Weiter zum Inhalt

NPD-Verbot – Chance und Risiko

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung abschaffen? Das will die NPD. Das weist ihr Parteiprogramm explizit aus, das betonen ihre Funktionär*innen bei vielfältigen Gelegenheiten. Gewalt? Verwenden Parteikader immer wieder, um ihrer Vorstellung Ausdruck zu verleihen, wer in ihrer Vision von Deutschland leben soll und wer nicht. Heute wird – nach Jahren der Diskussion – zumindest der Antrag für ein NPD-Verbot beim Bundesverfassungsgericht gestellt.

 
Statt zivilem Ungehorsam nun ein Verbotsverfahren gegen die NPD. (Quelle: ngn/sr)

Heute haben die Innenminister der Bundesländer den Antrag für ein NPD-Verbot beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Die große juristische Frage, die nun das Bundesverfassungsgericht klären muss: Reichen die Argumentationen aus, um nachzuweisen, dass die NPD die freiheitlich-demokratische Grundordnung auf aggressive Art und Weise abschaffen will und deshalb verboten gehört?

Was ein NPD-Verbot nicht löst

Verbote führen nicht zu weniger Nazis. Sie können höchstens zu einer geringeren Sichtbarkeit von Nazis führen, weil diese in unorganisierter Form für Verfassungsschutzbehörden schwerer zu greifen sind. Gegen die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen helfen nur inhaltliche Präventionsarbeit, Aufklärung und Informationen. Wichtig ist außerdem, die Opfer rechtsextremer Gewalt kompetent zu unterstützen: Nur weil Rechtsextreme nicht (mehr) parteipolitisch organisiert sind, sind sie nicht weniger gewalttätig und gefährlich.

Warum ein NPD-Verbot sinnvoll wäre

Egal, wie klein ihre Wahlerfolge sind und wie angeschlagen die NPD aktuell erscheint: Sie finanziert und organisiert die Neonazi-Szene in Deutschland. Sie tritt als legaler, parlamentarischer Arm einer menschenverachtenden Ideologie auf – und als solcher versucht sie, rassistische Ressentiments gesellschaftsfähig zu machen. Manchmal leider mit Erfolg.

Wenn der Antrag durchkäme und die NPD verboten würde, könnte sie nicht mehr gewählt werden. Wenn sie nicht mehr bei Wahlen antreten könnte und nicht mehr gewählt werden könnte, dann bekäme sie keine Zuwendungen aus der Parteienfinanzierung mehr. Diese Gelder stellen bisher ihre größte Einnahmequelle dar. Die NPD nutzt die Steuergelder, um rechtsextreme Kader zu finanzieren und festigt so die rechtsextremen Strukturen in Deutschland. NPD-Standorte oder Veranstaltungsorte sind für nicht-rechte Menschen „No-Go-Areas“, von denen Gewalt und Bedrohung ausgehen, und für rechtsextrem Interessierte leicht erreichbare Anlaufpunkte, deren Aktivitäten zu einer Verfestigung der Einstellungen beitragen.

Praktisch würde ein Verbot der rechtsextremen Szene Stützpunkte und Finanzen entziehen und sie damit schwächen – zumindest so lange, bis neue Strukturen gebildet würden. Ohne die Gelder aus der Parteienfinanzierung gäbe es weniger rechtsextreme Hetze auf Plakaten im Stadtbild, weniger rechtsextreme Kinderfeste oder „Bürgerbüros“, weniger rechtsextreme Zeitungen, die auf mehr oder weniger subtile Weise Rassismus und EU-Feindlichkeit zu verbreiten versuchen. Damit müsste die NPD also auf genau die Formate verzichten, mit denen es ihr teilweise gelingt, nicht-rechtsextreme Bürger*innen anzusprechen und deren Ressentiments zu vertiefen.

Ein NPD-Verbot wäre auch ein wichtiges Zeichen gegenüber potenziellen Opfergruppen: Nicht umsonst wird ein NPD-Verbot unter anderem schon lange vom Zentralrat der Juden oder der Türkischen Gemeinde gefordert. Wo allerorten und parteiübergreifend eine gesellschaftliche Übereinstimmung propagiert wird, dass eine Nazi-Partei wie die NPD in Deutschland nicht akzeptabel ist, sollte diese auch als verfassungsfeindlich benannt und verboten werden.

Wie stehen die Chancen für ein NPD-Verbot?

Der Ausgang ist unklar. Reichen die Beweisketten aus? Ist die NPD wichtig genug, um die freiheitliche-demokratische Grundordnung zu gefährden? Bis zur Urteilsfindung werden vermutlich mehrere Jahre vergehen.

Belltower.News macht gemeinnützigen Journalismus, denn wir klären auf und machen das Wissen von Expert*innen zu Antisemitismus, Rassismus und
Rechtsextremismus und allen anderen Themen der Amadeu Antonio Stiftung für alle zugänglich.
Unsere Reportagen, Recherchen und Hintergründe sind immer frei verfügbar und verschwinden nie hinter einer Paywall. Dafür brauchen wir aber auch deine Hilfe.
Bitte unterstütze unseren Journalismus, du hilfst damit der digitalen Zivilgesellschaft!

Weiterlesen

2014-09-23-hellersdorf

Hetze in Hellersdorf Wenn Engagement zu Bedrohung wird

Luisa Seydel engagiert sich in den aus einer Bürgerinitiative entstandenen Verein „Hellersdorf hilft“ seit 2013 für eine Willkommenskultur für Flüchtlinge.…

Von
2014-11-07-npdafd

Das Internet als Spielwiese für NPD und AfD

Verkommt das Internet zu einer braunen Spielwiese? Würden „Gefällt mir“-Angaben auf Facebook über die Zusammensetzung des Bundestages entscheiden, wäre die…

Von
berlin-2

Jahresrückblick 2019 – Berlin Diffus, deshalb bedrohlich

Was wird uns von 2019 in Erinnerung bleiben? Für den Jahresrückblick befragen wir zivilgesellschaftliche Initiativen über die Situation in ihrem…

Von

Schlagen Sie Wissenswertes in unserem Lexikon nach.