Am 25. März 2024 wurden bei einem Brandanschlag in Solingen vier Menschen ermordet: Kıymet (Katya) Todorova Zhilova, ihr Mann İsmail (Kancho) Emilov Zhilov (beide 28) und die gemeinsamen Töchter Gizem (Galia) (3 Jahre) und Elis (Emily) (5 Monate). 21 weitere Menschen wurden teils lebensgefährlich verletzt. In den frühen Morgenstunden hatte ein Täter im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses an der Grünewalder Straße, in dem fast ausschließlich Menschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte lebten, gezielt Feuer gelegt. Den Bewohner*innen im Dachgeschoss wurde durch die rasante Ausbreitung von Flammen und Rauch der Fluchtweg abgeschnitten, andere konnten sich nur durch Sprünge aus den Fenstern retten.
Zwar wurde der Täter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, ein rassistisches Tatmotiv wurde von Polizei, Staatsanwaltschaft und dem Gericht jedoch nicht festgestellt. Trotz massiver Kritik von Nebenklage und Zivilgesellschaft, die wiederholt auf den rechtsextremen Hintergrund des Täters hinwiesen.
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Die ermordete Familie Zhilovi war erst wenige Monate vor der Tat aus Bulgarien nach Deutschland gezogen – in der Hoffnung auf Stabilität und eine gemeinsame Zukunft. Diese Hoffnung wurde auf grausame Weise zerstört. Die beiden Kinder, Elis und Gizem, wurden nur 5 Monate und 3 Jahre alt. „Wir haben nicht nur vier Menschen verloren. Wir haben eine ganze Zukunft verloren“, sagt eine Angehörige der Familie. „Elis und Gizem hätten lachen, lernen, wachsen sollen. İsmail und Kıymet wollten ihren Kindern ein sicheres Leben ermöglichen. Stattdessen wurden sie in ihrem Zuhause ermordet.“ Die Trauer sei allgegenwärtig, erklären die Hinterbliebenen: „Es gibt keine Worte für das, was passiert ist. Die Trauer ist jeden Tag da. Und sie wird bleiben.“
Neben der Trauer prägen auch Fassungslosigkeit und Wut die Betroffenen. Insbesondere das aus ihrer Sicht unzureichend aufgeklärte mögliche rassistische Tatmotiv und die zahlreichen Ermittlungsversagen, die erst im Laufe des Gerichtsprozesses sichtbar wurden, belasten viele Angehörige weiterhin schwer. Trotz zahlreicher rechtsextremer Motive und Indizien wurde der Anschlag juristisch nicht als rassistisch anerkannt.
„Für uns sprechen viele Hinweise eine klare Sprache“, sagt ein Überlebender des Anschlags. „Doch bis heute wurde das rassistische Motiv nicht rechtlich benannt. Das fühlt sich an wie ein zweiter Anschlag. Wir kämpfen nicht nur mit dem Verlust, sondern auch mit dem Gefühl, dass die ganze Wahrheit nicht gesehen werden will.“ Auch die Frage nach behördlichen Versäumnissen steht weiterhin im Raum. „Wir fühlen uns bis heute nicht gehört“, so eine weitere Angehörige. „Warum wurde ein mögliches rassistisches Motiv nicht konsequent untersucht? Warum mussten wir immer wieder darum kämpfen, dass unsere Perspektive ernst genommen wird? Wir fordern Gerechtigkeit – Adalet.“
Zum Jahrestag des Anschlags rufen Überlebende, Familienangehörige und Unterstützer*innen zu einer Gedenkveranstaltung am 25. März 2026 auf. Die Veranstalter*innen betonen, dass im Mittelpunkt des Gedenkens die Verstorbenen stehen. „An diesem Tag geht es um İsmail, Kıymet, Gizem und Elis. Um ihr Leben, ihre Träume, ihre Würde. Wir bitten darum, auf das Mitbringen von Nationalfahnen oder -symbolen zu verzichten.“
Mit der Gedenkveranstaltung soll Raum für gemeinsames Trauern und Erinnern geschaffen und ein Zeichen gegen Rassismus und rechte Gewalt gesetzt werden. „Wir möchten, dass ihre Namen nicht vergessen werden“, heißt es im Aufruf. „Erinnern heißt kämpfen – für Aufklärung, für Gerechtigkeit und für eine Gesellschaft, in der so etwas nie wieder geschieht. İsmail, Kıymet, Gizem und Elis – niemals vergessen!“

