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Fact-Checking-Tag Was Faktenchecks können und warum das allein nicht reicht

Am 2. April ist Internationaler Fact-Checking-Tag. Weltweit erinnern Redaktionen, Bildungsinitiativen und das International Fact-Checking Network daran, wie wichtig überprüfbare Informationen für demokratische Öffentlichkeit sind. Der Tag steht für Transparenz, Recherche, Sorgfalt. Er soll Vertrauen in Fakten stärken; in einer Zeit, in der gezielte Desinformation die Weltpolitik mitbestimmen und algorithmische Plattformlogiken den öffentlichen Diskurs dominieren. Gerade deshalb lohnt an diesem Tag eine Bestandsaufnahme.

 
Symbolbild (Quelle: Canva)

Faktenchecks sind unverzichtbar. Aber sie werden zunehmend mit Erwartungen überladen, die sie strukturell nicht erfüllen können. Der Internationale Fact-Checking-Tag ist daher ein sinnvoller Anlass zur Selbstprüfung: Was leisten Faktenchecks tatsächlich. Und wo werden sie zum Ersatz für eine grundlegendere Debatte über journalistische Formate, mediale Inszenierung und Plattformmacht?

Was Faktenchecks leisten

Faktenchecks können falsche Behauptungen widerlegen. Sie können Zahlen präzisieren, Begriffe differenzieren, Kontexte nachreichen. Internationale Studien zeigen, dass Korrekturen in experimentellen Settings signifikant Falschwahrnehmungen reduzieren können. Sie stabilisieren eine gemeinsame Wirklichkeitsbasis; aber lediglich für jene, die sich überhaupt informieren wollen.

Faktenchecks sind keineswegs wirkungslos, aber ihre Effekte begrenzt: Mehrere Untersuchungen belegen, dass die Wirkung zeitlich abnimmt und stark vom politischen Kontext abhängt. In hoch polarisierten Milieus werden Faktenchecks nicht als Informationsangebot wahrgenommen, sondern als Angriff auf die eigene Identität. Der „Hostile-Media-Effekt“ beschreibt, dass Menschen mit sehr verfestigten Überzeugungen selbst sachlich korrekte Berichterstattung als feindlich und unglaubwürdig interpretieren.

Hinzu kommt eine strukturelle Asymmetrie: Eine falsche Behauptung ist schnell formuliert. Ihre Widerlegung erfordert Recherche, Quellenarbeit, Differenzierung. Studien zur realen Mediennutzung zeigen, dass Faktencheck-Angebote gerade von jenen Gruppen am seltensten genutzt werden, die am stärksten mit Desinformation in Kontakt kommen.

Redaktionelles Handwerk, keine Wahrheitsmaschine

Faktenchecks sind keine algorithmischen Wahrheitsmaschinen. KI-Anwendungen helfen bei der Recherche, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden. Aber letztendlich sind es Menschen, die in den Redaktionen fragwürdige Behauptungen auswählen, prüfen und einordnen bzw. korrigieren. Nach TV-Duellen oder Bundestagsdebatten kommen unterschiedliche Redaktionen mit identischer Datenbasis zu leicht abweichenden Bewertungen: „größtenteils korrekt“, „verkürzt“, „irreführend“. Das ist kein Mangel, sondern Ausdruck journalistischer Einordnung.

Problematisch wird es aber, wenn Faktenchecks eine andere Funktion übernehmen sollen: nämlich strukturelle Defizite redaktioneller Formate zu kompensieren. In der Debatte Anfang Februar um eine Talksendung von Caren Miosga mit Tino Chrupalla zeigte sich dieses Muster. Ein AfD-Vorsitzender erhält eine reichweitenstarke Bühne zur besten Sendezeit. Es folgt Kritik. Die Redaktion verweist auf einen begleitenden Faktencheck, der online nachgereicht wurde.

Der Faktencheck selbst war handwerklich sauber. Zahlen wurden geprüft, Begriffe differenziert, außenpolitische Aussagen eingeordnet. Die Kritik richtet sich nicht gegen diese Arbeit, sondern gegen das Format der Talk-Sendung. Gegen die Dramaturgie. Gegen die Frage, welche Narrative in einem 60-minütigen Gespräch normalisiert werden – unabhängig davon, ob einzelne Zahlen korrekt sind. Ein Online-Faktencheck, der einige Tausend Menschen erreicht und einige Aussagen prüft sowie einordnet, kann nicht die Wirkung einer Talk-Sendung haben, die mit einem AfD-Spitzenpolitiker als einzigen Gast die Frage zur Diskussion stellt, ob Trump ein Vorbild für Deutschland sei.

Empirische Untersuchungen zu Talk- und Nachrichtenformaten zeigen, dass allein die Präsenz politischer Akteur*innen in reichweitenstarken Sendungen deren Sichtbarkeit und Anschlussfähigkeit erhöht. Bühne erzeugt Autorität und Legitimität. Zudem werden Narrative nicht nur über falsche Zahlen verbreitet, diese sollen Erzählungen nur absichern, sondern über Rahmung, Wiederholung, Setzung von Begriffen und Themen. Auftritte in Talk-Sendungen werden zudem noch tagelang in anderen Medien diskutiert, was die Wirkung noch verstärkt. Nachgereichte Online-Faktenchecks erreichen hingegen nur einen Bruchteil des ursprünglichen Publikums.

Wenn Redaktionen auf strukturelle Kritik mit dem Hinweis auf einen Faktencheck reagieren, verschieben sie die Ebene. Die implizite Botschaft lautet: Wir haben geprüft, also ist alles eingeordnet. Der Faktencheck wird zur Entlastungsfunktion. Genau hier droht er zum Feigenblatt zu werden.

Narrative statt Zahlen

Desinformation und Populismus entfalten ihre Wirkung als Teil größerer Erzählungen: „Wir gegen sie“, „Volk gegen Elite“, „Systemmedien“, „geheime Eliten“. Einzelne Behauptungen sind austauschbar. Entscheidend ist die Rahmung. Ein Faktencheck kann zwar belegen, dass eine Zahl irreführend ist, kann jedoch nicht allein verhindern, dass sich eine Grundhaltung normalisiert.

Deshalb reicht es auch nicht, Falschbehauptungen lediglich zu dokumentieren. Sie müssen klar benannt werden und in ihrer Funktion und in ihrem Kontext erklärt werden. Falschbehauptungen sind kein gleichrangiges Argument, sondern ein Angriff auf sachliche Diskussionen. Journalistische Objektivität bedeutet daher nicht, jede Behauptung gleich zu behandeln. Objektivität bedeutet, überprüfbare Maßstäbe konsequent anzuwenden.

Haltung ist kein Aktivismus

In einem öffentlichen Klima, in dem Falschbehauptungen zunehmend normal geworden sind, wird fehlende journalistische Einordnung schnell zur Parteinahme durch Unterlassung. Wenn öffentlich gelogen wird, gibt es keine neutrale Position zwischen Fakt und Fiktion. Wer eine nachweisliche Unwahrheit als solche markiert, erfüllt eine demokratische Funktion.

Der Internationale Fact-Checking-Tag betont die Bedeutung von Fakten. Doch Fakten existieren nicht im luftleeren Raum. Sie brauchen Einbettung, Reichweite, Kontext. Und sie brauchen Redaktionen, die bereit sind, strukturelle Fragen zu stellen und sich ihrer Verantwortung bewusst sind: Warum dieses Format? Warum dieser Gast? Warum diese Fragestellung? Welche Wirkung erzeugen wir jenseits einzelner Aussagen?

Faktenchecks sind notwendig, aber nicht ausreichend. Sie können Desinformation begrenzen, nicht beseitigen. Sie können Orientierung schaffen, nicht Polarisierung aufheben. Und sie können keine dramaturgischen Entscheidungen neutralisieren.

Faktenchecks brauchen eine Umgebung, in der sie wirken können

Wenn sie als nachgelagerte Absicherung dienen, um sich der Debatte über Inszenierung, Plattformmacht und Verantwortung zu entziehen, werden sie zum Feigenblatt.

Wenn sie hingegen Teil eines umfassenden journalistischen Konzepts sind, integriert in Formate, ausgestattet mit notwendigen Ressourcen, transparent in Kriterien, klar in der Benennung von Falschheit und Narrativen, erfüllen sie ihre eigentliche Aufgabe: die Verteidigung einer überprüfbaren Wirklichkeit.

Am 2. April geht es deshalb nicht nur um die Würdigung von Faktenprüfer*innen. Es geht um eine grundlegendere Frage: Reicht es, Behauptungen im Nachhinein zu prüfen oder müssen wir die Bedingungen verändern, unter denen sie millionenfach verbreitet werden?

Die Antwort ist klar: Solange wenige privatwirtschaftliche Plattformen darüber entscheiden, welche Inhalte Sichtbarkeit erhalten, welche Narrative verstärkt werden, und welche Debatten eskalieren, haben Korrekturen kaum eine Chance. Faktenchecks operieren dann in einem System, das Empörung belohnt und Differenzierung benachteiligt.

Wer die Wirkung von Fakten stärken will, muss daher an die Struktur der Öffentlichkeit gehen. Das bedeutet: Die Dominanz der Plattformen muss durchbrochen werden. Demokratische Gesellschaften brauchen digitale Räume, die nicht primär auf Aufmerksamkeit, Polarisierung und Werbeerlöse optimiert sind, sondern auf Transparenz, Nachvollziehbarkeit und faire Sichtbarkeit. Die Konsequenz daraus lautet: Wir müssen die Dominanz der Plattformen durchbrechen und digitale demokratische Öffentlichkeit neu organisieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Infos zur Wirkung von Faktenchecks und Desinformation:

https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2104235118
https://background.tagesspiegel.de/digitalisierung-und-ki/briefing/studie-wirkung-von-faktenchecks-haelt-nur-einige-wochen
https://schweizermonat.ch/faktenchecks-auf-dem-pruefstand/
https://www.klimafakten.de/kommunikation/mit-faktenchecks-gegen-desinformation-wirkt-das-ueberhaupt
https://www.researchgate.net/publication/322161455_Fact-Checking_Effectiveness_as_a_Function_of_Format_and_Tone_Evaluating_FactCheckorg_and_FlackCheckorg
https://www.cambridge.org/core/journals/american-political-science-review/article/sustaining-exposure-to-factchecks-misinformation-discernment-media-consumption-and-its-political-implications/C9CC3A0C7BAF7BADBEF0DA6350A875C8
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1369118X.2025.2561030

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