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Hitlers Stellvertreter

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Im Zentrum der folgenden Ausführungen steht die Mythologisierung des Nationalsozialisten Rudolf Heß im deutschen Rechtsextremismus seit 1987. Nach dem Tod von Heß ist der Mythos Heß zu einem wichtigen Element verschiedener rechtsextremer Agitationsstrategien, zum Symbol des Rechtsextremismus sowie zum Idol für ein jugendliches Publikum gemacht worden. Die geschichtspolitischen Deutungen zielen auf die Evidenz rechtsextremer Aussagen, auf die Stärkung einer kollektiven Identität der rechtsextremen Bewegung und auf die Rekrutierung von jungen Leuten. Die Stilisierung von Heß läßt sich unter verschiedenen Aspekten beobachten. Im Anschluss an eine biographische Skizze werden zentrale Topoi vorgestellt, die in ihren Funktionen an verschiedene Akteure und Adressaten gebunden sind. Neu ist das breite Spektrum der erinnerungspolitischen Medien; insbesondere für Jugendliche wird Heß als Idol präsentiert.

Die historische Figur Rudolf Heß

Der 1894 geborene Heß wurde 1920 Mitglied der NSDAP. Nach dem Hitler-Putsch 1923 wurde er zu Festungshaft verurteilt, die er gemeinsam mit Hitler in Landsberg verbüßte. Während dieser Zeit diktierte ihm Hitler Teile von „Mein Kampf“. Im April 1933 wurde Heß zum „Stellvertreter des Führers“ (StdF) und Leiter der gleichnamigen Parteidienststelle ernannt. Seine Stellvertreterfunktion bezog sich ausschließlich auf Parteiangelegenheiten. Seit Dezember 1933 war er Reichsminister ohne Geschäftsbereich, seit 1935 an der Gesetzgebung beteiligt.

Heß galt im „Dritten Reich“ als „Künder und Mahner“ des Nationalsozialismus. Er steigerte das Führerprinzip zum politischen Messianismus und einer Apotheose Hitlers. „Mit Stolz sehen wir: Einer bleibt von aller Kritik stets ausgeschlossen – das ist der Führer. Das kommt daher, daß jeder fühlt und weiß: Er hatte immer recht, und er wird immer recht haben. In der kritiklosen Treue, in der Hingabe an den Führer, die nach dem Warum im Einzelfalle nicht fragt, in der stillschweigenden Ausführung seiner Befehle, liegt unser aller Nationalsozialismus verankert. Wir glauben daran, daß der Führer einer höheren deutschen Berufung zur Gestaltung deutschen Schicksals folgt! An diesem Glauben gibt es keine Kritik.“ (Zitat Rudolf Heß)

Seine Aufgaben sah er in der Durchsetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung in Partei und Staat. So wirkte seine Dienststelle an der Ernennung von Beamten mit. Heß gehörte zu den paranoiden Antisemiten. Mit seinem Stab war er organisatorisch an den wilden Aktionen der Judenverfolgung und an der rechtsförmigen Ausgestaltung ihrer Diskriminierung und Verfolgung beteiligt. Nach der Besetzung und Aufteilung Polens war der StdF mit der Einführung des Zivil- und Strafrechts in den neu geschaffenen Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland befaßt. Dabei verfolgte seine Dienststelle das Ziel einer möglichst weitgehenden Trennung von Polen und Deutschen sowie die Schaffung eines rassistischen Sonderrechts. Der StdF protestierte mit Erfolg gegen die Einführung des deutschen Strafrechts in den eingegliederten Ostgebieten. Als Resultat des Einspruchs vom November 1940, bei der Festlegung der Strafmittel müsse „die Unempfindlichkeit des Polen gegenüber Gefängnisstrafen in der gegenwärtigen Form beachtet werden“ und deshalb neben der Todesstrafe auch die Prügelstrafe vorgeschlagen hatte, wurde 1941 die Verordnung über die „Strafrechtspflege gegen Polen und Juden in den eingegliederten Ostgebieten“ erlassen. Sie sah unter anderem die Todesstrafe vor, wenn Polen oder Juden eine Gewalttat gegen einen Deutschen „wegen seiner Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum“ begehen. Damit konnte die Ohrfeige für einen deutschen Polizeibeamten mit dem Todesurteil geahndet werden.

Heß wollte und konnte innerhalb des Partei- und Staatsapparates nie eine eigenständige Politik machen, wie es Speer in der Rüstungswirtschaft, Himmler mit dem SS- und Polizeiapparat oder Goebbels in der Propaganda und der Innenpolitik gelang. Anders als es seine heutige Popularität im Rechtsextremismus vermuten läßt, war er eine abhängige, auf Hitler fixierte Figur: „Ich habe nur einen Wunsch: Mich seines Vertrauens würdig zu erweisen!“ (Zitat Rudolf Heß)

Am 10. Mai 1941 flog Heß nach Großbritannien, um zugunsten des „Großdeutschen Reiches“ ein politisches Arrangement zu erzielen. Sein Versuch, die Briten für die Ziele Hitlers zu gewinnen, scheiterte. Das groteske Unvermögen, die britische Politik und ihre Repräsentanten realistisch einzuschätzen, „war ein Beweis mehr für die Unfähigkeit und Ignoranz der nationalsozialistischen Elite, die Welt und die in ihr wirksamen Kräfte aus den unterschiedlichen Interessenlagen und Möglichkeiten heraus zu verstehen.“ Heß wurde inhaftiert und vor dem Internationalen Militärgerichtshof (IMT) in Nürnberg angeklagt. Wegen Verbrechen gegen den Frieden wurde er 1946 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Seit der Entlassung Speers und von Schirachs am 1. Oktober 1966 war Heß im Spandauer Gefängnis der einzige Häftling. Die 1967 gegründete Hilfsgemeinschaft „Freiheit für Rudolf Heß e.V.“ versuchte vergeblich seine Freilassung zu erreichen. 1987 starb Heß eines nicht natürlichen Todes im Alliierten Gefängnis in Berlin-Spandau. Den Alliierten zufolge erlag er den Verletzungen eines Selbstmordversuchs. Sein Sohn bezweifelte diese Darstellung. Er behauptete, Heß sei vom britischen Special Air Service (SAS) ermordet worden. Am 17. März 1988 wurde Heß in Wunsiedel (Fichtelgebirge) im Familiengrab beigesetzt.

Elemente des Heß-Mythos

Die geschichtspolitische Instrumentalisierung der Historie arbeitet mit stilisierten Geschichtsbildern. Am Heß-Mythos der Rechtsextremen lassen sich vier Elemente unterscheiden, die in unterschiedlichen Kombinationen aktualisiert werden. Heß gilt als Opfer alliierter Rachsucht und Willkür, er wird als sogenannter Friedensflieger verehrt und schließlich zum Märtyrer stilisiert. Der vormalige StdF repräsentiert damit eine Geschichtsinterpretation, der zufolge Deutschland ein Opfer fremder Mächte ist. Heß wird überdies als Inkarnation „des Deutschen“ verehrt.

1. Das Opfer der Alliierten

Ein erster Topos besteht in der Darstellung von Heß als Opfer der Briten und der Alliierten insgesamt. Der Parlamentär Heß sei zu Unrecht inhaftiert worden. „Heß hat sich in seinen Verhandlungen mit Vertretern der britischen Regierung als Bevollmächtigter Hitlers in dessen Eigenschaft als Staatsoberhaupt, Reichskanzler und Oberbefehlshaber der Wehrmacht zu erkennen gegeben. Er kam als Parlamentär im Sinne des Artikels 32 der Haager Landkriegsordnung (…).“ Für die Annahme, Heß sei durch Hitler bevollmächtigt worden, gibt es allerdings keine Belege. Hitlers Reaktion spricht vielmehr für die gegenteilige These: Im kleinen Kreis bezichtigte er Heß des Verrats. Gegenüber der Öffentlichkeit wurde in zwei Kommuniques der „Englandflug“ mit dem zerrütteten Geisteszustand von Heß erklärt. Heß galt bereits vor seinem Flug als Sonderling und „kauziger Einzelgänger“, der sich für Astrologie und andere Parawissenschaften stark machte.

Obwohl Heß als feindlicher Pilot zu Recht gefangengehalten wurde, hat die britische Seite der rechtsextremen Lesart zufolge mit seiner Festsetzung gegen geltendes Kriegsvölkerrecht verstoßen. Opfer der Alliierten sei Heß auch gewesen, insofern er vor dem IMT angeklagt und verurteilt wurde. Hier habe nicht Recht, sondern Rache die entscheidende Rolle gespielt, der IMT habe „die Justiz der Sieger“ exekutiert. Schließlich wird die Haftdauer und das Ausbleiben einer Begnadigung als inhumane Tat der britischen und sowjetischen Alliierten gewertet.

Solange Heß noch am Leben und seine Entlassung möglich war, wurde der Opfertopos von dem Verein Hilfsgemeinschaft Rudolf Heß in einer entpolitisierten Variante verbreitet. Das Schwergewicht wurde dabei nicht auf eine Delegitimierung der Alliierten sondern auf das Problem der Einzelhaft eines alten Mannes gelegt. Für eine humanitär begründete Freilassung fanden sich viele prominente Fürsprecher. Zu ihnen gehörten sämtliche Bundesregierungen sowie die Bundespräsidenten Heinemann und von Weizsäcker. Manche Wortführer verbanden allerdings die humanitäre Forderung bereits zu Lebzeiten von Heß mit dem Gedanken einer Nichtanerkennung des IMT. Dies nahm der Historiker Golo Mann zum Anlaß, sich 1986 ausdrücklich von allen politischen Implikationen zu distanzieren und allein eine Freilassung auf dem Gnadenweg zu unterstützen.

2. Der Friedensflieger

Die Entpolitisierung des Handelns und die moralische Aufwertung der Person sind Elemente der rechtsextremen Strategie, die nationalsozialistischen Verbrechen zu neutralisieren und die damalige Politik für eine affirmative Traditionsbildung zu nutzen. „Mit seinem Versuch, den Krieg zwischen zwei großen germanischen Völkern zu beenden (…) hat sich Rudolf Heß trotz der Erfolglosigkeit seiner Mission in der Geschichte des 20. Jahrhunderts einen besonderen Platz erworben.“ (Jürgen Gansel, NPD-Mitglied) Systematisch blendet die Betonung von tatsächlichen oder unterstellten persönlichen Motiven und Tugenden den politischen Kontext und die überindividuellen Zielvorgaben aus. Diese Struktur zeigt sich auch in den aktuellen Interpretationen des sogenannten Englandfluges: Das „Zentralorgan“, ein neonazistisches Blatt, stellte in einer Titelgeschichte den Fall Heß folgendermaßen dar:

“ (…) Im Mai 1941 aber sah es ganz so aus, als würde Deutschland den 2. Weltkrieg gewinnen. Polen und Frankreich waren in Blitzkriegen niedergeworfen worden, die englischen Truppen mußten fluchtartig den Kontinent verlassen. Bis hinauf nach Dänemark und Norwegen konnten die deutschen Truppen alle englischen Anlandeversuche verhindern. Das Deutsche Reich befand sich also militärisch gesehen auf dem Höhepunkt seiner Macht in Europa. (…) Die Situation war also keineswegs erfreulich für die auf ihrer Insel isolierten Engländer. Trotzdem wollte Adolf Hitler eine Beendigung des unnötigen weißen Bruderkrieges, der nur einen hohen Blutzoll gemeinsamen Blutes bedeuten würde. (…) Der Reichsführung war bewußt, daß eine große Gefahr für alle Völker Europas an der Ostgrenze des Reiches lauerte und sich zum großen Schlag rüstete. Es galt den Weltbolschewismus niederzuhalten und bestenfalls zu zerschlagen. Ein Ausbluten im Westen hätte für alle freien Völker fatale Folgen gehabt.“

Um Churchill zu einem Einlenken zu veranlassen, so diese Darstellung weiter, musste „ein sichtbares Zeichen“ gesetzt werden, „dass [sic!] die englischen Machthaber nicht einfach vor der Öffentlichkeit verbergen konnten und welches ein großes Entgegenkommen von seiten der Reichsregierung bedeuten würde. Der Reichskanzler beschloss, seinen Stellvertreter als Abgesandten und Friedensboten zu schicken!“ Heß habe für die britische Regierung einen umfassenden Friedensplan mitgeführt, der seit Mai 1941 von der britischen Regierung unter Verschluss gehalten werde. Die Verwirklichung dieses Plans hätte auch die Gewaltverbrechen an den europäischen Juden verhindert: „Es soll auch einen weitreichenden Lösungsvorschlag bezüglich der europäischen Juden gegeben haben, der bei einem Friedensschluss das Überleben der vielen hunderttausend Juden in deutscher Obhut sichergestellt hätte.“

Trotz aller Geschichtsklitterung geht aus den Zitaten hervor, daß es Heß keineswegs um den Frieden schlechthin gegangen ist. An den Vorbereitungen des „Anschlusses“ von Österreich, der Zerschlagung der Tschechoslowakei und des Angriffs auf Polen war er aktiv beteiligt und vom „Unternehmen Barbarossa“, dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wusste er seit August 1940. Nachdem Hitler am 30. April 1941 den konkreten Angriffstermin festgelegt hatte, drängte die Zeit: Heß fürchtete den Zweifrontenkrieg. Allerdings bestand für ihn – wie für den heutigen Rechtsextremismus – zwischen dem Krieg gegen Großbritannien und dem Weltanschauungskrieg gegen die UdSSR ein kategorialer Unterschied: England galt als ein sogenanntes Brudervolk während sich hinter der bolschewistischen UdSSR letztlich die vermeintliche jüdische Weltverschwörung verbarg.

Das Motiv von Heß war damit nicht ein prinzipieller Friedenswunsch, sondern seine Einschätzung der aktuellen Kriegslage: eine Weiterführung des Krieges mit Großbritannien sei „selbstmörderisch für die weiße Rasse“ ließ er seinen Vertrauten Albrecht Haushofer wissen. Heß wollte nicht „den? Frieden schlechthin, er wollte seinem „Führer“ den Rücken für den antibolschewistischen Weltanschauungskrieg freihalten. Der „arische“ Frieden – so versteht dies heute die Musikgruppe „No Remorse“ – ist der Kampf gegen „die rote Gefahr“: „The peace that Rudolf Heß wanted to achieve / the peace between England and Germany / it was his true and strong belief / after 46 years he dies in jail – he knew we never failed. We are the same race, we have the same faith (…) we fight the red peril, we are strong enough.“

Der „Englandflug“ von Heß war eine randständige Episode des Zweiten Weltkriegs; in rechtsextremen Publikationen wird er hingegen zu einem möglichen Wendepunkt europäischer Geschichte im 20. Jahrhundert stilisiert. Der Charakter dieser Bewertung zeigt sich nicht zuletzt in der projektiven Wunscherfüllung, ein Gelingen des „Englandfluges“ hätte die deutschen Verbrechen an den Juden verhindert.

3. Der Märtyrer

Nachdem Heß an seinem letzten Verhandlungstag in Nürnberg (31.8.1946) nicht die Zeit eingeräumt wurde, in seinem Schlusswort weit ausholende Verschwörungstheorien zu entwickeln, brach er ab und beließ es bei einem letzten Bekenntnis:
„Es war mir vergönnt, viele Jahre meines Lebens unter dem größten Sohne zu wirken, den mein Volk in seiner tausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat. Selbst wenn ich es könnte, wollte ich diese Zeit nicht auslöschen aus meinem Dasein. Ich bin glücklich zu wissen, daß ich meine Pflicht getan habe meinem Volk gegenüber, meine Pflicht als Deutscher, als Nationalsozialist, als treuer Gefolgsmann meines Führers. Ich bereue nichts. Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln, wie ich handelte, auch wenn ich wüßte, daß am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt. Gleichgültig, was Menschen tun, dereinst stehe ich vor dem Richterstuhl des Ewigen. Ihm werde ich mich verantworten, und ich weiß, er spricht mich frei.“

Das Schlusswort von Heß gilt in rechtsextremen Medien als Beweis einer Unbeugsamkeit und Treue: „Ich will mich stumm vor diesem Greis verneigen, / der unbeirrt zu seinem Worte stand. / Wahrhaftigkeit und Treue war ihm eigen. / Er gab sein Leben für das Vaterland“. Von „bewegender Standhaftigkeit und Furchtlosigkeit künden die Worte“ im Urteil der NPD-Bundeszeitung „Deutsche Stimme“; „jene Worte der Treue“ ließen ihn „zu unserem unsterblichen Vorbild der Treue“ werden, heißt es im „Zentralorgan“. Häufig wird das ganze Bekenntnis oder der Satz „Ich bereue nichts“ abgedruckt.

Heß war vom Abend des 10. Juni 1941 bis zu seinem Tod am 17. August 1987 inhaftiert. Entscheidende Schritte zu einer Haftverkürzung wurden von Heß selbst unterlassen: Er weigerte sich, den IMT (Internationalen Militärgerichtshof) anzuerkennen. Auch von vertrauten Gesprächspartnern wie dem Gefängnisgeistlichen Charles Gabel war er nicht dazu zu bewegen, sich selbstkritisch über seine Rolle im Nazi-Regime zu äußern. In Briefen an seine Familie vom Oktober und November 1966 schrieb Heß: „Meine Ehre steht mir höher als meine Freiheit!“ und: „Die historische Forschung dermaleinst kann keinen Zweifel haben, daß ich auch nur den Gedanken an Bitte um Gnade bedingungslos von mir gewiesen habe.“ Sein Rechtsanwalt setzte ebenfalls auf die maximalistische Strategie einer Delegitimierung des IMT. Dem folgte teilweise auch die Hilfsgemeinschaft. Diese Strategie enthielt ersichtlich zu viel politischen Sprengstoff, um wirklich aufzugehen. Die UdSSR weigerte sich stets, Heß freizulassen.

Ob Heß willentlich an seiner eigenen Stilisierung gearbeitet hat, ob er seinem nationalsozialistischen Glauben tatsächlich treu geblieben ist oder ob er schlicht in Starrsinn verharrte, muß offen bleiben. An die Ergebnisse seines Verhaltens konnte die Mythologisierung jedenfalls anknüpfen: „Seht Ihr den Mann am Fenster nicht, / der nie ein Wort der Klage spricht, / unbeugsam und mit starkem Herz / erträgt er so manchen Schmerz. / [Refrain:] „Alter Mann, alter Mann, alter Mann von Spandau … .“ (Noie Werte: Geheuchelte Humanität).
Die lange Haft von Heß, sein Tod im Gefängnis und eine geringe Bereitschaft der Alliierten, die Todesumstände umgehend und vollständig aufzuklären werden zu der Mordthese zugespitzt. In Büchern, Fanzines und Flugblättern ist deshalb zu lesen „Als seine Freilassung bevorstand, wurde Rudolf Heß vom britischen Geheimdienst in Berlin-Spandau ermordet!“ Die Parole „Es war Mord“ formuliert diese Behauptung aggressiver. „46 Jahre warst du im Knast / Es ist unglaublich, was du ertragen hast / Dein halbes Leben haben sie dir geraubt / Doch bis zum Schluß hast du an Deutschland geglaubt / Du bliebst immer treu, kanntest keinen Verrat / Drum wartet auf dich diese feige Tat / Für diese Welt warst Du viel zu gut / Nur deshalb floß Dein Blut. [Refrain:] In einer dunklen Nacht [sic!] haben sie dich umgebracht / Ein Märtyrer bist du, / im Grabe fandest du endlich deine Ruh‘.“ (Noie Werte: Rudolf Heß)

4. Heß, ?der Deutsche?

„Rudolf Heß ist ein Symbol der besiegten Deutschen, seine Haft ging ein als ein Symbol der deutschen Niederlage und der alliierten Herrschaft über das 1945 besiegte Deutschland.“ Heß steht für das rechtsextreme Bild der deutschen Geschichte. Dieser Deutung zufolge ist Deutschland seit langem das Opfer von missgünstigen und feindlichen Mächten: Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem militärisch-politischen Ende des Deutschen Reiches hätten die „Feindmächte“ ihren alten Kampf gegen Deutschland nicht beendet, sondern als psychologisch-moralischen Krieg fortgesetzt. Zu der militärischen und materiellen habe die ideelle Niederlage treten sollen. Deutschland, der besiegte Feind, sollte überdies als moralischer Schuft gebrandmarkt werden. „Zu den hervorragenden Symbolen dieser Kriegführung mitten im Frieden gehört ein Rudolf Heß mit seiner ewigen Buße für eine Tat, die den Friedensnobelpreis verdienen würde, wenn dieser nicht durch seine bisherigen Träger weitgehend entwertet wäre.“

Mit dem provokativen Gedanken, Heß für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, wurde unter Rechtsextremen oft gespielt. In der individuellen politischen Biographie von Heß verkörpert sich – in der Sicht rechtsextremer Interpretationen – das kollektive Opferschicksal Deutschlands im vergangenen Jahrhundert ebenso wie ein kompromißloser Widerstandswille gegen die Niederwerfung „des Deutschen“. Mit der Zuschreibung einer nationalhistorischen Bedeutung wird Heß zum Repräsentanten der ganzen Nation verklärt: Er personifiziere die „deutsche Wertigkeit“ und repräsentiere ein „lichtvolles Deutschtum“. Damit erscheint er als Träger der Tugenden, die sich die Deutschen in der Konstruktion ihres Nationalcharakters zugeschrieben hatten, insbesondere der Treue.

Im „Lied der Deutschen“ von 1841 war die „deutsche Treue“ noch ein Kulturgut neben Weib, Wein und Gesang. Doch wurde sie im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend politisch sakralisiert. Eines der wichtigsten patriotischen Lieder am Ende des 19. Jahrhunderts war Ludwig Bauers „O Deutschland hoch in Ehren, Du heil’ges Land der Treu“. Zum Langemarck-Mythos gehört das Deutschlandlied auf den Lippen der Freiwilligen; anderenorts hätten „die feldgrauen Regimenter??O Deutschland hoch in Ehren“ gesungen. Werner Sombart zählte die Treue bekanntlich zu den heroischen Tugenden der Deutschen, die er den von den „Händlern“ reklamierten Rechten kontrastiert. „Meine Ehre heißt Treue“, der Wahlspruch der SS, machte die Treue zum Kern der Selbst- und Fremdachtung.

Kulturkritisch an die „Undeutschen“ unter den Deutschen gewandt, wird Heß zu einem neuen Nationalsymbol stilisiert: Junge Nationaldemokraten 1998: „Sein Platz in der Ruhmeshalle der deutschen Geschichte ist ihm sicher.“

In der Manier des 19. Jahrhunderts und seiner nationalen Identitätssymbole wird Heß zu einer Inkarnation des deutschen Menschen erhoben. Bei Treitschke verehrt „unser gesamtes Volk in Martin Luther seinen Helden und Lehrer“ und Goethes „Faust“ erschien „wie ein symbolisches Bild der vaterländischen Geschichte“. Der anachronistische Eindruck solcher kollektiven Selbstvergewisserungen erinnert daran, dass Nationalhelden dieses Typus heute tatsächlich nur in einer randständigen Subkultur der offenen Gesellschaft anerkannt werden. Die Münzen mit dem Porträt von Heß werden nur als Spielgeld geprägt.

Akteure und Strategien

Die ideologische Substanz des Rechtsextremismus im ganzen ist gekennzeichnet durch einen weltanschaulichen, ideologischen und politischen Primat bestimmter Konzepte von „Natur“ und „Volk“. Der konventionelle oder parteiförmige Rechtsextremismus verfolgt nationalistische Ziele, setzt auf den parlamentarischen Weg der politischen Veränderung und spricht überwiegend etablierte Bürger an. Zu dieser Gruppe gehören die Deutsche Volksunion (DVU) und die sogenannten Republikaner (REP), zu den bekannteren Publikationen die „National-Zeitung“, „Nation & Europa“ und die „Junge Freiheit?.

Der radikale oder bewegungsförmige Rechtsextremismus bezieht sich in seinen Zielen und Argumenten affirmativ auf den historischen Nationalsozialismus und ergänzt den parlamentarischen Weg durch Mittel, die charakteristisch für soziale Bewegungen sind; auch bei der Wahl seiner Adressaten spielen rebellische und antibürgerliche Elemente eine wichtige Rolle. Die rechtsextreme Jugendkultur ist deshalb die wichtigste Zielgruppe. Die NPD und die Freien Kameradschaften sowie eine Reihe „nationaler Aktivisten“, das heißt neonazistischer Führerpersönlichkeiten, die sich durch eine lange Szenekarriere legitimieren, sind fester Bestandteil dieser zweiten Gruppe. Zu den einschlägigen Periodika gehören die von der NPD verantworteten Zeitungen auf Bundes- und Landesebene, sowie ein Großteil der sogenannten Fanzines der rechtsextremen Jugendkultur.

Heß als Opfer der Alliierten und „der Friedensflieger“ sind die thematischen Motive, die sich sowohl bei den konventionellen wie bei den radikalen Rechtsextremisten finden. Die Topoi von Heß als Märtyrer und Heß als Inkarnation des deutschen Menschen sind weitgehend auf das radikalere Spektrum beschränkt.
Der konventionelle Rechtsextremismus ist in seinen geschichtspolitischen Argumentationsstrategien negativ auf eine Kritik vermeintlich einseitiger Darstellung der nationalen Historie fixiert. In seinen Publikationen zeigt sich die Opposition zur Mehrheitsmeinung an der Vielzahl der Beiträge, die als Richtigstellungen, Widerlegungen und Enthüllungen angeblich verschwiegener und verzerrter Tatsachen angelegt sind. In diesem Kontext stützt „Heß als Opfer“ eine alte These: die Alliierten hätten ihren Kampf gegen das Deutsche Reich zwar unter Berufung auf universelle Ziele geführt, tatsächlich aber seien sie nur partikularen, eben nationalen Interessen gefolgt. Damit aber seien sie den Deutschen nicht moralisch, sondern nur militärisch überlegen gewesen. Die lange Haftzeit von Heß wird in der gleichen Weise als moralische Delegitimierung der Alliierten interpretiert.

Im radikalen Rechtsextremismus wird dieses Motiv in anderer Weise genutzt: Während der Bezug des konventionellen Rechtsextremismus auf die NS-Zeit zwischen einer traditionsfähigen Wehrmacht und den diskreditierten Nazis unterscheidet, zieht der radikalere Flügel die Grenze zwischen idealistischen und korrupten Nationalsozialisten. Heß gehört in dieser Traditionsbildung (ebenso wie Gregor und Otto Strasser) zu den „Idealisten“. Sein „Englandflug“ kann damit als Beleg für das prinzipiell zustimmungswürdige Ziel des Friedens gewertet werden.

Anders als das bloße Opfer repräsentiert der Märtyrer auch ein eigenes Wollen, sei es ein politisches Ziel oder eine weltanschauliche Idee. Eine Verehrung als Märtyrer ist von daher immer zweifach ausgerichtet: Neben der persönlichen Standhaftigkeit, mit der er alle Leiden erträgt, werden auch die vom Märtyrer vertretenen Ideale gewürdigt. Heß war sein Leben lang Nationalsozialist und treuer Gefolgsmann Hitlers. Eine Verehrung von Heß als Märtyrer ist damit objektiv eine Zustimmung zur nationalsozialistischen Ideologie und zur verbrecherischen Praxis des NS-Regimes. Heß wird allerdings selten so ausdrücklich als Repräsentant nationalsozialistischer Ideen angesprochen, wie dies Wolfgang Juchem („Aktion freies Deutschland“) beim Rudolf-Heß-Gedenkmarsch 1992 in Rudolstadt (Thüringen) tat, als der den westlichen Alliierten eine Zerstörung Europas vorwarf, „nur um diese neue Weltanschauung, die nationalsozialistische Weltanschauung, zu zerstören.“ In aller Regel bleibt dieser Bezug unausgesprochen oder wird auf einen Ersatzwert umgelenkt. Heß gilt dann als derjenige, der an den Frieden geglaubt und der diesen Glauben auch in 46 Jahren Einzelhaft nicht aufgegeben habe.

Die Beanspruchung von Heß als Inkarnation des deutschen Menschen schließlich ist die konsequente Verbindung der formellen Aspekte des Märtyrerstatus, also der Treue mit der Selbststilisierung rechtsextremer Akteure. Die Selbstbezeichung als „Freiheitliche“ oder einfach als „Deutsche“ hat hier ihren Grund. Solche Selbstbenennungen sind darauf ausgerichtet, ihre minimale politische Bedeutung und ihre schlechte Reputation in der Öffentlichkeit zu neutralisieren. Dies geschieht durch Bezeichnungen, mit denen sie ihre Sekten zur allgemeinen und einzigen Kirche erklären oder anders gesagt: indem sie ihren extremen politischen Partikularismus semantisch als allgemeines nationales Selbstverständnis umdeuten.

Die vier dargestellten Topoi der Heß-Mythologisierung werden von den beiden großen Gruppen im deutschen Rechtsextremismus für unterschiedliche Ziele genutzt. Ungeachtet der unterschiedlichen Akzentsetzungen versuchen beide Fraktionen, die Zahl der Anhänger ihrer Geschichtsinterpretation zu vergrößern. Das unmittelbare Material ihrer Deutung sind die individuellen Taten und die Person von Rudolf Heß, der allgemeine Gehalt dieser Geschichtspolitik weist jedoch weit über Heß hinaus. „Heß als Opfer der Alliierten“ und „Heß als Friedensflieger“ werden vom parteiförmigen Rechtsextremismus für eine Delegitimierung der Alliierten und eine Traditionsbildung genutzt, die affirmativ an vermeintlich guten Seiten des Nationalsozialismus anschließt. Im bewegungsförmigen Rechtsextremismus finden sich darüberhinaus mit „Heß als Märtyrer“ und „Heß als Deutscher“ zwei Geschichtsbilder, mit denen latent neonazistische Inhalte in maskierter Form präsentiert werden können.

Die historische Person Heß kann aufgrund ihrer biographischen Ambivalenzen als Kristallisationskern dieser Mythologisierung dienen. In der politischen Biographie von Heß dokumentiert sich die Einheit von formeller Macht bei weitgehender Ohnmacht, von persönlichem Mut bei unglaublicher Einfalt und schließlich von individueller Konsequenz und einem weitgehend fremdbestimmten Haftschicksal. An das Leben dieser tragischen Gestalt lassen sich Heroisierungs- wie Opferschemata gleichermaßen anschließen. Diese Doppelstruktur ermöglicht es, jeweils eine Seite zu betonen, während die andere unthematisiert aber latent präsent bleibt. Die historische Figur Heß erlaubt wie keine zweite aus dem inneren Kreis der NSDAP ein strategisches quid pro quo: Er wird als Held und Opfer gleichermaßen präsentiert: Held als Opfer und Opfer als Held.

Medien und Formen der Heß-Mythologisierung

Die Mythologisierung von Heß dokumentiert sich in einer einzigartigen Medien- und Motivvielfalt. Kein anderer NS-Politiker und kein Angehöriger der Wehrmacht wird in dieser Weise verehrt. Im folgenden werden einige dieser Präsentationsformen vorgestellt. Heß ist in Publikationen aus traditionellen rechtsextremen Verlagen, vor allem aber im Bewegungs- und Neonazispektrum des Rechtsextremismus präsent. Vertrieben werden Tonkassetten, Porträtpostkarten oder ein Porträt auf der schwarz-weiß-roten Reichsflagge mit der Unterschrift „Rudolf Hess lebt!“. Das Konterfei von Heß findet sich auf Kaffeebechern und Mouse-Pads. Schließlich finden sich T-Shirts, Kapuzen-Pullover oder andere Oberbekleidung mit Heß-Aufdruck (etwa: „Rudolf Hess – Märtyrer des Friedens“, „Rudolf Hess – 46 Jahre Haft“, „Ich bereue nichts“) in den Katalogen der einschlägigen Versandhandlungen.

Im Multimediabereich ist die Weihnachtsansprache von Heß aus dem Jahre 1936 als CD erhältlich – „umrahmt von weihnachtlichen Liedern und festlichem Glockengeläut des Berliner und Salzburger Doms sowie der Marienkirche zu Danzig“. Zudem werden die Schlussworte von Heß im Nürnberger Prozeß in vielfältigen Aufmachungen offeriert: Die Heß-Sondernummer der Zeitschrift „Nation Europa“ bieten sie als Wandspruch an, der Verlag der Deutschen Stimme hat sie als sog. „Ehrentafel“ aus massivem Messing im Sortiment, an anderer Stelle findet man sie als Postkarte.

Rudolf Heß ist weiterhin die im Rechtsrock am häufigsten besungene Person. Im Lied „Rudolf Heß“ auf der CD „Ein neuer Wind“ der Gruppe „Notwehr“ gelobt man dem „Märtyrer des Friedens“: „Rudolf Heß, wir vergessen dich nicht!“ Andere Titel schlagen ebenfalls den heroischen Ton an, mit dem die persönliche Beglaubigung eines geschichtlichen Auftrags gewürdigt wird. Der Versandhandel der NPD bietet einen älteren Video-Film an, der mit seinen idealisierenden Schlußsentenzen den Mythos vom treuen Deutschen unterstützt.

Die multimediale Präsenz von Heß in der Propaganda rechtsextremer Gruppierungen dokumentiert sich darüberhinaus auch in der Existenz kleiner, doppelseitig bedruckter Flugzettel oder sog. „Spuckis“, also einseitig bedruckter Aufkleber in Formaten zwischen DIN A 7 und DIN A 6. Ein Beispiel: Auf der Vorderseite ist neben einem Porträt von Heß in Frakturbuchstaben zu lesen: „Rudolf Hess – Märtyrer des Friedens!“ und auf der Rückseite: „Rudolf Hess flog am 10. Mai 1941 als Parlamentär nach England, um den 2. Weltkrieg zu beenden. Folge: Folterhäftling in Spandau bis zu seinem ?ungeklärten? Tod am 17. August 1987!!!“

Heß, so lassen sich die Stichproben aus dem Versandhandel der rechtsextremen Opposition zusammenfassen, wird für verschiedene Nutzergruppen angeboten. Er findet sich auf T-Shirts und Ansteckern, also Medien speziell der jungen Generation, ebenso wie er Gegenstand von umfangreichen Buchdarstellungen ist. Wer nicht oder nicht mehr lesen will, kann sich eine Tonkassette von David Irving oder Hymnen auf Rudolf Heß anhören. Technisch gesprochen ist es gelungen, das Produkt Heß multimedial und für verschiedene Altersgruppen zu vermarkten.

Heß ist das einzige bekennende Mitglied der NS-Führung mit einer lokalisierbaren Grabstätte: Die in Nürnberg hingerichteten NS-Führer wurden 1946 eingeäschert und ihre Überreste in einen Bach bei München gestreut. Das Heß-Grab wurde zu einem politischen Gedenkort und Ziel neonazistischer Wallfahrten, den Rudolf-Heß-Gedenkmärschen. Von 1988 bis 1990 fanden die ersten drei angemeldeten Gedenkmärsche in Wunsiedel statt. Zwischen 1991 und 2000 wurden sie durch die Gemeinde verboten. Die Neonazis wichen daraufhin in andere Orte wie Rudolstadt (1992), Fulda (1993), Luxemburg (1994) sowie Schneverdingen und Roskilde in Dänemark (1995) aus. In den Folgejahren wurde die Tradition der Märsche durch eine Vielzahl dezentraler Demonstrationen mit kleinen Teilnehmerzahlen fortgeführt.

2001 hob der Bayerische Verwaltungsgerichtshof das vom Landratsamt erlassene Demonstrationsverbot in Wunsiedel auf. Die Rechtsextremen sprachen von einem „sensationellen juristischen Erfolg“ und zogen erneut mit rd. 900 Teilnehmern durch die kleine oberfränkische Gemeinde. Im Jahr 2002 wurden die vom Landkreis erlassenen Verbote erneut vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof aufgehoben. Anders als in den Vorjahren kam jedoch in diesem Jahr auf Initiative des Bürgermeisters von Wunsiedel erstmals ein breites Bürgerbündnis gegen den Aufmarsch zustande.

Die Rudolf-Heß-Gedenkmärsche sind mittlerweile eine feste Institution, die frühzeitig und bundesweit geplant werden. Sie sind Schauplatz einer Selbstpräsentation der neonazistischen Szene und der Popularisierung ihrer Geschichtsdeutungen.

Heß als Symbol und als Idol

Die multimediale Präsentation von Heß popularisiert die vier mythologischen Topoi. Doch Heß steht nicht nur für eine rechtsextreme Sicht auf die deutsche Geschichte. Als Folge seiner Popularität in der rechtsextremen Szene ist der Mythos Heß selbst mittlerweile zu einem repräsentativen Symbol für diese Szene geworden. Das Porträt von Heß und sein nationalsozialistisches Bekenntnis in Nürnberg stehen für den neonazistischen Rechtsextremismus: Die geschichtspolitische Interpretation hat die historische Figur mittlerweile vollständig vereinnahmt. Diese Entwicklung schlägt sich in der aktuellen juristischen Diskussion nieder, das Porträt von Heß den strafrechtlich verbotenen Symbolen des historischen Nationalsozialismus gleichzustellen.

Im Bewegungsspektrum des Rechtsextremismus stößt man auf etliche jugendspezifische Formen der Heß-Mythologisierung; dazu gehören die T-Shirts mit Heß-Porträts oder die vielen Musiktitel, die ihm gewidmet sind. In der beobachteten Breite und Vielfalt des Angebots ist dies eine neue Entwicklung. An der Popularisierung einzelner Topoi des Heß-Mythos im Jugendbereich läßt sich ein weiteres Ziel rechtsextremer Geschichtspolitik beschreiben: Heß wird als Idol für Jugendliche präsentiert. „Mit Rudolf Heß“, so singt der nationale Barde Frank Rennicke, „ist uns ein Held geboren, / er ist uns Lehrer, Vorbild und Garant! / Die deutsche Jugend sollt‘ alles von ihm hören, / damit Wahrheit und Lüge leicht erkannt!“.

Charakteristisch für diese altersgruppenspezifische politische Werbung ist die auf Schlagworte verkürzte Idealisierung und Mystifizierung von Heß. Dabei dominieren die beiden identifikationsfähigen Topoi des Friedensfliegers und des Märtyrers: Heß wagt im Alleingang eine idealistisch motivierte Mission. Für die gute Sache des Friedens sei er ein erhebliches persönliches Risiko eingegangen. Später sei er für sein Engagement verurteilt worden, seiner Sache aber treu geblieben und „im Kerker“ feige ermordet worden. Zu den mythischen kommen mysteriöse Elemente: Das vermeintliche Geheimnis um den „Englandflug“ und die nicht vollständig geklärten Todesumstände werden zu Ingredienzien einer Geschichte, die Spannung, Spekulationsmöglichkeiten und Verschwörungstheorien eröffnet.

Diese Aspekte kommen gerade bei jungen Männern Bedürfnissen und Problemen des Heranwachsens entgegen: Risikofreude, Idealismus, Mut und Standhaftigkeit sind Eigenschaften, die für viele attraktiv sind. Auf das jugendgemäße Image von Heß kann eine spätere Ideologisierung aufbauen. Aus Berichten von Pädagogen geht hervor, dass Heß-T-Shirts nicht lediglich bei den Gedenkmärschen getragen werden, sondern durchaus zum Schulalltag gehören. Offensichtlich nehmen Jugendliche auch an speziellen Schulungen zu Heß teil, wie sie etwa in Berlin unter konspirativen Umständen von der Berliner Kulturgemeinschaft Preußen durchgeführt werden.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten? von Claudia Fröhlich und Horst-Alfred Heinrich (Franz Steiner 2004)

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