Als der Extremismusforscher Peter R. Neumann in der ZDF-Sendung Markus Lanz vom 6. Januar beiläufig auf einen „Antifa-Brandanschlag“ auf das Jagdschloss Thurn und Taxis verweist, wirkt der Satz zunächst unscheinbar. Keine Zuspitzung, kein Alarmismus, eher eine Nebenbemerkung im Fluss einer breiteren Debatte über politische Radikalisierung und Gewalt. Gerade darin liegt jedoch die Bedeutung dieses Moments. Denn den Brandanschlag hat es in dieser Form nicht gegeben.
Peter R. Neumann ist Direktor des International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR) am King’s College London, langjähriger Berater von Regierungen und Sicherheitsbehörden und regelmäßiger Gast in deutschen Talkshows. Er gilt als seriöser, analytisch arbeitender Experte, insbesondere auch zum Thema Desinformation. Seine Einordnung erfolgte damit mit hoher fachlicher Autorität vor einem Millionenpublikum.
Denn die Sendung Markus Lanz gehört zu den reichweitenstärksten politischen Gesprächsformaten im deutschen Fernsehen. Sie erreicht regelmäßig über eine Million Zuschauer*innen im linearen Fernsehen; hinzu kommen Abrufe in der Mediathek sowie umfangreiche Anschlusskommunikation in anderen Medien und sozialen Netzwerken. Aussagen aus der Sendung wirken daher weit über den eigentlichen Sendetermin hinaus in den öffentlichen Diskurs hinein. Das ZDF-Format Lanz setzt Themen, macht Fachleute, beeinflusst Debatten.
Normalisierung falscher Narrative im öffentlichen Diskurs
Gerade vor diesem Hintergrund ist der beiläufige Satz relevant. Er ist kein Beispiel für agitatorische Zuspitzung oder politische Agenda, sondern für die Normalisierung eines falschen Narrativs, das so weit in den öffentlichen Diskurs eingesickert ist, dass es selbst von Fachleuten unbewusst reproduziert wird, zudem im redaktionellen Umfeld eines öffentlich-rechtlichen Formats nicht mehr als korrekturbedürftig erscheint.
Entscheidend ist dabei nicht ein individueller Irrtum, sondern das Muster, das solche Falschbehauptungen im öffentlichen Diskurs begünstigt. Daher lohnt sich ein genauer Blick auf die Angelegenheit, um Muster zu erkennen und zu verstehen.
Entstehung des Narrativs: Vom Ereignis zur Zuschreibung
Der Brand im Jagdschloss Thiergarten bei Regensburg war Anfang Oktober 2025 zunächst ein lokales Ereignis. Die Dynamik änderte sich, als auf der Plattform Indymedia ein anonymes Schreiben auftauchte, das die Tat der „Antifa“ zuschrieb. Dass es keine feste Organisation mit diesem Namen gibt und dass Indymedia seit Jahren Schauplatz gefälschter oder bewusst irreführender Bekennerschreiben ist, ist gut dokumentiert.
Allein deshalb wäre journalistische Zurückhaltung geboten gewesen. Konsequenter Journalismus hätte bedeutet, das Schreiben als hochgradig unzuverlässig einzuordnen oder vollständig zu ignorieren. Stattdessen geschah etwas anderes: Der Verdacht erhielt enorme Öffentlichkeit, obwohl er auf einem anonymen Text ohne redaktionelle Kontrolle beruhte.
Frühphase der Berichterstattung und ideologische Zuspitzung
Besonders angeschoben wurde diese Dynamik in ideologisch klar positionierten Medien. NIUS berichtete bereits am 10. Oktober 2025 in einer Weise, die Täter, Tat und Motiv eng miteinander verband. Die Überschrift suggerierte faktische Gewissheit, während der Hinweis auf laufende Ermittlungen nachrangig blieb. Das angebliche Motiv wurde aus dem Bekennerschreiben übernommen und politisch interpretiert.
Exxpress, Brussels Signal und weitere rechte beziehungsweise rechtskonservative Plattformen gingen noch weiter. Sie sprachen explizit davon, „die Antifa“ habe den Brand „zugegeben“ oder „admitted responsibility“. Diese Wortwahl verwandelte das anonyme Schreiben in eine bestätigte Tatsache. Es wurde nicht als fragwürdiger Text behandelt, sondern als Ausgangspunkt für eine größere Erzählung über linksextreme Gewalt, Staatsversagen und kulturellen Niedergang.
Der Zweifel wurde formal erwähnt, aber zugleich entwertet. Die Berichterstattung zielte weniger auf Prüfung als auf Affekt und Plausibilität.
Klassische Medien und Framing-Effekte
Auch etablierte Nachrichtenmedien berichteten über das Bekennerschreiben, meist korrekt, aber mit strukturellen Schwächen. Der erste Artikel der WELT stellte den Verdacht prominent dar, zitierte ausführlich Passagen aus dem zweifelhaften Schreiben und platzierte die polizeiliche Prüfung eher defensiv. Spätere Artikel, die klarstellten, dass es keine Hinweise auf Brandstiftung gebe, folgten zwar, dürften aber nicht dieselbe Resonanz erreicht haben.
Der Fall zeigt exemplarisch, wie stark Framing, Gewichtung und Zeitpunkt darüber entscheiden, ob Öffentlichkeit informiert oder in eine Richtung gelenkt wird. Der Verdacht ist laut und emotional, die Korrektur komplex und sachlich, in ideologisch aufgeladenen Öffentlichkeiten bleibt sie ohnehin weitestgehend wirkungslos.
Als Polizei und Staatsanwaltschaft erklärten, es gebe keine Hinweise auf vorsätzliche Brandstiftung und keinen Zusammenhang mit dem Bekennerschreiben, war das Narrativ bereits in der Welt. In Teilen der Öffentlichkeit – insbesondere in rechten und rechtsextremen Milieus – hatte sich der Eindruck eines politischen Anschlags verfestigt. Dazu trug auch die öffentliche Kommunikation der Fürstin von Thurn und Taxis selbst bei, die unter anderem in der Jungen Freiheit eine Brandstiftung behauptete.
Internationale Verstärkung durch politische Autorität
Einen entscheidenden Schub erhielt das Narrativ zudem Mitte Oktober durch die Intervention von Viktor Orbán. Der ungarische Ministerpräsident erklärte öffentlich, „die Antifa“ habe das Schloss angezündet, und nutzte dies als Beleg für Forderungen nach harter Repression. Orbán sprach im Indikativ, ohne Vorbehalt, liefert seiner transnationalen Anhängerschaft Gewissheit ohne Zweifel.
Diese Gewissheit wird rhetorisch verstärkt durch die Dramaturgie seines Posts. Orbán beginnt mit einer Solidarisierungsformel („We stand with…“), die sofort eine moralische Frontlinie zieht. Darauf folgt die Tatsachenbehauptung, anschließend die politische Konsequenz: Der Brand wird als Beleg dafür präsentiert, dass die Einstufung „der Antifa“ als terroristische Organisation gerechtfertigt sei. Die Logik ist zirkulär: Die behauptete Tat legitimiert das politische Label, das Label wiederum verleiht der Behauptung zusätzliche Relevanz. Abgeschlossen wird der Post mit Phrasen wie „zero tolerance“ und „justice must be served“, die den Deutungsrahmen endgültig schließen.
Orbáns Intervention war hochwirksam: Von diesem Moment an war das vollkommen unbelegte Narrativ von einem Antifa-Brandanschlag international legitimiert und kehrte verstärkt in den deutschen Diskurs zurück. Für deutsche rechte Öffentlichkeiten wirkte Orbáns Aussage wie ein Autoritätsanker. Nicht mehr ein anonymer Indymedia-Text stand im Zentrum, sondern der offizielle Post eines Regierungschefs.
Transnationale Muster der Narrativverstärkung
Dieser Mechanismus ist kein Sonderfall. Ähnliche Dynamiken lassen sich seit Jahren in unterschiedlichen Themenfeldern beobachten: im Kontext Antifa, bei Debatten über Meinungsfreiheit und angebliche Zensur, in der Darstellung von Kriminalität und Migration ebenso wie während der Corona-Pandemie.
Ausländische politische Akteure greifen Narrative aus deutschen rechten oder verschwörungsideologischen Öffentlichkeiten auf, rahmen sie neu und spiegeln sie mit politischer Autorität zurück. Was früher als Internetwitz oder Randbehauptung kursierte, wird so Teil offizieller politischer Kommunikation. Dies führt zu ganz neuen Herausforderungen für Nachrichtenmedien.
Praxisbeispiel journalistischer Ausgewogenheit
Ein aktuelles Beispiel für dieses Muster liefert die Berichterstattung der dpa vom 11. Januar 2026 über Äußerungen des amerikanischen Impfgegners und Gesundheitsministers Robert F. Kennedy auf X, in denen von angeblicher Strafverfolgung von mehr als tausend Ärztinnen, Ärzten und Patient*innen in Deutschland wegen Corona-Attesten die Rede ist. Die Aussagen wurden als „Kritik“ gerahmt, während die Zurückweisung durch die Bundesregierung daneben gestellt wurde.
Die Struktur „Behauptung versus Zurückweisung“ wirkt zwar neutral und formal korrekt, erzeugt aber eine falsche Ausgewogenheit. Es handelt sich nicht um zwei gleichwertige Meinungen, sondern um eine falsche Tatsachenbehauptung auf der einen und eine faktenbasierte Gegenposition auf der anderen Seite. Durch sprachliche Neutralisierung wird die Unwahrheit nicht klar benannt, sondern als legitimer Debattenbeitrag behandelt.
Auch hier zeigt sich die beschriebene Wirkung internationaler Absenderautorität. Was zuvor als randständige Behauptung galt, erhält neues Gewicht. Dieses Muster trug auch zur Etablierung des angeblichen Antifa-Brandanschlags bei. Der Verdacht wurde früh sichtbar gemacht, die Entkräftung blieb formal – und erreichte offenkundig nicht einmal ausgewiesene Experten.
Verantwortung von Medien und Experten
Falschbehauptungen sind offenkundig kein Ausnahmefall mehr, sondern Teil medialer Normalität. Gerade deshalb müssen Medien klarer agieren: prüfen, einordnen, benennen. Neutralität darf nicht zur Ausrede werden, Fakten nicht zu bewerten. Auch Fachleute tragen Verantwortung. Wer regelmäßig öffentlich einordnet, setzt Deutungsmarken.
Vor diesem Hintergrund erhält die Äußerung von Peter Neumann ihre eigentliche Bedeutung. Wenn eine Falschbehauptung oft genug zirkuliert, international autorisiert und medial nicht klar als solche benannt wird, wird sie Teil des allgemeinen Wissens. Wenn selbst hochprofessionelle Akteure in einem hochredaktionellen Umfeld wie dem ZDF solche falschen Narrative reproduzieren, dann ist ein Kipppunkt erreicht.
Sichtbar wird nicht der Fehler Einzelner, sondern ein System, in dem falsche Narrative so lange zirkulieren, bis sie selbst für professionelle Akteure plausibel wirken. Eine öffentliche Richtigstellung durch das ZDF – etwa auch in Form einer eigenen Markus-Lanz-Sendung zu Mechanismen von Desinformation und medialer Verantwortung – wäre daher kein Gesichtsverlust, sondern ein Ausdruck professioneller Verantwortung. Denn den Anschlag, der vor einem Millionenpublikum behauptet wurde, hat es nie gegeben.


