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InRa-Studie Wie viel Rassismus steckt in deutschen Behörden?

Die InRa-Studie zeigt, dass Rassismus in deutschen Behörden nicht nur durch individuelles Fehlverhalten entsteht, sondern auch durch Strukturen, Routinen und fehlenden Schutz. Betroffene berichten von Diskriminierungserfahrungen, Ohnmacht und einem schwindenden Vertrauen in staatliche Institutionen. 

 
(Quelle: Unsplash)

Rassismus in Behörden wird oft als Fehlverhalten Einzelner diskutiert. Die InRa-Studie legt nahe: Das Problem sitzt tiefer. Die InRa-Studie „Institutionen & Rassismus“ des Bundesinnenministeriums wurde im Februar 2026 veröffentlicht und macht deutlich, dass rassistische Dynamiken in staatlichen Institutionen nicht nur punktuell auftreten, sondern sich in Routinen, Zuständigkeiten und Alltagserfahrungen niederschlagen können.

Die Studie ist deshalb so wichtig, weil sie Rassismus nicht nur aus einer Perspektive betrachtet. Sie verbindet die Sicht von Beschäftigten, die Erfahrungen von Betroffenen und die Analyse von institutionellen Abläufen. Genau das macht ihren Wert aus: Rassismus erscheint hier nicht als bloße Haltung einzelner Personen, sondern als etwas, das sich in Strukturen, Kommunikationsformen und Entscheidungswegen zeigen kann.

Wie InRa vorgeht

InRa arbeitet mit einem breiten methodischen Ansatz und verbindet mehrere Ebenen der Forschung. Dazu gehören quantitative Befragungen, qualitative Interviews, Gruppendiskussionen, teilnehmende Beobachtungen sowie Diskurs- und Dokumentenanalysen. Nach Angaben aus den verfügbaren Zusammenfassungen wurden unter anderem Beschäftigte aus Bundespolizei, Zoll, Bundesagentur für Arbeit und BAMF befragt. Die Studie will also nicht nur Einstellungen messen, sondern auch sehen, wie sich Institutionen im Alltag tatsächlich verhalten.

Gerade diese Breite ist entscheidend. Denn institutioneller Rassismus zeigt sich oft nicht in einem einzigen dramatischen Vorfall, sondern in vielen kleinen Situationen. Beispielsweise bei Zuständigkeiten, bei Sprache, bei Deutungen von Verhalten, bei Beschwerden oder bei der Frage, wer ernst genommen wird und wer nicht. Die Studie versucht, genau solche Muster sichtbar zu machen.

Was die Studie sichtbar macht

Die Studie zeigt, dass die Lage komplexer ist, als viele Debatten vermuten lassen. Einerseits finden sich unter Beschäftigten der untersuchten Bundesbehörden nicht durchgehend höhere Werte ethnisch diskriminierender Einstellungen als in der Gesamtbevölkerung. Andererseits bedeutet das keineswegs, dass Rassismus in den Institutionen kein Problem wäre. Denn die Studie verweist auch darauf, dass rassifizierte Beschäftigte häufiger von Diskriminierung berichten als andere Beschäftigte. Gerade das ist relevant, weil ein Klima, in dem Missstände nicht offen angesprochen werden, Probleme nicht kleiner macht, sondern oft nur unsichtbar.

Besonders ernst ist, dass rassifizierte Beschäftigte laut zusammenfassenden Berichten häufiger von Diskriminierungserfahrungen berichten als andere. Genannt werden dabei unter anderem Herkunft, Religion und Hautfarbe als Gründe. Solche Erfahrungen bleiben nicht ohne Folgen. Sie können Vertrauen schwächen, die Arbeitszufriedenheit belasten und dazu führen, dass Menschen sich in hierarchischen Institutionen weniger sicher fühlen.

Auch auf der Seite der Bürger*innen zeigt die Studie problematische Muster. Für muslimische Befragte berichten die verfügbaren Zusammenfassungen von sehr hohen Diskriminierungserfahrungen im Kontakt mit Behörden, besonders bei Jobcentern, Sozialämtern und Ämtern für Zuwanderung und Integration. Entscheidend ist dabei nicht nur, dass es zu Diskriminierung kommt, sondern auch, dass sie oft mit Unsicherheit, Ohnmacht und dem Gefühl verbunden ist, sich nicht wirksam beschweren zu können. Wenn Menschen erwarten, dass Beschwerden folgenlos bleiben, ist das ein ernstes Zeichen für institutionelles Misstrauen.

Routinen statt Einzelfälle

Ein wichtiger Befund der InRa-Studie ist, dass Diskriminierung nicht nur an individueller Gesinnung festzumachen ist. Auch wenn persönliche Vorurteile eine Rolle spielen, reicht diese Erklärung allein nicht aus. Rassismus kann sich ebenso in organisationalen Routinen, in informellen Regeln und in Handlungsspielräumen niederschlagen, die scheinbar neutral wirken, in der Praxis aber bestimmte Gruppen benachteiligen.

Das zeigt sich etwa dort, wo Sprache zum Filter wird, wo Hilfen unterschiedlich schnell oder unterschiedlich freundlich gewährt werden oder wo Beschwerdewege zu kompliziert, zu hierarchisch oder zu folgenlos erscheinen. Solche Mechanismen sind schwerer zu erkennen als ein offener rassistischer Spruch, können aber im Alltag genauso wirksam sein. Gerade deshalb ist die Studie so wichtig. Sie lenkt den Blick weg von der Suche nach dem „Übeltäter“ und hin zu den Bedingungen, unter denen Diskriminierung möglich bleibt.

Strukturelle Lücken

Ein zentraler Punkt der Studie ist die Frage nach Schutz und Zuständigkeit. In den öffentlichen Debatten rund um InRa wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz im Verhältnis zwischen Behörden und Bürger*innen nur eingeschränkt greift oder zumindest erhebliche Lücken aufweist. Genau hier entsteht ein Problem: Wenn Menschen sich gegen Diskriminierung kaum wehren können, bleibt institutioneller Rassismus nicht nur bestehen, sondern wird schwer angreifbar.

Auch innerhalb der Institutionen fehlt es laut den Berichten an verlässlichen Ansprechpartnern für rassifizierte Beschäftigte. Das zeigt, Antidiskriminierung ist nicht nur eine Frage guter Absicht, sondern auch eine Frage von Zuständigkeiten, Verfahren und Schutzstrukturen. Wo es keine klaren Wege gibt, bleibt selbst sichtbar gewordener Rassismus oft folgenlos.

Was jetzt folgen müsste

Aus der Studie ergeben sich daher klare Forderungen. Dazu gehören unabhängige Beschwerdestellen, rassismuskritische Fortbildungen, transparente Entscheidungen und mehr Schutz für Beschäftigte und Bürger*innen, die Diskriminierung erleben. Ebenso wichtig ist, dass Behörden ihre Personalstrukturen langfristig diverser und offener gestalten. Denn wenn rassifizierte Menschen in den Institutionen selbst kaum geschützt oder repräsentiert sind, bleibt Veränderung oft oberflächlich.

Die InRa-Studie macht deutlich: Rassismus in Behörden ist nicht nur eine Frage des Tons, sondern auch eine Frage von Struktur, Zuständigkeit und Macht. Genau darin liegt ihre politische Bedeutung. Sie verschiebt die Debatte weg von der Frage, ob es „auch mal Vorfälle gibt“, hin zur eigentlichen Frage: Welche Strukturen produzieren diese Vorfälle immer wieder?

Fazit

Zusammen mit dem NaDiRa-Monitor ergibt sich ein klares Bild: Während NaDiRa eher den gesamtgesellschaftlichen Blick auf Einstellungen und Diskriminierung liefert, schaut InRa auf die Institutionen selbst. Zusammen zeigen beide Projekte, dass Rassismus in Deutschland nicht nur als persönliche Haltung existiert, sondern in Alltag, Verwaltung und staatlichen Routinen wirksam werden kann. Die zentrale Lehre lautet deshalb nicht nur, dass es Handlungsbedarf gibt, sondern dass dieser Handlungsbedarf strukturell ist.

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