werden können.
Neben dem rassistischen Evergreen „Migrationsabwehr“ geht es thematisch viel um Sicherheit. Bei beiden Themen konkurriert man mit der CDU und versucht sich gegenüber der Union als frische Kraft darzustellen.
Das Programm wird sicherlich nicht wahlentscheidend sein, weil Parteiprogramme von den meisten Wähler*innen nicht gelesen werden. Wichtiger sind schon eher die Botschaften der Partei auf Plakaten im Straßenbild. Die Wahlplakate der AfD in Baden-Württemberg bestehen nur aus ein oder zwei kurzen Sätzen. Eher intuitiv als besonders aggressiv. Manche knüpfen an Alltagsrassismus an („Du siehst es doch auch“, „Es sind zu viele.“). Andere suggerieren den Verlust des Wohlstands der westdeutschen 1980er und 1990er Jahre („Eigenheim muss drin sein.“), was in Baden-Württemberg bei vielen gut ankommen dürfte. Stichwort schwäbische Häuslebauer. Das wird dann verbunden mit Leistungsdenken und Chauvinismus („Den Schwachen helfen. Nicht den Faulen.“). Ansonsten knüpfen die AfD-Plakate an Alltagssorgen („Heizung warm. Danach arm.“) und Abstiegsängste („Klima? Rettet unsere Jobs!“) an.
Ein enorm wichtiges Wahlkampf-Thema im Südwesten ist die angebliche „De-Industrialisierung“, besonders mit Bezug auf die Automobil- und Zulieferer-Industrie. Als Angstgemälde wird auf Detroit, den Ruhrpott oder die Lausitz verwiesen. Die AfD wird am Abstieg der schwäbischen Automobilindustrie kaum etwas ändern können. Sie setzt auf ein Verbrenner-Aus-Aus und eine Art Industrie-Strukturkonservatismus.
Inhaltlich bedient die AfD auch in Baden-Württemberg die meisten Themen bzw. Feindbilder der politischen Rechten, betreibt aber nicht mit allen Themen gleichermaßen Wahlkampf. Themen werden zumindest auch lokal angepasst. Plakate gegen Windkraft ergeben in der Stuttgarter Innenstadt nur wenig Sinn.
Mit Kettensägen gegen die CDU
Der Wahlkampfauftakt der Südwest-AfD fand am 22. Januar 2026 in der „Harmonie“ in Heilbronn statt. Vor fast 1.200 Personen trat auch Alice Weidel als Rednerin auf. Draußen demonstrierten hunderte Menschen gegen die Veranstaltung.
In ihrer Rede brachte Weidel ihre Verachtung für die angeblich inkompetente Medien deutlich zum Ausdruck, weil sie nach Weidels Meinung keine Wirtschafts-Kompetenz haben und den CO2-Zuschlag im Gegensatz zu ihr angeblich begrüßten: „Das passiert immer, wenn sie extrem dumme Aktivisten auf einem Haufen haben.“ Sie forderte „mehr Marktwirtschaft statt ökosozialistischer Planwirtschaft“. Das kann auch als Ausdruck einer Sozialstaatsfeindlichkeit gesehen werden, die in der AfD weit verbreitet ist.
Auch der AfD-Landtagsabgeordnete Dennis Klecker hieb in Heilbronn in eine ähnliche Kerbe als er schwärmte: „Milei in Argentinien hat es vorgemacht“. Das war nicht der einzige positive Milei-Bezug in der Ländle-AfD. Auch der Ministerpräsidenten-Kandidat Markus Frohnmaier bezieht sich immer wieder auf die radikalen Kürzungen des marktradikalen Präsidenten Argentiniens. So postete Frohnmaier im November 2025 ein Sharepic von sich mit einer Kettensäge und der Parole „Alles raus!“. Eine Anspielung auf Mileis spanischen Schlachtruf „Afuera!“ („Raus!“) unter dem dieser ein Kettensägenmassaker am argentinischen Sozialstaat anrichtete.
Die AfD-Landtagsabgeordnete Carola Wolle griff die CDU an als sie meinte: „Die einzige Partei, die konservative Interessen vertritt, ist die AfD.“ Die Konservativen gelten in der AfD als politischer Konkurrent, während die linkeren Parteien als Kulturkampf-Gegner gelten.
Mobilisierung online und offline
Nicht unterschätzt werden sollte, dass die AfD einen Teil ihrer Veranstaltungen hybrid durchführt, also eine Mischung aus einem Treffen vor Ort und zum Teil sehr professionellen Livestreams. Damit erhöht sie erheblich ihre Reichweite. Während bis zu 1.200 Menschen in Heilbronn in der Halle saßen, hatte der Livemitschnitt acht Tage später mehr als 47.000 Aufrufe auf YouTube.
Selbst unter der Woche gibt es im aktuellen Wahlkampf an manchen Abenden mehrere größere Vortrags- und Rede-Veranstaltungen der AfD. Ein Teil davon findet in Stadthallen statt, auf die man als größere Partei bequem Zugriff hat. Die AfD hat die verrauchten Hinterzimmer der Landgasthöfe längst verlassen. Hinzu kommen noch viele Wahl-Infostände an den Wochenenden, deren Zahl kaum zu überblicken ist.
Daneben gab es auch Wahl-Podien von Schulen, Zeitungen oder der örtlichen Volkshochschule mit AfD-Vertreter*innen. Weitere sind angekündigt. Zu manchen werden AfD-Vertreter*innen ohne Zwang eingeladen, andere verzichten darauf, was aber unter bestimmten Umständen angefochten werden kann. So gab das Verwaltungsgericht Karlsruhe einem Eilantrag des AfD-Landtagsabgeordneten und -Kandidaten Miguel Klauß recht, der nicht zu einem Wahlpodiumsdiskussion mit Landtagskandidaten, organisiert vom Nabu und der VHS, in Calw am 30. Januar eingeladen wurde. Begründet wurde das mit dem öffentlichen Auftrag der VHS und dem „Gebot der Chancengleichheit“. Die Veranstalter*innen wollten dem Abschiebe-Hardliner und AfD-Landtagsabgeordneten Klauß, der eine millionenfache Deportation („Remigration“) von Geflüchteten fordert, offenbar trotzdem keine Bühne bieten. Die Veranstaltung wurde kurzfristig abgesagt.
Björn Höcke soll in Baden-Württemberg bisher nur einmal auftreten. Am 28. Februar in Reutlingen, und zwar ohne Frohnmaier. Das dürfte kein Zufall sein, Höcke hat zwar auch in der hiesigen AfD eine Fanbase, aber als Zugpferd für die breite Massen taugt er in Baden-Württemberg nicht. Völkische Hardliner wie Höcke sind in einem Bundesland mit vielen Menschen mit Migrationsgeschichte selbst unter AfD-Wähler*innen nicht unumstritten. Auch ist in Westdeutschland die Bindung an seriöse Medien, die Höcke immer wieder kritisch darstellen, vermutlich größer. So gibt es eine künstliche Trennung: Man wählt die AfD, lehnt aber Höcke als Hardliner ab.
Die föderale Struktur in der Bundesrepublik bedingt auch gewisse Eigenheiten der AfD-Landesverbände. So ist die Ländle-AfD etwa im Gegensatz zu anderen Landesverbänden ausgesprochen demonstrationsfaul. Auch für den Wahlkampf in Baden-Württemberg sind bisher keine Kundgebungen angekündigt. Offenbar sind die Hürden und Risiken zu groß und der Gewinn gering. Öffentliche Kundgebungen ziehen schlimmstenfalls ein problematisches Klientel als Publikum an, wodurch Bilder entstehen könnten, die nicht im Sinne der AfD sind. Zudem drohen starke Gegendemonstrationen und mögliche Eskalationen. In einer Kosten-Nutzen-Abwägung lohnen sich Demonstrationen oder Kundgebungen offenbar nicht. Dabei haben die Corona-Proteste gezeigt, dass es auch in Baden-Württemberg ein größeres Potenzial für rechtsoffene bis rechte Proteste gibt
Der Ministerpräsidenten-Kandidat und die Listen-Kandidat*innen
Der Weidel-Getreue und AfD-Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier ist der Ministerpräsidenten-Kandidat der AfD, obwohl er selber gar nicht für den Landtag kandidiert.
Frohnmaier hat sich durch seine zehnjährige Berufspolitiker-Karriere merklich verändert. Er ist ziemlich souverän, staatsmännisch bzw. -tragend und pragmatisch geworden. Offenbar will Frohnmaier die AfD anschlussfähig machen. Beobachter*innen und politische Konkurrenten wie Manuel Hagel (CDU) bescheinigen ihm immer wieder, dass er Kreide gefressen habe. Laut Hagel so viel, dass in den Steinbrüchen im Land der Kalk knapp werde.
Es macht nur wenig Sinn, Frohnmaier seine Vergangenheit in der antimuslimischen Miliz „German Defence League“ vorzuhalten oder ihn mit seinen Aussagen von vor über zehn Jahren zu konfrontieren („Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt …“). Er weiß darauf zu antworten und weicht auch kaum aus.
Bisher noch nicht konfrontiert wurde er im Wahlkampf mit der Causa Manuel Ochsenreiter. Gegen seinen ehemaligen Mitarbeiter Ochsenreiter wurde wegen eines möglicherweisen von diesem beauftragten Brandanschlag in der Ukraine ermittelt, mutmaßlich in russischem Auftrag. Ochsenreiter soll 2020 im Moskauer Exil verstorben sein. Beide kannten sich mindestens seit 2016.
Frohnmaier verkörpert geradezu prototypisch den normalisierten Rechtsextremismus, der inzwischen auch ohne engere Anbindung an neurechte Denkfabriken wie die in Schnellroda auskommt. Sein Rechtspopulismus als Stil funktioniert weitgehend ohne neurechte Metapolitik-Strategien. Diese Kontakte der AfD in Baden-Württemberg gibt es zwar auch, sie sind aber nicht so wichtig wie in anderen Bundesländern.
Frohnmaier setzt eher auf einen gemäßigten Stil und übt sich in Selbstverharmlosung gegenüber den Medien. Das heißt aber nicht das der Spitzenkandidat intern oder mittels Dogwhistle auch mal härtere Töne anschlägt. Am 1. Januar 2026 schrieb er auf X: „Man muss sich nicht mehr dafür entschuldigen, weiß zu sein“. Dazu ein Emoji, das auch als White-Power-Symbol genutzt wird.
Ansonsten gibt sich Frohnmaier eher gemäßigt und pocht auf Partei-Disziplin z.B. bei Russland-Reisen. Er wird zwar wahlweise als Putin- oder Trump-Knecht kritisiert, ist aber zu beiden autoritären Regierungen auf Äquidistanz gegangen. Das begründet er nationalistisch damit, dass es ihm zuvorderst um Deutschland gehen würde.
Auf der Landesliste sind auf den aussichtsreichen Plätzen vor allem Altgediente, also Landtagsabgeordnete, und diverse Mitarbeiter*innen. Man schöpft aus dem eigenen Funktionärs-Apparat. Von den ersten 20 Plätzen sind nur zwei von Frauen besetzt.
Es gibt auf der AfD-Wahlliste einige Personalien mit guten Kontakten in rechtextreme oder antifeministische Netzwerke außerhalb der AfD. So schreibt Hans-Peter Hörner (Platz 10) für das antimuslimische Hetz-Portal „PI-News“, Joachim Kuhs (Platz 14) besuchte mehrfach den antifeministischen „Marsch für das Leben“ in Berlin.
Als ehrenamtliche Wahlkampfmanagerin im Landesverband fungiert die AfD-Bundestagsabgeordnete Diana Zimmer aus Pforzheim, Tochter einer russlanddeutschen Spätaussiedler-Familie. Sie kommt aus Pforzheim-Haidach, einem Stadtteil mit hohem Anteil an deutschstämmigen Spätaussiedler*innen, in dem die AfD bei der Gemeinderatswahl 49 Prozent der Stimmen erhielt. Zimmer gehört mit ihren 27 Jahren zu den Vertreter*innen einer jüngeren Generation.
Neu bei der Landtagswahl ist, dass erstmals auch 16- und 17-Jährige wählen können. Daher würde es Sinn ergeben, wenn die AfD noch einmal speziell Jung- und Erstwähler*innen adressiert, auch mittels ihrer Jugendorganisation. Doch bisher wurde im Gegensatz zu anderen Bundesländern in Baden-Württemberg noch kein Landesverband der neuen „Generation Deutschland“ gegründet. Möglicherweise will man die erwartbaren kritischen Medienberichte über das Personal auf die Zeit nach der Wahl verschieben.
Unkoordinierte Gegenkräfte
Es gibt in Baden-Württemberg immer noch starke Kräfte, die sich der AfD entgegen stellen. Naturgemäß gibt es mehr Gegenkräfte in den größeren Städten (Mannheim, Stuttgart, Karlsruhe) und in den Universitätsstädten (Freiburg, Tübingen, Heidelberg). Diese werden meist gegen einzelne AfD-Veranstaltungen mobilisiert. Ein Konzept darüber hinaus z.B. in Form einer gemeinsamen Kampagne gibt es nicht. Jede Gruppe kämpft in ihrem Ort oder Kreis für sich.
Die AfD hat bei Wahlen im Durchschnitt in Baden-Württemberg im ländlichen Raum immer besser abgeschnitten. Das heißt aber nicht das die Partei den ländlichen Raum auch dominiert. Dafür reichen die 9.000 Mitglieder in einem Flächen-Bundesland mit über 10 Millionen Einwohner*innen einfach nicht aus.
Ausblick: ein Fünftel aller Stimmen
In Baden-Württemberg herrschen andere Kräfteverhältnisse als zum Beispiel in Sachsen-Anhalt. Die AfD hat keine realistische Chance zu regieren. Die Strateg*innen in der Partei dürften das auch wissen. Vermutlich kandidiert deswegen Frohnmaier nicht für den Landtag. Allerdings wird er durch den Landtagswahlkampf im Ländle das bekannteste Gesicht der AfD werden. Möglicherweise macht er sich mehr Hoffnungen auf einen Sieg in vier Jahren.
Die AfD hätte gerne mindestens 25 Prozent der Sitze, um Landesuntersuchungsausschüsse einzurichten. Als die erste neue Wahlumfrage im neuen Jahr für Baden-Württemberg Mitte Januar 2026 veröffentlicht wurde, waren einige in der Partei sichtlich enttäuscht. Die AfD lag bei 20 Prozent und war damit auf den dritten Platz abgefallen, hinter die Grünen. Auch Frohnmaier hofft auf mehr als 20 Prozent der Stimmen. So meinte er bei einer Wahlkampf-Veranstaltung: „Wenn wir auf 24, 25, 26 Prozent kommen, wird ein Ruck durchs Land gehen. Dann gibt es einen Riss durch die Brandmauer“.
Mit einem Fünftel aller Stimmen, wie in den Umfragen ermittelt, würde die AfD trotzdem noch ihren Stimmanteil von 9,7 Prozent in der Landtagswahl 2021 mehr als verdoppeln. Auch Direktmandate für die AfD in ihren Hochburgen sind durchaus möglich. Im Jahr 2016 hat die Partei schon einmal zwei in Mannheim-Nord und Pforzheim geholt. Im Ergebnis sind es also ohnehin mehr Mandate und damit auch mehr Mitarbeiter*innen und mehr Büros.
Unklar ist, ob die AfD-nahe Gustav-von-Struve-Stiftung, mit dem dritten Landtagseinzug möglicherweise erfolgreich Landesmittel beantragen kann.
Die Hälfte der Befragten sprach sich in einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov in Baden-Württemberg für Formen der Zusammenarbeit mit den Rechtspopulisten aus: 24 Prozent der Befragten gaben an, andere Parteien sollten von Fall zu Fall entscheiden, wie sie mit der AfD umgehen wollen und bei einzelnen Fragen oder Gesetzesvorhaben mit der Partei zusammenarbeite und 26 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass die anderen Parteien generell bereit sein sollten, mit der AfD Koalitionen einzugehen. Immerhin: 42 Prozent der Befragten lehnten eine Zusammenarbeit mit der AfD grundsätzlich ab.


