Weiter zum Inhalt

Reichsbürger*innen in Braunschweig Kaisertreue Spiegelwelt

Putin-Shirts, MAGA-Caps und Kaiserreich-Fantasien: Am Samstag demonstrierten in Braunschweig rund 300 Reichsbürger*innen beim „8. Treffen der 25 + 1 Bundesstaaten”.

 
Putinfans und Co. beim „Treffen der Bundesstaaten” in Braunschweig (Quelle: DL)

Dass ein Familienvater seine Kinder an seinen Hobbys teilhaben lässt, klingt erstmal gar nicht schlecht. Nicht so in diesem Fall: Als am Samstag (18.4.) Reichsbürger*innen durch Braunschweig in Niedersachsen marschierten, war auch eine Familie dabei – ein Vater mit seinen beiden Söhnen, gekleidet in den Farben und auftretend als Vertreter des „Fürstentums Baden“, wie sie sich selbst verstehen.

Das „Treffen der 25 + 1 Bundesstaaten“ gehört zu den größeren, sichtbaren Versammlungen der Reichsbürger-Szene – von einer Massenmobilisierung kann jedoch keine Rede sein. Zum Aufmarsch erschienen etwas mehr als 300 Personen, zu den anschließenden Reden blieben deutlich weniger. Bei einer früheren Veranstaltung in Gera im Jahr 2024 konnten die Organisator*innen noch beinahe 1.000 Teilnehmende mobilisieren.

Gegenprotest doppelt so stark

Dabei ist die Szene keineswegs klein: Rund 26.000 Menschen zählt der Verfassungsschutz bundesweit zum „Reichsbürger- und Selbstverwalter”-Milieu. Was in Braunschweig zusammenkam, bildete also nur einen Ausschnitt – gewissermaßen eine Wanderbühne: Seit 2023 findet das „Bundesstaaten-Treffen“ in wechselnden Städten statt, die Demo in Braunschweig war die achte. Mitinitiator und auch in Braunschweig an der Organisation beteiligt ist der Reichsbürger Frank Meier aus Schwedt (Brandenburg).

Die Treffen folgen einer festen Choreografie: Anhänger*innen aus verschiedenen Regionen Deutschlands kommen als Vertreter ihrer „Fürstentümer” zusammen, es gibt einen Aufmarsch mit Flaggen durch die jeweilige Stadt und am Ende eine Art Fahnenappell, bei der sich nochmals alle „Fürstentümer” präsentieren. In Braunschweig waren die „Königreiche” Sachsen und Preußen, also der Raum Berlin und Teile NRWs, am stärksten vertreten. Der skurrile Aufmarsch wurde durchweg von lautstarkem Gegenprotest begleitet. Die Polizei sprach von etwa 600 Gegendemonstrant*innen.

Der Kaiser – oder eben Trump und Putin

25 Bundesstaaten hatte das Deutsche Kaiserreich. Dazu kommt Elsass-Lothringen, das heute zu Frankreich gehört. Inzwischen sind weitere untergegangene Gebilde Teil dieser Parallelwelt geworden, etwa die „Grafschaft Tirol“. Omnipräsent auf Shirts und Mützen war die Zahl 1871 – das Gründungsjahr des Kaiserreichs, zu dessen Verfassung man zurückkehren möchte, sofern man sie nicht sowieso als eigentlich weiterhin gültig betrachtet.

Worin außerdem Einigkeit besteht, ist die Hingabe zu Putins Russland. Eine Frau schwenkt eine Fahne in den Farben des Kaiserreichs und Russlands. Ein Teilnehmer, der in seiner Wahrnehmung das „Königreich Sachsen“ vertritt, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Putin 4 Bundeskanzler“. Auch Donald Trump genießt Sympathien: MAGA-Caps und ihre deutsche Variante „Make Germany great again“ sind mehrfach zu sehen.

Trotz der Begeisterung für kriegführende Autokraten bestehen die Teilnehmer darauf, für „Frieden” und „Freiheit“, ach was: für den „Weltfrieden“ auf die Straße zu gehen. Teil dieser Inszenierung einer kaisertreuen Spiegelwelt ist es, dem Gegenprotest „Nazis raus!“ entgegenzurufen; streckenweise wurde auch „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda“ skandiert – während schwarz-weiß-rote Fahnen geschwenkt wurden.

Querdenken und Germanentum

Um so tief in dieser Parallelwelt zu landen, braucht es Zeit. Radikalisierung verläuft hier nicht nur politisch, sondern auch kulturell: Buttons und Aufnäher an der Kleidung, Sticker auf Trommeln und anderem Nippes dokumentieren eine Art Radikalisierungsbiografie der Teilnehmenden – von Querdenken-Protesten über eine „Reformation 2.0“-Demonstration mit Compact-Chef Jürgen Elsässer bis hin zu den jüngsten Bundesstaaten-Treffen. Andere Teilnehmende machten wiederum ihre Nähe zu völkischen Denkweisen deutlich: „Der germanische Geist ist der Geist der Freiheit” stand auf der Flagge einer Teilnehmerin.

Zur Inszenierung gehören auch offensichtliche Feigenblätter: Am Samstag nahmen z zwei „Gäste aus Mosambik“ teil, die offenbar auf Einladung der Organisator*innen erschienen waren. Auf der Bühne wurde ihre Anwesenheit als Beleg dafür inszeniert, keinesfalls rassistisch zu sein.

Teil des Bundesstaaten-Netzwerks ist auch die „Royal Ottoman Society“: in Deutschland, genauer gesagt in Ludwigshafen, lebende türkische Monarchisten, die sich die Rückkehr des Osmanischen Reiches wünschen – ähnlich, wie Reichsbürger das Kaiserreich herbeisehnen. Per Video zugeschaltet richtete ein Vertreter der Gruppe Grußworte an die Versammlung – türkische Monarchisten, die einen Sultan wollen, grüßen deutsche Monarchisten, die sich einen Kaiser wünschen. „Das ist Vielfalt“, kommentierte ein Moderator.

Sympathien für mutmaßliche Terrorist*innen

Große Sympathien bei den Besucher*innen des Bundesstaatentreffens genießt der terrorverdächtige Adelsspross Heinrich XXII. Prinz Reuß. Dem Immobilienunternehmer, der in der Reichsbürgerszene verkehrte und offenbar deren Vorstellungen teilte, wird vorgeworfen, gemeinsam mit unter anderem der ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten Birgit Malsack-Winkemann einen Putsch geplant zu haben. Seit 2024 wird der Gruppe an drei deutschen Gerichten der Prozess gemacht.

Zwischen dem Umfeld der Reuß-Gruppe und dem Bundesstaaten-Netzwerk gibt es Berührungspunkte: Der Reichsbürger Matthes Haug, ein ehemaliger Physiklehrer, ist Beschuldigter in dem Verfahren und trat bereits mehrfach als Redner bei Bundesstaaten-Treffen auf.Das „Fürstentum Reuß ältere Linie“ wurde in Braunschweig auf der Bühne als das „bekannteste Fürstentum” gefeiert. In Greiz in Sachsen-Anhalt, welches dem „Fürstentum” zugerechnet wird, soll deshalb im Juli das nächste Bundesstaaten-Treffen stattfinden.

Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus auf der Bühne

Aus Sachsen-Anhalt kam auch die Rednerin Colette Bornkamp-Rink, die in ihrer Heimatstadt Aschersleben eine führende Figur der Montagsdemonstrationen ist. Sie pflegt Kontakte sowohl in die Reichsbürger- als auch in die Neonazi-Szene: So trat sie beispielsweise im vergangenen Oktober bei einer rechtsextremen Demonstration in Altenburg auf.

Ihre Rede in Braunschweig setzte dem schon den ganzen Tag praktizierten Geschichtsrevisionismus die Krone auf: Die „zwölf Jahre“ seien „der Horror“ gewesen, sagte sie mit Blick auf die NS-Zeit – doch zugleich behauptete sie, diese sei „gelenkt und finanziert vom tiefen Staat“ worden. Derselbe „tiefe Staat“ finanziere angeblich auch den heutigen Gegenprotest. Die Deutschen seien zu Unrecht als „Tätervolk“ diffamiert worden, behauptete sie.

„Unser Volk wurde nicht gefragt, unsere Ahnen konnten nicht entscheiden“, sagte sie weiter. Eine steile These – wenn man bedenkt, wie viele dieser Ahnen der NSDAP ihre Stimme gegeben haben. Es folgte eine zunehmend laute Litanei über das angeblich nie ausreichend betrauerte Leid deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg.

Auch der badische Familienvater, der mit seinen Söhnen erschienen war, hielt eine Rede: Darin sprach er von „Blutlinien” und behauptete: „Der eigentliche Kampf hat stattgefunden zwischen der unsichtbaren Weltmacht und dem Deutschen Reich.“ Das antisemitische Geraune spielt auf die Vorstellung an, jüdische Familien würden heimlich die Geschicke der Welt lenken und hätten beispielsweise den Ersten Weltkrieg verursacht. Die Propaganda des historischen Nationalsozialismus verbreitete im Kern dieselben Behauptungen wie der badische Reichsbürger beim Familienausflug nach Braunschweig.

Belltower.News macht gemeinnützigen Journalismus, denn wir klären auf und machen das Wissen von Expert*innen zu Antisemitismus, Rassismus und
Rechtsextremismus und allen anderen Themen der Amadeu Antonio Stiftung für alle zugänglich.
Unsere Reportagen, Recherchen und Hintergründe sind immer frei verfügbar und verschwinden nie hinter einer Paywall. Dafür brauchen wir aber auch deine Hilfe.
Bitte unterstütze unseren Journalismus, du hilfst damit der digitalen Zivilgesellschaft!

Weiterlesen

max-fleischmann-4wcI3YQAWpI-unsplash

Heimatlose Reichsbürger Das Königreich Deutschland-Verbot und seine Folgen

Das Verbot des „Königreichs Deutschland“ trifft das Reichsbürger-Milieu hart – doch seine Ideologien leben weiter. Hinter esoterischer Fassade verbarg sich ein autoritäres, antisemitisches System.

Von
B22A7547_edit

Neuerscheinung Reichsbürger im Südwesten. Die Akte Ingo K. aus Bobstadt

Als die Polizei am 20. April 2022 eine illegale Waffe des Reichsbürgers Ingo K. einziehen will, fallen Schüsse. Das Buch…

Von
Foto 3

Interview 33 Tage im Gerichtssaal mit dem Reichsbürger

„Seine Radikalisierung verlief schnell, atemberaubend schnell“

Von

Schlagen Sie Wissenswertes in unserem Lexikon nach.