Mehr als die Hälfte der CSDs von 2026, konnte nicht ohne Angriffe und Störungen ablaufen. Insgesamt wurden mindestens 156 der 299 CSDs auf unterschiedliche Art und Weise gestört. Die Amadeu Antonio Stiftung listet alle erfassten Angriffe und Störungen auf die CSDs in diesem Jahr in einer eigenen Chronik auf. Diese Chronik ist deshalb so wichtig, weil viele Angriffe in der öffentlichen Berichterstattung kaum Beachtung finden. Dies dürfte vor allem daran liegen, dass die Zahl organisierter Gegenproteste von rechtsextremen Akteur*innen sowie deren Größe im Vergleich zum Vorjahr deutlich abgenommen hat. Im Jahr 2025 gab es mindestens 43 Anti-CSD-Proteste, im Jahr 2026 waren es 27 Proteste.
Das ist aber kein Grund zur Entwarnung. Auch wenn die Anzahl der Gegenproteste zurückgegangen ist, ist sie immer noch auf einem sehr hohen Niveau. Außerdem zeigt die Auswertung: Die Gesamtzahl der Angriffe und Störungen ist in diesem Jahr erneut gestiegen. Besonders körperliche Übergriffe auf CSD-Teilnehmende finden immer häufiger statt: Zählte das Monitoring 2025 nur vier körperliche Angriffe auf Teilnehmende von CSD-Veranstaltungen, so sind es 2026 mindestens 19.
Gewalt aus unterschiedlichen Richtungen
Diese Angriffe kommen dabei häufig von Personen, die nicht Teil einer angemeldeten Gegenkundgebung sind und nicht zwingend dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet werden können. In Kassel rempelt ein Mann CSD-Teilnehmende an, eine Person schlägt daraufhin mit dem Kopf auf dem Boden auf. In Chemnitz wirft eine Person aus einem angrenzenden Wohnhaus Eier auf den Demonstrationszug, eine teilnehmende Person im Rollstuhl wird verletzt. In Landshut schlägt eine Einzelperson eine*n CSD-Demoteilnehmer*in. Neben körperlichen Angriffen sind die Teilnehmenden der CSDs häufig auch Beleidigungen und Anfeindungen von Passant*innen ausgesetzt. Die Hemmschwelle, queerfeindliche Abneigungen vom Rand aus offen zur Schau zu stellen, ist scheinbar gesunken: Queerfeindlichkeit wird immer weiter normalisiert und akzeptiert.
Gleichzeitig treten Rechtsextreme in diesem Jahr oft in weniger organisierter Form am Rande von CSD-Veranstaltungen in Erscheinung. Dadurch sind sie aber nicht weniger gefährlich. Stattdessen stellt dieses weniger organisierte und gewissermaßen spontane Auftreten rechtsextremer Mobilisierung die CSD-Organisierenden und die Sicherheitsbehörden vor große Herausforderungen und macht die Gefahr noch allgegenwärtiger. Durch unangemeldete Aufmärsche sind potenzielle Gefahren schwerer zu kalkulieren, auf etwaige Bedrohungen muss schneller reagiert werden.
Der islamistische Anschlag auf den Berliner CSD in diesem Jahr zeigt auf grausamste Weise, wie weit die Absicht gehen kann, queeres Leben aus dem öffentlichen Raum zurückzudrängen. Die Folgen reichen weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus und verstärken Gefühle der Unsicherheit und Angst in der gesamten queeren Community. Queerfeindliche Gewalt, die sich aus islamistischen Ideologien speist, muss als reale Bedrohung ernst genommen werden. Auch in Zukunft sind insbesondere jene Orte und Veranstaltungen gefährdet, an denen queeres Leben sichtbar wird und Menschen für Gleichberechtigung, Vielfalt und Selbstbestimmung eintreten. Rechtsextreme und Islamist*innen teilen ihre Ablehnung einer offenen und pluralistischen Gesellschaft und beide können von gesellschaftlicher Polarisierung profitieren. Umso wichtiger ist es, queerfeindliche Gewalt klar zu benennen und sich gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit und Einschüchterung zu stellen.
Queerfeindlichkeit als Brückenideologie
Antifeministische und besonders transfeindliche Einstellungen sind laut der Leipziger Autoritarismusstudie (2024) zentrale Motive rechtsextremer Parteien. LGBTQIA+-Personen und insbesondere queere und Transpersonen werden als Feindbild von völkischen Vorstellungen einer „natürlichen zweigeschlechtlichen Ordnung” konstruiert und strukturell von rechts angegriffen. Queerfeindlichkeit ist dabei bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähig und nicht nur in der politischen Rechten tief verankert, wie die Mitte-Studie (2025) zeigt. Die Zunahme körperlicher Angriffe auf CSDs durch Personen, die nicht als Teil einer rechtsextremen Gegenmobilisierung auftreten, bestätigt diese Anschlussfähigkeit. Gleichzeitig bestätigt sie einen Trend, der aus den Angaben zur politisch motivierten Kriminalität des Bundeskriminalamtes (2026) hervorgeht: Queerfeindliche Hassverbrechen nehmen seit Jahren kontinuierlich zu, mit einem besonders hohen Anteil von Gewaltdelikten.
Diese Normalisierung von queerfeindlicher Gewalt spiegelt sich auch in der Analyse der Störungen und Angriffe auf CSDs nach Regionen wider. In den ostdeutschen Bundesländern werden 62 Prozent der dort stattfindenden CSDs gestört, womit der Anteil auf einem höheren Niveau liegt als in Westdeutschland. Doch der Westen holt im negativen Sinne auf: Im Jahr 2025 waren dort 38 Prozent der CSDs betroffen, im Jahr 2026 steigt der Anteil auf mehr als 47 Prozent. Queerfeindlichkeit und queerfeindliche Gewalt werden in ganz Deutschland immer mehr zur Normalität und, wie die geringe Berichterstattung zeigt, immer weniger skandalisiert.
Zusätzliche finanzielle Belastungen, weniger finanzielle und politische Unterstützung
Auf Anschlagsszenarien wie das in Berlin und die insgesamte Dynamisierung der Gefahrenlage müssen sich die Sicherheitsbehörden in Zukunft noch besser vorbereiten. Gleichzeitig nimmt durch die höhere Gefährdungslage auch die finanzielle Belastung für CSDs zu, die nicht als politische Veranstaltung durchgeführt werden. Dieser Status könnte in Zukunft noch mehr CSDs aberkannt werden, wie es von den Behörden in Dresden und Görlitz in diesem Jahr bereits versucht wurde. Solche Statusänderungen würden die CSDs verpflichten, Kosten unter anderem für Sicherheitskräfte selbst aufzubringen. Eine solche finanzielle Mehrbelastung würde, insbesondere für kleinere CSDs im ländlichen Raum, das Aus bedeuten.
Aus der größer werdenden Normalisierung queerfeindlicher Ansichten und Gewalttaten resultiert eine dringende Notwendigkeit von politischer Intervention und Unterstützung queerer Sichtbarkeit. Jedoch wird es vielen CSDs immer schwerer gemacht, fest eingeplante Fördergelder zu erhalten, die eine Durchführung in den letzten Jahren häufig überhaupt erst möglich gemacht haben. Der CSD Rathenow zum Beispiel erhält, anders als in den Jahren zuvor, keine finanzielle Förderung aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Begründet wird diese Entscheidung damit, das Bundesprogramm müsse politische Neutralität wahren – ein viel verbreiteter Mythos, durch den zivilgesellschaftliches Engagement immer wieder gefährdet und diskreditiert wird. Dem CSD Lünen werden Fördergelder mit der gleichen Begründung verwehrt. Gerade auch vor dem Hintergrund einer möglichen rechtsextremen Landesregierung in Sachsen-Anhalt wird der Druck auf CSDs, die bislang auf kommunale Fördergelder angewiesen waren, enorm steigen.
Umso wichtiger ist eine starke zivilgesellschaftliche Unterstützung für CSDs in Deutschland. Auch dank eines finanziellen Zuschusses des FC St. Pauli ist es der Amadeu Antonio Stiftung auch in diesem Jahr gelungen, Sicherheitsmaßnahmen für 28 CSDs in Kleinstädten zu fördern, 19 davon in den ostdeutschen Bundesländern. Doch eine starke Zivilgesellschaft braucht eine stabile Finanzierung und ausreichenden Schutz vor Angriffen. Queere Aktivist*innen und Veranstaltende von CSDs lassen sich vom enormen Druck auf queere Menschen und deren Sichtbarkeit nicht abschrecken. Die Rekordzahl von 299 CSDs in Deutschland 2026 macht Hoffnung und gibt queeren Personen die Möglichkeit, diesem Druck etwas entgegenzusetzen. Doch ihre politische und finanzielle Unterstützung ist unabdingbar.


