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Sachsen-Anhalt Gewonnen hat das Vorfeld

Die AfD hat nur knapp die absolute Mehrheit in Sachsen-Anhalt verpasst. Doch ihr Wahlsieg gehört nicht der Partei allein. Er gehört dem Vorfeldmilieu um Schnellroda, das der Partei Ideen und Strategien liefert.

 
Götz Kubitschek (Quelle: Kira Ayyadi )

Am Abend des 6. September 2026 steht es fest: Die AfD ist die Gewinnerin dieses polarisierten Landtagswahlkampfes in Sachsen-Anhalt. Sie bekommt fast 44 Prozent der Stimmen. Viele vorherige Nichtwähler*innen stimmten am Sonntag für die Rechtsextremen. Die CDU stürzt auf 17 Prozent ab. Ein demokratisches Bündnis scheint in Sachsen-Anhalt derzeit schwierig. Dieser Wahlabend war vermutlich historisch, denn noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren Rechtsextreme so nah an der Regierungsverantwortung, an der Machtübernahme.

Wie es so weit kommen konnte, lässt sich nicht nur durch die Landespolitik erklären. Ein Teil der Antwort liegt in dem rechtsextremen Netzwerk aus dem Dorf Schnellroda. Dort betreibt der Verleger Götz Kubitschek den Verlag Antaios, im Umfeld erscheint die Zeitschrift Sezession. Auch dort angesiedelt, bis zu seiner formalen Auflösung 2024, das Institut für Staatspolitik (IfS), das der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstufte. Am Betrieb änderte die Auflösung wenig. Weiterhin werden auf dem Grundstück Winterakademien und Sommerfeste veranstaltet, Bücher beworben, Kampagnen aufgebaut. Hier werden die Ideen gesponnen, hier wird die strategische Linie gezogen, die der völkische Teil der AfD dann in Parlamente und Wahlkämpfe trägt.

Wie präzise das Vorfeld vorgedacht hat, zeigt ein genauerer Blick auf die Zahlen. Die CDU hat sich in Sachsen-Anhalt mehr als halbiert. Das ist kein Kollateralschaden, das ist Plan. Ausgerechnet Benedikt Kaiser, Schnellroda-Autor und Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten, hoffte schon 2022 auf „eine geschrumpfte, politisch korrigierte CDU“ und eine starke AfD im Osten. Das sei eine Voraussetzung für eine rechte Wende, getragen vom Zusammenspiel der „Mosaikrechten“ und einer starken AfD. Bis dahin brauche die Partei vor allem Geduld. Kaiser ist derzeit wohl der relevanteste Theoretiker des intellektuellen Rechtsextremismus.

Kaiser arbeitet seit Jahren am Modell einer „Mosaikrechten“. Danach ist die Partei der größte Stein, um ihn herum liegt das „Vorfeld“. Das sind Vereine, Zeitungen, Initiativen, Accounts in den sozialen Medien, die der Partei ideell nahestehen, ohne ihr anzugehören. Aktiv sein soll das Vorfeld dort, wo Menschen alltäglich geprägt werden, etwa im Verein, im Sport, im Feed. Es ist der Kampf um die Stammtische, nicht um die Hörsäle. Umgekehrt schuldet die Partei dem Vorfeld etwas. Sie verfügt über Geld und Posten, über die die Steine um sie herum nicht verfügen, und muss sie deshalb „je nach Notwendigkeit schützen und fördern“, so Kaiser.

Kurze Wege zwischen Ziegenhof und Landtag

Die Verbindungen sind keine Vermutung, sie sind dokumentiert. Siegmund selbst war in der Vergangenheit Gast bei Veranstaltungen in Schnellroda, ebenso der Fraktionsgeschäftsführer Patrick Harr, so der Rechte Rand. Hans-Thomas Tillschneider, Mitgründer des offiziell aufgelösten „Flügels“ und seit Jahren mit Siegmund im Landesvorstand, gehört ohnehin zu den Stammgästen. Ehemalige IfS-Protagonisten wie Erik Lehnert und Benedikt Kaiser sind bei AfD-Abgeordneten angestellt, das Vorfeld wird längst aus Parlamentsbudgets mitfinanziert.

Auch im Wahlkampf selbst war Schnellroda präsenter, als es auf den ersten Blick den Anschein macht: Das identitäre „Filmkunstkollektiv“, verzahnt mit dem IfS und dem Kampagnennetzwerk „EinProzent“, produzierte die Bilder für Siegmunds Auftritte. Das Team um den rechtsextremen Aktivisten Simon Kaupert, der unter anderem bei den „Jungen Nationalisten“ (JN), der Jugendorganisation der „Heimat, früher NPD, aktiv war, lieferte somit jene Bilder, die die AfD und Siegmund benötigten. Die eines fröhlichen, gut gelaunten Rechtsextremismus. Rassismus, Sozialdarwinismus und Menschenfeindlichkeit wurden nicht grimmig erzählt, sondern positiv, als Aufbruch.

Was Kaupert liefert, nennt er selbst ein „Ästhetikprojekt“. Seine Leute, rechtsextreme Kader aus dem Umfeld der IB, produzieren nach eigener Beschreibung „die schönen Bilder des Widerstands“. Gelernt hat die IB das an ihren eigenen Aktionen: Banner an Wahrzeichen, Fackeln, Aufmärsche, gedacht nicht für Passant*innen, sondern für die Kamera. Vorher waren es Untergangsbilder, jetzt sind es Dorffeste, Lächeln, blaue Zuckerwatte.

Verleger Kubitschek selbst hat aus dieser Arbeitsteilung nie ein Geheimnis gemacht. Schon 2016, auf der Wahlparty zum ersten Landtagseinzug der AfD in Sachsen-Anhalt, freute er sich öffentlich darüber, dass die neuen Abgeordneten Themen und Expertisen aus seinen Projekten übernehmen würden, so die taz. Zehn Jahre später ist aus dem Zulieferbetrieb ein eingespieltes System geworden.

Rechtsextremismus mit guter Laune

So konsequent wie in diesem Wahlkampf hat die extreme Rechte ihre Politik noch nie als Wohlfühlangebot verkauft. Rechtsextremismus als Lebensgefühl, als vermeintlich realer Gegenentwurf zu einer Politik, der viele Menschen im Land nichts mehr zutrauen. Genau das ist die Schnellrodaer Schule. Erst die Begriffe verschieben, dann die Stimmung, dann die Mehrheiten. Metapolitik nennt das ideologische Vorfeld diese Strategie. So wird aus Rechtsextremismus ein positives Versprechen, ein cooler Lifestyle.

Die gute Laune ist dabei nur die Fassade. Die AfD ist verfassungsfeindlich, antisemitisch, rassistisch und antifeministisch, und in Sachsen-Anhalt noch mal offener als in anderen Landesverbänden. Das Wahlprogramm, verfasst unter anderem vom rechtsextremen Ideologen Hans-Thomas Tillschneider, ist das vielleicht radikalste Programm, das je ein AfD-Landesverband vorgelegt hat.

Doch Skandalisierung nützt dagegen offenbar nicht. Als der Spiegel Siegmund im August 2026 auf dem Titel als gefährlichsten Mann Deutschlands bezeichnete, signierte Siegmund die Hefte im Wahlkampf. Die Skandalisierung prallte ab, weil das Vorfeld über Jahre Misstrauen gegenüber der Presse, und einer kritischen Öffentlichkeit gesät hat. Längst hat sich bei vielen Menschen die Erzählung einer vermeintlichen „Lügenpresse“ durchgesetzt. Man vertraut lieber dubiosen Polit-Influencer*innen und extrem rechten Medienaktivist*innen.

Die Mobilisierung der Nichtwähler*innen

Die knapp 77‑Prozent-Wahlbeteiligung, etwa 16 Punkte höher als 2021, muss als Mobilisierungserfolg gewertet werden. Sie ist das Ergebnis einer Strategie, die in Schnellroda erdacht, in Kampagnennetzwerken produziert und von der AfD Sachsen-Anhalt umgesetzt wurde. Das Vorfeld hat das geliefert, was in den Akademien in Schellroda gepredigt und geschult wird. Das trägt nun Früchte.

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