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AfD Völkisch gegen Windkraft

Windkraft-Protest in Ostthüringen wird zur Bühne für rechte Ideologie: AfD und „Freies Thüringen“ verbinden Naturschutz mit völkischen Erzählungen über „Heimat“ und „Seelenlandschaft“  und knüpfen dabei an verschwörungsideologische und antisemitische Deutungsmuster an.

 
Björn Höcke wettert gegen Windkraft. In Ostthüringen zeigt sich eine neue Strategie: AfD und „Freies Thüringen“ verbinden Windkraft-Protest mit völkischer Ideologie und rechter Mobilisierung. (Quelle: screenshot YouTube Saale Info TV)

Die Szenerie wirkte wie ein Lehrstück völkischer Umweltpolitik: Bei strahlendem Sonnenschein setzte sich am 25. April in Linda, einem kleinen Dorf im Saale-Orla-Kreis, ein Demonstrationszug gegen den dort entstehenden Windpark in Bewegung, besetzt mit prominenten Rechtsextremen. An der Spitze lief AfD-Chef in Thüringen, Björn Höcke, flankiert vom rechten Streamer Sebastian Winter alias „Weichreite TV“. 

Der AfD-Kreisverband Saale-Orla hatte zuvor zu einer „Demonstration gegen Windindustrie“ aufgerufen. Schon diese Mobilisierung setzte den Ton: Es ging nicht nur um Energiepolitik, sondern um „Heimat“, „Naturzerstörung“ und die angebliche Verteidigung der „Schönheit unseres Landes“. Dem Aufruf folgte ein breites Spektrum rechter und rechtsextremer Akteure in Thüringen, vom Geraer AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Lauerwald bis hin zum rechtsextremen Reichsbürger Frank Haußner. Haußner, der aus Zeulenroda stammt, ist Anmelder der sogenannten Montagsspaziergänge in Gera und als zentrale Figur von „Freies Thüringen“ ein wichtiges Bindeglied zwischen der AfD und dem rechtsextremen Protestmilieu in Ostthüringen.

„Freies Thüringen“ ist eines der zentralen rechtsextremen Protestnetzwerke in Thüringen und trat zunächst vor allem im Kontext der Corona- und sogenannten Montagsspaziergänge in Erscheinung. Laut der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen ist Frank Haußner eine zentrale Mobilisierungsfigur des Netzwerks, das Verbindungen in die Reichsbürger- und Neonazi-Szene unterhält und zugleich enge Bezüge zur AfD pflegt.

Regionales Streitthema

Anlass der Demonstration war die geplante Erweiterung des Windparks Linda I. Auf den westlich angrenzenden Ackerflächen wird derzeit der Windpark Linda II gebaut. Vorgesehen sind mindestens acht moderne Windenergieanlagen. Der daraus jährlich erzeugte Strom könnte nach Angaben des Unternehmens den Bedarf von etwa 16.000 Haushalten decken. Vor Ort ist das Projekt seit Monaten umstritten: Bürgerinitiativen und Kommunalpolitiker*innen kritisieren Rodungen, Eingriffe in Natur und Landschaft und mögliche Folgekosten für den Rückbau. 

Für die AfD in Thüringen aber ist der Protest gegen Windkraft längst mehr als ein lokales Politikum. Sie versucht, das Thema strategisch zu besetzen und zu einem landesweiten Mobilisierungsschwerpunkt auszubauen. Das zeigte auch ein „Anti-Windindustrie-Symposium“ der AfD‑Fraktion am 9. Mai. Dort ging es nicht nur um Umwelt- und Energiepolitik gehen, sondern auch um kommunale Gegenstrategien und „Rechtsmittel & -wege im Kampf gegen die Windindustrie“.

Völkische Naturvorstellung

In Linda ließ sich diese Strategie im Kleinen beobachten. Nachdem der Demonstrationszug den Wald erreicht hatte, ging die Kundgebung auf einer provisorischen Bühne nahe der geplanten Erweiterungsfläche weiter. Vor Waldwegen, Baumreihen und Baustellenkulisse bat der moderierende AfD-Landtagsabgeordnete Uwe Thrum den „Dachdeckermeister“ Frank Haußner freundlich auf die Bühne. 

Haußner verbreite eine gewohnte Mischung aus völkischer Naturromantik spiritueller Überhöhung des Waldes. Ob bei seinen regelmäßigen Reden auf den sogenannten Montagsspaziergängen in Gera oder nun im Thüringer Fichtenwald: Haußners Rhetorik erinnert an einen völkischen Bußprediger mit Thüringer Dialekt, welcher im rhythmischem Ton jedes politische Ereignis als Zeichen eines apokalyptischen Verfalls beschwört. So deutete Haußner die Errichtung von Windkraftanlagen als „Bestandteil eines Kampfes“ gegen „Land und Volk“. Die Zerstörung der Wälder sei Teil einer „Verschwörung dunkler Mächte gegen die Schöpfung“. Der Wald erscheint bei ihm als sakraler Raum des „deutschen Volkes“, als „Heiligtum“ und „spirituelles Herz“ der Vorfahren.

Haußner greift damit auf ein Motiv zurück, das seit der völkischen Bewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum ideologischen Grundbestand rechter Naturdeutungen gehört. Der deutsche Wald steht darin für Verwurzelung, Ursprünglichkeit und die vermeintlich organische Einheit von Volk, Boden und Landschaft. Im Nationalsozialismus wurde diese Vorstellung in der „Blut-und-Boden“-Ideologie radikalisiert. Schon 1844 spottete Karl Marx über „Deutschtümler“, die ihren nationalen Gründungsmythos in den „teutonischen Urwäldern“ suchten. Bei Haußner kehrt dieses Motiv im Angesicht der Windräder wieder: Der Wald erscheint als mythischer Gegenort zur technischen Moderne.

Antisemitismus

Die biblisch aufgeladene Untergangsrhetorik und Bildsprache dient Haußner regelmäßig als Vehikel zur Artikulation antisemitischer Verschwörungsideologien. Konflikte und Krisen erscheinen bei ihm nicht als Ergebnis politischer Entscheidungen, gesellschaftlicher Auseinandersetzungen oder ökonomischer Interessen, sondern als Wirken diffuser „dunkler“ Kräfte im Hintergrund. Erst im März sprach Haußner bei einer Kundgebung in Gera von einer „neuen Weltordnung der dunklen und globalen Machtstrukturen“, die aus dem „globalen Chaos“ entstehen könne. In diesem Zusammenhang erklärte er „Israel als Machtzentrum der dunklen Kräfte“. Zudem fabulierte er von „Zionismus und alttestamentarischen Endzeitsekten“, die einen „Weltherrschaftsanspruch“ verfolgten.

In Linda blieb die antisemitische Stoßrichtung unausgesprochen. Doch die Rede von der „Verschwörung dunkler Mächte gegen die Schöpfung“ knüpft an dasselbe Deutungsmuster an. Eine verborgene Macht zerstöre Volk, Natur und eine als natürlich vorgestellte soziale Ordnung. Der Antisemitismus durchzieht völkische Ideologeme wie ein Wurzelwerk den Waldboden: Wo an der Oberfläche von Volk, Heimat und Naturschutz gesprochen wird, liegt darunter die antisemitische Weltvorstellung bösartiger, verborgener und zersetzender Mächte. Genau darin liegt die antisemitische Anschlussfähigkeit völkischer Deutungen.

Höckes Rede

Nach Haußners Rede bedankte sich der moderierende AfD-Politiker Thrum für die „gute Zusammenarbeit“ und die „starke Vorfeldorganisation“ des Netzwerks „Freies Thüringen“. Björn Höcke, der während Haußners Rede neben der Bühne stand und mehrfach kräftig applaudierte, schien ebenfalls angetan. Wenig später übernahm er selbst unter großem Beifall das Mikrofon. 

Höcke führte weiter aus: Die Deutschen seien „Romantiker in Bezug auf die Natur“, sie zögen sich in den Wald als „heiligen Ort“ zurück, um „für den Kampf des Lebens wieder Stärke zu gewinnen“.  Höcke steigerte das Motiv noch, als er den Deutschen eine „Waldseele“ zuschrieb und die Mittelgebirgslandschaft Thüringens zur „typisch deutschen Seelenlandschaft“ erklärte. Daraus leitete er unmittelbar einen Kampfauftrag ab: Es werde „um jeden einzelnen Baum“ und „um jedes Waldstück“ gekämpft werden. Zugleich verbindet Höcke diesen Kampf gegen Windkraft mit seinen bekannten Feindbildern: Migration, „Kartellparteien“ und einer angeblich gegen das „deutsche Volk“ gerichteten Politik. Die Energiewende wird so in eine größere Erzählung von Entfremdung, Kontrollverlust und nationaler Bedrohung eingefügt.

Neue AfD Strategie

Das Beispiel Linda zeigt einmal mehr, wie die AfD Thüringen als Zugpferd einer parlamentarischen und außerparlamentarischen rechten Bewegung fungiert. Lokale Konflikte wie die um Windanlagen werden in völkische Kulturkämpf übersetzt und die soziale Basis in ländlichen Räumen und verschwörungsideologischen Protestmilieus gesucht. 

Wie aufgeladen der Konflikt in der Region schon ist, zeigte sich wenige Tage zuvor: Im ostthüringischen Göpfersdorf hatten Unbekannte laut Polizei eine Windkraftanlage manipuliert und außer Betrieb gesetzt. Eine Verbindung zur rechtsextremen Mobilisierung ist bislang nicht belegt.

Am Ende der Kundgebung traten noch einmal alle Redner auf die Bühne und sangen gemeinsam die deutsche Nationalhymne. Haußner und Höcke standen dabei strahlend nebeneinander. Es war das lehrreiche Schlussbild für diesen Nachmittag: AfD und rechtsextremes Vorfeld, vereint in einem völkischen Pathos, das sich als Naturschutz tarnt. 

 

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