In Deutschland werden Westasien und Nordafrika oft pauschal als „arabische Welt“ beschrieben. Diese scheinbar neutrale Formel übernimmt einen arabisch-nationalistischen Blick, der Vielfalt ausblendet und nichtarabische Bevölkerungen unsichtbar macht. Die Wurzeln dieses Deutungsmusters liegen in der Moderne bis zu frühen arabisch-nationalistischen Kreisen in Paris: Aus dem Versprechen von „Befreiung“ wurde ein Projekt der ethnozentrierten Homogenisierung – mit Folgen, unter denen nichtarabische Bevölkerungen, besonders Kurd*innen, bis heute leiden.
Paris als Labor des arabischen Nationalismus
Die Geschichte des arabischen Nationalismus wird häufig so erzählt, als sei sie quasi naturwüchsig in den Straßen von Damaskus, Kairo oder Beirut entstanden: als „Erwachen“ eines Volkes im Widerstand gegen Fremdherrschaft. Diese Erzählung greift jedoch zu kurz. Ein wesentlicher Teil seiner frühen politischen Formierung, also im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, fand nicht im sogenannten arabischen Kernland, sondern in Europa statt, in Universitäten, Salons und Exilnetzwerken. Vor allem Paris wurde zu einem Laboratorium arabisch-nationalistischer Ideenbildung: Dort trafen arabische Studierende aufeinander, zirkulierten Texte, wurden „Reformkonzepte“ diskutiert und Netzwerke geknüpft, die einer zunächst noch diffusen kulturellen Erneuerung zunehmend einen politischen Charakter verliehen. Ein wichtiger Ausdruck dieser Entwicklung war die 1911 in Paris gegründete „Junge Arabische Gesellschaft“ (JAG) (arab. al-ǧamʿīya al-ʿarabīya al-fatāh).
Monzer Haider (er/ihm) studierte Politik- und Islamwissenschaften sowie Philosophie und Islamische Theologie. Aktuell promoviert er in Islamischer Theologie zu Salafismus und Islamismus.
Der arabische Nationalismus entstand nicht primär als spontane Massenbewegung, sondern zunächst als Projekt politischer elitärer Zirkel, die definieren wollten, was als „arabisch“ zu gelten habe und welche politischen Konsequenzen daraus zu ziehen seien. Es war ein Prozess der Normierung von Identität und Zugehörigkeit. Die Nation erschien durch Sprache, Geschichte und Kultur und Abstammungsvorstellungen. Darin lag von Beginn an ein autoritäres Potenzial: Wer nicht in dieses Raster passte, galt nicht bloß als verschieden, sondern als problematisch. Satiʿ al-Husri (gest. 1968), einer der wichtigsten Theoretiker des arabischen Nationalismus aus Syrien, brachte diesen Anspruch in einer oft zitierten Formel zum Ausdruck: „Jeder, der Arabisch spricht, ist Araber“, selbst dann, wenn die betroffene Person dies zurückweist. Die arabische Nation definierte sich in diesem Verständnis nicht über individuelle Selbstzuschreibung, sondern über Sprache, Geschichte und ein objektiviertes Konzept kollektiver Zugehörigkeit. Damit blieb „arabisch sein“ nicht bei einer kulturellen Beschreibung, sondern wurde zu einem Projekt der Formung und Disziplinierung von Bewusstsein. Wer sich diesem Deutungsmuster entzog, erschien nicht einfach als anders, sondern als jemand mit unzureichendem nationalem Bewusstsein oder als von der nationalen Norm abweichend. Mit dieser Logik war der arabische Nationalismus bei al-Husri nicht nur gegen den Kolonialismus, sondern auch gegen jene, die nicht bereit waren, sich als Araber zu verstehen. Sie sollten auf eine arabische Identität hin erzogen werden, durch Überzeugung, und notfalls auch durch Zwang.
Diese Entwicklung setzte sich auf dem arabischen Kongress in Paris 1913 fort. Dort erhielten arabisch-nationalistische Intellektuelle und Politiker eine prominente Bühne, um Forderungen nach Reformen, größerer Autonomie und Schutz vor Fremdherrschaft zu formulieren. Dort verfestigte sich eine politische Sprache, die später in vielen Ländern prägend war: die Vorstellung der Region als eines einheitlichen Körpers, der „befreit“ werden müsse, und des arabischen Volkes als geschlossener Einheit, die „gerettet“ werden solle; ein Ziel, das durch den ersten Artikel der JAG-Satzung deutlich zum Ausdruck gebracht wird: „Die Erhebung arabischer Nation in den Kreis der lebendigen Nationen“. Eine solche organische Vorstellung von Nation barg jedoch eine gefährliche Tendenz: Einheit erschien nicht als Ergebnis pluraler und demokratischer Aushandlung, sondern als vorgegebenes Ziel, dem sich Diversität unterordnen musste.
Gegen Ende des osmanischen Reiches gewann diese Ideologie zusätzlich an geopolitischer Bedeutung. Großbritannien unterstützte arabische Bewegungen, um einen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft zu fördern. Besonders deutlich zeigt sich dies in der im Jahr 1915/16 stattgefundenen Korrespondenz zwischen Hussein ibn Ali (gest. 1931), dem Scherifen von Mekka und König des Hedschas, und Henry McMahon (gest. 1949), dem britischen Hochkommissar in Ägypten. McMahon stellte Hussein für den Fall eines Aufstands gegen das osmanische Reich arabische Unabhängigkeit in Aussicht. Solch offizieller Austausch stärkte die Vorstellung, dass die Region ihrem Wesen nach „arabisch“ sei und folglich von einem „arabischen Kalifen“ regiert werden solle.
Zur Legitimation dieser politischen Herrschaftsvorstellung wurden religiöse Narrative in den Dienst des arabischen Nationalismus gestellt. So verwies man etwa auf prophetische Überlieferungen, wonach der Kalif ein Araber sein und dem mekkanischen Stamm der Quraisch angehören müsse. Auf diese Weise verband sich nationalistisches Denken mit religiöser Legitimation. Zugleich wurde die osmanische Herrschaft zunehmend als koloniale Fremdherrschaft dargestellt, während sich die arabische Bewegung selbst als antikoloniale Befreiungsbewegung verstand. Gerade darin lag jedoch eine folgenreiche Ambivalenz: Der Anspruch auf Befreiung war mit einer politischen Vorstellung von Einheit verknüpft, die die nichtarabische Vielfalt nicht anerkennte. Damit zeichnete sich bereits früh ein Grundmuster ab, das den arabischen Nationalismus weit über seine Entstehungszeit hinaus prägte: Für das arabische Volk versprach er Würde, Emanzipation und Befreiung, erzeugte aber zugleich ein Ordnungsschema, in dem nichtarabische Bevölkerungen und gesellschaftliche Pluralität nicht als Reichtum, sondern als Störung erschienen.
Von der Idee zur autoritären Maschine
In späteren Jahren danach wird aus der Idee eine Maschine. Zwischen den 1930er und 1950er Jahren zirkulierten autoritäre Modelle als vermeintlich „moderne“ Antwort auf Krise, Kolonialismus und staatliche Schwäche. Der Faschismus in Europa erschien für arabisch-nationalistische Bewegung attraktiv, da er eine Technologie der Macht bot. Er zeigte, wie man Massen mobilisiert, Gegner entmenschlicht, Loyalität erzwingt und politische Konkurrenz zerstört; alles im Namen einer nationalen „Wiedergeburt“.
Der Einfluss lag in der Struktur: Kaderpartei, Propaganda als Dauerzustand, politisierte Erziehung, Sicherheitsapparat als Rückgrat. Das ist die Logik, die später in mehreren Staaten der Region in unterschiedlicher Ausprägung sichtbar wurde, besonders dort, wo arabischer Nationalismus zum Staat wurde. Eines der wichtigsten Merkmale war bzw. ist das Führerprinzip. Parolen wie „Unser Führer auf ewig, der treue Hafiz al-Assad“ oder „Mit Seele und Blut opfern wir uns für Baschar“ gehörten in Syrien zum festen Repertoire der öffentlichen Glorifizierung der Assad-Familie und wurden in Schulen, Universitäten sowie bei Demonstrationen regelmäßig skandiert. Darin zeigt sich, dass arabisch-nationalistische Kräfte den Nationalismus nicht nur als ideologisches Projekt verstanden, sondern ihn in hohem Maße an charismatisch überhöhte Führungsfiguren banden, denen die historische Aufgabe zugeschrieben wurde, die arabische Einheitsnation zu verwirklichen.
Dieser methodische Import hatte eine folgenreiche Wirkung: Politik wurde nicht mehr als Streit um Interessen verstanden, sondern als Kampf um angebliche „Wahrheit“. Ideologie verwandelte sich in ein Glaubenssystem. Der Staat wurde nicht mehr als Institution gedacht, die Rechte schützt, sondern als Instrument, das die arabische Nation „formt“ und „realisiert“. Schulen wurden zu Disziplinierungsräumen, Jugendorganisationen zu Loyalitätsfabriken, Medien zu Lautsprechern. Der Sicherheitsapparat, Geheimdienste, Parteimilizen und Denunziationsnetzwerke wurden zum Normalzustand. So entsteht das, was arabischer Nationalismus in seiner parteistaatlichen Variante war bzw. ist: eine totalisierende Ordnung, die nicht nur regiert, sondern erzieht; nicht nur Gesetze erlässt, sondern Identität vorschreibt.
So hat die Baath-Partei in Syrien mehrere Organisationen zur ideologischen Prägung junger Menschen gegründet. Die „Baath-Vanguards“ (arab. Ṭalāʾiʿ al-Baʿth) richteten sich an Grundschulkinder, während die „Revolutionary Youth Union“ (arab. Ittiḥād Shabībat ath-Thaura) vor allem Mittel- und Oberstufenschüler ansprach und sie mit der Ideologie der Baath-Partei vertraut machen sollte. Für Studierende fungierte die National Union of Syrian Students als parteinahe Organisation an Universitäten und Instituten. Auch im baathistischen Irak war insbesondere „Ashbāl Saddam“ (dt. „Saddams Löwenjungen“) bekannt. Diese Organisation rekrutierte Jungen im Alter von etwa zehn bis 15 Jahren und verband politische Indoktrination mit militärischer Ausbildung. Sie diente damit nicht nur der frühzeitigen Einübung von Loyalität, sondern auch der vormilitärischen Vorbereitung auf einen späteren Anschluss u.a. an die „Fidāʾiyyū Saddam“ (dt. „Opferbereiten für Saddam“), eine paramilitärische, gut ausgebildete und ausgerüstete Miliz, die im Irak als wichtiges Instrument der Regimesicherung fungierte.
Von der Einheitsidee zur Staatsideologie
Der arabische Nationalismus inszeniert sich als modernes und säkulares politisches Projekt. Diese Selbstbeschreibung erhöht seine Anschlussfähigkeit im europäischen Diskurs, da er auf diese Weise als progressiv und staatsorientiert lesbar wird. Gerade diese Wahrnehmung trägt jedoch dazu bei, dass seine autoritären und exkludierenden Dimensionen oftmals weniger kritisch reflektiert werden, z.B. Arabisierungspolitiken, Umbenennungen, Zwangsassimilierung, Verbot oder Abwertung von nichtarabischen Sprachen, Unterdrückung kultureller Rechte, Stigmatisierung politischer Forderungen als „Separatismus“; all das ist keine Randerscheinung, sondern eine logische Folge eines Nationalismus, der Homogenität braucht, um sich stabil zu fühlen. Das trifft besonders Kurd*innen, Amazigh und andere nichtarabische Bevölkerungen.
Sowohl die Baath-Partei in Syrien als auch die Nasseristische Partei in Ägypten verfestigten die ideologische Vorstellung, die Region sei ihrem Wesen nach arabisch, indem sie das Attribut „arabisch“ in Staatssymbolik, Nationalhymnen und offizielle Staatsbezeichnungen übernahmen. Im Jahr 1961 änderten arabisch-nationalistische Kräfte, insbesondere die syrische Baath-Partei, den Staatsnamen von „Syrische Republik“ in „arabische syrische Republik“. Diese Umbenennung wurde als Ausdruck der ideologischen Loyalität gegenüber dem Projekt einer arabischen Einheitsnation verstanden. Zugleich wurde Arabisch zur alleinigen Nationalsprache erklärt. Auch in der syrischen Nationalhymne findet sich mit der Zeile „Die Heimstatt des Arabertums ist ein heiliger Ort“ eine explizit arabisch-nationalistische Selbstbeschreibung. Daran zeigt sich, wie sich arabisch-nationalistische Parteien im Zuge ihrer Machtübernahme verstaatlichten und ihre Ideologie in die symbolische und institutionelle Ordnung des Staates einschrieben. Schulen, Medien, Verwaltung und Sicherheitsapparate dienten in diesem Zusammenhang der „nationalen Mission“. Opposition wurde kriminalisiert, Minderheitenrechte als Gefahr markiert und die Partei trat an die Stelle einer pluralen Gesellschaft. Der arabische Nationalismus lieferte die Moral und das Militär die Gewaltmittel.
Mit dem Sturz solcher Regime endet der arabisch-nationalistische Ordnungsrahmen keineswegs. In Syrien nach dem Sturz der arabisch-nationalistischen Assad-Familie knüpft das neue Regime der Hayʾat Tahrir al-Sham (HTS) in zentralen Punkten an politisch und gesellschaftlich verankerte Prinzipien des arabischen Nationalismus an. So hält die Verfassungserklärung vom März 2025 an der Staatsbezeichnung „arabische syrische Republik“ fest und bestimmt Arabisch zur offiziellen Sprache des Landes. Gegenüber nichtarabischen Bevölkerungen sendet das ein deutliches Signal: Syrien wird weiterhin primär als arabischer Staat verstanden.
Warum arabisch-nationalistische Deutungsmuster in Deutschland verfangen
Arabisch-nationalistische Deutungen treten in Deutschland nur selten offen als Ideologie auf. Sie wirken vielmehr als scheinbar neutrale Sprache, als alltäglicher Deutungsrahmen und als selbstverständliche Beschreibung. Gerade darin liegt ihre Stärke: Weil sie sich mühelos in deutsche Schubladen einfügen, müssen sie kaum noch offen für sich werben oder propagandistische Überzeugungsarbeit leisten. Aber warum sind arabisch-nationalistische Deutungsmuster im deutschen Kontext so anschlussfähig? Ein Erklärungsversuch:
Erstens wird die Region in Deutschland oft pauschal als „arabische Welt“ bezeichnet. Das wirkt harmlos, ist aber bereits eine politische Setzung: Es übernimmt die Behauptung, es handele sich um einen zusammenhängenden, einheitlichen Identitätsraum einer arabischen Nation.
Zweitens wird die Region als „islamisch“ bzw. „muslimisch“ gelesen. In diesem Zusammenhang wird die islamische Religion im Alltagsdenken häufig mit Arabertum verkoppelt. „Arabisch“ wird zu „Muslimisch“ und damit werden nichtarabische und/oder nichtmuslimische Minderheiten doppelt unsichtbar: erst ethnisch, dann religiös.
Drittens verkauft sich der arabische Nationalismus als antikolonial und säkular: als Gegenkraft zu „westlicher“ Dominanz und als Alternative zu Islamismus. Diese Selbstbeschreibung wirkt in Deutschland attraktiv, besonders in Milieus, die antiimperialistisch argumentieren. Das Problem ist die Selektivität: Antikoloniale Rhetorik wird oft ernster genommen als die innenpolitische Realität. Repression gegen nichtarabische Bevölkerungen wird zur Nebensache, weil der große moralische Rahmen „Befreiung“ alles überstrahlt. In diesem Zusammenhang werden die kolonialen Strukturen und Herrschaftspraktiken des arabischen Nationalismus lange nicht als Teil des Kolonialismusdiskurses verstanden; mit Folgen, unter denen nichtarabische Bevölkerungen wie Amazigh oder Kurd*innen bis heute leiden. Indem der arabische Nationalismus im deutschen Diskurs nicht im Rahmen vom Kolonialismus thematisiert wird, werden seine eigenen kolonialen Machtverhältnisse und Dominanzansprüche weiterhin verharmlost. Das trägt zur Normalisierung arabisch-nationalistischer Narrative und ihrer hegemonialen Herrschaftsvorstellungen bei.
Viertens dominiert der Israel-Palästina-Konflikt die Wahrnehmung der Region. Arabisch-nationalistische Narrative haben die Palästina-Frage historisch als „arabische Sache“ gerahmt und diese Rahmung findet in Deutschland Resonanz, weil sie moralische Klarheit bietet. Wer andere Themen setzt, etwa Minderheitenrechte oder innerstaatliche Unterdrückung, gilt schnell als jemand, der „vom Wesentlichen ablenkt“. So entsteht eine Konfliktbrille, die die Region politisch eindimensional macht; ein Ziel, das der arabische Nationalismus in seiner Propaganda verfolgt(e).
Fünftens stehen an zahlreichen Universitäten und in vielen wissenschaftlichen Arbeiten Themen im Zentrum, die die Geschichte, Politik, Gesellschaft und Kultur der Region als „arabische“ Angelegenheiten behandeln. Dass sich arabisch geprägte Mehrheitsgesellschaften über Jahrzehnte hinweg auch nichtarabische Inhalte, Räume und Erzählungen angeeignet haben, bleibt im deutschen Diskurs hingegen meist unsichtbar. Sichtbar wird dies etwa am Beispiel der in Rojava gelegenen kurdischen Stadt Kobanê, die im Widerstand gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ internationale Bekanntheit erlangte. In zahlreichen arabischsprachigen Medien wird sie unter dem arabisch-nationalistisch geprägten Namen ʿAin al-ʿArab (dt. Auge oder Quelle der Araber) bezeichnet. Die Arabsierung in dem Kontext ist kein reiner philologischer Akt, sondern ein gezieltes Mechanismus, das die Geschichte der Region bewusst ändert. Auch die multiethnische Geschichte Mesopotamiens, das im arabischen Diskurs häufig weitgehend mit dem Irak gleichgesetzt wird, sowie kurdische kulturelle und musikalische Traditionen werden vielfach entkurdisiert. Im deutschen Diskurs beschäftigt sich man mit Rassismus häufig in einer Weise, die ihn vor allem als europäisches oder „westliches“ Phänomen begreift und vergleichbare Herrschafts- und Ausschlusslogiken in anderen Kontexten seltener in den Blick nimmt.
Sechstens liegt der Schwerpunkt in deutschen Instituten für Islamwissenschaft, Religionswissenschaft, Arabistik oder Nahoststudien zumeist auf sogenannten „arabischen Themen“, etwa auf arabischsprachigen Medien, Literatur oder Geschichte „arabisierter“ Reiche und Dynastien (z.B. Ayyubiden, Fatimiden, Abbasiden oder Mamluken) sowie auf dem Erlernen der arabischen Sprache und ihrer Dialekte, die in weiten Teilen der Region unbestritten die dominante Mehrheits- und Verkehrssprache ist. Diese Fokussierung trägt jedoch dazu bei, dass nichtarabische Bevölkerungen, die über keinen eigenen Staat verfügen, wissenschaftlich marginalisiert werden.
Siebtens fehlt nichtarabischen, staatenlosen Bevölkerungen in Deutschland und Europa oft die Möglichkeit, sich wirksam sichtbar zu machen. Dafür fehlen vielfach Ressourcen, vor allem aber der Zugang zu institutionalisierten Formen politischer Partizipation, insbesondere im Bereich zwischenstaatlicher Beziehungen. Gerade dort, wo Sichtbarkeit politisch besonders wichtig wäre, bleibt sie diesen Bevölkerungen häufig verwehrt.
Achtens bleibt die aktivistische Öffentlichkeitsarbeit nichtarabischer Gruppen in Deutschland oft unsichtbar und wird nicht selten kriminalisiert, wie etwa die kurdische Arbeit. Dadurch können arabisch-nationalistische Narrative in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit ihre Deutungshoheit weitgehend ungestört behaupten. Die kurdische Bevölkerung dient hierbei als Ankerbeispiel dafür, dass das Leid unter dem arabischen Nationalismus keine Abstraktion ist, sondern eine bittere biografische Realität, sowohl in der Heimatsregion als auch in Deutschland.
Leiden in der Heimatsregion: Arabisierung, Entrechtung, Gewalt
Arabischer Nationalismus hat Kurd*innen nie als gleichberechtigte Bürger*innen behandelt, sondern als „Problem“ für die arabische Einheit. Aus dieser Logik folgen typische Muster: kurdische Sprache gilt als Gefahr, kurdische Identität als „separatistisch“, kurdische Politik als Sicherheitsrisiko und die kurdische Sichtbarkeit als Angriff auf die arabische Identität.
Sowohl in Syrien unter der Assad-Familie als auch im Irak unter Saddam Hussein, wo der arabische Nationalismus unter der Baath-Partei zur Staatsideologie erhoben wurde, äußerte sich dies in Arabisierungspolitiken, kultureller Repression, der Einschränkung politischer Organisierung sowie in massiver staatlicher Gewalt bis hin zu Massakern.
Leiden in Deutschland: Unsichtbarkeit, Rechtfertigungsdruck, Misstrauen
Dieses Muster setzt sich in Deutschland auf subtilere, aber spürbare Weise fort. Wenn die Region pauschal als „arabisch“ wahrgenommen wird, werden Kurd*innen erst einmal unsichtbar. Viele erleben, dass sie sich ständig erklären müssen: „Wir sind keine Araber*innen. Unsere Muttersprache ist nicht Arabisch. Unsere Geschichte ist nicht die Geschichte eines arabischen Nationalprojekts“. Das klingt banal, ist aber eine permanente soziale Belastung, weil Identität immer wieder bestritten wird. Im arabisch-nationalistischen Diskurs wird die Aberkennung arabischer Zugehörigkeit häufig als „rassistisch“ oder Angriff bezeichnet. Zugleich verlangt der arabische Nationalismus von Nichtaraber*innen nicht selten die Übernahme einer arabischen Identität und damit implizit die Verdrängung oder Negierung ihrer eigenen ethnischen oder kulturellen Selbstverortung.
Hinzu kommt der politische Rechtfertigungsdruck: Kurdische Forderungen nach Föderalismus, Selbstverwaltung oder Sprachrechten werden in einem arabisch-nationalistisch geprägten Deutungsraum schnell als „Spaltung“ gelesen. Das reproduziert die gleiche Logik wie in der Region, nur auf der Ebene des Diskurses: Kurd*innen müssen beweisen, dass ihre Existenz kein „Problem“ ist. Auch in diaspora-internen Räumen kann das eskalieren: Wo arabisch-nationalistische Frames dominieren, wird kurdische Sichtbarkeit als Provokation gelesen. Solidarität wird konditioniert: Nur wer sich in ein „arabisches“ Narrativ einordnet, gilt als akzeptabel. Damit entsteht ein doppelter Druck: von der deutschen Mehrheitswahrnehmung, die alles „arabisiert“ und von Teilen diaspora-politischer Öffentlichkeiten, die kurdische Eigenständigkeit als Störung betrachten.
Arabischer Nationalismus produziert nicht nur in der Region Minderheitenleid, er exportiert seine Ordnungsvorstellung ungestört über Sprache, Deutung und Zugehörigkeit auch in die Diaspora. Und genau deshalb ist Kritik daran nicht eine reine „Identitätspolitik“, sondern eine Frage von Rechten, Sichtbarkeit und demokratischer Pluralität, die auch im deutschen Diskurs verdrängt werden.


