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Deep Dive Was Emoji-Reaktionen über das politische Klima sagen

Nüchterne Zahlen stützen den Eindruck eines immer stärker aufgeheizten politischen Klimas: Auch online wurden die Wahlkämpfe in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin verbissener geführt als je zuvor. Im Monat vor der Wahl erhielten die Facebook-Profile der Parteien, die in den Landtag von Sachsen-Anhalt gewählt wurden, nahezu 12.000 „Wütend“-Reaktionen. 2021 lag die Zahl im gleichen Zeitraum fast bei null. Gerade auf Facebook befeuern die politischen Konfliktlinien Emotionen.

 
Symbolbild (Quelle: Pixabay)

Hochkochende Emotionen und zugespitzte Konflikte haben auch auf Facebook die Wahlkämpfe im Herbst geprägt.Laut Reuters Institute Digital News Report 2026 zählt Facebook weiterhin zu den wichtigsten Plattformen für Nachrichten. Den beachtenswerten Wandel digitaler Emotionen zeigt ein Seitenvergleich der jeweiligen Landes-AfD und der die Regierungen anführenden Parteien im Monat vor den Wahlen 2021 und 2026. In allen drei Ländern stieg die Zahl der Reaktionen pro Beitrag massiv: Um 170 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern, 300 Prozent in Sachsen-Anhalt und über 1.000 Prozent in Berlin. Viel stärker als Likes legten „Wütend“- und „Haha“-Reaktionen zu. Gerade „Haha“ kann im politischen Kontext häufig als Spott oder Häme gelesen werden. Gegenüber 2021 explodierten in Sachsen-Anhalt die „Wütend“-Reaktionen um 2.500 Prozent, „Haha“ sogar um 7.300 Prozent. Ähnliches gilt für Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Wut und Häme – gegen die Regierung?

Negative Reaktionen wie „Wut“ oder „Häme“ verteilen sich auf den verschiedenen Parteiseiten sehr unterschiedlich. Hier ist eine neue Entwicklung zu beobachten: 2021 spielten „Wütend“- oder „Haha“-Reaktionen auf keiner der untersuchten Parteiseiten eine bemerkenswerte Rolle. Die Werte pro Post bewegten sich im einstelligen Bereich, um 2026 zu explodieren – jeweils auf den untersuchten Seiten der Partei, die die Regierung anführt. In Sachsen-Anhalt entfielen auf die regierende CDU 169 „Wütend“-Reaktionen je Post (plus 11.000 Prozent); 33-mal je Post wurde „Wütend“ auf der SPD-Seite in Mecklenburg-Vorpommern geklickt (plus 5.400 Prozent) und durchschnittlich 47 „Wütend“-Reaktionen erreichten die CDU in Berlin (plus 1.780 Prozent). Die Steigerungsraten der schwieriger zu interpretierenden „Haha“-Reaktionen waren sogar noch höher. Facebook wandelt sich zu einer Arena intensiver geführten Konflikte.

Die Reaktionsbuttons sind keine fertige Sentimentanalyse. Sie müssen interpretiert werden. „Wütend“ kann sich gegen eine Partei, gegen den Inhalt eines Posts oder gegen einen dort beschriebenen politischen Vorgang richten. „Haha“ kann fröhliche Zustimmung, Spott oder Häme bedeuten. Erst die qualitative Prüfung der besonders stark reagierten Beiträge erlaubt eine vorsichtige Einordnung.

Drei Länder, drei Konfliktmuster

In Sachsen-Anhalt lassen sich die hohen „Wütend“- und „Haha“-Werte auf der CDU-Seite bei mehreren stark betroffenen Beiträgen plausibel als Ablehnung und Häme gegenüber dem Absender lesen. Die Beiträge waren weder humoristisch noch selbstironisch angelegt und sollten auch keine Wut entfachen. Beispielsweise zog ein Reel, das den CDU-Ministerpräsidenten als „Paradebeispiel“ für gutes Zuhören bezeichnete, 5.000 „Haha“- sowie 1.600 „Wütend“-Reaktionen auf sich. 2026 standen auf der CDU-Seite durchschnittlich 162 Likes pro Beitrag einem Übergewicht an „Wütend“-Reaktionen gegenüber.

In Mecklenburg-Vorpommern zeigt sich ein anderes Muster, das dem zugespitzten Zweikampf zwischen SPD und AfD entspricht. Ein Wahlaufruf für Manuela Schwesig zog die meisten „Wütend“- und „Haha“-Reaktionen auf sich. Sie häufen sich vor allem dann, wenn die AfD oder ihre Forderungen selbst Gegenstand eines Beitrags sind – beispielsweise, wenn die SPD ein „Waffenbesitzrecht für Extremisten“ oder „Remigration“ thematisierte. Hier löste das Zitat eines Chefarztes zum dann drohenden Fachkräftemangel in Kliniken über 1.100 „Haha“-Reaktionen aus.

Berlin wiederum weist stärker themenbezogene Reaktionen auf. Besonders Beiträge zu Themen, die die AfD häufig in den Mittelpunkt stellt – Migration, Kriminalität, Extremismus und Polizei – ziehen auf der CDU-Seite viele „Wütend“- und „Haha“-Reaktionen an. Eine Kachel der CDU als „Bollwerk gegen Extremismus“ zog beispielsweise 17.000 „Haha“-Reaktionen auf sich; eine Forderung nach mehr Polizei erhielt die zweitmeisten „Wütend“-Reaktionen im Untersuchungszeitraum.

Die Asymmetrie des Widerspruchs

Interessant ist die asymmetrische Rolle der AfD in dieser Entwicklung: 2026 machten „Wütend“ und „Haha“ auf der CDU-Seite in Sachsen-Anhalt rund 84 Prozent aller Reaktionen aus, bei der SPD in Mecklenburg-Vorpommern ca. 43 Prozent. In Berlin lagen die entsprechenden Anteile bei rund 73 Prozent für die CDU. Im starken Kontrast hierzu blieben sie auf den untersuchten AfD-Seiten in allen drei Ländern unter vier Prozent. Reaktionen, die als „Wut“ oder „Häme“ gelesen werden können, konzentrieren sich damit auffällig auf die Seiten der regierungsführenden Parteien; auf den AfD-Seiten bleiben sie eine Randerscheinung. Eine mögliche Erklärung hierfür liefert frühere Forschung: Bereits 2020 fand eine Untersuchung der Facebook-Seiten von AfD, CDU und SPD deutlich mehr gegnerische Kommentare auf den Seiten der Regierungsparteien. Auf der CDU-Seite waren 41 Prozent der untersuchten Kommentare kritisch gegenüber der Partei, auf der AfD-Seite dagegen nur fünf Prozent. Die Autor*innen verweisen zudem auf Web-Tracking-Daten, wonach AfD-Sympathisant*innen auch auf CDU-Seiten aktiv waren und dort häufig kritisch kommentierten. Der starke Anstieg von „Wütend“- und „Haha“-Reaktionen auf den Seiten der regierungsführenden Parteien könnte daher zumindest teilweise darauf zurückgehen, dass rechtspopulistisch orientierte Nutzer*innen gezielt auf den Seiten politischer Gegner reagieren.

Wandernde Reichweiten

Nicht nur bei den Emotionen, auch bei den Reichweiten der Plattformen vollzieht sich ein Wandel. Teilungen, die Rückschlüsse auf die erzielte Reichweite zulassen, haben sich auf Facebook in Sachsen-Anhalt halbiert; in Mecklenburg-Vorpommern fielen sie um 37 Prozent. In Berlin hingegen haben sie sich nahezu verdoppelt. In Sachsen-Anhalt erreichten die Parteien 2026 viele Nutzer*innen über TikTok – allerdings mit sehr unterschiedlichem Erfolg: Stand Mitte September 2026 hatte AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund über eine Million Follower; CDU-Kandidat und Ministerpräsident Sven Schulze kam auf nur 11.500.

In Mecklenburg-Vorpommern ist das Übergewicht der AfD weniger extrem. Zwar liegen ihre Followerzahlen sowohl auf Facebook als auch auf TikTok deutlich über denen der regierenden SPD. Auch AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm kommt auf TikTok mit 45.600 Followern klar vor Manuela Schwesig mit 12.000. Bei den Videoaufrufen verschiebt sich das Bild jedoch: Schwesigs 77 Videos erreichten 2,3 Millionen Aufrufe, Holms 38 Videos 1,2 Millionen. Pro Video lagen beide damit nahezu gleichauf.

Interessanterweise hat TikTok in Berlin nur eine deutlich geringere Rolle gespielt als in den beiden anderen Ländern. In der Hauptstadt haben sich die Teilungen auf Facebook hingegen fast verdoppelt.

Verschiedene Plattformen, verschiedene Konflikträume

Die Wahlen im Herbst 2026 zeigen online einen gemeinsamen Trend. Auf den Profilseiten der regierungsführenden Parteien explodieren „Wütend“- und „Haha“-Reaktionen, während die Teilungsaktivität jenseits von Berlin deutlich abnimmt. Facebook wird nicht überall reichweitenschwächer, aber überall reaktionsintensiver. Die drei Wahlkämpfe zeigen damit unterschiedliche digitale Konflikträume: Auf Facebook bündelt die politische Auseinandersetzung zunehmend Reaktionen, während sich die Aufmerksamkeit auf TikTok höchst ungleich verteilt.

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