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„In Deutschland gibt es kein naives Leugnen des Holocausts.“

Mark Zuckerberg will Holocaustleugnung auf Facebook nicht löschen. In einem Interview mit dem Technikblog Recode sagte er, dass er zwar selber Jude sei, aber Facebook solche Inhalte trotzdem nicht entfernen sollte. Es gebe Dinge, „bei denen verschiedene Menschen falsch liegen. Ich denke nicht, dass sie absichtlich falsch liegen“, so Zuckerberg. Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeus Antonio Stiftung spricht im Interview über die Naivität des Facebookgründers, eine bessere Debattenkultur und Holocaustleugnung.

 
Anetta Kahane (Quelle: AAS)

Belltower.News: Facebook-Chef Mark Zuckerberg spricht sich gegen die Löschung von Beiträgen aus, in denen der Holocaust geleugnet wird. Die Verfasser würden schließlich nicht absichtsvoll handeln. Wie finden Sie das?Anetta Kahane: Das ist Blödsinn, damit macht sich Zuckerberg lächerlich. Daraus spricht eine geradezu fahrlässigen Naivität die niemandem nützt und niemanden schützt. Wozu hat sich Facebook Gemeinschaftsstandards gegeben? Da steht drin, dass man sich nicht beleidigen und keinen Hass verbreiten darf. Holocaust-Leugnung ist ein Ausdruck von Hass, es ist aggressiv und niederträchtig. Das hat er ja auch selbst gesagt. Damit widerspricht er seinen eigenen Hausregeln. Natürlich: Es ist sein Unternehmen, er kann im Prinzip machen, was er will. Aber in Deutschland ist die Gesetzeslage klar. Wir sind eindeutig gegen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das soziale Netzwerke zu einem härteren Vorgehen gegen Hetze verpflichten soll. Aber wir sind ebenso eindeutig für die Anwendung des deutschen Rechts. Und gemäß diesem sind Holocaust-Leugnung und Volksverhetzung Straftatbestände. Deshalb müssen derartige Beiträge gelöscht werden. 

Hilft Löschen überhaupt gegen Hass?Mit Löschen kommt man tatsächlich nicht weit. Ein besserer Ansatz ist Aufklärung, das Üben von Diskurs- und Konfliktfähigkeit, selbstständiges Denken und die Entwicklung einer Persönlichkeitsstruktur, die nicht dem „Herdentrieb“ folgt. Das wurde vollkommen verlernt. Hier ist das gesamte Bildungssystem gefragt. Das richtige Führen von Debatten ist eine 2000 Jahre alte Kulturtechnik, die gerade den Bach runtergeht. Das ist von den alten Griechen unter Schmerzen erfunden worden.

Schulen kümmern sich um all diese Dinge nicht und haben keine Ahnung vom Internet. Lehrern und Sozialarbeitern fehlt eine entsprechende Ausbildung. Eine vernünftige Debattenkultur – anständig, aber hart in der Sache – zu etablieren, ist auch eine gesamtgesellschaftliche, eine staatliche und eine individuelle Aufgabe. Das könnte man jetzt noch für den Online-Bereich ausdifferenzieren: Etwa sich in Diskussionen gegenseitig beistehen und bei Hetze deutlich widersprechen. 

Wer leugnet denn alles den Holocaust? Sind das nur Neonazis?Ja, in der Regel schon. In Deutschland gibt es kein naives Leugnen des Holocausts. Es passiert nicht aus Versehen. Das ist mir noch nie begegnet. In den USA mag es Leute geben, die sagen: Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber in Deutschland, dem Land der Täter? Nein. Wer so etwas verbreitet, weiß, dass er sich strafbar macht. Er hat eine klare Intention dabei. 

Das Netz ist voller Verschwörungstheorien. Nimmt Holocaust-Leugnung dort einen großen Raum ein?Es ist ein Teil-Phänomen, eine Facette von Verschwörungstheorien. Holocaust-Leugnung enthält ja interessanterweise eine moralische Wertung über den Holocaust. Deshalb passiert es in Deutschland auch so selten. Die Botschaft ist: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Nazis so schlimm gewesen sind. So etwas macht niemand. Das wäre ja furchtbar!“ 

Bei den Hardcore-Nazis spielt entsprechend nicht die Holocaust-Leugnung eine Rolle, sondern das Bedauern über den nicht vollendeten Holocaust. Ich finde den Satz „Ich leugne den Holocaust nicht, ich finde es nur schade, dass er nicht zu Ende geführt wurde“ viel schlimmer als zu sagen: „Das kann niemals passiert sein, das kann ich mir nicht vorstellen“. Wahr ist aber auch: Von der Funktion her ist alles dasselbe. Es geht immer um den Nachweis, dass die Juden die Welt mit dem Holocaust erpressen. Im Vordergrund steht also die antisemitische Komponente. 

 

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