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Esoterische Rechtfertigungen von Auschwitz

Die Verknüpfung von völkischer Mythologie und Esoterik hat Methode. Beide stehen sich in ihrer heutigen Ausformung in einer Weise nahe, die weit über ihre spärlichen historischen Gemeinsamkeiten hinausgeht.

 

Die Verknüpfung von völkischer Mythologie und Esoterik hat Methode. Beide stehen sich in ihrer heutigen Ausformung in einer Weise nahe, die weit über ihre spärlichen historischen Gemeinsamkeiten hinausgeht. Sie unterscheiden zwischen einer Elite ? der höheren Rasse oder den Erleuchteten ? und dem unerleuchteten Rest der Menschheit. Beide sind auf Führer angewiesen ? was die Esoterik betrifft, bildet sich im autoritär strukturierten Umfeld bei unterschiedlichen Graden der Erleuchtung zwangsläufig der Sektenführer heraus.

Der Glaube an die Wiedergeburt relativiert alle Verbrechen des Nationalsozialismus. Als Jude ins KZ eingeliefert worden zu sein, kann als gerechte Strafe für die Untaten während einer früheren Inkarnation gedeutet werden. Die SS musste grausam sein, denn sie war nur ein irdischer Trupp im Kampf kosmischer Mächte, so der ?metaphysische Antisemitismus? Savitri Devis. Auch Horst Mahler betont in seiner ?Flugschrift an die Deutschen? diesen ?religiösen Bezug des Holocaust?. Der Tod wiederum ist keine endgültige Vernichtung, denn die Seele lebt im Karma weiter. Die esoterische Rechtfertigung von Auschwitz findet sich z.B. in Trutz Hardos (Klarname: Tom Hockemeyer) Buch ?Jedem das Seine?. Dort interpretiert Hardo Auschwitz als das ?vorherbestimmte Schicksal der Juden? und als ?gerechte Sühne für begangene Untaten im frü-heren Leben?. Das Buch wurde 1998 wegen Volksverhetzung beschlagnahmt. ?Jedem das Seine? war ein Motto der SS.

Das esoterische Denken relativiert moralische Urteile. Es rechtfertigt alles Böse als Gegenseite des Guten. Die Rechtfertigung von Auschwitz ist also eine mögliche, wenn auch nicht notwendige Folge des esoterischen Ansatzes. Wenn Helsing den Juden die Schuld am Zweiten Weltkrieg und an ihrer eigenen Vernichtung zuschreibt, folgt er dieser Logik. Nicht nur, dass jeder im jeweiligen Leben ausbaden muss, was er in einem früheren angerichtet hat; man kann sein Schicksal dadurch abwenden, dass man ein besserer Mensch wird. Daraus schlussfolgern braune Esoteriker: Wer das nicht tut, ist selbst dran schuld, wenn er im nächsten Leben vergast wird. Aber die Esoterik kann nicht alles deuten. Sie mag sich mit Feuersbrünsten, Kriegen, Unfällen und Individualverbrechen abplagen. An Auschwitz scheitert sie. Auschwitz ist ein historisch einmaliges Ereignis, das absolut Böse ohne Gegenpol. Die Lehre von der ewigen Wiederkehr ist mit Auschwitz unvereinbar.

Dieser Auszug des Essays „Mythologie und Okkultismus bei den deutschen Rechtsextremen“ ist aus dem Buch Handbuch Rechtsradikalismus, Thomas Grumke und Bernd Wagner (Hrsg.), Leske + Budrich, 2002

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