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Die Trauer, die bleibt Wenn der Rechtsstaat Menschen tötet

Am 4. März 2025 wird in Nürnberg Qabel A. von Polizisten erschossen. Das Verfahren gegen den Schützen wurde eingestellt. Die Familie kämpft weiter um Aufklärung. 

 
Die Familie von Qabel hofft ein Jahr nach dem Tod noch auf Aufklärung. (Quelle: Yael Wagner)

Am 4. März 2025 schrillt das Telefon von Josef A.. Er wird abheben zu den Worten der Sekretärin seines Bruders, Elina Z.: „In der Straße, in der dein Bruder Qabel lebt, wurde ein Mensch erschossen.“ Mit diesem Satz sprengt die Sekretärin des Wing-Tsun-Vereins ein Loch in das Leben von Qabels Familie.

Noch während der Arbeit bemerkte sie, dass ihr Vorgesetzter Qabel A. fehlte; an seiner Stelle stand nur ein polizeilicher Pressebericht über einen Schusswechsel mit einem toten Zivilisten aus. Später erreicht auch Furat L., Qabels Schwester, die Nachricht: Ihr Bruder, Vater zweier Kinder, wurde mit 38 Jahren in den frühen Morgenstunden während der Vollstreckung eines Haftbefehls in seiner Wohnung erschossen.

„Ich erinnere mich noch, wie ich zufällig genau um 8:30 Uhr vom Lernen auf die Uhr blickte, genau dann, als Qabel starb“, erzählt Furat mit glasigen Augen. Wir sitzen mit der energischen Frau, einer Jurastudentin, in ihrem geräumigen Wohnzimmer. Es ist Winter. Mehrere Monate sind seit März vergangen, Monate, die Furat intensiv der Aufarbeitung von Qabels Tod widmete. Hinter ihr, auf einem Sideboard, steht ein gerahmtes Bild von Qabel A., daneben Taschentücher. Auf dem Holztisch vor ihr hat sie mehrere dicke Ordner ausgebreitet, gefüllt mit richterlichen Beschlüssen, Zeitungsartikeln und polizeilichen Anweisungen. Ganz oben auf dem Stapel: der Haftbefehl. Er ist blutverschmiert und mit handgeschriebenen Korrekturen versehen.

Ungefähr zehn Tage verstrichen, bis der Familie Einlass in die Wohnung gewährt wurde. Als Furat schließlich mit ihren Geschwistern Samar (43), Josef (33), Marco (25) und Freunden die Schlüssel in der Hand hatte, bot sich ihnen in der Wohnung ein einziges Chaos.

„Überall fanden wir Handschuhe, Adrenalinspritzen und Klamotten“, erinnert sich Furat. Auch der Haftbefehl lag vergessen unter einer Plastikplane der Sanitäter*innen. Sogar Qabels getrocknete Blutlache war noch auf dem Wohnzimmerboden zu sehen. „Ihr müsst verstehen, wenn ein Mensch so aus eurem Leben gerissen wird … man kann das nicht nachvollziehen.“

„Was hast du angehabt, Qabel, hast du was getrunken?“, fragt sich Qabels Schwester Samar in einem späteren Gespräch. „Was hast du gedacht, was hast du gehört? Das sind Fragen, die niemand beantworten kann.“

Auch Furats Fragen bleiben ohne Antwort: „Ich konnte nicht anders, als mich in das Blut hineinzulegen, vielleicht um eine Ahnung zu bekommen, wie er sich gefühlt haben muss, um mich ihm nahe zu fühlen.“

Der Tod von Qabel A. hinterlässt viel: eine trauernde Familie, eine intransparente Ermittlung und den Verdacht auf einen rassistisch motivierten Polizeimord, denn die Frage, warum Qabel sterben musste, und die Ungereimtheiten in seinem Fall sind zehn Monate nach den Schüssen immer noch nicht geklärt.

Die Lücken in den Ermittlungen

Dass es überhaupt zu dem Haftbefehl kam, liegt einer Auseinandersetzung zwischen Qabel und zwei Konkurrenten während eines Events seiner Wing-Tsun-Schule im Oktober 2023 zugrunde. Im Mai 2024 wird der Haftbefehl beantragt, am 15. Juli 2024 erlassen. Wie der Anwalt der Nebenklage der Familie Qabels, Simón Barrera González, jedoch erklärt, ist nach wie vor nicht sicher, ob dieser Haftbefehl „rechtmäßig“ war.

Auch die Erklärung für die Schüsse lässt viele Fragen unbeantwortet, denn laut González „stimmt die Situation, die die Staatsanwaltschaft als Begründung für die Schüsse anführt, nicht mit den Zeugenaussagen und dem Obduktionsbericht überein.“ Die Polizei erklärt wiederum, Qabel habe ein Messer in der Hand gehalten, als er in der Küche stand; die Polizei musste aus Notwehr handeln und habe deswegen frontal auf Qabel geschossen.

„Hätte er die Polizei angreifen wollen, dann wären die Polizisten nicht am Leben, Schusswaffe hin oder her“, meint Furat. Sie beruft sich auf Qabels Wing-Tsun-Ausbildung. Als Meister trainierte er nicht nur Kinder, sondern auch die Polizei selbst. Hinzu kommt, dass Qabel von der Seite angeschossen wurde, als er auf dem Weg ins Wohnzimmer war. „Er muss geflohen sein; wenn er sie angegriffen hätte, wäre der Schuss ja von vorne gekommen.“

Systematischer Rassismus der Polizei 

Der Fall erinnert nur allzu sehr an die Tötung von Lorenz A. durch drei Schüsse in den Rücken, abgefeuert von Polizisten. Auch bei Qabels Tod besteht der Verdacht auf rassistisch motivierte Gewalt, denn Qabel gehörte der irakischen Mandäer-Minderheit an und lebte erst seit seinem zwölften Lebensjahr in Deutschland.

„Dass der Tod hier in Deutschland auch meinen Sohn nehmen würde, damit habe ich nicht gerechnet“, erzählt Qabels Mutter Hana A. unter Tränen. Der Tod ist ihr kein Fremder. Jahre zuvor verlor sie schon ihren Bruder im Iran-Irak-Krieg 1984. Qabel war nach ihm benannt.

„Der Rassismus ist schlimmer geworden“, meint auch Qabels Vater Haitham, 64, ein bärtiger, eher stiller Mensch. „Man merkt, dass die Gesellschaft sich seit 2015 verändert hat.“ Er spielt auf den „Flüchtlingswellen“-Diskurs an, der rassistische Narrative gegen Migration nährte.

Dieser Rassismus ist auch in der Polizei sichtbar, die mit rechten Gruppenchats, Racial Profiling und Machtmissbrauch im Amt Schlagzeilen macht. Sogar der Europäische Gerichtshof kritisiert diesen strukturellen Rassismus, und besonders prangert er das Fehlen einer unabhängigen Ermittlungsstelle an, die in Deutschland Polizeigewalt analysiert und verurteilt. Ermittelt wird oft von Nachbardienststellen und Staatsanwaltschaften, die, wie im Fall von Lorenz A., ebenfalls verdächtigt werden, rassistisch motiviert getötet und verschleiert zu haben und somit nur schwer als unvoreingenommen gelten können. Ohne unabhängige Ermittlungen bei den Polizeimorden bleibt den Angehörigen wenig Hoffnung auf Gerechtigkeit.

Alleine gegen den Staat

Auch Qabels Familie kämpft für ein faires Verfahren. Es ist ein langer Prozess, dem immer mehr Steine in den Weg gelegt werden. Erst Januar 2026 wurde das Verfahren wegen Totschlags gegen den Polizisten, der Qabel erschossen hat, eingestellt. Simón Barrera González, der Anwalt für die Nebenkläger, bemängelt allerdings das Vorgehen der Staatsanwaltschaft: „Es ist schon eine Frechheit, dass wir nur so kurz, bevor die Frist abläuft, um den Entschluss der Staatsanwaltschaft anzufechten, endlich die Akten bekommen. Es ist schier unmöglich, diese in so wenig Zeit gewissenhaft durchzugehen und so Qabel wirkungsvoll zu verteidigen.“

Die Familie macht gemeinsam mit Initiativen immer wieder auf die fehlende Aufklärung aufmerksam. (Quelle: Yael Wagner)

Was bleibt, ist die Trauer, eine Trauer, die sich auch in den Gesichtern der Familie zeigt, so ist Qabels Mutter seit dem Tod ihres Sohnes sichtlich ergraut. „Sogar Qabels Hunde haben Herzprobleme bekommen. Die mussten das ja alles mit ansehen“, erzählt Samar, Qabels Schwester.

Doch es ist eine Trauer, die vielleicht mit gesellschaftlicher Solidarität gelindert werden kann. Denn wenn der Rechtsstaat rassistische Polizist*innen schützt, treten oft zivilgesellschaftliche Organisationen auf die Bühne. Zum Beispiel die  von Qabels Familie gegründete Initiative „Gerechtigkeit für Qabel“ oder Migrantifa Nürnberg, die Kundgebungen und Demonstrationen im Andenken an Qabel veranstaltet.

„Was wir wirklich brauchen, sind Menschen, die nicht wegschauen, die von Qabels ungerechtem Tod wissen wollen“, meint Furat nachdrücklich. „Denn letztlich geht es hier um uns alle. Qabel könnte dein Bruder sein, dein Vater. Wenn wir dem Rechtsstaat erlauben, meinen Bruder zu töten und diesen Tod nicht wirklich aufzuklären, wird er das auch mit anderen tun.“

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