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Antisemitismus Bedrohung sichtbar – Solidarität brüchig

Antisemitische Vorfälle nehmen zu, jüdisches Leben wird unsichtbarer. Warum bleibt Unterstützung aus und welche Rolle spielen politische Debatten und blinde Flecken, auch im linken Spektrum?

 
Nach Angriffen wie zuletzt der Messerattacke auf zwei Juden in London melden sich jüdische Stimmen zu Wort und fordern Unterstützung, die über symbolische Gesten hinausgeht. (Quelle: picture alliance/dpa)

In einer Umfrage des Zentralrats der Juden erklärten 68 Prozent von 102 jüdischen Gemeinden, es sei für sie unsicherer als vor dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023. Der Wert sei seit 2024 von damals 82 Prozent etwas gesunken, aber immer noch sehr hoch.

Demnach berichtete bundesweit fast jede zweite jüdische Gemeinde (46 der 102) von antisemitischen Vorfällen in den vorangegangenen zwölf Monaten. Besonders häufig ging es demnach um Beleidigungen, Drohanrufe, Hasskommentare, Sachbeschädigung und Schmierereien an Gebäuden.

Das anhaltende Unsicherheitsgefühl zeige sich bei vielen Juden in Deutschland durch den Verzicht auf das Tragen von jüdischen Symbolen wie der Kippa oder Ketten mit Davidstern. Auch verböten einige Eltern ihren Kindern, ihre jüdische Identität preiszugeben.

Zentralratspräsident Josef Schuster sprach von einer „neuen Normalität“. Es sei „eine Lage, in der jüdische Gemeinden permanent geschützt werden müssen und der Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums eine Normalisierung erfahren hat“, sagte er zu der Umfrage. Selbst wenn in Graffitis in Berlin zu Mord an Juden aufgerufen werde, folge keine Entrüstung. „Diese Zustände sind unhaltbar“, sagte Schuster.

Fehlende Solidarität und eine manifestierte Bedrohungslage

Die Angst vor Attacken ist statistisch klar nachvollziehbar: Seit dem 7. Oktober 2023 ist Antisemitismus in westlichen Staaten deutlich angestiegen. Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Quellen, sie werden unterschiedlich erhoben und sind nicht ohne Weiteres vergleichbar. Dennoch ergibt sich ein klares Gesamtbild. In Deutschland wurden 2024 mehr als 6.000 antisemitische Straftaten registriert, so viele wie nie zuvor. Die Erfassung durch RIAS liegt darüber, weil dort auch Vorfälle dokumentiert werden, die nicht strafbar sind. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in Großbritannien, wo der Community Security Trust weiterhin sehr hohe Fallzahlen meldet, ebenso in den USA und in Australien, wo sich die Vorfälle innerhalb kurzer Zeit vervielfacht haben.

Trauriger Höhepunkt war das Massaker von Bondi Beach, wo zwei Attentäter aus antisemitischen Motiven 15 Menschen töteten und viele weitere verletzten. Aber auch in Europa gibt es tödliche bzw. lebensbedrohliche Angriffe, wie beispielsweise in Frankreich oder zuletzt in London.

Die Entwicklung lässt sich nicht allein mit Zahlen beschreiben. Sie betrifft auch die Vorfälle, die nicht in den offiziellen Statistiken auftauchen. Neben dokumentierten Angriffen oder versuchten Anschlägen auf Synagogen, Bedrohungen im öffentlichen Raum und gezielter Gewalt gegen jüdische Personen gibt es zahllose antisemitische Beleidigungen und Drohungen, die nicht erfasst werden – in Deutschland ebenso wie international. Schwerwiegende Attacken lösen regelmäßig öffentliche Reaktionen aus: Politische Vertreter verurteilen die Taten, es gibt Solidaritätsbekundungen und Ankündigungen verstärkter Sicherheitsmaßnahmen. Danach lässt die Aufmerksamkeit meist schnell nach, während die Bedrohung für die Betroffenen bestehen bleibt.

Jüdinnen und Juden besonders gefährdet

Wie sich diese Situation im Alltag auswirkt, zeigen verschiedene Studien, die die Umfrage des Zentralsrats bestätigen: Die European Union Agency for Fundamental Rights hat erhoben, dass große Mehrheiten jüdischer Befragter einen Anstieg von Antisemitismus wahrnehmen. Viele geben an, sichtbare jüdische Symbole zu vermeiden oder ihr Verhalten anzupassen, um Risiken zu reduzieren. Ähnliche Ergebnisse finden sich in Untersuchungen des American Jewish Committee und in europäischen Community-Befragungen. Antisemitismus ist damit kein abstraktes Phänomen, sondern prägt den Alltag vieler Jüdinnen und Juden.

Dort, wo vergleichbare Daten vorliegen, wird zudem deutlich, dass Jüdinnen und Juden pro Kopf besonders häufig von religiös motivierten Hassdelikten betroffen sind. Das bedeutet nicht, andere Formen von Diskriminierung zu relativieren; es zeigt jedoch, dass Antisemitismus eine besondere Stellung einnimmt: Dort, wo jüdisches Leben in Europa überhaupt sichtbar ist, wird es attackiert.

Statistiken können Komplexität nicht abbilden

Die Ursachen antisemitischer Vorfälle sind vielfältig. Sie reichen von rechtsextremen Ideologien über islamistische Feindbilder bis hin zu israelbezogenem Antisemitismus und verschwörungsideologischen Narrativen. In vielen Fällen greifen diese Faktoren ineinander. Die bestehenden Kategorien der Strafverfolgungsbehörden können solche Mischformen nur begrenzt bis gar nicht abbilden. In der öffentlichen Debatte werden diese komplexen Zusammenhänge häufig vereinfacht, indem Antisemitismus einzelnen politischen Lagern zugeschrieben wird. Rechte verweisen auf „importierten“ Antisemitismus, linke Akteure betonen den Rechtsextremismus, die selbsternannte Mitte spricht gerne allgemein von Extremismus. Auf diese Weise verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der konkreten Bedrohung hin zur Frage der politischen Zuordnung bzw. zur Entlastung des eigenen Milieus.

Für die Betroffenen hat diese Verschiebung konkrete Folgen. Die Bedrohung ist sichtbar und dokumentiert, doch statt über die Ursachen zu diskutieren und wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln, werden antisemitische Straftaten instrumentalisiert (genau wie beispielsweise Straftaten von Menschen mit Migrationshintergrund instrumentalisiert werden). Eine echte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des Antisemitismus und dessen Komplexität bleibt aus bzw. wird bewusst vermieden. Der gute alte „Whataboutism“ in Reinkultur.

Wenn Solidarität ausbleibt – blinde Flecken im linken Umgang mit Antisemitismus

Es lohnt sich kaum, diese Schuldabwehr bei Rechtsextremen zu analysieren. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist ein Kern der rechtsextremen Ideologie. Abwertung von Menschen und die Idee von Ungleichwertigkeit bestimmen die Weltsicht dieser Milieus; dementsprechend ist es verschwendete Zeit, diese Milieus an ihren eigenen moralischen oder ethischen Standards zu messen. Aus einem einfachen Grund: Sie haben keine entsprechenden Standards. Sie sind moralisch ohnehin bankrott und Feinde der Idee von universellen Grundrechten.

Interessanter ist der Blick nach links. Zur Erinnerung: Wie gezeigt sind die Daten über die Bedrohungslage eindeutig. Viele Jüdinnen und Juden beschreiben zudem ein Gefühl des Alleingelassenseins. Mit anderen Worten: Wir haben eine Minderheit, die stark gefährdet ist und keine echte Solidarität wahrnimmt. Ein Grund dafür ist, dass viele Linke sich – diplomatisch formuliert – schwer tun, jüdischen Betroffenen zuzuhören und ihre Perspektive aufzunehmen. Und dass, obwohl es in linken Milieus eigentlich zum Selbstverständnis gehört, Minderheiten zuzuhören, sie zu schützen und Diskriminierung konsequent zu benennen. Beim Antisemitismus zeigt sich jedoch, dass dieser Anspruch oft nicht eingelöst wird.

Von Intention und Wirkung

Diese Kluft wird besonders dann sichtbar, wenn politische Ausdrucksformen auf eine reale Bedrohungslage treffen. Parolen wie „Globalize the Intifada“ oder bestimmte Formen des Auftretens auf Demonstrationen werden von vielen Beteiligten mutmaßlich als Ausdruck politischer Solidarität verstanden. Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage wirken solche Parolen und mit Kufiya vermummte Personen auf Demonstrationen oder Konzerten wie zuletzt bei Disarstar in Hamburg auf viele Jüdinnen und Juden wohl deutlich anders.

Ihre Wahrnehmung ist geprägt von den Bildern des 7. Oktober, als palästinensische Terroristen mehr als 1.000 Menschen in Israel ermordeten, von eigenen konkreten Erfahrungen mit Gewalt und Bedrohung, sodass solche Parolen nicht als abstrakte politische Position erscheinen, sondern als potenzielle Einschüchterung. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang weniger die Intention als die Wirkung.

Gleichsetzung von Jüdinnen mit dem Staat Israel

Ein weiteres Problem liegt in der verbreiteten Gleichsetzung von Jüdinnen und Juden mit dem Staat Israel. Diese Zuschreibung führt dazu, dass jüdische Menschen für politische Entwicklungen verantwortlich gemacht werden, auf die sie keinen Einfluss haben. In vielen dokumentierten Vorfällen wird genau diese Verbindung hergestellt, etwa wenn Angriffe auf Juden in Europa oder auch nur jüdische Symbole mit Parolen wie „Free Palestine“ begleitet werden. Die Differenz zwischen einer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit zu einer Minderheit in Europa oder den USA und Australien sowie der Politik des Staates Israel gerät dabei offenkundig vollkommen aus dem Blick.

Innerhalb linker Debatten kommen zusätzliche Spannungen hinzu. Rechte Akteure nutzen Israel-Solidarität teilweise, um antimuslimische Positionen zu legitimieren. Darauf reagieren Teile der Linken mit Abgrenzung, die wiederum dazu führen kann, dass Israel oder Themen rund um Antisemitismus als politisch „besetzt“ wahrgenommen werden.

Dogmatische Weltbilder

Hinzu kommen Denkmuster, die sich aus antiimperialistischen Traditionen speisen. Kommunistische Gruppen, teilweise mit stalinistischen Tendenzen wie „Young Struggle“, haben in mehreren Städten offenkundig Zulauf. Ein Erfolgsrezept: Komplexe Konflikte werden entlang klarer Freund-Feind-Schemata interpretiert. Die Welt erscheint übersichtlich, sauber aufgeteilt in Gut und Böse, ein blitzsauberes Freund-Feind-Schemata, das sehr viele Widersprüche durch laute Parolen übertönt.

In diesem Rahmen können palästinensische Terrorgruppen wie die Hamas, die vom Iran aufgerüstet wurden, oder verbündete Gruppen zur Projektionsfläche von vermeintlichen Freiheitskämpfern werden. Solche Vereinfachungen blenden reale Gewaltverhältnisse aus und erschweren eine differenzierte Betrachtung. Auch hier wird die Wirkung auf jüdische Menschen häufig offenkundig nicht oder kaum berücksichtigt.

Fehlende Unterstützung und Anfeindungen

Neben Studien wird diese Perspektive auch in sozialen Medien sichtbar. Jüdische Nutzerinnen und Nutzer berichten von Verunsicherung, von Rückzug und von dem Eindruck, mit ihren Erfahrungen nicht durchzudringen. Sie fordern nicht nur Schutz, sondern auch Anerkennung ihrer Perspektive.

Gleichzeitig werden Organisationen und Einzelpersonen, die Antisemitismus thematisieren, immer wieder scharf angegriffen, was eine offene Auseinandersetzung zusätzlich erschwert. Aus einer Solidaritätsbekundung mit Juden in Europa wird schnell eine angebliche Unterstützung der rechtsextremen und rassistischen Regierung Netanjahu gemacht.

Bewusstsein und Mut zur Reflektion

Das zentrale Problem liegt nicht im Fehlen von Informationen. Die Daten liegen auf dem Tisch, die antisemitischen Anschläge sind harte Fakten. Vielmehr geht es darum, wie diese Informationen politisch verarbeitet bzw. weggeschoben werden. Dadurch gerät die Perspektive der Betroffenen in den Hintergrund – auch bei Menschen und Milieus, die sich als links bezeichnen.

Eine glaubwürdige Auseinandersetzung müsste genau hier ansetzen. Es braucht den Mut, die eigene Rolle zu reflektieren, auch das eigene Auftreten – und sich ehrlich zu fragen, ob es sein kann, dass man Betroffenen nicht zuhört oder keinen Glauben schenkt. Auch die eigene Sprache und Symbolik müsste stärker reflektiert werden.

Anerkennung der jüdischen Perspektive würde Solidarität mit Palästina stärken

Antisemitismus wird offenkundig häufig nicht als eigenes Problem reflektiert, sondern entlang politischer Linien eingeordnet. Auch wenn Kritik an Personen und Gruppen, die sich vor allem für eine Solidarität mit Palästina einsetzen, in einigen Fällen mutmaßlich zu pauschal und hart ausfällt, was ebenfalls eine Reflektion erschwert, bleiben die Fakten: Jüdinnen und Juden fühlen sich bedroht – und dies ist empirisch gut belegt.

Es stellt sich die Frage, warum die Palästina-Solidarität genau diese Perspektive von Betroffenen nicht aufnimmt, ihnen Raum gibt, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, um mehr gesellschaftliche Akzeptanz zu entwickeln, um eigene Narrative kritisch prüfen und vor allem, um nicht als Bedrohung für jüdische Menschen wahrgenommen zu werden. Dies könnte die eigene Glaubwürdigkeit und Sichtbarkeit deutlich erhöhen.

Es wird höchste Zeit, dass sich Linke ihrer Verantwortung bewusstwerden und Klarheit schaffen, also Solidarität mit einer stark bedrohten Minderheit auch zu ihrer eigenen Sache machen. Dies würde allen helfen.

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