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Erinnerungskultur Blinde braune Flecken

Die Rolle der eigenen Familie im Nationalsozialismus blieb in der deutschen Erinnerungskultur lange Tabu. Jetzt ist die NSDAP-Mitgliederkartei für alle zugänglich und Millionen Nachgeborene fragen sich: War Opa ein Nazi? Doch kollektive Verdrängung lässt sich nicht per Mausklick beenden.

 
(Quelle: picture alliance / ZB | Sascha Steinach)

In gewisser Weise ist mein Blick auf den väterlichen Teil meiner Familie typisch deutsch. Ja, ich wusste: Mein Opa war bei der Wehrmacht gewesen, später dann in russischer Kriegsgefangenschaft. Eine frühe Kindheitserinnerung an meine politische Sozialisation ist, wie mein Vater seinen Vater im Wohnzimmer konfrontiert. Wie er ihm vorhält, Hitler habe ihm doch die schönsten Jahre geraubt. Und wie der alte Mann, der mir als kleiner Junge geliebter Vertrauter und Spielkamerad war, sich mit dem Hinweis auf die Straßenkämpfe zwischen Linken und Rechten in der Weimarer Republik empört jede Kritik verbat. Bei uns wurde nie geschwiegen, im Gegenteil. Es wurde laut und kontrovers diskutiert, auch gestritten. Opa ist dann früh gestorben. Und in den Anekdoten meines Vaters war die Familiengeschichte wie bei so vielen überlagert von traumatischen Fluchterfahrungen (von Ostpreußen nach NRW) und einer harten Landung als Flüchtling im westlichen Nachkriegsdeutschland. Da traf mein Vater auf Lehrer, die ihre NS-Sozialisation auch mit sadistischen Quälereien (z. B. Ohren verdrehen) und menschenverachtenden Sprüchen an die nächste Generation weitergaben. Bis heute ist mir ein Rätsel, wie mein Vater trotz dieser Kindheit so warmherzig, tolerant und liberal werden konnte.

Die Geschichte meines Opas kenne ich bis heute nur schemenhaft. Ich weiß, dass er als junger Mann auf einem Gutshof in Ostpreußen arbeitete. Die Liebe zu Pferden war ihm geblieben. Als ich ein kleiner Junge war, nahm er mich in Iserlohn mit zum jährlichen Reitturnier. Aber geredet haben wir nicht viel. Wo mein Opa in Europa überall als Wehrmachtssoldat für Hitler einmarschiert war, wusste ich bis vor kurzem nicht so genau. Mir ist in Erinnerung geblieben, dass in einem Gespräch mal von der Tschechoslowakei die Rede war, deren Gebiete sich Nazi-Deutschland mit der Wehrmacht 1939 schon vor dem Überfall auf Polen als „Protektorat Böhmen und Mähren“ einverleibt hatte. Als eines der wenigen Details aus Opas Jahren bei der Wehrmacht kenne ich dessen Erzählung von der dünnen Brotsuppe, die es in russischer Gefangenschaft zu essen gab. Mein Vater hat mir erzählt, dass Opa seine Fragen nach dem Krieg rigoros abgeblockt habe. Einige muss er aber doch beantwortet haben. Denn ich habe von einer Anekdote erfahren: Demnach habe sein Vorgesetzter beim Vormarsch durch die heutige Ukraine zu meinem Opa sinngemäß gesagt: „Nach dem Endsieg kannst du hier Gutsherr werden.“ Erst in diesem Gespräch, das ich als Erwachsener mit meinem Vater führte, habe ich mir bewusst gemacht, dass Opa bis ins heutige Russland marschiert ist. Dass er also als Wehrmachtssoldat bei der mörderischen Eroberung von „Lebensraum im Osten“ mittendrin gewesen war. Und dass zu dem wenigen, das er später über diese Zeit preisgab, eben jene Anekdote vom Herrenmenschentum in der Ukraine gehörte.

Warum ich das erzähle? Einerseits habe ich in meiner Familie früh die Auseinandersetzung mit dem NS-Terror und das Sprechen darüber gelernt. Andererseits habe ich lange das vage Bild verinnerlicht, wonach mein Opa nicht nur ein ganz kleines, sondern eben auch ein randständiges und doch eher unbeteiligtes Licht in Hitlers Armee war, weit weg von den Kriegsverbrechen der Wehrmacht und deren Beteiligung am „Holocaust auf freiem Feld“, wie es der Historiker Hannes Heer bezeichnet hat. Mittlerweile ist mir immerhin klar, dass meine Vorstellung vom eher unbeteiligten, randständigen Mitläufer ein typisch deutscher Blick auf den eigenen Opa war.

Die Forschung zeigt, dass die Deutschen mehrheitlich einen verzerrten Blick auf die NS-Zeit haben. Sie ordnen ihre Großeltern viel seltener auf der Täterseite ein als es die Wissenschaft hergibt. So konnte die Uni Bielefeld vor einigen Jahren in einer Studie zeigen, dass nur 17,6 Prozent der Befragten ihre Vorfahren als Täter während des Zweiten Weltkriegs betrachten. Etwa genauso viele hielten ihre Angehörigen für Helfer potenzieller Opfer und mehr als die Hälfte (54 Prozent) für Opfer. Individuell erfahrenes Leid verstellt bis heute den Blick auf die eigene Rolle und Verantwortung im NS-Staat. Und so klafft in der deutschen Erinnerungskultur eine monströse Diskrepanz: Einerseits prägt das rituelle Gedenken mit Reden zum Holocaustgedenktag, Stolpersteinen und Besuchen des Berliner Holocaust-Mahnmals nach wie vor die politische Kultur. Andererseits ist die Beteiligung der eigenen Familie am NS-Terrorregime bis heute ein Tabu mit Millionen blinder Flecken geblieben. Mit anderen Worten: NS-Geschichte darf nicht die eigene Geschichte sein.

Aber nun tut sich ja was. Das US-Nationalarchiv hat die Mitgliederkartei der NSDAP zugänglich gemacht. Zeit und Spiegel haben eigene Module entwickelt. Mit wenigen Klicks kann nun recherchiert werden, ob die Großeltern Mitglieder in der NSDAP waren. Schon nach einem Monat registrierte das US-Nationalarchiv über eine Million Zugriffe. Doch wofür steht der Hype? Machen sich die Deutschen nun endlich – mit jahrzehntelanger Verspätung – daran, sich ihrer ganz persönlichen NS-Geschichte zu stellen? Zweifel sind angebracht. Oder geht es dabei überhaupt nur um die Sensation und ein gemeinsames Erschauern „ohne größere familiäre Kosten“, wie der Publizist Max Czollek kritisiert?

Wichtig ist festzustellen, was eine NSDAP-Mitgliedschaft aussagt und was nicht. Der Historiker Johannes Spohr betont, dass niemand durch unmittelbaren Zwang dazu gebracht wurde, in die Nazi-Partei einzutreten. Auch wenn unter den bis 1945 etwa 8,5 Millionen Parteimitgliedern selbstredend sowohl glühende Nationalsozialisten der ersten Stunde als auch zunehmend Opportunisten waren, ist allein das ein entscheidender Befund: Am Ende war jeder 5. erwachsene Deutsche in der NSDAP. Einer Partei, zu deren Gliederungen auch der Schlägertrupp SA und die massenmordende SS gehörten.

Auch viele von denen, die keine SA-Schläger oder SS-Wachmänner in Konzentrationslagern waren, stützten in Parteigliederungen wie der Hitler-Jugend, der NS-Frauenschaft, in Ortsgruppen der NSDAP oder als Blockwarte das System und halfen dabei, die gesamte Gesellschaft zu indoktrinieren und auch zu kontrollieren. Hinzu kamen gleichgeschaltete, an die Partei angeschlossene Verbände wie Deutsche Arbeitsfront oder NS-Lehrerbund. So wirkte die Partei totalitär in alle Lebensbereiche. Die Mitgliedschaft in der NSDAP belegt demonstrative Zustimmung und aktive, auch finanzielle Unterstützung für das NS-System durch Mitgliedsbeiträge. Mehr erstmal nicht. Umgekehrt betonen Historiker wie Martin Clemens Winter oder Frank Bösch, dass es kein Parteibuch brauchte, um das NS-System zu unterstützen oder in dessen Namen Verbrechen zu begehen: Zu den parteilosen Unterstützern gehörten etwa ranghohe Angehörige von Ministerien und der Wehrmacht. Bösch verweist auf das prominente Beispiel Hans Globkes, den Kommentator der „Nürnberger Rassengesetze“, der später unter Bundeskanzler Konrad Adenauer Karriere als Staatssekretär im Kanzleramt machte. Es wäre fatal, den Grad der Zustimmung, Kollaboration und Mittäterschaft allein am Parteibuch festzumachen.

Bei allen berechtigten Zweifeln könnte die millionenfache Mausklick-Suche nach Nazi-Angehörigen gleichwohl eine Chance sein, einer zunehmend ritualisierten Erinnerungskultur neues Leben einzuhauchen. Wenn die private Neugier ein neues, wahrhaftiges gesellschaftliches Interesse wecken würde. Daran, ob sich die eigene Familie seinerzeit im Zuge der räuberischen „Arisierung“ wie so viele andere ebenfalls jüdisches Eigentum einverleibt hat und wie denn jene Eigentümer in den Besitz von opulenten Gründerzeithäusern kamen, vor denen heute Stolpersteine verlegt sind. Wie dieses oder jenes Familienunternehmen in der NS-Zeit agiert hat, ob man sich etwa wie viele kleinere Betriebe in den 1930er Jahren um Aufträge von Konzentrationslagern bemüht hatte. Oder wer bei der Reichsbahn, ohne deren Waggons und Ressourcen der Holocaust so nicht möglich gewesen wäre, an der Planung der Züge für die Konzentrationslager beteiligt war.  Welche Reichsbahner schickten pro Deportation eine Rechnung ans Reichssicherheitshauptamt– pro Kilometer nahm die Bahn vier Pfennige pro Erwachsenen. Kinder beförderte man für die Hälfte in den Tod. Oder welche Rolle spielten die Feuerwehren am 9. November 1938, als sie jüdische Synagogen und Einrichtungen brennen ließen und nur eingriffen, wenn das Feuer auf „arische“ Häuser überzugreifen drohte. Oder wer waren die schätzungsweise zehn Prozent der Deutschen, die sich an den landesweiten Pogromen aktiv – plündernd, gewaltsam oder applaudierend – beteiligten. Oder, oder.

Um diese blinden Flecken zu füllen, braucht es keine neuen technischen Möglichkeiten, sondern die Bereitschaft, schmerzhafte Fragen zu stellen. Oder, wie es Beate Küpper, Professorin an der Hochschule Niederrhein und langjährige Leiterin der Mitte-Studien mal in einem Gespräch mit dem Autoren sinngemäß ausdrückte: die Bereitschaft, unsere Herzen zu öffnen. Sie war seinerzeit davon überzeugt, dass alle Präventionsmaßnahmen ins Leere laufen müssen, wenn wir in der Erinnerungskultur nicht dahin gehen, wo es wehtut: in die persönlichen Abgründe der deutschen und eben auch der eigenen Geschichte. Das wäre umso wichtiger, weil die letzten Holocaust-Überlebenden nach und nach sterben. Das authentische Bild der Zeitzeugen-Berichte verblasst. Es könnte nunmehr um ein facettenreiches Puzzle der Nachgeborenen von Tätern und Mitläufern ergänzt werden. Wird es so kommen? Eher nicht.

Nicht zufällig ist die Schlussstrich-Partei AfD in aktuellen Umfragen bundesweit stärkste politische Kraft, für die Björn Höcke schon vor Jahren eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ ausgerufen hat. Was im Klartext bedeutet: Die Staatsräson des „Nie wieder“ mit Auschwitz und dem Menschheitsverbrechen des Holocaust als historischem Fixpunkt soll aus dem Weg geräumt werden. Weil das die Voraussetzung dafür ist, den für alle Zeiten diskreditierten völkischen Nationalismus als vermeintlich unbelastete Alternative zur liberalen Demokratie ungestört mehrheitsfähig machen zu können. Dafür will die AfD in die Lehrpläne der Schulen eingreifen. Das Motto lautet: „Mehr Bismarck, weniger Hitler“. Im Klartext: Nationaler Glanz anstelle von Aufklärung.

Der neue Trend privater NS-Recherchen liefert der AfD absurderweise sogar Anknüpfungspunkte für ihren toxischen Geschichtsrevisionismus. Vor einer Weile hat AfD-Chef Tino Chrupalla in einem TV-Talk bestritten, dass jedes NSDAP-Mitglied ein Nazi gewesen sei. Ganz so, als könne man nicht gleichzeitig Nazi und Opportunist sein. Das Kalkül hinter diesem durchschaubaren geschichtsrevisionistischen Trick: Verantwortung und Schuld im NS-Terrorstaat sollen zu einer Frage individueller Verfehlungen verzwergt werden.

Was es bedeutet, wenn man bei der persönlichen Spurensuche wirklich dahin geht, wo es weh tut, hat die Autorin Veronica Frenzel eindrucksvoll vorgemacht. Vor einer Weile durfte ich eine Lesung aus ihrem Buch „In eurem Schatten beginnt mein Tag“ moderieren. Darin beschreibt sie, wie sie zunächst gegen große Widerstände in der eigenen Familie, die Geschichte ihres Großvaters erforschte und herausfand, wie der in der SS Karriere gemacht hatte. Jahrelang hat sie Quellen studiert, Gespräche geführt und sich auch schonungslos selbst befragt. Inwieweit nämlich die nationalsozialistische Ideologie ihrer Großeltern sie selbst geprägt hat, etwa durch die Verinnerlichung rassistischer Stereotype. In der Lesung war spürbar, wie die intensive Auseinandersetzung mit ihrem nationalsozialistischen Familienerbe ihre Gewissheiten und das eigene Selbstbild erschüttert haben.

Frenzel ist davon überzeugt, dass bis heute Kontinuitäten aus der NS-Zeit fortbestehen. Dass etwa die tief verwurzelte Hierarchisierung von Menschen, aus der alle erdenklichen Diskriminierungen erwachsen, ein unaufgearbeitetes NS-Erbe ist, das bis heute nachwirkt. So hat sich die Autorin eingestanden, der eigenen Zwillingsschwester, die mit einer Behinderung zur Welt kam, früher in ihrer Familie  nicht den gleichen Stellenwert wie sich selbst zuerkannt zu haben. In Frenzels Familie hat die historische Spurensuche letztlich also schmerzhaftes, aber auch heilsames Lernen ermöglicht. Ihre wichtigsten Erkenntnisse betreffen weniger die NS-Zeit als die Gegenwart. Es gebe, so die Autorin, eine Diskrepanz zwischen dem, wie wir sein wollen und wie wir wirklich sind. Dieses Eingeständnis könnte ein Anfang sein. Denn Geschichte, die nicht verstanden und sogar verdrängt wird, kann sich wiederholen.

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