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Seitenblick Sehr einladend?

Deutscher Grill - gesehen in Ueckermünde; Foto: H. Kulick

Eine Anzeige in der „Deutschen Stimme“, dem Zentralorgan der NPD, lautet: „21,1 Prozent für die NPD – hier macht man gerne Urlaub.“ Von wegen. Laut einer Umfrage des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern änderten beispielsweise 7 Prozent der Deutschen schon einmal ihre Reisepläne wegen Rechtsextremismus, wogegen aufgrund der Vogelgrippe nur 2,7 Prozent umdisponierten. In einigen internationalen Deutschland-Reiseführern ist sogar von „No-Go-Areas“ die Rede. Allein für Mecklenburg-Vorpommern rechnet die Studie mit finanziellen Einbußen von 100 bis 200 Millionen Euro jährlich.

Betroffen sei nicht nur Mecklenburg-Vorpommern. Für nicht-deutsch-stämmige Berliner ist nach einer Studie der Freien Universität auch ein Kurztrip ins Berliner Umland mit Unbehagen verbunden. Schon vorab würde sich Gedanken gemacht, wie im Notfall die Flucht ergriffen werden kann, ob man sich lieber einer mehrheitlich „deutsche Gruppe“ anschließen werde oder Verkleidungsmaßnahmen ergreife, um „deutscher“ zu erscheinen.

Die Bundestagsfraktion von Bündnis90/DIE GRÜNEN befasste sich Ende Juni 2008 in einem Fachgespräch von Vertretern der Tourismusbranche und Initiativen gegen Rechtsradikalismus mit dieser Problematik. Eingeladen hatte die grüne Rechtsextremismusexpertin Monika Lazar, die meinte, sie könne es niemandem verübeln, der künftig „keinen Urlaub mehr in Reinhardtsdorf-Schöna machen will.“ In dem sächsischen Dorf erhielt die NPD wiederholt mehr als 25 Prozent der Wählerstimmen. Doch auch Westdeutschland sei von solchen Sorgen nicht befreit.

Der Tourismuspolitikerin der Grünen, Bettina Herlitzius, lag das Thema besonders am Herzen, sie stammt aus einer westdeutschen Region, die auch als eine rechte Hochburg gilt, dort sind rechte Parteien in mehreren kommunalen Parlamenten vertreten: Im nordrhein-westfälischen Stollberg quartierte man Presseberichten zufolge einige Touristen kurzerhand in die nahe Eifel aus, damit das schöne Bild nicht von einer Nazidemo getrübt werden konnte.

Doch es gibt auch Gegeninitiativen. So konnte die Burg Vogelsang, im Nationalsozialismus eine NS-Kaderschmiede, als Gedenkstätte etabliert werden. „Eine ganz normale Freizeitnutzung wäre für mich nicht denkbar gewesen“, so Britta Herlitzius.

Weltoffenes Deutschland, gastfreundliche Tourismusbranche

Der an dem Fachgespräch beteiligten DEHOGA (Deutsche Hotels und Gaststätten) ist der Rechtsradikalismus in Deutschland ein Dorn im Auge, schließlich sei die Tourismusbranche international wie kaum eine andere. „Gerade die Weltmeisterschaft in Deutschland hat gezeigt, dass Deutschland weltoffen und gastfreundlich ist“, so Sandra Warden von der DEHOGA. Da störe natürlich der rechte Ruf, den einige Tourismusregionen haben. Der wohl international bekannteste Backpacker-Reiseführer „Lonely Planet“ warne angeblich vor einem Besuch in Mecklenburg-Vorpommern. Und vornehmliche westdeutsche Reisende beschwerten sich beim Tourismusverband über Nazi-Tattoos bei Angestellten in der Gastronomie oder am Balkon wehenden Reichskriegsflaggen.

Der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern engagiert sich in Projekten wie Bunt statt Braun, Rock gegen Rechts und vergibt einen Preis für Anti-Rassismusarbeit im Tourismus. Damit sich Rechtsextreme nicht in Hotels oder Kneipen einmieten gibt es eine Rechtshilfe, Merkblätter und Musterverträge von der DEHOGA. Rechtsextreme Grundeinstellungen beseitigt so etwas natürlich noch nicht. „Wir kriegen den Sumpf nicht trocken gelegt, wir können ihn nur sauber halten“, resümierte der Sozialwissenschaftler Reiner Neugebauer aus Halberstadt das Fachgespräch. Er ist zugleich Sprecher einer örtlichen Bürgerinitiative gegen Rechtsextremismus und kritisierte nicht nur die gewaltbereite rechtsextreme Szene, sondern auch die vor Ort kaum aktive Zivilgesellschaft. Bei einem rechts motivierten Überfall in Halberstadt habe es etwa zwanzig bis fünfzig Zeugen gegeben – doch kaum einer von ihnen habe ausgesagt. Vertrauen wecke das nicht.

Das Fachgespräch der GRÜNEN sollte ein Auftakt sein, Win-Win-Situationen zwischen Tourismus und zivilgesellschaftlichem Engagement zu begründen. Trotz eines „interkulturellen Konflikts“ zwischen den eher gewinnorientiert denkenden Wirtschaftsvertretern und den ethisch oder politisch motivierten Initiativen sei eine Zusammenarbeit von beiden Seiten gewünscht, betonten alle Gesprächsbeteiligten.

Leon Freude

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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