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HoGeSa in Hannover kleiner als erwartet – Gegenwind aus den Fußballfanszenen nimmt zu

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Ein Moderator der HoGeSa Kundgebung trägt die Farben der SG Dynamo Dresden. Trotzdem kein Zeichen dafür, dass HoGeSa eine Ostbewegung wird, in Dresdner Fankreisen ist der Mann nicht bekannt. (Quelle: Twitter Screenshot von @Rafanelli)

Im Medienecho am Sonntag klingt Erleichterung mit – darüber, dass sich die Teilnehmerzahl von HoGeSa um etwa ein Drittel verringert hat und darüber, dass es zu keinen weiteren Ausschreitungen wie in Köln kam. Nach dem gescheiterten Verbotsversuch der Hooligan-Demonstration war diese auf eine stationäre Kundgebung und auf einen „der hässlichsten Plätze Hannovers“ beschränkt wurden. Als Erfolgszeichen werteten Beobachter*innen auch, dass die Hooligans ihre Kundgebung vorzeitig beendeten.

Polizeitaktik ist aufgegangen

Die Polizei ließ schon im Vorfeld verlauten, dass sie keinen weiteren Verbotsantrag stellen und die Veranstaltung im Griff haben würde. 5000 Polizeibeamt*innen hielten die Lage in der niedersächsischen Hauptstadt unter Kontrolle. „Diese Strategie ist voll aufgegangen“, sagt auch der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Er hebt insbesondere das Alkoholverbot als wirksam hervor. Um auf die Kundgebung zu gelangen, mussten sich alle Anreisenden vor Ort durchsuchen lassen, so dass keine Feuerwerkskörper oder Alkoholika mitgenommen werden konnten.

Mehr auf Gegendemos als bei HoGeSa Kundgebung

Angemeldet waren zudem 18 Gegenkundgebungen, nur sechs davon fanden am Samstag wirklich statt. Die größte begann schon zwei Stunden vor der HoGeSa Veranstaltung, aufgerufen hatte ein antifaschistisches Bündnis unter dem Motto „Gemeinsam gegen Rassismus und religiösen Fundamentalismus“. An dieser Veranstaltung nahmen über 4.000 Menschen teil und demonstrierten schließlich gemeinsam vom Steintor südwestlich des Bahnhofes aus durch die Innenstadt und bis in Hör- und Sichtweite der HoGeSa-Versammlung. Verschiedentlich versuchten HoGeSa Anhänger, von denen schon im Vorfeld einige mit Mundschutz und Quarzhandschuhen bewaffnet und auf der Suche nach  Konfrontation waren, zu der antifaschistischen Demonstration zu gelangen. Ordner von HoGeSa drängten die Streitsuchenden erfolgreich zurück. Die Veranstaltungsleitung bat wiederholt darum, friedlich zu bleiben und sich die Energie lieber für die Heimreise aufzusparen. Diese wurde letztendlich aber von der Polizei begleitet, anders als in Köln.

Gegenwind auch von Hannover´96 Fans und dem BAFF

Der Aufruf der Antifa Hannover zur Demonstration am Steintor wurde unterdessen auch vom Bündnis Aktive Fußballfans BAFF unterstützt. Die Ultras Hannover verbreiteten aufihrer Website einen Aufruf unter dem Motto „Unser Stadion bleibt nazifrei!“, um zu einer Mahnwache am Niedersachsenstadion zu mobilisieren. Die ursprünglich geplante HoGeSa Demonstration sollte auch an diesem vorbeiführen. Im Aufruf verbreiten sie die klare Botschaft: „Als Fans des Hannoverschen Sportvereins werden wir nicht zusehen, wie Neonazis, Rechtspopulisten, und Rassisten sich in unserer Stadt und vor unserem Stadion breit machen.“ Schon im Vorfeld hatten die Ultras selbst erklärt, dass sie sich gegen jegliche Politik, die mit Fußballbezug und ohne ihre Zustimmung in „ihrer“ Stadt Hannover verbreitet werden würde, wenden. „Alleine die Tatsache, dass Personen mit vermeintlichem Fußballbezug ungefragt eine Demonstration in unserer Stadt anmelden, fassen wir als respektlose Provokation auf.“ Ähnliches äußerten auch die Fans des Hamburger SV, als eine Anmeldung von HoGeSa für die Hansestadt vorgelegen hatte. Die Anmeldung wurde unter anderem aufgrund der mangelnden Unterstützung der örtlichen Fanszene zurückgezogen.

Hannover´96 Fans protestierten mit gegen die HoGeSa Kundgebung. Quelle: Screenshot Twitter von @BAFF

Dominanzfrage zwischen Ultras und Hooligans stellt sich derzeit neu

An den Gegenkundgebungen beteiligten sich dann neben Personen aus dem Antifa-Spektrum, der Zivilgesellschaft auch Ultras sowie Fans vom HSV und auch antifaschistische Hooligans desselben Vereins. Dass die sich in den vergangenen Wochen einige Ultraszenen, wie auch beim BVB Dortmund, gegen HoGeSa positioniert haben, erklärt sich einerseits mit der weit verbreiteten Ablehnung von Rassismus der Aktivist*innen, aber auch mit der generellen Ablehnung von Politik im Fußball. Auf dem Spiel steht die räumliche Dominanz, die sich die Ultras in den 1990er Jahren in den Fußballstadien gegen die Hooligans erkämpft haben. Auch wenn Teile der Fanszenen, wie bei Alemannia Aachen oder der Eintracht Braunschweig, mit den Zielen und Ideen von HoGeSa sympathisieren mögen, dürfte die Notwendigkeit, sich gegen Hooligans abzugrenzen und eine Deutungshoheit in den Stadien zu bewahren, noch schwerer wiegen, als die ideelle Nähe der rassistischen Ziele. So nahmen laut Augenzeugenberichten auch HSV Hooligans an der HoGeSa Kundgebung in Hannover teil, eine breite Unterstütztung für die Anmeldung in Hamburg gab es nicht.

Nächste Station Ostdeutschland?

Vermutungen, dass sich die HoGeSa-Bewegung nach dem Misserfolg in Hannover nun im Osten neu organisieren könnte, bleiben diffus. Zwar erschien der Moderator der Kundgebung in Hannover in einer Jacke von Dynamo Dresden, auch ließ sich einer der Redner auf der Bühne als Hooligan vom 1. FC Lokomotive Leipzig identifizieren. Andererseits ist der Moderator in der Dynamo Dresden Jacke laut Fanszeneinternen Kreisen in Dresden nicht bekannt und könnte auch einer der vielen „Exil-Dynamos“ sein, die bundesweit verstreut leben und dem sächsischen Verein die Treue halten. Besonders eben jene auswärtigen Dynamo-Fans wurden wiederholt als rechtsaffiner und „in den 1990ern“ (aös Rassismus in den Stadien weitgehend unhinterfragt war) verhaftet eingeschätzt.

Festzuhalten ist, dass auch in Hannover wenige Teilnehmende aus Ostdeutschland vor Ort waren. HoGeSa bleibt eine westdeutsche Bewegung, die von Parteien wie „Die Rechte“ oder „Die Freiheit“ unterstützt wird, welche im Osten der Republik keine Verankerung haben. Auch der Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte Michael Gabriel äußertekürzlich im Weser Kurier, dass die Projektion der Probleme mit Rechtsradikalismus auf die Neuen Bundesländern zu kurz greife. Gerade Dortmund hat sich als eines der größten Zentren der rechtsextremen Szene bundesweit etabliert. Und HoGeSa bleibt derzeit mit dem Rhein-/Main-Gebiet verwachsen.

Im Osten: eigene Bewegung und zahlreiche rassistische Demonstrationen

Unterstützung für HoGeSa ist aus den Neuen Bundesländern nur einzeln bekannt. Vielleicht auch, weil sich derzeit eigene Bewegungen etablieren, wie die Montagsdemonstrationen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) in Dresden. Ein großer Teil der wöchentlich anwachsenden Demonstrationen setzt sich nach Berichten aus dem Dresdner Fußballumfeld zusammen, viele Demonstrierende tragen die Farben der SG Dynamo Dresden. Via Facebook ruft aber auch ein Gründer des Fanprojekts vom Dresdner Sportclub DSC zur Teilnahme an PEGIDA Demonstrationen auf. Gerade die Fanszene des DSC ist zuletzt positiv durch Engagement gegen Rassismus und auch Homophobie aufgefallen, was den Aufruf von umso ambivalenter erscheinen lässt.

Wie weiter mit HoGeSa?

Dass HoGeSa durch den geringeren Zuspruch in Hannover und die stärkere staatliche Reglementierung der Veranstaltungen abflachen wird, ist zu vermuten. Auch stiegen lautSpiegel Online einige der führenden Köpfe nach der Eskalation in Köln aus, diese befürchten eine Radikalisierung der Bewegung. Der Platz von HoGeSa scheint zumindest in Dresden schon besetzt zu sein. In Berlin erfuhr eine HoGeSa-ähnliche Anmeldung im Endeffekt kaum Zuspruch. Bei den derzeit grassierenden rassistischen Demonstrationen und Kundgebungen aus der Mitte der Gesellschaft heraus, bedarf es aber auch keiner bundesweit agierenden „Hooligans gegen Salafisten“, da sich auf lokaler Ebene rassistische Bürger-Mobs selbst organisieren.

HoGeSa als Problem des Deutschen Fußballs?

Im Fußball schätzt Gabriel im Weser-Kurier dahingegen ein, es bestehe zwar die Gefahr, dass die Hooligans ihre rassistischen Positionen vermehrt ins Stadion zurück tragen. Gleichzeitig hätten sich noch nie so viele Fans gegen Rassismus und Diskriminierung positioniert, wie aktuell. Das zeigt sich nicht zuletzt in den vielfältigen Reaktionen aus den Fanszenen gegen HoGeSa. Und auch durch die Reaktionen der Vereine und Verbände.

 

Mehr im Netz:

– „HoGeSa hat nichts mit der Fankultur zu tun, für die wir stehen“ Stellungnahme von ProFans auf Fanzeit.de

– „Nach Hooligan-Demo: Polizei ist zufrieden“ auf NDR Online

– „HoGeSa in Hannover – Hass hinter Sperrgittern“ auf Spiegel Online

– „Das war der Anfang vom Ende von HoGeSa“ ein Kommentar auf NDR Online

 

Als Letztes: ein Video aus Hannover vom antifaschistischen Gegenprotest, es blieb also nicht ganz „friedlich“

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