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Trauma und Solidarität Über die Auswirkungen des 7. Oktobers in den Kibbuzim am Gazastreifen

„Alles war zusammengebrochen. Nichts von dem was ich kannte, bestand noch. Die Armee war weg, der Staat, die Regierung waren weg. Alles war weg und wir standen alleine gegen das Böse.“

 
Luftaufnahmen zeigen die Zerstörungen im Kibbuz Kfar Aza nach dem 7. Oktober. (Quelle: mageBank4u / Shutterstock.com)

Erscheint der israelisch-palästinensische Konflikt zumeist abstrakt, wird er in der Grenzregion zum Gazastreifen, dem Otef Aza, so konkret wie sonst vielleicht nirgends. Fußläufig entfernt lebt man hier von dem Orton dem diejenigen kamen, die am 7. Oktober über 1.200 Israelis ermordeten, zahlreiche Geiseln nahmen und wesentliche Teile der Region zerstörten. Während dieser Tag als Zäsur und kollektives Trauma in die israelische Geschichte eingeht, haben die Geschehnisse des Massakers noch immer Auswirkungen auf die Bewohner*innen der betroffenen Kibbuzim. Sozialwissenschaftliche Interviews mit Kibbuzniks aus den betroffenen Gemeinden Magen, Kfar Aza, und Nahal Oz, die im Rahmen einer Abschlussarbeit im September 2025 in Israel geführt wurden, zeigen eindrücklich die Folgen für die Communitys, für ihre Überzeugungen und Zukunftsvorstellungen.

Kibbuzim sind genossenschaftliche Arbeits- und Lebensgemeinschaften, die auf gemeinsamen Prinzipien wie Solidarität, Kollektiveigentum und Basisdemokratie beruhen.  Insbesondere in der Phase der israelischen Staatsgründung spielten sie eine bedeutende strategische und ökonomische Rolle. Galten sie einst als Paradebeispiel für gelebten Sozialismus, führte die zunehmende Liberalisierung des Landes in den 1990er Jahren zu einem Privatisierungstrend. Seit dem ist das Kibbuzleben individualistischer und weniger gemeinschaftsorientiert ausgerichtet: Eine Entwicklung, die auch die Kibbuzim in des Otef Aza, jenen Gemeinden die am 7. Oktober gezielt von der Hamas und weiteren militanten Palästinenser*innen angegriffen wurden, hinter sich hatten. Durch das gemeinsam erlebte Trauma an diesem Tag sind heute ursprünglicher Kibbuzwerte widerbelebt worden.

Viele sind enger zusammengerückt. Arielvon Nahal Oz,  einem Kibbuz in dem am 7. Oktober 15 Bewohner*innen und mehr als 60 Soldat*innen des angeschlossenen IDF-Stützpunktes getötet wurden, berichtet über die Wochen nach dem Massaker: „Es war einfach in der Community zu bleiben, weil wir alle das Gleiche durchgemacht hatten. Die anderen konnten verstehen, warum mich ein Lied zum Weinen brachte, oder aus heiterem Himmel ein Gedanke oder so etwas.“
Das gemeinsam erlebte Trauma und der geteilte Schmerz schafft kollektive Resonanz und bindet die Community enger aneinander. Auch gemeinschaftliche Rituale wie das Beisammensein an Schabbat oder das gemeinsame Engagement in Freiwilligenprojekten, gibt Betroffenen Halt und verstärkt das soziale Gefüge.

Die neu gewonnene Nähe verändert auch die Konfliktdynamik innerhalb der Communitys. Während zwischenmenschliche Konflikte, zum Beispiel Nachbarschaftsstreits in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, führt insbesondere die Ungewissheit über die Zukunft der Kibbuzim zu Spannungen.

Besonders betrifft das Kfar Aza, der Kibbuz der sich knappe zwei Kilometer von der Grenze zu Gaza entfernt befindet. Dort wurden am 7. Oktober über 60 Menschen getötet, 19 Geiseln verschleppt und große Teile der Infrastruktur zerstört. Spuren des Massakers sind auch zwei Jahre danach an den verbrannten Trümmern und den unzähligen Einschusslöchern an Häuserfassaden noch immer ersichtlich. Seit dem 7. Oktober hat sich hier wenig getan, denn die meisten Bewohner*innen sind bis heute in anderen Kibbuzim des Landes evakuiert. Während sich die älteren Kibbuzbewohner*innen eine Rückkehr im Sommer 2026 wünschen, blicken junge Familien aufgrund der noch immer schwierigen Sicherheitslage in der Grenzregion besorgt auf dieses Vorhaben. Noch ist unklar, ob sie überhaupt in die Community zurückkommen werden. Das würde die demographische Zukunft des familienorientierten Kfar Aza grundlegend verändern.

Auch das künftige Gedenken an die Opfer des Massakers ist ein Streitthema. Während viele Angehörige im Laufe der letzten zwei Jahre dezentrale Gedenkstätten im Kibbuz für ihre ermordeten Liebsten errichtet haben, sorgen sich andere davor, dass von dem einst so lebendigen Ort nicht mehr als eine Gedenkstätte übrigbleiben könnte. Die ungewisse Zukunft der Gemeinschaft, die noch immer mit dem erlebten Trauma zu kämpfen hat, führt zu neuen Konflikten darüber, wie und ob ein Neuanfang im Kibbuz kollektiv machbar sein wird.

Ganz anders ist die Lage in Magen, südlich von Kfar Aza und Nahal Oz. Gegründet wurde das Kibbuz 1949 von rumänischen Überlebenden der Shoah. Am 7. Oktober gelang es der internen Sicherheitsgruppe in stundenlangen Kämpfen, das Kibbuz gegen Angreifer aus dem Gazastreifen zu verteidigen: „Meine Großeltern waren im Holocaust in Rumänien. Das ist klar, dass wir kämpfen“ erklärt David, ein Schweizer Einwanderer, der in den 1980er Jahren mit der Jugendbewegung nach Israel immigrierte. Während die Bewohner*innen nach dem Massaker in einem Hotel am Toten Meer untergebracht werden, wächst die Gemeinschaft noch näher zusammen. Sie entscheiden sich als erster Kibbuz bereits im April 2024 zur Rückkehr. „Das hat natürlich eine ganz neue, eine positivere Beziehung aufgebaut. Wenn du weißt, du triffst die Leute, die dich gerettet haben“, so David. Auch wenn noch immer viele Bewohner*innen mit den psychischen Folgen des 7. Oktobers zu kämpfen haben, so ist das Kibbuz mittlerweile wieder in seinen gewohnten Alltag zurückgekehrt. Idyllisch ist es in dem kleinen Kibbuz, indem nur die hohe Militärpräsenz und der Blick auf das nahezu komplett zerstörte Nachbarkibbuz Nir Oz an die Geschehnisse des Massakers erinnern.

Was wiederrum alle befragten Kibbuzniks vereint, ist die Enttäuschung und der erschütternde Vertrauensbruch, durch das Versagen der israelischen Sicherheitsbehörden am und nach dem 7. Oktober. Denn die Bewohner*innen der Grenzregion hatten, trotz politischer Differenzen mit der israelischen Regierung, im Vertrauen auf Schutz und Verteidigungsfähigkeit des Landes gelebt.

Chaim, ein junger Familienvater, der ursprünglich aus dem Norden Israels stammt, erklärt, er hätte sich bewusst für ein Leben an der Grenze im Süden entschieden: Neben solidarischen und gemeinschaftsorientieren Werten des Kibbuz,uch zionistische Überzeugungen, die ihn nach Nahal Oz brachten. Die Gemeinde befindet sich nur wenige hundert Meter vom Gazastreifen entfernt.

Wie auch andere Kibbuzniks hielt erür wichtig, zivile Präsenz in den Grenzregionen des Landes aufrechtzuerhalten – selbst wenn das bedeutete, ein Leben unter regelmäßigem Raketenbeschuss aus Gaza führen und sich jederzeit auf Evakuierung ins Inland einstellen zu müssen. Schon vor dem 7. Oktober hatte es Unmut darüber gegeben, wieso die Hamas nicht tatkräftiger von der israelischen Regierung bekämpft wurde. Was jedoch an jenem Tag geschah, hätte sich niemand vorstellen können, erklärt Chaim, selbst Offizier der Reserve: „Alles war zusammengebrochen. Nichts von dem was ich kannte, bestand noch. Die Armee war weg, der Staat, die Regierung waren weg. Alles war weg und wir standen alleine gegen das Böse.“

Andere Kibbuzim aus dem ganzen Land springen nach dem Massaker den Menschen aus Kfar Aza, Nahal Oz und Magen solidarisch zur Seite. Sie bauen neue Infrastrukturen für die Geflüchteten, kümmern sich um die zerstörten Häuser und organisieren Freiwilligenprojekte zur Beseitigung des Chaos, das der Terror hinterlassen hatte.

Viele Betroffene aus Kfar Aza und Nahal Oz leben bis heute in eigens für sie errichteten Siedlungen in Kibbuzim wie Schefajim oder Mishmar HaEmek in Zentral- und Nordisrael. Diese übernehmen damit in großen Teilen staatliche Verantwortungsbereiche, was viele Befragten kritisch betrachten. Denn auch mehr als zwei Jahre nach dem 7. Oktober übernehmen weder Regierung noch Militär Verantwortung für die Geschehnisse.

Nach der schockierenden Erkenntnis, von Institutionen im Stich gelassen worden zu sein, auf die man sich einst verlassen hatte, erweist sich die Solidarität zwischen Kibbuzim und die zivilgesellschaftliche Unterstützung als Quelle emotionaler Sicherheit. Golda aus Magen sieht darin ein Wiederaufflammen ursprünglicher Kibbuzwerte von Genossenschaftlichkeit und Brüderlichkeit, die im Laufe der zunehmenden Privatisierung der letzten Jahre in ihrem Empfinden verlorengegangen waren: „Plötzlich konnte man sehen, wie sich dieser Geist zu allen Teilen, die zerbrochen waren, wieder zusammenfand.“ Sie und ihr Mann Amos waren im Zuge des Militärdienstes in den 1960er Jahren nach Magen gekommen. Er war Architekt im Kibbuz, sie hatte als Ärztin gearbeitet. Mittlerweile pensioniert, sind beide künstlerisch tätig und treten für andere betroffene Kibbuzim als Gesangsduo auf.

Erkennbar aus den Interviews wird: Es kommt bei den Betroffenen zu einer grundlegenden Neudeutung israelischer Identität, gestützt auf die helfende Zivilgesellschaft und die eigene Gemeinschaft, in Abgrenzung zur israelischen Regierung und ihren Anhänger*innen.

Ungewiss bleibt die Zukunft in der Grenzregion auch hinsichtlich des Nachbarschaftsverhältnisses zu Gaza. Die Kibbuzim der Otef-Region die in friedensorientierter Tradition stehen, waren vor dem 7. Oktober besonders um freundschaftliche Beziehungen zu den Palästinenser*innen bemüht. Viele Bewohner*innen engagierten sich in humanitären Hilfsorganisationen oder stellten bewusst Palästinenser*innen in den besser bezahlten Betrieben der Kibbuzim ein.

„Meine Gefühle sind gemischt, weil ich sehr wütend darüber bin, was sie uns angetan haben. Sie waren doch unsere Freunde“, erklärt Amos. Früher hatten beide Seiten sich gegenseitig auf Hochzeiten eingeladen, Friedensfeste veranstaltet und sogar noch während der zweiten Intifada Beziehungen zueinander gepflegt. Wie auch in vielen anderen angegriffenen Kibbuzim, hatten Menschen, mit denen man regelmäßig Kaffee getrunken oder tagtäglich zusammengearbeitetatte, Informationen an die Hamas über Personen und Infrastruktur eitergegeben – ein Verrater den Glauben an Frieden bei Vielen zerstört hat.

Die Beteiligung der palästinensischen Zivilbevölkerung am Massaker führt zu ambivalenten Gefühlen bei den Befragten. Zwischen Wut und Trauer steht Empathie für die Menschen in Gaza, aber immer wieder auch die Frage, inwieweit diese hinter den Handlungen der Hamas stehen. Insbesondere Aussagen aus den Interviewsus Nahal Oz und Kfar Aza zeigen eine tendenzielle Abkehr von friedensorientierten Werten. Ada kam vor zehn Jahren nach Kfar Aza und leitet mittlerweile das Kibbuz. Sie hatte regelmäßig mit der Organisation The Road to Recovery palästinensische Kinder mit Krebs- oder Herzerkrankungen zu lebensrettenden Behandlungen in israelische Krankenhäuser gefahren. Nach dem 7. Oktober erfuhr sie, dass zu den Angreifern auch einige dieser Kinder zählten, herangewachsen zu Terroristen. Nun fühle sie sich verantwortlich dafürenen das Leben gerettet zu haben, die am 7. Oktober Teile ihrer Familie und Freund*innen aus derselben Friedensorganisationen ermordeten.

Trotz des Glaubensverlustes an Frieden bleibt er als fernes Wunschszenario für die Zukunft mit Blick auf die nachfolgenden Generationen bestehen. Gleichzeitig sind es die zugespitzten politischen Verhältnisse innerhalb Israels, die den Kibbuzniks Sorgen bereiten. Wütend blickt man hier auf die Angriffe auf demokratische Verfahren und die Kriegswilligkeit der israelischen Regierung, die die Bewohner*innen in der Grenzregion besonders betreffen. Die Sehnsucht nach einem politischen Wechsel ist groß, denn regionale Herausforderungen, wie etwa ein nachhaltiges Sicherheitskonzept, ein grundlegender ideologischer Wandel Gazas und der Wiederaufbau der Kibbuzim, sind direkt an die Zukunft des Landes geknüpft, dessen rechte Regierung vielen als inkompetent und moralisch zerfallen erscheint. Die Zukunft der Kibbuzim hängt für die Befragten weniger von der eigenen Bereitschaft zur Rückkehr ab, als von der Frageb es einen Staat gibt, der sie vor der alltäglich gewordenen existenziellen Bedrohung schützen kann.

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