Adolf Hitler ist aufgrund seiner monströsen historischen Taten einer der bekanntesten Politiker des 20. Jahrhunderts. In Deutschland und Europa assoziieren Menschen mit ihm schlimmste Verbrechen im Namen der politischen Ideologie, die Zerstörung der Demokratie zugunsten des menschenverachtenden Regimes des Nationalsozialismus, den Angriffskrieg auf die ganze Welt, der der Zweite Weltkrieg wurde, und seinen mörderischen Antisemitismus, der im Holocaust gipfelte.
Gleichzeitig lässt sich festhalten, dass es in anderen Ländern längst einen anderen Umgang mit Hitler gibt, auch wenn das Ende des Nationalsozialismus gerade einmal 81 Jahre her ist. In Italien wird etwa seit Jahren „Führerwein“ verkauft – im Rahmen einer Edition „Nostalgischer Weine“ (sic), unter denen auch Karl Marx- oder David Ben Gurion-Wein zu kaufen ist. In Indonesien gab es von 2013 bis 2017 ein „Hitler-Café“ mit NS-Dekorationen, dass allerdings weltweit Empörung auslöste. Der Inhaber war kein Rechtsextremer, sondern vermutete, dass mit einem solchen Café, dass Hitler und den Nationalsozialismus als popkulturelles Accessoire verwendet, Geld zu verdienen sei. Es wurde allerdings wegen Besuchermangels geschlossen.
Auf TikTok heute hätte der Mann vielleicht mehr Erfolg gehabt. Hitlerverehrung liegt dort im Trend. Hashtag Hitler? Den moderiert die Plattform offensichtlich und so finden Suchende immerhin vor allem edukative und aufklärende Geschichtsinhalte. Wobei während der Recherche für diesen Text darunter auch ein Video mit dem Titel „A.H. während WW1“ gezeigt wird, Hashtag #historytok. Doch das Konto, dass den Inhalt erstellt hat, heißt „rudolf.hess18“ und die Kommentare sind entsprechend, bis zur nachgebildeten Hakenkreuzfahne aus Punkten. Der Sound zum Post zeigt allerdings einen Trend: Es ist eine in kyrillischer Schrift beschriebene Audio-Datei, die den Ausschnitt aus einer Hitler-Rede von 1931 mit elegischer Musik verbindet. Im Ausschnitt spricht Hitler über „eine kleine, wurzellose, internationale Clique“. Gemeint sind damit „die Juden“, die Hitler antisemitisch als „Feinde“ seines imaginierten „Volkes“ markierte und später verfolgen und ermorden ließ. Solche offensichtlich rechtsextremen Beiträge gibt es auf TikTok nicht selten. Doch ist deren Reichweite begrenzt.
The Painter
Hitlerverehrung findet auf TikTok allerdings auch in weit größerem Stil in popkulturellen Trend-Zusammenhängen statt. Dabei ändern sich die Codes, die Feindbeschreibung bleibt gleich: Jüdinnen und Juden. Im Zuge des Nahostkonfliktes haben sich nicht wenige Palästina-Unterstützer*innen so weit radikalisiert, dass sie sich eine Auslöschung Israels wünschen, und das schließt die Auslöschung von Jüdinnen und Juden mit ein. Auf TikTok klingt das unauffälliger und fast possierlich, ist dadurch aber nicht weniger antisemitisch und menschenverachtend. Adolf Hitler wird zu „The Painter“ (rund 10.000 Beiträge), je nach Wahl und Geschichtskenntnissen auch „The German Painter“ oder „The Austrian Painter“ oder auch „The Germany Guy“ oder „The Austrian Guy“. Hitler wird mit dieser Beschreibung allerdings nicht nur als erfolgloser Maler thematisiert – was auch passiert und schon eine Aufmerksamkeitsverschiebung ist, die historisch unangemessen erscheint.
Das gibt es auch, gepostet von einem chinesisch-sprachigen Gaming-Account am 20.04., Hitlers Geburtstag: Ein „Animal Crossing“-Hitler mit Mini-Hitler auf seiner Torte. Im Begleittext geht es darum, dass Gamer aus aller Welt in ihren Lieblingsspielen den „Austrian Painter“ feiern wollen, der „so viele Spieler und Creator inspiriert hat.“ Das zeige, wie Gaming und Kunst zusammenkommen könnten und wie Kunst jedes Spiel beeinflusse.

Aber in der Regel gehen Beschriftungen in den Videos weiter mit „The Painter wasn’t wrong“ oder „The Painter was right“. Und dann geht es natürlich nicht mehr um Hitlers erfolglose Malversuche, sondern um die Ermordung von Jüdinnen und Juden im Holocaust. Dies schreiben oder beschreiben die Videoersteller*innen manchmal ganz offen: Wäre Hitler erfolgreicher gewesen, ginge es Palästina jetzt besser. Manchmal zeigen das aber auch die ausgewählten Videobilder, die verwendeten Sounds, die reichen von verzerrten „Hava Nagila“-Versionen über KI-generierte Hitler-Fake-Reden, die emsige Debatten in der Kommentarspalte auslösen, weil ein Geschichtsnerd traurig ist, dieses knackige Hitler-Zitat nicht gefunden zu haben, bis andere ihm erklären: Das ist KI. Kein Wunder also auch, dass solche KI-generierten Sounds nicht von Filtersystemen erkannt werden.
Auch optisch wird KI in diesen Posts eingesetzt. Wenn „The Painter wasn’t wrong“-Posts ihre Botschaft zu Bildern vermitteln, bei denen Hitlers Kopf auf den Körper des populären TV-Malers Bob Ross montiert wird, spricht die popkulturelle Referenz neue Zielgruppen an – die Hassbotschaft bleibt aber die gleiche.
Diese Inhalte werden bisweilen von rechtsextremen Accounts erstellt, die passende Zahlen- oder Wort-Codes oder Runen im Namen haben und eine offensichtliche Freude dabei empfinden, Hitler-Verehrung als TikTok-Trend ausleben zu können. Aber viel häufiger noch kommen die Posts von Konten, die sich als „Zionistenhasser“ präsentieren oder „Free Palestine“ im Namen tragen – oder ganz unauffällig benannt sind. Es sind internationale Accounts – auch die, die Deutschland als Standort angeben, tun dies bisweilen, um damit ihre Hitler-Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Aber es sind auch Accounts darunter, die deutsche Sprache verwenden und vermutlich aus Deutschland kommen. Gemeinsam betreiben sie Geschichtsrevisionismus und verharmlosen mörderische Gewalt.
Der Saft
Wer nicht so offensichtlich mit dem Antisemitismus ins Haus fallen, aber trotzdem seinen Judenhass zum Ausdruck bringen möchte, kann seinen Post durch weitere Hashtags aufladen. Einer davon ist nicht nur sehr beliebt (aktuell 493.000 Beiträge auf der Plattform), sondern auch sehr kurz. Es ist das Emoji, das eine Packung Saft darstellt. „Saft“ heißt auf Englisch „juice“, und spricht man es aus, klingt es wie „jews“, also Englisch „Jüdinnen*Juden“. Gibt man in Deutschland das Emoji in die Suche ein, ist der erste Beitrag ein Aufklärungsvideo über den antisemitischen Code – was mutmaßlich einen Versuch der Moderation darstellt, einen aufklärerischen Inhalt für ein problematisches Thema zu priorisieren. Danach allerdings hat kaum noch einer der Beiträge mit Saft zu tun, dafür mit antisemitischen Bildern, Verschwörungserzählungen und Judenhass aller Art. Zu sehen ist etwa ein Mann, der sich „Comedian“ aus Paris nennt, einen Saft trinkt und sich zu einem Klischee-Juden mit Hakennase und Kippa im „Stürmer“-Stil verwandelt.
Wenn die Verschwörungserzählung verbreitet wird, Jüdinnen*Juden hätten das Trans-Sein erfunden, ist es allerdings auch wieder ein Account, der das „European Nationalist“-Sein im Namen trägt, also ein rechtsextremer Account.
Noch offensiver als die Posts selbst sind in der Regel die Kommentarspalten, die vor Hakenkreuzen (öffentliche Darstellung in Deutschland immer noch verboten), Hitler-Memes und SS-Totenköpfe (ebenfalls verboten) mit dem Claim „Never lose your smile“ nur so überquellen. Hier findet offenkundig überhaupt keine Moderation mehr statt.
Ein anderer Account, der dem Namen nach Zionisten hasst und den Hashtag #freepalestine benutzt, postet diese schlichte Bild, unterlegt mit Hard Techno, der Sound heißt: „Use this sound if your white“ (Fehler im Original).

Und es gibt Posts wie diesen, der von einem slowakischen Account stammt: Zu sehen sind zwei Packungen Saft einer österreichischen Marke und der Preis, der hier als „based“ (basiert, in der rechtsextremen Szene beliebter Ausdruck für „gut“) bezeichnet wird, von 2,71 Euro, die besser passen würden als sechs Euro. Die 271 findet sich als Hashtag des Posts wieder und ist ein weiterer bei Antisemit*innen beliebter Code auf TikTok (26.000 Beiträge auf der Plattform).

Es handelt sich um Holocaustleugnung und bezieht sich auf eine rechtsextreme Verschwörungserzählung, dass im Holocaust nur 271.000 Jüdinnen*Juden ermordet worden wären, nicht 6 Millionen, wie es die Geschichtsforschung sagt.
Viele der Beiträge zielen auf Öffentlichkeit und nutzen reichweitenstarke Hashtags, die auch der Selbstverharmlosung dienen, wie #darkhumour (schwarzer Humor), #historicalhumour (historischer Humor), #education (als wären es pädagogische Inhalte) oder im Fall von Hitler-Post auch #mustache (Schnurrbart), aber auch völlig Unzusammenhängendes wie #nature oder #trend. Entsprechend verbreiten sich die Beiträge auf der Plattform immer weiter, auch wenn einzelne Hashtags gesperrt werden.
„Was wir hier sehen, mag zwar über Codes fungieren, aber der Inhalt ist nicht mehr chiffriert. Es handelt sich um offene NS-Verehrung und Vernichtungsantisemitismus“, sagt Bildungsreferentin Theresa Lehmann, die die TikTok-Kampagne „shift & tell“ der Amadeu Antonio Stiftung betreut. Sie sagt: „Diese fortschreitende Enthemmung kommt nicht von ungefähr und auch nicht über Nacht. Sie ist das Resultat unzureichender Moderation, die eine spektrumsübergreifende antisemitische Blase ungestört agieren lässt, die sich seit dem 7. Oktober immer weiter radikalisiert hat.“ Denn im Hitler-verehrenden Antisemitismus auf TikTok – wie in anderen sozialen Netzwerken – treffen sich rechtsextreme Accounts mit radikalisierten linken oder muslimischen Palästina-Unterstützer*innen und Accounts, die als „Shitposting“ gern stark polarisierende Inhalte veröffentlichen, um Interaktionen zu bekommen. Alle Akteur*innen tragen allerdings dazu bei, dass sich das digitale Klima für Jüdinnen und Juden zunehmend verfinstert.
Lehmann erläutert: „Diese Chiffren, ‚The Painter wasn’t wrong‘, das Saftpäckchen oder die 271 werden nicht nur in eigenen Post verwendet, sondern auch unter die Post jüdischer Creator*innen gepostet, um sie zu markieren oder ihnen Gewalt anzudrohen.“ Wer online als Jüdin oder Jude zu erkennen ist, bekommt die Ablehnung zu spüren – völlig unabhängig von eigenen Themen. Jüdische Creator*innen berichten darüber, dass sie Hasskommentare und Gewaltandrohungen unter Gedenkvideos an den Holocaust finden, aber auch unter Postings über ihre Kinder oder ihr Hobby.
Lehmann sagt:„Jüdische Creator*innen erleben diesen ungehinderten, viralen Hass in ihrer Kommentarspalte. Auch bei unserer shift & tell-Kampagne war in den Kommentaren eine totale Ablehnung aller Juden*Jüdinnen, die Entwertung ihrer Perspektiven als Betroffene und einschlägige Codes keine Seltenheit.“
Betroffene berichten, dass Meldungen dieser Inhalte an TikTok in der Regel erfolglos seien. Dann heiße es: „No Violation“, es seien also keine Moderationsregeln verletzt worden – obwohl Diskriminierung und Gewaltaufrufe auf der Plattform eigentlich verboten sind. TikTok wurde um eine Stellungnahme gebeten, die leider bisher nicht erfolgt ist.


