Sicherheitsdiskurse versprechen Schutz, Ordnung und Verlässlichkeit. In der Praxis bedeuten sie für viele Menschen aber vor allem eins: häufiger kontrolliert zu werden, schneller verdächtigt zu werden und in Begegnungen mit der Polizei nicht als Bürger*innen, sondern als potenzielle Gefahr gelesen zu werden. Genau hier setzt die Debatte um Racial Profiling an. Sie beschreibt nicht nur einzelne Fehlentscheidungen, sondern ein Muster, in dem Aussehen, zugeschriebene Herkunft und stereotype Erwartungen darüber mitentscheiden, wer kontrolliert, beobachtet oder hart behandelt wird.
Diese Debatte ist in Deutschland alt, aber sie ist noch immer nicht erledigt. Schon 2020 wurde ein Forschungsprojekt zu Racial Profiling bei der Polizei gestoppt, obwohl Betroffene und zivilgesellschaftliche Organisationen seit Jahren auf diskriminierende Polizeikontrollen hinweisen. Das zeigt ein Grundproblem: Der Staat erklärt das Thema zwar oft für geregelt, untersucht es aber nur begrenzt. Für Betroffene ist genau diese Lücke entscheidend, weil fehlende Forschung auch fehlende Anerkennung bedeutet.
Racial Profiling im Alltag
Racial Profiling meint, dass Menschen nicht wegen konkreten Verhaltens, sondern wegen zugeschriebener Merkmale kontrolliert oder verdächtigt werden. Besonders betroffen sind Menschen, die als „fremd“ wahrgenommen werden, etwa wegen Hautfarbe, Kopfbedeckung oder anderer äußerer Merkmale. Die SVR-Analyse auf Basis des Integrationsbarometers 2022 zeigt, dass solche Personen von Polizeikontrollen etwa doppelt so häufig betroffen sind wie Menschen, die nicht als fremd wahrgenommen werden: 8,3 Prozent gegenüber 4,4 Prozent.
Noch stärker betroffen sind junge Männer zwischen 15 und 34 Jahren, die als phänotypisch anders wahrgenommen werden. Bei ihnen lag die Wahrscheinlichkeit einer Polizeikontrolle bei 18,4 Prozent, verglichen mit 11,9 Prozent bei Vergleichspersonen ohne solche äußeren Merkmale. Das ist wichtig, weil es zeigt, dass es hier nicht nur um subjektive Eindrücke geht, sondern um messbare Ungleichheiten im Polizeikontakt.
Ein konkretes Beispiel dafür ist der Vorfall am U-Bahnhof Kottbusser Tor am 29. April 2023. Dort wurden ein Man of Colour, eine Woman of Colour und eine weiße Frau von Polizeikräften gezielt angesprochen, aus dem Zug geholt und in einer Situation behandelt, die von den Beteiligten und Beobachtenden als diskriminierend und gewaltvoll wahrgenommen wurde. Dieser Fall zeigt, wie schnell eine Polizeisituation durch rassifizierte Wahrnehmung in eine Eskalation übergehen kann.
Wenn Kontrolle kippt
Für Betroffene ist schon die Kontrolle selbst oft entwürdigend. Noch schwerer wiegt es, wenn es ohne Erklärung, ohne Respekt und mit körperlicher Härte passiert. In solchen Situationen wird aus einer angeblich routinemäßigen Maßnahme schnell ein Machtgefälle, in dem die Polizei nicht schützt, sondern bedroht. Wer erlebt, dass der eigene Körper festgehalten, zu Boden gedrückt oder mit Gewalt behandelt wird, merkt sehr schnell, dass „Sicherheit“ nicht für alle gleich aussieht.
Solche Erfahrungen hinterlassen Spuren. Sie erzeugen Angst, Wut und Misstrauen, und sie verändern, wie Menschen öffentliche Räume nutzen und wie sie Behörden wahrnehmen. Wer mehrfach erlebt, dass schon das äußere Erscheinungsbild ausreicht, um verdächtigt zu werden, beginnt sich oft selbst zu schützen: durch Zurückhaltung, durch Vermeidung bestimmter Orte oder durch ständige Wachsamkeit. Das Problem ist also nicht nur die einzelne Kontrolle, sondern die langfristige Wirkung solcher Kontrollen auf den Alltag.
Genau hier wird der Vorfall am Kottbusser Tor besonders aussagekräftig. Die Gewaltanwendung wurde von außen nicht als Schutz, sondern als Einschüchterung erlebt. Für die Betroffenen war nicht mehr entscheidend, ob die Maßnahme formal als Polizeieinsatz gedacht war, sondern dass sie sich real als erniedrigend und körperlich übergriffig anfühlte.
Was nicht gesehen wird
Ein zweites Problem liegt darin, wie über solche Erfahrungen gesprochen wird. Wer Diskriminierung benennt, stößt schnell auf Abwehr: Betroffene seien zu subjektiv, zu emotional oder nicht wissenschaftlich genug. Genau diese Reaktion ist selbst Teil des Problems, weil sie Betroffenen ihre Deutung abspricht und die institutionelle Perspektive als neutral erscheinen lässt. So wird nicht nur die Erfahrung klein gemacht, sondern auch die Struktur dahinter unsichtbar.
Das zeigt sich auch in der Frage, welche Themen überhaupt als untersuchungswürdig gelten. Dass ein Forschungsprojekt zu Racial Profiling gestoppt wurde, wird von vielen als Zeichen dafür verstanden, wie ungern staatliche Institutionen sich selbst prüfen lassen. Wenn ausgerechnet eine Studie nicht gewollt ist, die die Praxis der Polizei empirisch untersuchen soll, bleibt das Signal an Betroffene ambivalent: Ihr Vorwurf ist politisch hörbar, aber institutionell nicht wirklich willkommen.
Auch der Vorfall am Kottbusser Tor zeigt, wie wichtig es ist, Erfahrungen von Betroffenen ernst zu nehmen. Wenn mehrere Anwesende dieselbe Situation als gewaltvoll und diskriminierend erleben, dann darf das nicht einfach als bloße Wahrnehmung abgetan werden. Gerade in solchen Fällen wird sichtbar, dass institutionelle Deutung und Betroffenenperspektive oft weit auseinanderliegen.
Sicherheitslogik und Vorurteil
Die heutige Polizeipraxis ist nicht nur durch Gesetze geprägt, sondern auch durch Erwartungen und Routinen. Eine Studie aus Niedersachsen zeigt, dass Polizeibeamt*innen bei Kontrollen und Lageeinschätzungen häufig auf ethnische Marker und stereotype Annahmen zurückgreifen. Dabei werden bestimmte Gruppen schneller mit Kriminalität, Aggression oder Unkooperativität verbunden. Genau hier wird sichtbar, wie Sicherheitslogik und Vorurteil ineinandergreifen können.
Besonders problematisch ist, dass solche Muster oft als „praktische Erfahrung“ getarnt werden. Dann heißt es nicht offen, jemand werde wegen Hautfarbe oder Herkunft verdächtigt, sondern man spreche eben von „Einschätzungen“, „Gefahrenlagen“ oder „Erfahrung im Dienst“. Doch gerade diese Sprache verschleiert, dass vermeintlich objektive Sicherheitsurteile häufig von rassifizierten Zuschreibungen mitgeprägt sind.
Der Vorfall am Kottbusser Tor lässt sich auch unter diesem Aspekt lesen: Die Betroffenen schilderten, dass sie als Gruppe ins Visier genommen wurden, obwohl sie von Beginn an erklärten, miteinander befreundet zu sein. Wenn trotz solcher Erklärungen weiter mit Zwang und Gewalt reagiert wird, zeigt das, wie stark stereotype Sicherheitsannahmen das Handeln beeinflussen können.
Uni, Wissen und Abwehr
Rassismus wirkt aber nicht nur in der Polizei. Auch im akademischen Raum wird entschieden, welche Erfahrungen als relevant gelten und welche als „zu persönlich“ abgewertet werden. Wenn ein Essay zu Afrika nicht als wissenschaftlich genug bewertet wird, nur weil er persönliche oder kritische Perspektiven enthält, dann zeigt sich dieselbe Logik auf anderer Ebene: Nicht die Erfahrung selbst wird geprüft, sondern ihre vermeintliche Passung zu einem engen Verständnis von Wissenschaft.
Gerade für einen Text über Sicherheitsdiskurse ist das interessant. Denn hier geht es nicht nur um Polizei, sondern auch um die Frage, wer überhaupt sprechen darf, wem geglaubt wird und welche Perspektiven als legitim gelten. Das Schweigen über Rassismus entsteht nicht nur durch offene Ablehnung, sondern auch durch solche kleine, aber wirksame Formen der Abwertung.
Im Fall am Kottbusser Tor ist das besonders wichtig, weil die Betroffenen selbst ihre Perspektive klar formulieren. Wenn solche Aussagen anschließend nicht als Wissen, sondern nur als Emotion gelesen werden, wird genau die gleiche Abwertung reproduziert.
Was sich ändern müsste
Wenn Racial Profiling ernst genommen wird, reicht es nicht, einzelne Beamte zu kritisieren. Nötig sind transparente Kontrollen, belastbare Beschwerdewege und eine echte Bereitschaft, die eigene Praxis zu überprüfen. Dazu gehört auch, Forschung zu ermöglichen, statt sie zu stoppen, und Betroffene nicht nur anzuhören, sondern ihre Erfahrungen als Wissen anzuerkennen.
Für die öffentliche Debatte ist entscheidend, Sicherheit nicht als Gegenpol zu Antirassismus zu verstehen. Denn eine Polizei, die Menschen wegen ihres Aussehens oder ihrer zugeschriebenen Herkunft unter Generalverdacht stellt, erzeugt nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Distanz, Misstrauen und Angst. Genau darin liegt die politische Brisanz von Racial Profiling: Es ist kein Randthema, sondern ein Prüfstein dafür, ob staatliche Sicherheit für alle gilt oder nur für manche.
Im konkreten Fall am Kottbusser Tor bedeutet das auch: Eine Aufarbeitung darf nicht bei der Behauptung enden, es habe nur um eine Gefahreneinschätzung gehandelt. Entscheidend ist, wie diese Einschätzung zustande kam, warum genau diese Personen ins Visier gerieten und weshalb der Einsatz in Gewalt umschlug.
Racial Profiling ist kein individuelles Missverständnis, sondern Teil eines größeren Problems: Sicherheitslogiken werden zu oft mit rassifizierten Vorstellungen verknüpft. Die Folge sind Kontrollen, die nicht schützen, sondern abwerten, und Institutionen, die Kritik eher abwehren als aufarbeiten. Wer über Polizei und Sicherheit spricht, muss deshalb auch über Rassismus sprechen, sonst bleibt der Sicherheitsdiskurs selbst ein Teil des Problems.
Der Vorfall am Kottbusser Tor zeigt sehr deutlich, dass es dabei nicht um eine abstrakte Debatte geht, sondern um konkrete Körper, konkrete Gewalt und konkrete Betroffene. Gerade deshalb ist Aufarbeitung notwendig.


