Während der TV-Übertragung des deutschen Auftaktspiels gegen Curaçao zeigte der australische Video-Schiedsrichter Shaun Evans eine Handgeste, die sofort Kritik auslöste. Mit Daumen und Zeigefinger formte er ein „OK“-Zeichen und hielt die Hand vor sein rechtes Bein. Das internationale Antirassismus-Netzwerk Fare dokumentierte diese Geste als mögliches rechtsextremes Symbol und forderte Evans Absetzung von der WM.
Fare erkennt in der Geste das umgedrehte „OK“-Handzeichen, das in rechtsextremen Kreisen weltweit als „White Power“-Symbol verwendet wird. Dieses Symbol ist seit 2019 in der Datenbank der Anti-Defamation-League als mögliches Hasssymbol verzeichnet. Das Handzeichen ist ein Erkennungszeichen rechtsextremer Gruppen.
Die FIFA sprach Evans jedoch frei. Das unabhängige Disziplinarkomitee fand keinen Beweis für einen Verstoß gegen den FIFA-Disziplinarcode.
Rassismus nach dem WM-Aus
Nach dem Elfmeterschießen gegen Paraguay verschoss Jonathan Tah den entscheidenden Elfmeter und Deutschland schied aus der WM aus. Der Nationalspieler wurde daraufhin auf Instagram mit rassistischen Hasskommentaren überhäuft. Die Kommentare folgten einem klaren Muster, das Ex-Nationalspieler Mesut Özil bereits 2018 formulierte: Er sei „Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren“.
Der DFB stellte sich zwar gegen Rassismus und erklärte, dass Hass nicht dazugehört, aber die strukturelle Problematik bleibt bestehen. Die Kommentare zeigen, dass Rassismus im Fußball und in der deutschen Gesellschaft weiterhin vorherrscht.
„Wilder afrikanischer Fußball“
Der ehemalige Nationalspieler und jetzige ARD-Fußballexperte Bastian Schweinsteiger beschrieb vor dem WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste den Spielstil der afrikanischen Mannschaft mit den Worten, „bisschen unorthodox“, „ein bisschen wild“, „vielleicht auch manchmal nicht ganz so von der Taktik geprägt“.
Die Formulierungen reproduzieren koloniale Klischees im Sportjournalismus. Die Begriffe „wild“, „unorthodox“ und „nicht von der Taktik geprägt“ sind Stereotype, die afrikanische Spieler als körperlich stark, aber taktisch und technisch schwach beschreiben. Diese Denkmuster sind tief in der Fußball-Sprache und Gesellschaft verankert.
Der Nationaltrainer der Elfenbeinküste, Emerse Faé, bezeichnete den Vorfall als traurig und deutete an, dass er als rassistisch eingeordnet werden könne. Diese Kritik ist angebracht. Denn Schweinsteigers Beschreibung reduziert einen ganzen Kontinent auf pauschale Eigenschaften und ignoriert die Vielfalt afrikanischer Fußballkultur.
Schweinsteiger verteidigte sich selbst mit der Aussage, dass er über Fußball gesprochen habe, nicht über Menschen. Diese Verteidigung ist allerdings nicht tragfähig. Dabei geht es ohnehin nicht darum, ob Schweinsteiger ein „Rassist“ ist oder nicht. Vielmehr machen seine Äußerungen deutlich, wie sich koloniale Stereotypen über Jahrzehnte im Fußball eingeprägt haben und wie selbstverständlich sie weitergegeben werden.
Rassistischer Angriff in Chemnitz
Nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Paraguay wurde eine Gruppe migrantischer Männer in Chemnitz rassistisch angegriffen. Ein Video zeigt, wie ihnen eine größere Gruppe hinterherrennt, sie rassistisch und antisemitisch beleidigt und Leihbaken nach ihnen wirft.
Auch dieser Angriff ist kein Einzelfall. Im Umfeld von großen Fußballturnieren wie WM und EM wiederholen sich ähnliche Vorfälle regelmäßig. Rassistische Hetze gegen Fans und Spieler*innen, rechte Parolen und physische Angriffe sind seit Jahren ein Merkmal großer Fußballturniere.
Nationalismus, der während solcher Turniere entsteht, schafft einen Rahmen, in dem sich rechtsextreme Gruppen ermutigt sehen, ihren Hass offen zu demonstrieren. Er etabliert immer einen Raum, in dem Rassismus als akzeptabel oder „normal“ wahrgenommen wird.
Der Angriff in Chemnitz ist nicht nur gravierend, sondern auch von Bedeutsamkeit, da er zeigt, dass Rassismus nicht nur in sozialen Medien sichtbar wird, sondern auch in körperliche Gewalt umschlagen kann.
Was bedeutet das für uns?
Von Schweinsteigers „wilden afrikanischen Fußball“ über die rassistischen Hasskommentare zu Tah bis hin zu den rassistischen Angriffen in Chemnitz: Es zeigt sich ein fortbestehendes Bild eines vermeintlich nicht existenten Rassismus-Problems im Fußball. Tatsächlich aber muss Rassismus immer als systemisches Problem verstanden werden, das sich in alle Bereiche einschleicht. Auch vor dem Fußball wird kein Halt gemacht.
Rassismus ist ein Problem von Macht und Ungleichheit. Es geht darum, diese Denkmuster ernsthaft zu hinterfragen. Nicht darum, ob jemand „Rassist“ ist oder nicht. Es geht darum, dass bestimmte Stereotypen sich über Jahrzehnte im Fußball eingeschrieben haben und fortlaufend reproduziert werden.
Die WM 2026 zeigt, dass Fußball nie nur Fußball ist. Wer die Spiele anschaut, muss auch sehen, was sich an den Rändern abspielt. Rassismus ist systemisch, und er muss benannt werden, um ihn für alle – und nicht nur für jene, die davon betroffen sind – sichtbar zu machen.


