Dieser Artikel erschien zuerst auf der neuen Projekt-Website von Good Gaming Support.
„Steam“ hat sich fest im PC-Gaming-Markt etabliert. Die 2003 von der Firma Valve veröffentlichte Plattform ist bekannt für regelmäßige Videospiel-Sales und ein einfach zu bedienendes Interface, um Videospiele zu kaufen, zu starten oder zu modifizieren.
Zusätzlich zu diesen Standard-Funktionen einer Gaming-Plattform spielt der Community-Bereich von Steam eine große Rolle. Spieler*innen können Screenshots und Artworks hochladen, hilfreiche Guides zu Games verfassen und sich in Diskussionsforen über eine Vielzahl von Themen austauschen. Neben Fragen zu Spielen und generellen Gaming-Themen diskutieren Nutzer*innen dort auch über politische Sachverhalte, wie die Ergebnisse der letzten Sonntagsfrage oder aktuelle Entwicklungen im Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Nach eigenen Angaben sind pro Monat über 130 Mio. Menschen auf Steam aktiv. Anfang 2026 erreichte die Plattform einen neuen Rekord: Zeitweise waren 42 Mio. Spieler*innen gleichzeitig online. Wer jetzt aber glaubt, diese Masse an User*innen bedinge eine Vielzahl an Moderator*innen, der irrt: Zuletzt gab die Plattform an, 26 Moderator*innen im Community-Bereich einzusetzen. Diese Selbstangabe wurde mittlerweile entfernt. Unsere Erhebung lässt aber vermuten, dass sich die Lage nicht verbessert hat.
Menschenverachtende Inhalte auf Steam? Unübersehbar.
Gerade der Community-Bereich des wirtschaftlich florierenden Unternehmens benötigt mehr Sorgfalt in der Moderation diskriminierender und verstörender Inhalte. Seit dem rechtsextremen Attentat von Christchurch im Jahr 2019 wird der Attentäter auf Steam regelrecht glorifiziert. Unzählige Profile benennen sich nach dem Terroristen, teilen seine Inhalte oder wählen sein Foto als Profilbild. Das ist kein Einzelfall: Noch heute finden sich hunderte Profile, die Attentäter*innen von Halle über Buffalo bis zum NSU feiern.

Diese Verherrlichung ist kein reines Randphänomen, sondern zieht sich durch die gesamte Plattform. So finden sich zahlreiche Profile, die sich nach „Hitler“ oder anderen NS-Kadern benennen, inklusive einschlägiger Symbolik wie dem Hakenkreuz, NS-Runen oder der sogenannten „Schwarzen Sonne“. Viele dieser User*innen sind dabei in Gruppen aktiv, die ebenfalls regelmäßig auf die Wehrmacht oder die Waffen-SS rekurrieren. Teilweise werden aber auch andere rechtsextreme Narrative und gängige Verschwörungserzählungen bedient.

Von dort aus sickert die Ideologie auch in die öffentlichen Debatten der Plattform ein. Rassistische, antisemitische oder sexistische Kommentare sind auch abseits der Profile vielerorts vertreten. Das zeigte sich unter anderem 2020, als die Debatte um „Black Lives Matter“ (BLM) die Diskussionsforen von Steam erreichte. Hier fiel die mangelnde Moderation besonders drastisch ins Auge: Offener Rassismus und Kommentare, die das Opfer George Floyd verhöhnten, blieben tagelang unberührt. Rechtsextreme Accounts dominierten den Thread, bis die Plattform schließlich reagierte und zumindest einige Beiträge entfernte.
Selbst die kreativen und kommerziellen Kernbereiche von Steam sind betroffen: Menschenverachtung findet sich im Workshop-Bereich in Form von politisch aufgeladenen Spielmodifikationen wieder und sogar im offiziellen Store lassen sich vereinzelt rechtsextreme Propaganda-Games finden. Weitere Insights zu rechtsextremer Einflussnahme im Gaming gibt es hier: Rechtsextreme Einflussnahme im Gaming: Vernetzung, Mobilisierung und Metapolitik.
Dabei mangelt es der Plattform eigentlich nicht an Vorgaben. Steam hat zwar Regeln und Richtlinien festgelegt, die unter anderem Beleidigungen, Drohungen und Verunglimpfungen anderer Spieler*innen oder Personengruppen untersagen. Diese Bestandsaufnahme legt aber die Vermutung nahe, dass diese Guidelines nur ungenügend durchgesetzt werden.
Der Selbstversuch: Wie reagiert Steam auf Verstöße?
Um zu überprüfen, wie Steam auf Verstöße gegen die eigenen Guidelines reagiert, hat sich das Team von Good Gaming Support an einen Versuch gewagt und rechtsextreme Inhalte beanstandet. Die Meldungen beziehen sich dabei lediglich auf menschenverachtende Profile und Gruppen auf Steam. Andere Bereiche, wie Community-Threads, der Shop oder der Workshop-Bereich, konnten aufgrund des Umfangs nicht in die Erhebung einbezogen werden.
In einem Zeitraum von zwei Wochen wurden als Stichprobe 104 Profile und 18 Gruppen mit rechtsextremen, aber auch verschwörungsideologischen oder antisemitischen Inhalten gemeldet. 69 der Profile enthielten dabei Symbole, Parolen oder andere Kennzeichen, die nach erster Einschätzung und nach §86a StGB als Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen als strafbar zu bewerten sind. Die übrigen Profile zeigten eindeutig rechtsextreme Inhalte, die aber nicht zwingend justiziabel sind, etwa die geläufigen Zahlencodes 14, 88 oder die Schwarze Sonne. Ebenso fanden sich Anspielungen auf rechtsterroristische Täter*innen im Account-Namen oder Profilbild.
Im Meldeverfahren wurden Verstöße beschrieben und rechtsextreme Inhalte benannt. Nach weiteren sechs Wochen wurde überprüft, ob Steam Konsequenzen gezogen hat. Das Ergebnis ist ernüchternd:

Im Untersuchungszeitraum hat eine Moderation nur bei jedem zweiten gemeldeten Inhalt stattgefunden. Bei 51 Profilen (49 %) gab es keinerlei Veränderung, während bei 40 Fällen (38,5 %) Profilbild und Name gelöscht wurden. Bei weiteren 10 Profilen (9,6 %) wurden zwar Inhalte entfernt, andere rechtsextreme Zuschreibungen waren aber noch immer im Profil sichtbar. Lediglich 3 Profile (2,9 %) wurden von der Plattform gelöscht.

Bei den gemeldeten rechtsextremen Gruppen zeigt sich dagegen eine etwas strengere Moderation. Hier wurden 9 Gruppen (50 %) gelöscht, 8 (44,4 %) blieben unberührt, während bei 1 Gruppe (5,6 %) der Name und das Gruppenbild geändert wurden.
Das ernüchternde Ergebnis: Willkür statt roter Faden
- In vielen Fällen bleiben menschenverachtende Inhalte online, trotz Meldung und Erläuterung.
- Meldungen auf Steam wird lediglich punktuell nachgegangen; ein roter Faden in der Durchsetzung der Guidelines fehlt.
- Während ein Profil mit eindeutiger rechtsextremer Symbolik entfernt wird, bleiben die gleiche Inhalte an anderer Stelle ungeahndet.
- Gruppen wurden in unserer Stichprobe häufiger und auch strenger moderiert. Im Verhältnis wurden mehr Gruppen entfernt als Profile.
Die Konsequenz: Warum Wegschauen keine Option ist
Die Erhebung unterstreicht: Steam scheint zahlreiche rechtsextreme Inhalten auf seiner Plattform zu dulden und widerspricht damit den selbst formulierten Guidelines. Trotz der bescheidenen Erfolgsaussicht, empfehlen wir jedoch, Melde- und Reportfunktionen zu nutzen. Schließlich hat der Versuch ebenfalls gezeigt, dass die Plattform in einigen Fällen Menschenfeindlichkeit entfernt – auch wenn andere (Gaming-)Plattformen hier deutlich konsequenter sind. Rechtsextreme Inhalte können zusätzlich bei den Landesmedienanstalten oder der Meldestelle REspect! gemeldet werden. Der Weg über etablierte und behördliche Stellen kann dabei erfolgsversprechender sein als die Nutzung der hauseigenen Reportfunktion auf Steam.
Eine digitale Zivilgesellschaft zeichnet sich aber natürlich nicht nur über ihre Bereitschaft zur Nutzung von Meldefunktionen aus. Eine konsequente Haltung gegen Rechtsextremismus beinhaltet auch das Leisten von Gegenrede, die proaktive Einbringung einer klaren Haltung und den Schutz jener, die von toxischen Gamer*innen angefeindet werden. Diese und weitere Möglichkeiten, sich gegen Hass im Gaming zu wehren, werden in dieser Handlungsempfehlung der Amadeu Antonio Stiftung im Detail erklärt.
Es wird Zeit, dass Gaming-Plattformen ihre eigene Verantwortung stärker reflektieren, wahrnehmen und umsetzen. Gerade Steam legt viel Wert auf die Zufriedenheit von Kund*innen, ist kulant bei Rückgaben im Shop und sorgt mit optimierter, hauseigener Hardware, wie dem Steam-Deck oder dem Steam-Controller, für eine hohe Reputation in der Gaming-Welt. Wenn sich nur ein Bruchteil dieses Engagements auch in einer klaren Haltung gegen Menschenfeindlichkeit wiederfinden würde, wären die toxischen Abgründe von Steam nicht ganz so tief.
Dieser Artikel erschien am 19.05.2026 auf der neuen Website von Good Gaming Support. Die neue Projekt-Website ist eine Anlaufstelle für all jene, die Videospiel-Plattformen besser verstehen wollen, Insides zu dem Themenfeld Gaming und Rechtsextremismus suchen oder praktische Hilfestellung für digitale Zivilcourage im Gaming und/ oder Beratung benötigen. Good Gaming Support ist ein Projekt der Amadeu Antonio Stiftung.


