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Jüdisches Leben Eine Synagoge die nicht Synagoge sein darf

Zu den wenigen Synagogen in Deutschland, die die Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 überlebten, zählt jene von Görlitz. Der dortigen Feuerwehr gelang es damals, das Feuer, das die Nazis gelegt hatten, zu löschen, und den Jugendstilbau mit seinem markanten Kuppelturm zu erhalten. Die Deportation der Görlitzer Juden in den Folgejahren der Nazidiktatur wurde jedoch nicht verhindert. Infolge starb das Gemeindeleben aus. Jetzt soll es wieder entstehen – aber mit vielsagenden Hindernissen.

 
Synagoge Görlitz; www.mut-gegen-rechte-gewalt.de / hkulick

Zu DDR-Zeiten wurde der Bau von der Jüdischen Gemeinde in Dresden erworben und verfiel. Nur eine Erinnerungstafel aus Bronze wurde angebracht. Die „Jewish Claims Conference“, die jüdische Opfer des Nationalsozialismus vertritt, verzichtete in den 90-er Jahren gegen Entschädigungszahlungen darauf, Ansprüche auf die Synagoge geltend zu machen.

Nach der Wende wurde die ehemalige Synagoge auf Beschluss des Görlitzer Stadtrats aus dem Jahr 1991 schrittweise saniert. Die Sanierungsarbeiten blieben allerdings unvollständig. Ein „Förderkreis Görlitzer Synagoge e.V“ regte die Errichtung eines Kulturforums für Veranstaltungen unterschiedlichster Art an. Dabei sollten diese vier Themenkreise Mittelpunkt sein: Judentum in Geschichte und Gegenwart – Toleranz und Zivilcourage,  Verfemte Musik, Literatur, Kunst sowie  Traditionen und Perspektiven in Mitteleuropa“. Eine schlagzeilenträchtige Veranstaltung gab es auch – eine Preisverleihung an Joschka Fischer.

Die Schatzmmeisterin des Vereins ging dann noch  einen Schritt weiter. Sie regte die Gründung einer neuen jüdischen Gemeinde in Görlitz an. Doch darum entwickelte sich ein zäher Streit mit dem Landesrabbiner, weil dessen Ansicht nach zu wenige Juden in Görlitz lebten.

Wellen bis nach Israel

Indessen wurde von der Stadt mit Mitteln des Denkmalschutzes weitersaniert. Erstes Etappenziel: Das Erdgeschoss symbolisch am kommenden 9. November 2008 wieder einzuweihen – aber nicht als Synagoge, sondern als Veranstaltungssaal mit 230 Plätzen. Zumindest „vorläufig“ soll das so sein, betonte der parteilose Oberbürgermeister auf Anfragen, die Stadt allein solle auch verantwortlich für die Raumvermietung werden. Das hat jedoch heftigen Streit entfacht, der  Wellen bis nach Israel schlug. Dort nahm sich sogar die renommierte Jerusalem Post des Falles an und titelte „Deutsche Stadt lehnt Kristallnacht-Veranstaltung ab“.

Diese Zuspitzung stimmte zwar nicht ganz, denn gestritten wird nur um die religiöse Nutzung. Aber das wiegt in der Tat schwer. Der Hintergrund: Der Verein „Jüdische Gemeinde Görlitz“ wollte erstmals mit einer eigenen Feier in der Synagoge der Opfer der Pogromnacht von 1938 gedenken. Dazu sollte die Thorarolle der Jüdischen Gemeinde Dresden in das ehemalige Gotteshaus getragen werden. Das lehnte die Görlitzer Stadtverwaltung jedoch ab, weil sie offenbar befürchtete, die Synagoge könnte durch einen solchen religiösen Akt geweiht und für öffentliche Veranstaltungen unzugänglich werden. Die Folge war ein hartes Ringen vor und hinter den Kulissen. Aus dem Rathaus wurde Misstrauen laut gemacht, wie viel Angehörige Görlitz‘ jüdische Gemeinde inzwischen eigentlich habe und die Förderer neuen Gemeindelebens hielten der Stadt vor, „jeder Versuch, jüdisches Leben in Görlitz neu entstehen zu lassen, abzuwenden“.

Kompromiss

Inmitten allen – durchaus peinlich anmutenden Streits – ist für kommenden Sonntag nun offenbar ein Kompromiss herausgekommen, der die Ansprüche auf beiden Seiten offen hält:

So werde es neben einer ökumenischen Gedenkveranstaltung am Abend nachmittags auch ein eigenes Programm des Förderkreises und der jüdischen Gemeinde in der Synagoge geben. Aber ohne Thorarolle. Auch dürfe die Jüdische Gemeinde nicht mit auf der Einladung zum Gedenktag stehen, heißt es in einem ddp-Bericht. Und auch das Anbieten jüdischer Speisen bei der Feier sei untersagt worden. Das also versteht man in Görlitz unter der Wiederweinweihung einer jüdischen Synagoge.

Die wiederentstehende Jüdische Gemeinde von Görlitz hat eingeschüchtert durch die Rathausbürokratie noch mehr Ansprüche reduziert:  Man wolle doch einfach nur „gern an bestimmten Tagen Gottesdienste feiern“, wird der Vorsitzende Alex Jacobowitz in der Lokalpresse zitiert. Weitergehende Ansprüche stelle die Gemeinde mit ihren 28 Mitgliedern nicht.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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