Am 2. Mai 2026 trafen sich im thüringischen Kosma, einem Ortsteil von Altenburg, AfD-Politiker, Vertreterinnen der sogenannten „Neuen Rechten“, rechte Aktivistinnen und militante Neonazis zu einem Vernetzungstreffen. Zwischen Bierbänken, Vorträgen und Szene-Prominenz wurde ein Schulterschluss sichtbar, der vor wenigen Jahren in dieser Offenheit kaum denkbar gewesen wäre.
„Jungeuropa“ gilt als eines der zentralen Medien- und Vernetzungsprojekte der sogenannten Neuen Rechten im deutschsprachigen Raum. Der Verlag veröffentlicht völkische, nationalistische und autoritäre Texte und versteht sich als intellektuelle Plattform für die extreme Rechte. Zum Umfeld gehören Akteure aus dem Netzwerk „Ein Prozent“, der Identitären Bewegung und dem AfD-nahen Vorfeld. Inhaltlich inszeniert sich der Verlag bewusst als „metapolitisches“ Projekt: Nicht der Straßenkampf steht im Vordergrund, sondern der Versuch, rechte Ideologien kulturell und gesellschaftlich anschlussfähig zu machen.
AfD, Neonazi-Szene und Nius: Alles Brüder im Geiste?
Das Treffen zeigt, wie offen die Grenzen zwischen parlamentarischer Rechter, neurechtem Vorfeld und militanten Neonazi-Strukturen inzwischen verlaufen. Vertreter*innen aus dem Höcke-Lager der AfD trafen dort auf bekannte Neonazi-Kader, Kampfsportnetzwerke und Akteure aus dem Umfeld des NSU. Und mittendrin: ein Autor des rechten Medienprojekts Nius.
Organisiert wurde die Veranstaltung vom neurechten Verlag „Jungeuropa“ rund um Philip Stein. Stein gilt seit Jahren als zentrale Figur der extrem rechten Infrastruktur in Deutschland. Mit seinem Netzwerk „Ein Prozent“ unterstützt er Kampagnen und Projekte der Szene finanziell und strategisch.
Auf dem Treffen sprach Stein mit dem Neonazi Sebastian Schmidtke, bis November 2024 stellvertretender Parteivorsitzender der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD). Im Gespräch bezeichnete Stein „Ein Prozent“ als eine Art „Nicht-Regierungsorganisation“ für „ethnisch Deutsche“.

Darin zeigt sich ein völkisches Verständnis von Nation und Zugehörigkeit: Deutsch ist in dieser Ideologie nicht, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, sondern wer als „deutschstämmig“ gilt. Dieses ethnische Volksverständnis steht im Widerspruch zum staatsbürgerlichen Verständnis des Grundgesetzes, nach dem alle Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit unabhängig von Herkunft oder Abstammung Teil der Gesellschaft sind.
Die ideologische Nähe übersetzte sich beim Verlagstreffen unmittelbar in konkrete Netzwerke und Unterstützung. In Kosma trafen sich nicht nur unterschiedliche rechte Strömungen, sie präsentierten sich demonstrativ als gemeinsames Milieu.
Besonders bemerkenswert: Mehrere AfD-Abgeordnete sollen das Treffen finanziell unterstützt haben. Laut Recherchen von CORRECTIV wurden unter anderem die dem Höcke-Lager angehörigen AfD-Politiker Robert Teske, Torben Braga, Fabian Jank, Jean-Pascal Hohm und Tomasz Froelich auf einer Dankestafel als Unterstützer genannt. Von der Bühne aus dankte Verlagschef Stein jenen fünf AfD-Politikern persönlich „für die Unterstützung des heutigen Treffens“.
Auf der Dankestafel wurde zudem die ESN-Fraktion des Europäischen Parlaments genannt, die sich wie andere Fraktionen aus Mitteln des EU-Haushalts finanziert. Damit stellt sich die Frage, ob Mittel einer aus EU-Geldern finanzierten Fraktion, also Steuergelder, in dieses Vernetzungstreffen geflossen sind.
Ein Sprecher der ESN-Fraktion bestreitet, dass diese Zahlungen im Zusammenhang mit der am 2. Mai stattgefundenen „Jungeuropa“-Veranstaltung geleistet hat.
Dass die Öffentlichkeit überhaupt Einblicke in das Treffen und seine Teilnehmenden erhält, ist maßgeblich antifaschistischer Recherche zu verdanken. Recherchen und Bildmaterial stammen unter anderem vom Rechercheportal Jena-SHK sowie von Projekt Pixelarchiv.
Auch dank ihnen wird hier ein Schulterschluss sichtbar, der lange eher indirekt stattfand. Denn beim Treffen waren nicht nur Vertreter*innen der Neuen Rechten vor Ort, sondern laut dem antifaschistischen Rechercheportal Jena-SHK auch Personen aus dem Umfeld der neonazistischen „Hammerskins“, der Kampfsportstruktur „Kampf der Nibelungen“, von „Knockout 51“ sowie aus dem Unterstützerumfeld des NSU. Sicherheitsaufgaben sollen zudem Personen aus dem Umfeld der Neonazi-Hooligangruppe „Jungsturm Erfurt“ übernommen haben.
Unter den dokumentierten Teilnehmenden und im Umfeld des Treffens finden sich mehrere bekannte Neonazi-Akteure. Dazu zählt etwa André Kapke, der seit den 1990er-Jahren in der Thüringer Neonazi-Szene aktiv ist und zum Unterstützerumfeld des NSU gezählt wird.
2002 kaufte er gemeinsam mit Ralf Wohlleben und dem Liedermacher Maximilian Lemke eine ehemalige Gaststätte in Jena-Lobeda, die anschließend als Parteizentrale des NPD-Kreisverbands genutzt wurde und als „Braunes Haus“ bekannt wurde. Dort fanden Schulungen, Treffen und Veranstaltungen der Szene statt. Berichten zufolge sollen sich in dem Gebäude auch NS-bezogene Devotionalien und Waffen befunden haben; bei einer späteren Räumung stellte die Polizei unter anderem Waffenbestandteile sicher.
Thomas Gerlach war ebenfalls vor Ort. Auch er gilt als langjährig vernetzter Akteur der rechtsextremen Szene in Thüringen. Er war Mitglied der „Weißen Bruderschaft Erzgebirge“, auch „Brigade Ost“ genannt, galt als zentrale Figur des „Freien Netzes“ und organisierte gemeinsam mit Ralf Wohlleben das Rechtsrock-Festival „Fest der Völker“. Zudem soll Gerlach illegal Waffen für das rechtsextreme Terror-Netzwerk Hammerskins in Portugal beschafft haben.

In dieser illustren Runde militanter deutscher Rechtsextremer darf ein Name nicht fehlen: Heise. In Kosma allerdings nicht vertreten durch den Senior Thorsten, sondern durch einen Junior, Thoralf. Beide gerieten zuletzt bundesweit in die Schlagzeilen, weil sie gemeinsam rund um ihre Wirkungsstätte im thüringischen Fretterode zwei Spiegel‑TV-Journalisten körperlich angegriffen haben sollen. Der Angriff reiht sich in eine längere Geschichte von Einschüchterungen und Angriffen auf Journalist*innen aus dem Umfeld der Familie Heise ein.
Tatort Fretterode: Neonazi-Jagd auf Journalisten bleibt ohne Konsequenzen
Vater Thorsten Heise ist eine Schlüsselfigur der rechtsextremen Bewegung und war unter anderem in der verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP) aktiv. „Thorsten Heise war bis 2023 im Bundesvorstand der Partei Die Heimat/NPD, ist unter anderem wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft und mit dem thüringischen AfD-Landtagsabgeordneten Björn Höcke befreundet“, wie die Linke in einer kleinen Anfrage schreibt. Über das Heise-Label werden seit Jahren Rechtsrock-Veröffentlichungen aus dem Umfeld des Terrornetzwerks „Blood & Honour“ und „Combat 18“ vertrieben.
Auch Alexander Deptolla, ursprünglich aus Dortmund und inzwischen im Harz in Sachsen-Anhalt ansässig, nahm an dem Vernetzungstreffen teil. Er gilt als zentrale Figur innerhalb des neofaschistischen Kampfsportnetzwerks „Kampf der Nibelungen“.
Ebenfalls anwesend war der Antisemit Michael Brück. Er stammt aus dem Umfeld der Partei „Die Rechte“ und gehört zur organisierten Neonazi-Szene im Ruhrgebiet. Mittlerweile ist er nach Sachsen gezogen. Und aktiv bei den Freien Sachsen. Auch er besuchte das Jungeuropa-Treffen.
Ebenfalls anwesend war Sanny Kujath. Sein Werdegang führt von der neofaschistischen Partei „Der Dritte Weg“ über das von ihm initiierte extrem rechte Jugendprojekt „Junge Revolution“ und Kontakte ins Umfeld des Thüringer Rechtsrock-Organisators Tommy Frenck bis hin zu Aktivitäten im Handel mit antisemitischen und NS-verherrlichenden Schriften.
Zahlreiche Aktivist*innen der militanten Neonazi-Szene besuchten die Veranstaltung, an der auch etliche Akteure der Neuen Rechten teilnahmen, vom politischen Vorfeld der Identitären Bewegung bis hin zu AfD‑, Landtags-, Bundestags- und Europaparlamentsabgeordneten.
Unter ihnen war auch Jens Winter, aktiv bei Nius, dem extrem rechten Kampagnenorgan um Julian Reichelt. Bevor Winter dem seriösen Journalismus den Rücken gekehrt hatte, schrieb er als freier Autor bis 2025 sowohl für die taz wie auch für die Junge World. Sein Debütroman wird vom Verlag als „Topographie der deutschen Linken im Stadium fortgeschrittenen Zerfalls“ angepriesen.

Nun findet sich dieser einst linke Autor auf einem Netzwerktreffen der Neuen Rechten mit Neonazis und knallharten Antisemiten wieder. Winter war in Kosma nicht nur Besucher, sondern Teil des Programms und saß gemeinsam mit der Dresdner Verlegerin Susanne Dagen auf einem Podium der Veranstaltung. Dagen organisierte 2025 unter dem Titel „Seitenwechsel“ eine rechte Buchmesse und gilt als wichtige Akteurin neurechter Kultur- und Publikumsnetzwerke.
Mit Benedikt Kaiser war zudem einer der bekanntesten neurechten Ideologen aus dem Umfeld des Verlags anwesend. In einem Interview erklärte er, er sei nach Kosma gekommen, um „Menschen zu treffen“ und sich zu vernetzen. Die Aussagen verdeutlichen, wie offen das Treffen als strategischer Vernetzungsraum verschiedener rechter Strömungen verstanden wurde.
Die Veranstaltung wirkt dabei wie ein strategischer Vernetzungsraum unterschiedlicher rechter Milieus. Philip Stein selbst beschrieb das Treffen als Ort, an dem „der Fußball-Hooligan mit dem Künstler“ und „der flexible Realpolitiker mit dem Vorfeld-Ideologen“ zusammenkommen.
Das Verlagstreffen zeigt damit nicht nur die ideologische Nähe verschiedener rechter Strömungen. Es verdeutlicht auch, wie sich Netzwerke professionalisieren, gegenseitig legitimieren und zunehmend offen zusammenarbeiten.
Was früher oft als „Einzelfall“ oder „Kontaktschuld“ relativiert wurde, erscheint inzwischen als strategische Zusammenarbeit verschiedener rechter Akteure von der AfD bis ins militante Neonazi-Milieu.


