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München 1980 Ein Fall wird neu aufgerollt

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Das Oktoberfestattentat-Denkmal am Ort des Anschlags (Quelle: Wikimedia Commons (CC-Lizenz)/High Contrast)

Wolfgang Schorlaunetz-gegen-nazis.de: Ihr Buch „Das München-Komplott. Denglers fünfter Fall“ befasst sich mit dem Attentat im September 1980 auf dem Oktoberfest. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Wolfgang Schorlau: Das Thema war eigentlich nicht meine Idee – erst nach einem Besuch von zwei Männern wusste ich, dass das mein nächstes Buch sein würde. Eines Abends standen zwei Männer vor meiner Tür, die mich gebeten hatten, sie in ihr Auto zu begleiten. Wieso ich ihnen vertraut habe und mitgegangen bin? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wer die Männer waren, aber ich gehe davon aus, dass es zwei ehemalige Polizeibeamte waren, die mich auf Ungereimtheiten in dem Fall aufmerksam machen wollten. Wir verbrachten die ganze Nacht in dem Auto. Dort  gaben sie mir Ermittlungsakten zu lesen und zeigten mir, wo die Ergebnisse und die Aufzeichnungen nicht zusammenpassten. Beispielsweise, dass Zeugenaussagen nicht zu der Einzeltäter-These passten: Viele Zeugen hatten Köhler kurz vor der Explosion noch mit zwei bis drei weiteren Personen in dunkelgrünen Jacken gesehen. Im Abschlussbericht wird davon jedoch nichts erwähnt. Es wurde auch nicht berücksichtigt, dass Köhler als einfacher Student unmöglich die finanziellen Mittel hatte, um an das Bombenmaterial zu kommen. Geschweige denn die entsprechenden Kontakte, um an das Material zu kommen. Nach dieser Nacht wusste ich: Das ist der Inhalt deines neuen Buches!

Und was haben Ihre Recherchen ergeben?

Ich weiß an sich nicht mehr als andere, da ich auch nur das verfügbare Material untersuchen konnte. Und eben in dieser Nacht Zugriff auf die Ermittlungsakten hatte. Ich habe mich, neben eigenen Recherchen,  viel auf die Arbeit  von Tobias von Heymann (Autor von „Die Oktoberfestbombe“) verlassen, der zu dem Thema schon ausführlich recherchiert und veröffentlicht hat. Letztendlich stellt sich zu dem Attentat doch jeder dieselben Fragen: Wie kann ein einzelner Student für so einen Terrorakt, den größten in der deutschen Geschichte, verantwortlich sein? Wie will er die Bombe gebaut haben? Woher war der Zünder? Neben finanziellen Mitteln müsste er auch das Know-How gehabt haben, eine Bombe zu bauen. Damals gab es noch keine Anleitungen im Internet. Es ist klar, dass der Fall noch nicht geklärt ist: Irgendjemand hat die Bombe geplant und gebaut, und das war sicherlich kein einzelner Student.

Wissen Sie noch, wie das Attentat damals aufgenommen wurde? Reaktionen der Öffentlichkeit, aber auch von der Politik?

In der Öffentlichkeit hatte der Anschlag natürlich eine große Wirkung: Erst acht Jahre nach der Geiselnahme israelischer Sportler während der Olympischen Spiele in München wird die bayerische Landeshauptstadt wieder das Opfer von Gewalt. Durch die Einzeltäter-These wurde die Aufregung jedoch schnell verringert: Ein verwirrter Student der sich selbst dramatisch umbringen wollte. Ein einzelner Verrückter ist weniger furchteinflößend als eine ganze Organisation, die hinter dem Attentat steckt. Und in der Politik? Das Attentat war zur Zeit des Bundestagswahlkampfes. Franz-Josef Strauß, der Bundeskanzlerkandidat der Union, war überraschend schnell am Tatort und attackierte den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und Innenminister Gerhart Baum (FDP). Er versuchte, das Attentat, ähnlich wie in Bologna, linken Extremisten in die Schuhe zu schieben. Schnell wurde jedoch klar, dass Köhler in der rechten Szene aktiv war. Inwiefern das Attentat Strauß helfen sollte oder ob er sogar etwas davon gewusst hat, weiß ich nicht und kann dazu auch nichts sagen.

Inzwischen ist das Attentat wie ausradiert aus dem öffentlichen  Gedächtnis. Die Rede von Kennedy in Berlin, die Geiselnahme der israelischen Sportler – die Öffentlichkeit erinnert sich an alles. Das Oktoberfestattentat jedoch scheint niemand mehr wahrzunehmen, obwohl es als der größte Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte eingestuft werden kann.

Nach dem NSU wird der Fall 2011 neu aufgerollt. Außerdem sagte in Luxemburg ein Mann eidesstaatlich aus, dass sein Vater für den Geheimdienst an der Entwicklung der Bombe beteiligt war. Was halten Sie von dieser Aussage?

Ob man dem Mann glauben kann, weiß ich nicht. Tobias von Heymann beispielsweise tut es nicht. Andererseits ist es eine eidesstaatliche Aussage. Schwierig, hier eine Entscheidung zu treffen. Allerdings hat man auch schon früher vermutet, dass der Geheimdienst, vor allem die paramilitärische „Gladio“-Organisation der NATO, hinter dem Anschlag stecken könnte. Dazu würde auch der Anschlag von Bologna, einige Wochen vor dem Oktoberfestattentat, passen. Wie der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti bestätigte, existierte die Organisation „Gladio“, die im Auftrag der NATO handelte. Diese könne auch für das Attentat in Bologna verantwortlich gemacht werden. Ziel war hier unter anderem die Stärkung der autoritären Regierung in Italien – und gleichzeitig die Verfolgung der NATO-Strategie der Spannung. Von Neonazis durchgeführt, aber vom Geheimdienst geplant. Des Weiteren sagte er auch, dass die Organisation auch Operationen in anderen Ländern durchführen wollte und hatte. Nach Andreottis „Geständnis“ hatten sich in vielen Ländern Untersuchungsausschüsse gegründet – in Deutschland bestand in den Parlamenten jedoch kein Interesse. Bei seiner Recherche fand Tobias von Heymann heraus, dass am Tag des Attentats eine Operation unter dem Code „Wandervogel“ geplant war – in Deutschland. Ob es tatsächlich Zusammenhänge zwischen Bologna und München gibt und wie der Geheimdienst daran beteiligt war, kann ich nicht sagen. Eines ist sicher: Der Fall ist noch lange nicht abgeschlossen.

Das Gespräch führte Sina Laubenstein

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