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Gebetskreis, Torjubel und Social Media Evangelikale bei der WM

Die Bilder vom Gebetskreis nach dem ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao gingen um die Welt. Zustimmung gibt es von linksliberalen Medien, aber vor allem auch von rechtspopulistischen Kreisen. Doch wer  hinter der Inszenierung steckt, wird nicht erwähnt und eine kritische Einordnung bleibt aus. 

 
FIFA Fussball Weltmeisterschaft 2026, Gruppe E, Spiel 1, Deutschland vs. Curacao (Quelle: picture alliance / Kirchner-Media | Bahho Kara)

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ist in vollem Gange und die Euphorie hat auch hierzulande spätestens nach dem Kantersieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao Einzug gehalten. Einer sorgte während und nach dem Spiel besonders für Aufmerksamkeit: Felix Nmecha war nicht nur maßgeblich an der Top-Performance der Nationalelf beteiligt, sondern stellte seinen Glauben beim Torjubel und nach dem Spiel demonstrativ zur Schau. Nach dem Abpfiff kamen er und Mannschaftskollege Jonathan Tah gemeinsam mit Spielern von Curaçao auf dem Platz zu einem Gebetskreis zusammen – Szenen, die in den Medien und insbesondere in rechtspopulistischen Kreisen auf positive Resonanz stießen.

Julian Reichelt, Chefredakteur des Rechtsaußen-Magazins NiUS, sieht in Nmecha einen „großen Spieler“. Ulf Poschardt sagt kurze Zeit später in der Welt: „Danke, Felix Nmecha!“. Auch in Kreisen der AfD sorgt das Glaubensbekenntnis für Jubelstimmung. Etwa Vanessa Behrendt, Landtagsabgeordnete für die AfD in Niedersachsen, kommentiert Nmechas Aktion mit „Gott schütze dich, Felix“. Der Spiegel schreibt später vom „Gotteskicker“ Nmecha.

Torjubel als Bekenntnis

Ob Poschardt oder Spiegel, der eigentliche Zweck der Glaubensaktion bleibt unerwähnt: Die evangelikalen Plattformen „Ballers in God“ und „Fußball mit Vision e. V.“ nutzten die Bilder von Nmechas Glaubensbekenntnis gezielt für ihre Missionsarbeit auf Social Media. Mit Erfolg: Einige der Posts erreichen bereits nach kurzer Zeit mehrere hunderttausend Likes.  Insgesamt wirkt das vermeintlich spontane Glaubensbekenntnis wie eine abgesprochene Inszenierung. Das bestätigte auch Jonathan Tah in einem Interview mit Magenta TV: „Um ehrlich zu sein: Felix hat mich angesprochen, ob ich Bock hätte.“ Weitere Gebetskreise sind geplant. Die Art und Weise seiner Torjubel hat sich Nmecha nicht selbst ausgedacht; sie stammen von den Communitys, für die er bereits länger aktiv wirbt.

Etwa „Fußball mit Vision e. V.“ hat mit der Initiative „Jesus my Goal“ einen eigenen Torjubel ins Leben gerufen, der ein direktes Bekenntnis zur Community und zum Glauben sein soll. Der Jubel ist simpel und besteht aus vier Handzeichen. Auf der Homepage werben bekannte Gesichter für die Initiative, darunter Chris Führich, Giovanna Hoffmann, Felix Nmecha und Cody Gakpo. Ein ähnliches Projekt ist „The King’s Return“, ein Torjubel, den die Plattform „Ballers in God“ erfunden hat. Beim Jubel sollen die Fußballer*innen eine Geste ausführen, bei der sie eine Krone zu Ehren Gottes Königreich auf den Boden legen.

(Quelle: Screenshot Instagram)

Nach seinem Tor zeigte Felix Nmecha nicht nur den „The King’s Return“-Jubel, sondern auch den „Jesus my Goal“-Jubel. Über Nmechas Nähe zu sowohl „Ballers in God“ als auch „Fußball mit Vision e. V.“ wurde bereits ausgiebig berichtet. „Ballers in God“-Gründer John Bostock pflegt enge Kontakte zu Ben Fitzgerald dem Leiter der Awakening Church, einem Netzwerk mit nachweisbaren Verbindungen zur US-amerikanischen Bethel Church. Außerdem teilte Fitzgerald Nmechas Interview auf Instagram.

Ben Fitzgerald teilt Nmechas Interview nach dem Spiel (Quelle: Screenshot Instagram)

„Fussball mit Vision“, ein eigenständiger Verein, gegründet von SRS e.V.-Mitarbeiter Manuel Bühler, pflegt Kontakte zur Freikirche Köln-Ostheim. Bühler hat gemeinsam mit Pastor Andre Töws das Nachwuchstalent Sima Suso getauft. Suso selbst erklärt, wie die Missionierung verlief: Bühler habe ihn über Social Media kontaktiert und anschließend in die Gemeinde eingeladen. Die Freikirche Köln-Ostheim vertritt ähnlich wie die Awakening Church oder die Bethel Church ein streng fundamentalistisches Bibelverständnis und verbreitet auf ihrem YouTube-Kanal öffentlich homofeindliche Inhalte.

Felix Nmecha selbst bewegt sich seit Jahren in entsprechenden Netzwerken. So besuchte er regelmäßig die „Christus in Düsseldorf“-Gemeinde. Deren Leiter Elvis Boateng verfolgt die Weltmeisterschaftsspiele gemeinsam mit „Ballers in God“-Gründer John Bostock vor Ort in den USA und begleitete Bostock zu einem Event der Awakening Church. Boateng hat sich in der Vergangenheit auf der Plattform X wiederholt queerfeindlich geäußert. So schrieb er 2021: „Du magst mich altmodisch oder traditionell nennen. Ich glaube immer noch daran, dass Mangel an Respekt für ältere Menschen, unehelicher Sex, Ehescheidung, Homosexualität, unangemessene Freizügigkeit falsch sind.“

Szenen, die um die Welt gehen

Die Szenen zum Gebetskreis fanden Resonanz in sehr unterschiedlichen politischen und religiösen Milieus. Neben christlich-konservativen Medien wie IDEA oder Bibel TV berichteten auch rechtspopulistische Portale wie NIUS und Apollo News über den Gebetskreis. Die Junge Freiheit schrieb: „Ungewöhnliche Szene nach dem Abpfiff des deutschen WM-Auftaktspiels. Nationalspieler Felix Nmecha und Jonathan Tah beten auf dem Rasen mit ihren Gegnern. Zuletzt bekam der Dortmunder Ärger, weil er um Charlie Kirk trauerte.“

(Quelle: Screenshot Instagram)

Auch im Umfeld der AfD stießen der Gebetskreis sowie Nmechas Aussagen nach dem Spiel auf Zustimmung. So teilte etwa die AfD-Politikerin Beatrix von Storch entsprechende Beiträge zustimmend: „Es gibt wieder Hoffnung. Weil die Hoffnung einen Namen hat, den Linke ausradieren wollen: Jesus Christus. Und nun steht er in der Mitte unserer deutschen Fußballnationalmannschaft.“ Später teilt Storch auch den Ballers in God-Post.

(Quelle: Screenshot X)

Die Begeisterung kommt nicht von ungefähr. „Ballers in God“-Gründer John Bostock pflegt gute Kontakte zu Ben Fitzgerald, dem Leiter der Awakening Church. Das legen Bilder nahe. Fitzgerald wurde von der Bethel Church nach Deutschland geschickt – einer Organisation, die das sogenannte „Seven Mountain Mandate“ lehrt. Demnach sollen Evangelikale gesellschaftliche Schlüsselbereiche wie Politik, Medien und Sport gezielt durchdringen. Dass dieses Netzwerk politisch wirksam werden kann, zeigt sich in den USA: Evangelikale, darunter Kreise um die Bethel-nahe „New Apostolic Reformation“, gehören zu den Unterstützer*innen Donald Trumps und sollen ihm zum Wahlsieg verholfen haben. Seine Religionsberaterin Paula White leitet bis heute das Büro für Glaubensfragen im Weißen Haus.

Religiöse Einflussnahme im Sport

Zahlreiche Medien und bekannte Persönlichkeiten griffen die Szene beim WM-Spiel als positive Geschichte über Zusammenhalt, Fairplay oder gelebten Glauben auf. Auch seitens des DFB bleibt eine kritische Einordnung aus. Dabei stellt sich die Frage, weshalb organisierte religiöse Kampagnen im Umfeld eines globalen Sportereignisses kaum hinterfragt werden, obwohl ihre Akteure teilweise weitreichende gesellschafts- und kulturpolitische Ziele verfolgen.

Dass einzelne Nationalspieler ihren Glauben öffentlich zeigen, ist dabei nicht das eigentliche Thema. Religiöse Gesten gehören seit Jahrzehnten zum Fußball. Die Frage ist deshalb nicht, ob Fußballer*innen ihren Glauben öffentlich zeigen dürfen, sondern, warum organisierte Missionskampagnen im Umfeld der weltweit größten Sportveranstaltung kaum als solche erkannt werden. Während Medien, Verbände und politische Akteur*innen die Bilder überwiegend positiv aufnahmen, blieben die Netzwerke hinter den Kulissen weitgehend unbeachtet. Dabei zeigen die Verbindungen von „Ballers in God“, „Fußball mit Vision e.V.“ und ähnlichen Initiativen, dass es nicht nur um persönliche Glaubensbekundungen einzelner Spieler handelt, sondern um eine zunehmend professionelle Form religiöser Einflussnahme im Profisport.

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