Wer kann heute ernsthaft von sich behaupten: „Ich bin Insider*in für den Kontinent Afrika“? Diese Frage wirkt zunächst zugespitzt, aber sie legt ein grundlegendes Problem offen: Afrika wird in europäischen Debatten oft so behandelt, als sei es ein klar umrissener, homogener Raum, über den man mit ausreichender Bildung oder Berufserfahrung „Bescheid wissen“ kann. In Wirklichkeit ist Afrika ein extrem heterogener Kontinent, geprägt von Kolonialgeschichte, vielfältigen politischen Systemen, ökonomischen Ungleichheiten und einer enormen kulturellen und sprachlichen Vielfalt.
Trotzdem sprechen Medien, Politik und Bildungsarbeit immer wieder von „Afrika“ als einer Einheit: „Afrika hungert“, „Afrika entwickelt sich“, „Afrika braucht Hilfe“. Das ist kein Zufall, sondern Teil eines Wissenssystems, das koloniale Machtverhältnisse fortschreibt und afrikanische Stimmen marginalisiert. Wer heute über Afrika spricht, ob als Journalist*in, Aktivist*in, Lehrkraft oder Politiker*in, trägt Verantwortung dafür, diese Muster zu erkennen und zu durchbrechen.
Insider*in, Outsider*in – und informierte Positionen
Im öffentlichen Diskurs taucht die Figur des „Insiders“ häufig implizit auf: Menschen, die „von dort kommen“, gelten schnell als authentische Stimmen; Menschen, die „nur von außen“ auf ein Thema schauen, als weniger legitimiert. Gleichzeitig genießen weiße europäische Expert*innen in Medien und Institutionen oft mehr Gehör und Deutungsmacht als Schwarze Menschen oder afrikanische Diasporaangehörige.
Eine „Insider*in“ ist zunächst ganz schlicht eine Person, die in eine bestimmte soziale, kulturelle oder politische Realität „eingeweiht“ ist. Durch Herkunft, Lebenspraxis oder Zugehörigkeit. Ein*e „Outsider*in“ wäre demnach jemand, der nicht zu dieser Gruppe gehört. Doch diese einfache Trennung reicht nicht aus.
Hilfreich ist eine Unterscheidung zwischen:
- uninformierten Insidern
- informierten Insidern
- uninformierten Outsidern
- informierten Outsidern
Ein uninformierter Insider ist jemand, der aufgrund seiner Zugehörigkeit als „drin“ gilt, aber sich nicht aktiv mit Strukturen oder Hintergründen auseinandersetzt. Eine Person, die in einem afrikanischen Land lebt, ist zwangsläufig in die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse eingebunden, ohne deswegen automatisch gründlich informiert zu sein. Genauso wie viele Menschen in Deutschland Teil der deutschen Gesellschaft sind, ohne detailliertes Wissen über politische Prozesse zu haben.
Ein informierter Insider gehört dagegen zu dieser Gesellschaft oder Gruppe und beschäftigt sich zusätzlich aktiv mit ihr, sei es wissenschaftlich, politisch oder aktivistisch. Das kann etwa eine lokale Aktivistin sein, ein Journalist oder eine Forscherin in einem afrikanischen Land, die gesellschaftliche Entwicklungen analysieren, kontextualisieren und kritisch kommentieren.
Auf der anderen Seite gibt es Outsider*innen: Menschen, die nicht zu einer bestimmten Gesellschaft oder Kultur gehören. Uninformierte Outsider*innen sind diejenigen, die von „außen“ sprechen, ohne sich Wissen anzueignen, und oft auf Stereotype oder diffuse Bilder zurückgreifen. Informierte Outsider*innen hingegen eignen sich sorgfältig Wissen an, recherchieren, sprechen mit Betroffenen, reflektieren ihre eigene Position und können so zu Expert*innen für bestimmte Themen werden, auch wenn sie nicht selbst Teil der betreffenden Community sind.
Entscheidend ist: Insider*innenschaft allein macht noch keine verantwortliche Stimme, und Outsider-Sein schließt verantwortliches Sprechen nicht aus. Die Frage ist, auf Basis welcher Wissensbestände und mit welchem Bewusstsein für Machtverhältnisse jemand spricht.
Deutsche, europäische und afrikanische Identitäten
In deutschen Debatten wird „Europa“ oft als neutraler Ausgangspunkt gesetzt: Wer hier lebt, gilt als „europäisch“ und damit schnell auch als Sprecher*in „über die Welt“. Per Definition sind „Europäer“ einfach Bewohner*innen Europas, „Deutsch“ meint rechtlich die Staatsangehörigkeit, wird in Debatten aber oft auch auf langjährig ansässige Personen ausgeweitet. Diese formale Definition sagt jedoch noch nichts darüber aus, wie sich diese Person kulturell verortet.
Kulturelle Identität umfasst nicht nur Staatsbürgerschaft, sondern Zugehörigkeit zu bestimmten Traditionen, Sprachen, Werten und Praktiken. Für viele weiße Deutsche bedeutet das eine Orientierung an einem bestimmten Verständnis von Moderne, Fortschritt und „Entwicklung“. Aus dieser Perspektive wird Afrika dann häufig als „das Andere“ konstruiert. Rückständig, problembehaftet, defizitär oder exotisch.
Für Afrodeutsche bzw. afrikanische Europäer*innen ist die Ausgangslage eine andere. „Afrodeutsche“ sind Menschen mit afrikanischem Hintergrund und deutscher Staatsangehörigkeit. Sie bewegen sich zwischen mindestens zwei kulturellen Bezugssystemen: dem deutschen bzw. europäischen Umfeld und einem oder mehreren afrikanischen Kontexten, die durch Familie, Sprache, Religion, Erziehung oder regelmäßige Aufenthalte geprägt sind.
Eine Afrodeutsche mit ghanaischem Hintergrund, die in Deutschland geboren und sozialisiert ist, gleichzeitig aber in einem ghanaischen Haushalt aufwächst, Ghana regelmäßig besucht und sich mit ghanaischer Kultur und Gesellschaft beschäftigt, verkörpert genau diese doppelte Verortung. Sie ist keine „neutrale“ Beobachterin, sondern steht in konkreten Bezügen: zu Deutschland, zu Ghana, zu afrikanischen Diaspora-Communitys in Europa.
Damit entsteht eine komplexe Position: In Bezug auf Ghana kann sie als Insiderin gelten, weil sie kulturelle Codes, Alltagspraxis und soziale Dynamiken aus eigener Erfahrung kennt. Sie ist dennoch nicht „einfach“ Ghanaerin, weil sie nicht permanent im Land lebt und mit allen politischen oder wirtschaftlichen Entwicklungen unmittelbar konfrontiert ist. In Bezug auf Deutschland ist sie ebenso Insiderin. Mit eigenen Erfahrungen von institutionellem und alltäglichem Rassismus, die weißen Deutschen häufig fehlen.
Diese doppelte Verortung kann zugleich informierte Insider- und Outsider-Perspektiven ermöglichen: Insiderin in Bezug auf bestimmte Erfahrungen und kulturelle Praktiken, Outsiderin in Bezug auf andere afrikanische Kontexte, in denen sie keine biografische Verankerung hat. Demnach kann niemand, auch nicht eine afrikanische Europäerin, Expertin „für Afrika gesamt“ sein.
Niemand ist Expert*in für „Gesamtafrika“
Ein zentraler Punkt, der im deutschen Diskurs oft übersehen wird: Afrika ist kein Land. Es ist ein Kontinent mit 54 Staaten, hunderten Sprachen, unterschiedlichen Kolonialgeschichten, politischen Systemen, Ökonomien, Religionen und sozialen Bewegungen. Wer von sich behauptet, „für Afrika“ sprechen zu können, macht damit einen Anspruch auf Deutungshoheit geltend, der sachlich kaum haltbar und politisch hoch problematisch ist.
Für Medien, Bildungsinstitutionen und NGOs heißt das:
- Niemand kann Expert*in „für Afrika“ sein, wohl aber für bestimmte Regionen, Länder, Themenfelder oder Communitys.
- Afrikanische oder afrodiasporische Herkunft allein macht niemanden zur Expert*in für den ganzen Kontinent.
- Weiße europäische Expert*innen bleiben Outsider, auch wenn sie informiert sein können und wichtige Beiträge leisten.
Statt „Afrika“ pauschal zu adressieren, braucht es eine präzisere Sprache: Geht es um Nigeria oder Kamerun? Um Sahelstaaten oder Südafrika? Um städtische Jugendkulturen, ländliche Landwirtschaft, queere Communitys oder feministische Bewegungen? Um postkoloniale Geschichtspolitik oder aktuelle Migrationsregime?
Leitlinien: Wie verantwortungsvoll über Afrika sprechen?
Was folgt daraus konkret für Journalist*innen, Multiplikator*innen und die Zivilgesellschaft in Deutschland? Einige Leitlinien lassen sich aus der Insider/Outsider-Diskussion und aus postkolonialen Analysen ableiten.
Eigene Position reflektieren
Fragen: Spreche ich als Insider*in, informierte*r Outsider*in oder weitgehend uninformierte Person? Welche Machtposition habe ich; etwa als weiße*r Journalist*in, als Akteur*in einer deutschen NGO oder als Angehörige*r der afrikanischen Diaspora in Europa?
Afrika nicht homogenisieren
Formulierungen vermeiden, die „Afrika“ als eine einheitliche Entität darstellen. Länder, Regionen, Akteur*innen und konkrete Kontexte benennen. Unterschiede sichtbar machen, statt sie zu glätten.
Afrikanische Stimmen zentrieren
Statt nur europäische Expert*innen zu zitieren, sollten Stimmen aus afrikanischen Gesellschaften und aus der afrikanischen Diaspora im Zentrum stehen: Insbesondere diejenigen, die von den jeweiligen Themen direkt betroffen sind.
Afro-Pessimismus und Afro-Romantik vermeiden
Mediale Darstellungen schwanken oft zwischen Katastrophenbildern (Krieg, Hunger, Krankheit) und romantisierenden Erzählungen (bunte Kultur, „Herzlichkeit“, „Lebensfreude“). Beide Perspektiven blenden reale Machtverhältnisse und komplexe Realitäten aus. Kritische Berichterstattung zeigt Probleme, aber auch Handlungsmacht, Widerstand und vielfältige Lebenswelten.
Diasporische Expertise ernst nehmen
Afrodeutsche und andere afrikanische Europäer*innen verfügen über Erfahrungen und Wissensbestände, die in der deutschen Öffentlichkeit bisher systematisch unterschätzt wurden. Sie haben sowohl Insider-Perspektiven auf afrikanische Länder oder Communitys als auch auf die europäische Öffentlichkeit. Diese mehrfache Verortung ist eine Ressource, kein „Bias“ oder Voreingenommenheit, die neutralisiert werden müsste.
Nicht „für“ sprechen, sondern „mit“ arbeiten
Die Frage „Wer spricht für wen?“ ist zentral in der postkolonialen Theorie. Anstatt „für Afrika“ oder „für die Afrikaner*innen“ zu sprechen, sollten Journalist*innen und Multiplikator*innen Kooperationen eingehen, Co-Autor*innenschaft ermöglichen, lokale Partner*innen einbinden und Macht über Darstellung bewusst teilen.
Informiert, begrenzt, verantwortungsvoll
Niemand kann Insiderin für den gesamten Kontinent Afrika sein. Aber Menschen – insbesondere afrikanische Europäer*innen – können Insider*innen für bestimmte Länder, Kontexte und Communitys sein und zugleich informierte Outsider-Perspektiven auf andere Bereiche einnehmen.
Für die Zivilgesellschaft und für Medien in Deutschland heißt das: Es geht nicht darum, die „perfekte“ Position zu finden, von der aus man „richtig“ über Afrika spricht. Es geht darum, die eigene Position zu kennen, Wissen zu vertiefen, koloniale Bilder zu erkennen, Stimmen aus Afrika und der afrikanischen Diaspora zu zentrieren und offen zu bleiben für Widerspruch, Korrektur und Vielstimmigkeit.
Wer über Afrika spricht, spricht immer auch über Macht, Geschichte und Zugehörigkeit. Verantwortungsvoll zu sprechen, heißt deshalb, die eigenen Grenzen zu akzeptieren und trotzdem nicht zu schweigen, sondern die eigene Stimme so einzusetzen, dass Räume für andere Stimmen größer werden.


