Der Black History Month ist kein symbolisches Gedenken, sondern eine politische Intervention gegen rassistische Geschichtsverdrängung, auch in Deutschland.
Der Black History Month (BHM) ist keine Folklore und kein reines Erinnerungsformat. Er ist eine politische Intervention gegen eine Geschichtsschreibung, die Schwarze Perspektiven systematisch ausblendet, verzerrt oder entwertet. Sein Zweck ist nicht nur eine Rückschau, sondern die Sichtbarmachung historischer Gewaltverhältnisse, die bis heute gesellschaftliche Machtverhältnisse prägen.
Vom Ausschluss zur Intervention: Die Entstehung des Black History Month
1926 initiierte der afroamerikanische Historiker Carter G. Woodson die „Negro History Week“. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass Schwarze Geschichte in der offiziellen US-amerikanischen Historiografie nahezu vollständig fehlte – mit direkten Folgen für politische Teilhabe, Bildung und gesellschaftliche Anerkennung. In den 1960er und 1970er Jahren, im Kontext der Bürgerrechts- und Black-Power-Bewegungen, entwickelte sich daraus der Black History Month. Er schuf einen wiederkehrenden öffentlichen Raum, in dem Schwarze Geschichte nicht länger marginalisiert, sondern als zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Entwicklung verhandelt wird.
In Deutschland wurde der Black History Month in den 1990er Jahren durch die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) eingeführt. Auch hier richtete er sich gegen eine nationale Erinnerungspolitik, die Rassismus als „Problem anderer Länder“ behandelt, koloniale Gewalt aus dem historischen Selbstbild ausklammert und Schwarze Geschichte auf die USA reduziert. Ihre Arbeit machte sichtbar, dass antischwarzer Rassismus kein Randphänomen ist, sondern Teil deutscher Gesellschafts- und Wissensproduktion.
Kolonialismus, Nationalsozialismus, Verdrängung: Schwarze Geschichte in Deutschland
Schwarze Präsenz im deutschsprachigen Raum reicht bis ins Mittelalter zurück. Im Kaiserreich nahm sie im Zuge kolonialer Expansion massiv zu – durch Migration, aber auch durch Zwangsverschleppung und koloniale Gewalt. Pseudowissenschaftliche rassistische Ideologien des 19. Jahrhunderts legitimierten diese Gewalt, ordneten Menschen hierarchisch ein und wirkten weit über die Kolonialzeit hinaus. Sie bildeten nicht nur die Grundlage, sondern auch die Rechtfertigung für koloniale Verbrechen und später für den nationalsozialistischen Rassenwahn.
Schwarze Menschen waren im Nationalsozialismus von Entrechtung, Zwangsarbeit, Internierung und Mord betroffen. Diese Verfolgung wurde nach 1945 kaum aufgearbeitet. In der Bundesrepublik galten Schwarze Deutsche weiterhin als „Fremde“, insbesondere sogenannte „Besatzungskinder“ wurden staatlich problematisiert.
In der DDR wiederum wurde Rassismus offiziell geleugnet und als Problem des Westens dargestellt. Diese Selbstdarstellung verdeckte alltägliche rassistische Diskriminierung, physische Gewalt – wie etwa die rassistischen Ausschreitungen in Erfurt 1975 – sowie umfassende staatliche Kontrolle von Vertragsarbeiter*innen, deren Perspektiven politisch nicht sichtbar sein durften.
Der Mord an Amadeu Antonio im Jahr 1990 markiert eine brutale Kontinuität: Antischwarzer Rassismus war kein Randphänomen, sondern tief in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften verankert. Diese Geschichte zu ignorieren bedeutet, heutige rassistische Ungleichheiten als individuelle Einzelfälle oder soziale Probleme erscheinen zu lassen – statt sie als Folge historisch gewachsener Gewalt- und Machtverhältnisse zu begreifen, für die staatliche und gesellschaftliche Akteur*innen Verantwortung tragen sollten.
Schwarze Geschichte als Bewegungs- und Widerstandsgeschichte
Schwarze Geschichte ist keine homogene Bewegung und folgt keiner einheitlichen politischen Logik. Sie besteht aus unterschiedlichen Strömungen mit jeweils eigenen Zielen, Analysen und Strategien.
Der Abolitionismus zielte auf die Abschaffung der Versklavung als ökonomisches und rechtliches System. Er verstand Rassismus nicht als moralisches Fehlverhalten Einzelner, sondern als staatlich organisierte Ausbeutung von Arbeitskraft und Leben.
Der Pan-Afrikanismus entwickelte sich als eigenständige Antwort auf Kolonialismus und globale rassistische Herrschaft. Er setzte auf transnationale Solidarität, antikoloniale Selbstbestimmung und politische Unabhängigkeit. Historiker, Aktivisten und politische Führungspersönlichkeiten wie William Edward Burghardt „W. E. B.“ Du Bois, Kwame Nkrumah oder Patrice Lumumba verbanden theoretische Analyse mit politischer Praxis. Schwarze feministische Interventionen – etwa durch das Combahee River Collective – machten zugleich deutlich, dass Rassismus nicht getrennt von Geschlecht, Klasse oder Sexualität analysiert werden kann.
Schwarze Bewegungen in Deutschland entstanden aus spezifischen historischen Bedingungen: kolonialer Gewalt, nationalsozialistischer Verfolgung, der kollektiven Verdrängung dieser Geschichte nach 1945 und Migration. Ihre Errungenschaft lag nicht nur in Sichtbarkeit, sondern in der Schaffung politischer Selbstbezeichnungen, eigener Wissensproduktion und kollektiver Organisation.
Autorinnen und Aktivistinnen wie May Ayim, Katharina Oguntoye und Audre Lorde widersprachen offen der Vorstellung, Schwarzsein sei unvereinbar mit Deutschsein. Mit der Gründung der ISD 1986 entstanden dauerhafte Strukturen für politische Artikulation, Community-Building und Widerstand gegen institutionellen Rassismus.
Antischwarzer Rassismus heute: strukturell, institutionell, tödlich
Antischwarzer Rassismus wirkt bis heute als Zusammenspiel aus institutioneller Diskriminierung, Entmenschlichung Schwarzer Erfahrungen, Bagatellisierung von Gewalt und struktureller wie direkter physischer, psychischer und sprachlicher Gewalt. Er zeigt sich in Polizeigewalt, rassistischen Übergriffen, im Strafvollzug, auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, in medizinischer Unterversorgung und im Fehlen belastbarer staatlicher Daten.
Der Afrozensus belegt diese Realität empirisch. Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat diese Gewaltverhältnisse erneut öffentlich gemacht – durch Proteste, politische Forderungen und die konsequente Benennung institutioneller Verantwortung. Gedenken an die Ermordeten von Hanau ist ohne Forderungen nach Konsequenzen, Aufklärung und struktureller Veränderung unvollständig.
Der Black History Month: Werkzeug, nicht Ersatz
Der Black History Month schafft Sichtbarkeit, Bildungsräume und stärkt Schwarze Organisationen. Vor allem erhöht er den Druck auf Institutionen, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen und konkrete Veränderungen einzuleiten. Gleichzeitig ersetzt ein Monat keine langfristige Umverteilung von Macht und Ressourcen.
Der Black History Month markiert einen Anfang. Er erinnert daran, dass Schwarze Geschichte Teil deutscher Geschichte ist – und dass Anerkennung, Würdigung und Wertschätzung keine symbolischen Gesten, sondern tägliche politische Praxis sein müssen.


