Wir sprachen mit dem Regionalzentrum für demokratische Kultur Westmecklenburg über rechtsextreme Jugendgruppen, die Landtagswahlen 2026 und den Zustand der Zivilgesellschaft.
Belltower.News: Was war 2025 besonders prägnant?
RAA: In Mecklenburg-Vorpommern haben wir eine starke und raumnehmende AfD. Besonders präsent ist sie im Landtag und in den sozialen Netzwerken, aber auch im öffentlichen Raum. Sie hat es zu ihrer Strategie gemacht, auch abseits der Landrats- und Kommunalwahlen in diesem Jahr Bürgerdialoge abzuhalten und Anzeigen in lokalen Zeitungen zu schalten. Die Strategie ist klar: Auf aktuelle Themen aufspringen, eigene Akzente setzen und sich mit breiter Brust, gestärkt durch Umfrageergebnisse, als „Volksstimme“ etablieren.
Welche Themen sind für die AfD in diesem Jahr wichtig?
Weiterhin das wichtigste Thema ist das der Flucht und Migration. Dazu ist die AfD-Fraktion im Landtag besonders produktiv, stellt Anfragen zum Anteil von nicht-deutschen Bürgergeldempfänger*innen oder von Personen mit Migrationsgeschichte in Frauenhäusern oder Anträge zur Einsetzung eines „Remigrations“-Beauftragten. Ein zweites großes Schwerpunktthema ist Queer- und Transfeindlichkeit. Der Vorwand des „Kinderschutzes“ vor „Frühsexualisierung“ dient dabei oft als Argumentation an Schulen oder im Landtag. Auch der Kampf gegen den CSD und gegen das Amt der Gleichstellungsbeauftragten sind immer wieder Themen. Insgesamt hat sich die Partei in den letzten Jahren einerseits enorm radikalisiert und andererseits professionalisiert und ihr bürgerliches Image gepflegt, eine gefährliche Mischung.
Dennoch gibt es Mitglieder, die immer wieder auffällig sind.
Dreizehn Personen aus der AfD Mecklenburg-Vorpommern kommen im Gutachten des Bundesamts für Verfassungsschutz vor, darunter sind Landtags- und Bundestagsabgeordnete. Tief in der rechtsextremen Szene sind aber auch viele Kommunalpolitiker:innen der AfD: Haik Jäger war im Kontext der rechtsterroristischen Gruppe Nordkreuz tätig und ist ein wichtiger Kommunalpolitiker für die AfD. Mit Philip Steinbeck gibt es ein Mitglied, das Waffen und Sprengsätze gesammelt hat. Steinbeck war wie einige andere AfD-Funktionäre früher mit der NPD assoziiert und stellt seit vielen Jahren eine Schnittstelle zur extremen Rechten dar. Zudem gilt er als Finanzier. Auffällig waren auch positive Bezüge zur Wagnergruppe. Zuletzt läuft ein polizeiliches Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Körperverletzung. Die AfD soll nun einen Parteiausschluss gegen ihn eingeleitet haben. Und so könnte man lange weitermachen.
Welche Rolle spielen junge Neonazi-Gruppen in MV?
Das ist eine zweite große Entwicklung: Das Auftauchen und Erstarken rechtsextremer Jugendgruppen, gerade in Westmecklenburg. Viele dieser Gruppen kommen für Demonstrationen zusammen, Beratungsnehmende haben sie einmal als “Zeitreisende” aus den 90er Jahren bezeichnet. Mit Glatze und Bomberjacke stehen sie an Bushaltestellen oder kommen so in den Unterricht. An verschiedenen kleineren Orten haben wir Gruppierungen, die sich zum Beispiel „Divisionen“ nennen. Sie sind auch online sehr sichtbar, zum Beispiel auf Instagram oder TikTok. Zuerst sind die Gruppen 2024 bei queerfeindlichen Mobilisierungen gegen CSDs aufgetaucht. Ab 2025 wurden dann auch eigene Demonstrationen angemeldet, beispielsweise in Wismar, Schwerin oder Grevesmühlen. Zu Hochzeiten konnten bis zu 150 Leute mobilisiert werden. Wir sehen Jugendliche, die sich online oder im Freundeskreis radikalisieren und auch wenn derzeit weniger Demonstrationen stattfinden, bleiben viele der Ideologie verbunden. Aktuell schätzen wir 10 bis 15 aktive Jugendgruppen allein in Westmecklenburg. Die jüngsten Mitglieder sind teilweise zwölf bis 14 Jahre alt und treten jetzt logischerweise vermehrt im schulischen Kontext auf.
In welchen Formen wird das in Schulen sichtbar?
Wir bekommen viele Anfragen aus Schulen zu diesem Thema. Die Jugendlichen fallen in den Schulen durch Diskriminierung, Dominazverhalten, Bedrohungen, Gewalt, die Nutzung von verfassungswidrigen Kennzeichen oder Volksverhetzung auf. Mecklenburg-Vorpommern gibt zwar keine offiziellen Zahlen zu meldepflichtigen Vorfällen heraus. Aber wir können definitiv bestätigen, dass die Zahlen gestiegen sind. Das Problem ist auch nicht schultypenabhängig: Wir haben Berichte aus Berufsschulen und Beratungen von Förderschulen über Regionalschulen und Gymnasien, teilweise sogar in Grundschulen. Man muss davon ausgehen, dass die Dunkelziffer an Vorfällen enorm ist und wir noch gar nicht begriffen haben, was da auf uns zukommt: Die Jugend von heute sind die Erwachsenen, Eltern und Wähler:innen von morgen.
Wie reagiert die AfD auf Schulen und Lehrkräfte, die sich für Demokratie engagieren?
Die AfD-Landtagsfraktion wirft auch in Mecklenburg-Vorpommern Lehrkräften und Schulen immer wieder vermeintliche Indoktrination von Schüler*innen vor. In Waren wollte die AfD in der Stadtvertretung einen Antrag stellen, der Warener Schulen zur „Neutralität“ verpflichtet hätte. Bei Verstößen hätten das Schulamt und die Stadt informiert werden sollen. Der Antrag wurde kurz vor der Abstimmung zurückgezogen, da er keine rechtliche Grundlage oder politische Mehrheit gehabt hätte. Auch öffentlich oder durch die Landtagsarbeit wird immer wieder versucht, Lehrkräfte oder Schulleitungen einzuschüchtern oder die Politische Bildung zu diskreditieren: So gab es eine Kleine Anfrage zu Schulen, die sich an einem Demokratietag beteiigt hatten und der bildungspolitische Sprecher Enrico Schult spricht im Zusammenhang mit Demokratiebildung von “demokratischem Geschwätz”. Die Folge ist, dass Lehrkräfte unsicher sind, wie sie auf Rechtsextremismus in der Schule reagieren sollen oder wie sie die AfD thematisieren können. Und genau das beabsichtigt die AfD ja.
Gibt es weitere rechtsextreme Akteure in der Region?
Die etablierten rechtsextremen Strukturen profitieren enorm von der derzeitigen Entwicklung. Der militante Neonazi und Mitglied der Hammerskins Sven Krüger aus Jamel meldet beispielsweise Gegendemonstrationen gegen CSDs an und weiß ganz genau, dass er auf Tik Tok viele Jugendliche erreicht, manche Videos haben zehntausende Aufrufe. Auch der III. Weg wird zunehmend sichtbar, meist im Zusammenhang mit Kampfsporttraining oder bei der Teilnahme an Demonstrationen. Bei Übergriffen in Berlin waren Mitglieder aus Mecklenburg-Vorpommern dabei, die auch von der bundesweiten Struktur der Gruppe profitieren. Die Identitäre Bewegung zeigt zwar keine regelmäßige Präsenz, aus der Beratung wissen wir aber, dass die Gruppe auch in MV tätig und gut vernetzt ist in andere Bundesländer. Zuletzt war Martin Sellner in Schwerin zur Buchvorstellung eingeladen. Und Akteure aus der IB nehmen inzwischen direkt Einfluss auf die AfD: Ein Beispiel ist der rechtsextreme Aktivist Daniel Fiß, der für den AfD-Fraktionschef im Landtag arbeitet. Die JN wurde im Herbst 2025 auch wieder reaktiviert, das geschah nicht zufällig auf dem Hof von Sven Krüger in Jamel. Hinzu kommen rechtsextreme Wählergemeinschaften wie „Heimat und Identität“, völkische Siedler, Reichsbürger usw.
Wie ist das Verhältnis dieser rechtsextremen Gruppen zu den Nachwuchs-Neonazis?
Die etablierten Akteure haben einen Blick auf die Jugendgruppen und versuchen, diese in ihre Reihen zu holen. Ein Beispiel dafür ist der Aryan Circle, eine Gruppierung die eigentlich vorrangig in Schleswig-Holstein aktiv ist. Auch durch persönliche Entwicklungen hatten sie ihr Handlungsfeld zeitweise auf Mecklenburg ausgedehnt. Sie sprechen Jugendliche gezielt bei Demonstrationen an und nehmen sie in ihre Chatgruppen auf. Einige Jugendliche aus den oben beschriebenen Gruppen tauchen jetzt aber auch bei den etablierten Strukturen vom III. Weg, JN oder im Umfeld von Sven Krüger auf. Er bietet Jugendlichen eine Erlebniswelt und Action und verfügt natürlich über Bekanntheit und einen Status in der Region.
Wie wirkt sich die öffentliche Präsenz dieser Gruppen aus?
Wir erleben eine Häufung von Übergriffen auf Menschen und oder Einrichtungen wie linke Wohnprojekte oder queere Bars. Die Zahlen der rechtsextremen Angriffe waren im letzten Jahr auf einem Hochpunkt seit Beginn der Erhebung und werden in diesem Jahr sicherlich ähnlich sein. Besonders prägnant waren aber die Vorfälle rund um die rechtsterroristische Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“, hier hat die Generalstaatsanwaltschaft inzwischen Anklage gegen 7 Jugendliche erhoben, die Rädelsführer sind aber aus Mecklenburg-Vorpommern. In der Telegramgruppe waren über 150 teils sehr junge Mitglieder damit beschäftigt, schwerste Straftaten bis hin zu Morden zu planen und sich gegenseitig für den “Rassenkrieg” aufzustacheln. Mehrere Mitglieder sind mutmaßlich für einen Brandanschlag auf ein Kulturzentrum im brandenburgischen Altdöbern verantwortlich. Das Potential für Alltagsgewalt und schwerste Straftaten aus rechtsextremen Motiven ist also derzeit enorm hoch in Mecklenburg-Vorpommern.
Wie unterscheidet sich die Kaderschmiede der Identitären Bewegung von diesen Jugendgruppen?
Die Klientel der Identitären Bewegung ist in der Tendenz eher akademisch geprägt, sie verstehen sich selber als Elite und wählen sehr genau aus, wer in ihre bundesweiten Strukturen kommt. Daher wird diese Szene auch durch Burschenschaftler geprägt, die Rechtsextremismus an Hochschulen diskursfähig machen wollen. Die Burschenschaft Rugia in Greifswald hatte in diesem Jahr aber auch Aktivisten des III. Weg zu Gast bei einem Vortrag des Rechtsextremisten und ehemaligen Brandenburger AfD-Politikers Andreas Kalbitz. Auch der III. Weg versteht sich als elitäres Projekt, ist aber ideologisch dem NS näher als die IB. Auch die Burschenschaft Markomannia Aachen Greifswald fällt immer wieder durch rechtsextreme Gäste wie Martin Sellner auf. Gleichzeitig wissen wir aus der Beratung, dass es an Hochschulen auch Dozent*innen und Professor*innen gibt, die extrem rechtes Gedankengut verbreiten. Die Hochschulen beschäftigen sich inzwischen verstärkt mit Thema, zum Beispiel dem arbeitsrechtlichen Spielrahmen. Und deshalb ist es aus unserer Sicht nur eine Frage der Zeit, wann Personalien aus der IB oder mit anderen rechtsextremen Hintergründen im Staatsdienst oder in Sicherheitsbehörden bekannt werden.
Im Mai haben wir über die Landratswahlen in Mecklenburg-Vorpommern gesprochen, allerdings kurz vor der Stichwahl. Welche Bilanz konnte man nach den Wahlen ziehen?
Die AfD konnte bei den Landratswahlen keine Erfolge einfahren, war aber außer in Ludwigslust-Parchim überall in der Stichwahl. Es gibt keine Mehrheit für die AfD und trotzdem ist sie ganz klar angekommen im Spektrum der etablierten Parteien. Ein Teil der Menschen in MV identifiziert sich immer stärker mit der Partei und es wird zunehmend deutlich, dass Rechtsextremismus für viele inzwischen okay ist.
Was bedeuten all diese Entwicklungen in Bezug auf die Landtagswahl im Herbst 2026?
Die AfD verschiebt den öffentlichen Diskurs zunehmend nach rechts und damit auch einen Teil der Bevölkerung. Viele Aussagen werden schlichtweg nicht mehr als problematisch wahrgenommen, weil es einfach so “normal” geworden ist. Wenn man mit Personen spricht oder auf Umfragen schaut, sieht man zwar immer noch eine Mischung aus Protest und Überzeugung, insbesondere im Hinblick auf rassistische und migrationsfeindliche Positionen oder Trans- und Queerfeindlichkeit. Und viele Leute lehnen Gewalt zwar ab oder sehen auch rechtsextreme Positionen als problematisch, aber sie wählen trotzdem die AfD, weil sie präsent ist und von einigen als einzige ernstzunehmende Opposition wahrgenommen wird. Es gibt zudem eine tiefsitzende Demokratiskepsis in Teilen der Bevölkerung.´Und krisenhafte wirtschaftliche Entwicklungen oder solche Erzählungen verstärken die Distanz noch zusätzlich und verunsichern die Menschen. All das wird vermutlich dazu führen, dass die AfD 2026 reüssieren wird. Die zwei entscheidenden Fragen werden sein: Reicht es für das Amt des Ministerpräsidenten und wenn nicht, wie verhalten sich die demokratischen Parteien.
Die Demokratieförderung steht vielerorts unter Druck. Wie ist die Lage in Mecklenburg-Vorpommern?
Sowohl die AfD als auch die CDU stellten im Landtag eine Anfrage zur NGO-Förderung nach Vorbild der Bundes-CDU. Thema waren hier unter anderem die Omas gegen Rechts, woran sich beispielhaft für die zunehmende Tendenz der Delegitimierung von Engagement gegen Rechtsextremismus zeigt. Die AfD stellt zudem eine Anfrage zu Anmelder:innen von Kundgebungen gegen die Sommertour der Partei und suggeriert bei jeder mögllichen Gelegenheit, dass sie bei einer Regierungsübernahme Schluss macht mit der Demokratieförderung. Auf kommunaler Ebene versuchen sie es teilweise schon, so im Kreistag Ludwigslust-Parchim, wo im Dezember bereits zum zweiten Mal ein Antrag zur Abschaffung der Partnerschaft für Demokratie gestellt, aber mehrheitlich abgelehnt wurde. Aber die Zielrichtung ist klar: kritische Stimmen sollen mundtot gemacht und die Förderung von Demokratie, Vielfalt und Teilhabe beendet werden.
Wie reagiert die demokratische Zivilgesellschaft? Gibt es Protest?
In Westmecklenburg gibt es eine aktive Zivilgesellschaft. Menschen finden online und auf der Straße zusammen und zeigen Präsenz gegen die AfD. Es gibt verschiedene Initiativen und Bündnisse, die teils schon länger aktiv sind oder sich in den letzten Jahren gegründet haben. Ein Beispiel ist „Grevesmühlen für alle“: Diese Gruppe hat in einem rechtsextremen Hotspot einen CSD mitorganisiert, Menschen aus ihren Reihen wurden bedroht und angegriffen. Trotzdem oder erst recht bleibt die Initiative nicht still. Es gibt auch viel Unterstützung vom Ehepaar Lohmeyer, das in Jamel das Festival „Jamel rockt den Förster“ ausrichtet. Auch in Ludwigslust, Parchim, Schwerin und auch vielen kleineren Orten wie Groß Krams gibt es Engagierte, die nicht aufgeben. Auch Schulen müssen und wollen sich zunehmend mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen, suchen Beratung, beantragen Projekte ein und stärken ihre Kollegien.
Aus der Zivilgesellschaft gibt es derzeit Bestrebungen, eine eine breit aufgestellte Kampagne mit dem Titel „Zusammen bewegen“ zu starten. Das Bündnis besteht aus Initiativen der Zivilgesellschaft, Gewerkschaften, Stiftungen und vielen mehr und wird im Januar offiziell seine Aktivitäten aufnehmen. Das Ziel wird es aber nicht sein, nur vor einer AfD-Regierung oder vor dem erstarkenden Rechtsextremismus zu warnen: vielmehr geht es darum, mit Menschen ins Gespräch zu kommen zu Themen, die bewegen. Das Bündnis will den gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder stärken, denn die AfD profitiert vor allem von Polarisierung und ihren apokalyptischen Krisenerzählungen. Und es soll wieder deutlich werden, dass es viele andere Menschen in MV gibt, denen Menschenwürde und Demokratie am Herzen liegen.


