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Grußwort von Wolfgang Thierse Erinnern und Handeln

Seit Jahrzehnten gedenken die Dresdner Bürger*innen der Zerstörung Dresdens, erinnern an die Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. Dabei gedenken sie nicht nur der Opfer dieser Nacht, sondern setzen auch ein Zeichen gegen Nationalismus und Militarismus, gegen Krieg und Zerstörung. Ein Grußwort des damaligen Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse*.

 

Seit einigen Jahren haben Rechtsextreme und Neonazis das Gedenken an die Opfer der Bombardierung im Februar 1945 für sich „entdeckt“ und machen es sich propagandistisch zu Nutze. Mittlerweile hat sich der Dresdner Gedenktag zum größten Neonazitreff in Deutschland entwickelt, aus ganz Europa kommen sie zu den Aufmärschen angereist.

Rechtsextreme nutzen den Gedenktag, um ein historisch falsches Bild der Geschichte zu propagieren. Die verheerenden Luftangriffe auf Dresden werden mit den barbarischen Greueltaten in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten gleichgesetzt (Stichwort: „Bombenholocaust“).

Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus werden dabei bewusst vertauscht: Die Ursache des Zweiten Weltkrieges mit seinen 60 Millionen Toten waren Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus – die Ursache war eine Ideologie der Ungleichwertigkeit der Menschen.

Diejenigen, die die deutsche Verantwortung für den Krieg und den Holocaust heute leugnen, haben sich diese Ideologie der Ungleichwertigkeit der Menschen auf die Fahnen geschrieben. Das wollen und dürfen wir als Demokraten nicht akzeptieren!

Der zivile Protest gegen die perfide Instrumentalisierung des Gedenkens ist eine notwendige Reaktion der Bürgerinnen und Bürger. Sie wollen deutlich machen, dass es an diesem Tag um das friedliche Gedenken an die Opfer der Bombardierung und des Krieges geht, nicht um die Verbreitung rechtsextremer Ideologie.

Es ist gut und notwendig, wenn die Bürger – und zwar möglichst viele – die Straßen und Plätze und Gedenkorte verteidigen gegen die Besetzung des öffentlichen Raumes durch Rechtsextreme und der Verunglimpfung des Andenkens der Opfer laut und deutlich widersprechen und damit für Freiheit und Solidarität, für Menschenwürde und Menschenrechte eintreten.

Nur wenn sich die Bürger*innen den Rechtsextremen entgegenstellen, wird die Grenze klar erkennbar, wird der Unterschied zwischen abendländisch-humanistischer Zivilisation und brutaler Barbarei deutlich gekennzeichnet: Und zwar zwischen jenen, die für Menschenwürde und Demokratie eintreten und jenen, die beides – den Menschen wie die Freiheit – verachten.

Diesen Unterschied deutlich zu machen – dazu haben Demokraten die tatsächliche Macht und die moralische Pflicht!

*Wolfgang Thierse (SPD) war von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages und von 2005 bis 2013 Bundestagsvizepräsident. Der langjährige frühere Bundestagsabgeordnete ist Schirmherr der Amadeu Antonio Stiftung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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