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Ulrich Siegmund Dauerlächeln gegen Demokratie

Ulrich Siegmund will der erste Ministerpräsident der AfD werden. Im Wahlkampf gibt er sich positiv und nahbar. Dabei hat er radikale Forderungen.

 
Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat, wird von den Teilnehmern wie ein Star begrüßt. (Quelle: picture alliance/dpa | Klaus-Dietmar Gabbert)

Er betritt den Raum und die Menge grölt, Hände klatschen, Deutschlandfahnen schwingen durch die Luft: Ulrich Siegmund, AfD-Fraktionsvorsitzender in Sachsen-Anhalt und Spitzenkandidat für die Landtagswahl, wird von seinen Anhänger*innen gefeiert wie ein Star. Bei seinem Wahlkampfauftritt im Juli in Magdeburg schüttelt er Hände, grüßt die Menschen, winkt und lächelt, während er sich seinen Weg durch die jubelnde Masse bahnt. Auf der Bühne rieselt ein Konfettiregen zu Boden.

Am Redepult angekommen, bedankt sich der Kandidat ausgiebig für die Begrüßung. Die Zettel, auf denen seine Rede steht, steckt er wieder in die Taschen seines dunkelblauen Sakkos. Er wolle einfach so sprechen, wie er sei, sagt er, aus dem Herzen, als Mensch, als ‚Uli‘.

So gibt sich der 35-Jährige gerne vor potenziellen Wähler*innen – als Mensch mit Herz statt Berufspolitiker, modern und nahbar. In Auftritten und Interviews betont er immer wieder, dass er ganz normal sei, nichts Besonderes, einer, mit dem „man gerne ein Bier trinken gehen und sich humorvoll unterhalten“ könne. Er beschreibt sich selbst als positiven Typen und Optimisten. Gleichzeitig verbreitet Siegmund radikale Forderungen. Und die sind alles andere als positiv.

Der harmlose Normalo?

Auf den ersten Blick könnte Siegmund tatsächlich der nette Typ von nebenan sein, immer ein Lächeln auf dem Gesicht, immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Immer voll motiviert und gepflegt im Auftreten, die Haare adrett nach hinten gekämmt, gekleidet im Polohemd oder Anzug, Verheiratet, Vater einer Tochter.

Auch seine Biografie liest sich wie die eines bodenständigen Aufsteigers: 1990 in Havelberg, Sachsen-Anhalt, geboren, absolvierte Siegmund zunächst eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel, dann arbeitete er im Vertrieb sowie als Key-Account-Manager einer Berliner Augenklinik. Später studierte er Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspsychologie. 2014 gründete er eine Duftstofffirma mit.

Mit 19 Jahren trat er zunächst der CDU bei, verließ die Partei jedoch fünf Jahre später und wechselte 2014 zur AfD. Seit 2016 sitzt er im Landtag von Sachsen-Anhalt, 2022 stieg er zum Co-Fraktionsvorsitzenden auf. Jetzt will er der erste Ministerpräsident der AfD werden, einer Partei, die seit November 2023 vom Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft wird.

„Vision 2026“

Siegmunds politische Ziele sind in einem 100-Tage-Programm namens „Vision 2026“ zusammengefasst. Zentrale Forderung: „Remigration“. Für ihn bedeutet das „die Rückführung aller Illegalen, aller Straffälligen und die Neuordnung der Migration in diesem Land“. In seinen Ausführungen teilt er Migrant*innen und Asylsuchende dabei stets in zwei Lager ein: die Wenigen, die anspruchsberechtigt seien, und die vielen, die es nicht seien. So wird eine ganze Gruppe unter Generalverdacht gestellt, pauschalisiert und abgewertet.

In einem Interview mit dem rechtsalternativen Online-Portal Nius im Juli 2026 behauptet er, dass Deutschland ein Magnet für Menschen sei, die die Sozialleistungen ausnutzen würden, dass sich Migrant*innen auf Kosten von Steuerzahler*innen ein schönes Leben machen würden und Anschläge und Delikte in der Regel von Leuten kämen, die ausreisepflichtig waren und teilweise nach Abschiebungen wieder einreisen würden.

Deshalb wolle er es denjenigen, „die sich nicht benehmen und sich nicht anpassen können, die hier illegal sind und Straftaten begehen“, in Sachsen-Anhalt so unbequem wie möglich machen, wie er im Interview mit dem rechtsextremen Sender Auf1 sagt. Und zwar unter anderem durch verdachtsunabhängige Polizeikontrollen, einer Arbeitspflicht für Asylbewerber*innen und Einsparungen im Bereich Migration. Kurz gesagt: durch Ausgrenzung und Vertreibung.

Das ‚gute, alte, sichere Deutschland‘

Aber Ulrich Siegmund wäre nicht Ulrich Siegmund, wenn er nicht auch hier einen vermeintlich optimistischen Twist einbringen könnte. Denn da er ja ein so positiver Typ sei, wie er selbst immerzu sagt, gehöre für ihn zum Begriff der „Remigration“ auch die „Rückgewinnung der Deutschen“. Er finde es schade, dass jeder Fünfte auswandern wolle. Der Grund dafür sei, dass sich die Deutschen nicht mehr sicher fühlten. Aus seiner Sicht sind daran Migrant*innen und Asylsuchende schuld. Siegmund wolle deshalb dafür sorgen, dass die Deutschen hier wieder ihre Heimat finden. In einem „guten, alten, sicheren Deutschland“, wie er es nennt.

Er vermittelt damit das Bild, Deutschland gehöre vor allem einer bestimmten Gruppe, nämlich den „Deutschen“. Und dass ihnen Deutschland, ihre Heimat, durch Migration weggenommen würde. Die Vorstellung, dass ein Land einer bestimmten ethnischen Gruppe „gehört“ und zurückgewonnen werden müsse, findet sich auch in rechtsextremen und völkisch-nationalistischen Ideologien.

Siegmund und die deutsche Geschichte

Auch Siegmunds Blick auf die deutsche Geschichte lässt tief blicken. In einem Interview mit Auf1 sagt er: „Ich liebe Deutschland, ich liebe unser Land, ich liebe unsere gesamte, jahrhundertealte Geschichte. Ich möchte, dass diese Geschichte, die sehr beeindruckend ist, wenn man sie mal reflektiert, fortgeführt wird, dass wir in eine stolze Zukunft gehen können“. Im Politico-Podcast wird er im November 2025 gefragt, ob die NS-Zeit das schlimmste Menschheitsverbrechen sei. Seine Antwort: Das maße ich mir nicht an, „zu bewerten, weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann und aus allen Verbrechen dieser Menschheit natürlich lernen muss“ .Eine NS-Relativierung.

Kaum verwunderlich, dass sein politisches Umfeld von Verbindungen aus der rechtsextremen Szene durchsetzt ist. Viele seiner Auftritte werden vom Filmkunstkollektiv gefilmt. Hinter dem Verein stehen Köpfe aus dem rechtsextremen Vorfeld, unter anderem der Identitären Bewegung. Zu seinem Bekanntenkreis gesellt sich auch der österreichische Rechtsextreme Martin Sellner, Redner beim Potsdamer Geheimtreffen, an dem Siegmund Ende 2023 teilgenommen hat. Bei diesem Treffen sprach Sellner unter anderem davon, „nicht assimilierte“ Staatsbürger mit Migrationshintergrund aus Deutschland zu drängen.

Bye bye ÖRR

Ulrich Siegmund träumt indes davon, Sachsen-Anhalt im Alleingang zu regieren. Am liebsten mit einer stabilen Mehrheit von 45 Prozent. Seine allererste Amtshandlung, wenn es dann so weit sein sollte? Die Kündigung des Medienstaatsvertrags. Dieser regelt unter anderem die Grundlagen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, etwa dessen Auftrag, Finanzierung und den Rundfunkbeitrag.

Die Rundfunkbeitrags-Zahlungen, die Siegmund als „Zwangsabgabe“ betitelt, sollen dadurch abgeschafft werden. Denn Bürger*innen könnten sich aus seiner Sicht über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ohnehin keine unvoreingenommene, eigene Meinung bilden. Stattdessen will die AfD einen „Grundfunk“ mit reduziertem Programm einführen, finanziert über Steuermittel und freiwillige Beiträge. Einige Medienrechtler*innen halten diese Pläne für verfassungswidrig. Aber solche Kritik kann Ulrich Siegmund sicher gekonnt weglächeln.

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