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Interview Ist die Erinnerungskultur gescheitert?

Alle reden davon, die deutsche Erinnerungskultur sei gescheitert, aber stimmt das überhaupt? Während Politikerinnen wie Julia Klöckner lieber über die „Sonnenallee“ als über Rechtsextremismus sprechen, wird nach dem 7. Oktober immer heftiger diskutiert, wem und wie wir eigentlich gedenken wollen: zu ritualisiert, zu folgenlos, zu leer, lauten pauschale Urteile.

 
Anetta Kahane: Die Kolumne
Anetta Kahane ist ehemalige Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung. (Quelle: Ivo Mayr)

Belltower.News hat mit Anetta Kahane – Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung – darüber gesprochen, warum Rituale auch Sinn stiften können, welche Gefahren in der Universalisierung von Erinnerung liegen – und wo wir uns womöglich selbst im Weg stehen.

Belltower News: Ist die deutsche Erinnerungskultur gescheitert?
Anetta Kahane: Nein, das kann man nicht sagen. Nach dem Menschheitsverbrechen der nationalsozialistischen Massenmorde und dem Zweiten Weltkrieg ist es für eine Gesellschaft, von der das einst ausging, sehr schwer, da herauszukommen. Deutschland hat, anders als andere Länder, diesen Weg beschritten. Es hat lange gedauert, es war und ist sehr mühsam, aber es gibt dafür heute eine vitale Erinnerungskultur. Menschen haben gegen Widerstände gekämpft, um die Erinnerung an die Opfer und die Tat nicht zu vergessen. Dabei ist eine Bewegung entstanden, denn die Erinnerungskultur heute wurde erstritten, bis sie zum Teil eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses der Bundesrepublik herangewachsen ist. Gewiss enthält es auch Lippenbekenntnisse und Heuchelei. Dennoch ist dieser Weg richtig.

Jetzt zu sagen, das alles sei schlecht, weil nicht rein oder ehrlich genug oder zu ritualisiert, empfinde ich eher als Heuchelei und Desinteresse, denn als ernsthafte Kritik. Aber, auch solche Debatten gehören zu dem, womit sich eine Erinnerungsgesellschaft konfrontieren muss. Die Erinnerungskultur aber grundsätzlich zu diffamieren, ist destruktiv und meint es weder mit den Opfern gut, noch mit denen, die sich um die Erinnerung an die Verbrechen bemühen. Manche wollen eine Modernisierung, das finde ich in Ordnung. Man muss aber nicht alles anders machen.

Vielfach wird die Ritualisierung von Erinnerung kritisiert.
Rituale sind sehr wichtig. Rituale begleiten unser Leben, sie erinnern regelmäßig und mit bestimmten Zeremonien an ein Ereignis. Das ist, was Menschen tun, wenn sie sich erinnern, wenn sie etwas betrauern oder feiern. Rituale sind ein wichtiger Bestandteil menschlicher Erinnerung, menschlicher Existenz. Weshalb sollte man das ausgerechnet bei der Erinnerung an die Shoa ändern?

Es gibt aktuell eine Tendenz, die Erinnerung an die Shoa in eine entdifferenzierende Universalisierung zu übersetzen, also „allen Opfern“ zu gedenken. Die Frage ist: An wen erinnert man sich, worüber spricht man dabei und wovon ist diese Debatte überlagert? Was kann daran aber problematisch sein?
In der DDR hieß das: Wir gedenken den Opfern des Faschismus. Juden wurden hier gar nicht erwähnt. Heute heißt es: Genug mit dem Juden, gedenken wir doch der Opfer des Kolonialismus. An sich eine gute Idee, aber für eine andere Gelegenheit. Wenn es denn wirklich darum geht und nicht, die Juden aus dem Erinnern verschwinden zu lassen. Oder schlimmer: sie durch ideologische Wendungen im Nachhinein zum „Tätervolk“ zu machen.

Selbstverständlich schließen die Feiern und Rituale am 27. Januar alle Opfer wie Sinti*zze und Romn*ja, Opfer der Euthanasiemorde, verfolgte Homosexuelle und andere mit ein. Das war und ist Konsens unter den Opfergruppen.

Aber?
Die Universalisierung führt zu einer folgenschweren Umdeutung: Wenn alle Opfer sind, dann ist niemand mehr Täter. Und im nächsten Schritt sind die Juden auch Täter. Und das sehen wir ja an dem, was gerade im Israel-Palästina-Konflikt passiert. Eine andere Art des Schlussstrichs.

Diese Deutungen beunruhigen mich sehr, weil sie das ganze System der Erinnerung an eine Ideologie zerstören wollen, die noch immer existiert – nämlich den Antisemitismus. Man könnte sagen, Antisemitismus ist nur eine Form von vielen, die dazu geführt haben, dass Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit ermordet wurden. Doch das reicht eben nicht. Und zwar nicht wegen der Juden, weil sie etwa ganz besondere Opfer wären, das sind sie nicht. Und sind es doch. Denn der Antisemitismus will mit den Juden auch das Jüdische vernichten. Denn nur eine Welt ohne das Jüdische ist für den Antisemiten akzeptabel. Das Jüdische steht für eine Kultur der Widersprüche, Gleichzeitigkeit, Konflikte und mühsamer Entwicklung der Menschlichkeit durch ständiges Aushandeln. Der Antisemit will viel lieber eine dichotomische Sicht auf die Dinge. Er will Klarheit, Reinheit und Erlösung. Man muss nur Gut und Böse wissen und schon wird alles gut. Antisemitismus ist ein Konzept darüber, wie die Welt funktionieren soll und wenn sie es nicht tut, sind die Juden schuld. Wir müssen mehr darüber wissen, anstatt den Antisemitismus zu relativieren und zu trivialisieren.

Was hältst du von der Gedenkstunde am 27. Januar im Deutschen Bundestag?
Ich habe ein komisches Gefühl, wenn ich über diese Gedenkstunde nachdenke: Die Vertreter politischer und kultureller Gruppen haben sich in den letzten Jahren, insbesondere seit dem 7. Oktober, nicht gerade mit Ruhm bekleckert, was die Bekämpfung von Antisemitismus und Israelhass betrifft.

In der Rede der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner kam der Rechtsextremismus gar nicht mehr vor, dafür „die Sonnenallee“. Meine Vermutung, hier wird eine große deutsche Selbstlüge aktualisiert: Wir wissen, wie man rechtsextremen Antisemitismus bekämpft, deshalb muss man darüber nicht mehr reden. Klöckner sprach von einer „historischen Selbstverständlichkeit Deutschlands und von uns: Jede Form der Ausgrenzung jüdischen Lebens widerspricht dem Wesen unseres Landes.“ Merkels berühmte Staatsräson wendete sie innenpolitisch: „Unsere Staatsräson beginnt auf der Berliner Sonnenallee, vor der Hauptsynagoge in München, auf den Schulhöfen, in den Hörsälen, bei X und bei TikTok. Sie zeigt sich im Schutz jüdischen Lebens bei uns in Deutschland. Sie zeigt sich in Empathie – und in konsequentem Vorgehen der Justiz gegen antisemitische Straftaten.“
Selbstverständlich sind Rechtsextremisten Antisemiten, und selbstverständlich müssen wir das im Blick behalten. Und das darf Klöckner nicht auslassen. Wir können nicht so tun, als wären die AfD und ihr Umfeld kein Problem im Spektrum des Antisemitismus. Dazu wurde viel geforscht und recherchiert. Wir können es daher gut beschreiben. Es gibt unzählige Experten, die mit Namen und Adressen sagen können, wer welcher Gruppe angehört, wie viele Fans und Follower sie haben, auf TikTok und anderswo. Diese rechten Gruppierungen stehen ständig unter der Lupe der Öffentlichkeit. In gewisser Weise ist es leicht zu sagen: Ja, das sind Antisemiten. Aber auch wenn es leicht ist, muss man es sagen.

Wenn ich nach Ostdeutschland schaue und sehe, wie die Stimmung ist, gerade im ländlichen Raum, muss ich das Thema Juden und Israel gar nicht speziell ansprechen, um zu wissen, wie die Leute ticken. Welche Meinung sie über Juden, über Vielfalt, Demokratie, über ein Leben in Widersprüchlichkeit haben – das ist relativ klar. Da gibt es selbstverständlich eine große Sehnsucht nach der eindeutigen Lösung, sonst würden sie der AfD nicht so hinterherlaufen. Das ist ein Riesenproblem. Und wenn Frau Klöckner so tut, als wäre das nicht da, dann ist das auch eine Form von Verleugnung. Als Konservative muss sie da Verantwortung zeigen, wo die Übergänge schwimmen. Wo ein Mangel an Abgrenzung gegenüber rechtspopulistischen bis rechtsextremen und antisemitischen Tendenzen geschieht. Das ist sicherlich nicht einfach. Aber genau das ist der Mut, den Frau Klöckner aufbringen sollte: auch in die eigene Richtung zu schauen. Nur Islamismus anzuprangern, ist für sie zu einfach.

Gilt das nicht für uns alle?
Selbstverständlich! Ich wünsche mir zum Beispiel auch mehr Mut von Leuten aus der Migrationsgesellschaft zu sagen: Wir kümmern uns um Islamismus. Wir bekämpfen diese frauenfeindliche, antisemitische und rassistische Ideologie. Denn wir haben ein Problem und ignorierten zu lange wie schwierig Einwanderung im Hinblick auf Antisemitismus sein kann, gerade wenn es um Herkunftsländer geht, in denen Antisemitismus fester Bestandteil der Denkform ist. Ich denke, hier gibt es etwas, was alle sich vorwerfen lassen müssen – auch wir als Amadeu Antonio Stiftung. Wir haben zwar darauf hingewiesen und einiges getan, aber längst nicht genug.

Woran lag das?
Am Widerstand dagegen das Thema anzugehen. Der hat auch damit zu tun, dass die Bundesrepublik in ihrer Mehrheitsgesellschaft sehr viel Rassismus kennt und der Reflex zunächst der Schutz vor Rassismus ist. Rassismus ist und bleibt inakzeptabel und unerträglich. Ganz gleich, wer davon betroffen ist. Das gilt selbst für den schlimmsten Islamisten. Doch gleichzeitig darf, wer Rassismus erfahren hat, nicht seinerseits andere zum Opfer machen. Viele überfordert es, beides zu denken und entsprechend zu handeln. Auch deshalb gibt es Widerstand dagegen, dies zum Thema zu machen. Doch das müssen wir, wenn wir wirklich und ernsthaft Antisemitismus bekämpfen wollen. Auch das gehört zum Erinnern.

Wenn sich also eine Konservative gegen Rechtsextremismus abgrenzen sollte, dann müssen sich auch Menschenrechts-NGOs damit auseinandersetzen, dass auch Opfer von Rassismus anti-emanzipatorische Ideologien verkünden und ausleben. Diese Differenzierung müssen wir von uns selbst verlangen.

Wir schweifen ab.
Nein, das sind auch erinnerungspolitische Fragen. Wer über Erinnerungskultur redet, sollte sich immer auch fragen, wo er selbst steht. Dann zeichnet sich ein kompletteres Bild. Es reicht nicht, nur zu sagen: Es ist eure Schuld, dass Antisemitismus grassiert, denn ihr seid die Rechten. Oder umgekehrt zu behaupten: Es ist eure Schuld, ihr habt die Dschihadisten verteidigt. Man muss sagen: Wir haben hier ein Problem, das wir nicht früh genug und nicht konsequent genug behandelt haben. Daran hat auch die Regierung ihren Anteil.

In der heutigen Situation, Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft anzuprangern und gleichzeitig die Revolutionsgarden erst jetzt mit einem Betätigungsverbot zu belegen oder bestimmte Moscheen, die von der Islamischen Republik Iran gesteuert werden, nicht zu schließen, oder militante Gruppen, die wirklich Gefährder sind, nicht aus dem Verkehr zu ziehen – das ist inkonsequent und fahrlässig. So bekämpft man Antisemitismus nicht. Die Verantwortung liegt immer bei dem, der spricht. Wenn die Bundesregierung spricht, muss sie ihrer Verantwortung gerecht werden.

Und das wirft auch einen Schatten auf das aktuelle Gedenken.
Deswegen ist dieses Jahr anders als sonst, weil wir all das sehen. Wir sehen, dass in Syrien durch das Abschlachten der Kurden plötzlich IS‑Kämpfer freikommen. Das sind Schlächter, Islamisten übelster Sorte, die Menschen auf bestialische Weise misshandeln. Das sind Leute, die alle hassen – ganz besonders die Juden. Man kann nicht sagen, man sei gegen Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft, und gleichzeitig mit einem syrischen Interimspräsidenten im Bundeskanzleramt Kaffee trinken. Da gibt es viele Ungereimtheiten, und die Konflikte sind stark verzahnt. Das heißt: Wenn wir jetzt über Erinnerungskultur reden, müssen wir aufrichtig und auch selbstkritisch sein.

Ein zentraler Vorwurf gegen die Ritualisierung von Erinnerungskultur ist, dass sie konsequenzlos bleibt. Dabei wird übersehen, dass diese Ritualisierung schon für sich ein Fortschritt ist, von unten erkämpft. Es lohnt sich, einmal über diese spezifische Form des aktuellen Gedenkens nachzudenken. Was ist das Besondere am Erinnern durch Rituale, und was ist das Bewahrenswerte daran?
Rituale fordern keine Konsequenzen. Sie sind eine Konsequenz, aus einer Tat. Das Erinnerungsritual ist zum Beispiel die Konsequenz eines Mordes, eines riesigen Gemetzels. Da stellen wir uns hin, und erinnern uns. Punkt. Es ist ein Ritual, das erinnert. Man stelle sich eine Welt vor, in der es dieses Ritual nicht gibt und der 27. Januar nur ein Datum ist und sich niemand erinnert, ein Tag, der einfach so vergeht, wie ein grauer Dampf im Raum. Das ist unerträglich. Es ist eine Errungenschaft, dass es dieses Ritual gibt, und daran muss nichts erneuert werden. Dieses Ritual ist ein Ritual und soll es bleiben.

Ob daraus etwas folgt oder nicht, hängt von anderen Dingen ab: Davon, wie ernst die Gesellschaft es nimmt und welche Folgen sie selbst daraus zieht. Wir haben es immer wieder erlebt – rund um den 27. Januar oder den 9. November –, dass Diskussionen über bestimmte strategische Themen aufflammen. Diese Rituale greifen also durchaus immer wieder in den Diskurs ein, und das ist richtig so. Aber das Ritual selbst muss das nicht leisten. Man kann das Ritual durchführen und danach eine Diskussionsveranstaltung machen – das tun wir ja. Aber das Ritual selbst besteht darin, sich hinzusetzen, eine Rede anzuhören, darüber nachzudenken, zu schweigen, sich zu erinnern. Das ist es. So soll es bleiben.

Auch der jüdische Kalender ist voller solcher Rituale.
Das jüdische Jahr ist im Grunde eine einzige Erinnerungsstruktur. Es besteht aus Feiertagen und Wochenabschnitten, die an etwas erinnern. Man interpretiert sie, denkt darüber nach, diskutiert, was sie heute bedeuten können. Dann kommen die Feiertage, an denen die Rituale stattfinden und an bestimmte Ereignisse erinnern, jedes Jahr auf die gleiche Weise. Das hat etwas sehr Beruhigendes, etwas Konstantes, etwas Kontemplatives. Und je länger diese Ereignisse zurückliegen, desto aktueller scheinen sie. Wenn ich einen Sederabend mache, an dem der Auszug aus Ägypten gefeiert wird – etwas, das ein paar tausend Jahre her ist –, habe ich jedes Jahr das Gefühl, es sei gerade gewesen. Das ist der Sinn von Ritualen. Das ganze jüdische Jahr hindurch wird auf diese Weise die Geschichte von Widerstand, Überleben, Dranbleiben erzählt.

Das Ritual, an einem bestimmten Tag etwas Bestimmtes zu erinnern, ist für mich sehr wichtig. Und bei allem, was dazu gesagt wird, finde ich am klügsten: Das Wichtigste ist, dass wir dranbleiben. Dass wir weitermachen. Dass wir nicht darüber nachdenken, ob wir die Opfergruppen austauschen oder etwas völlig anderes an ihre Stelle setzen, sondern dass wir es durchziehen.

Aber ist nicht ein Problem, dass es sehr leicht ist, am Ritual teilzunehmen, selbst für Rechtsextreme wie die AfD. Es gibt sogar Fotos von Abgeordneten mit #weremember-Schildern.
Das Ritual ist nicht der Ort, um Leute zu exkludieren. Mit demselben Argument könnte man sagen: Da sitzen im Bundestag auch Vertreter anderer Parteien, die sonst mit „From the river to the sea“ auf die Straße gehen und israelfeindliche, antisemitische Slogans rufen. Die machen genauso mit und finden, dass sie richtig handeln. Das irritiert mich in diesem Jahr besonders.

An dieser Stelle können wir auch über kognitive Dissonanz nachdenken. Wenn du etwas lange genug machst, musst du irgendwann einen Sinn darin sehen. Wenn sie das Ritual immer wieder mitvollziehen, können sie am nächsten Tag nicht völlig so tun, als hätte es nie stattgefunden. Es macht auch etwas mit ihnen, so unangenehm das ist. Deshalb das Ritual abzuschaffen, weil sich Leute dahinter verstecken oder nur halbherzig dabei sind, fände ich völlig falsch. Wer entscheidet denn dann, wer „rein“ genug ist, um mitzumachen, wer erleuchtet genug ist, damit seine Erinnerung gelten darf?

Taugt der Begriff der Staatsräson, um Antisemitismus zu bekämpfen – und taugt er als Richtschnur gelingender Erinnerungskultur?
Das ist nicht so einfach. Die Erinnerungskultur ist viel älter als der Begriff. Man kann das jetzt damit aufladen, aber ob das wirklich trägt. Die Staatsräson als innenpolitisches Thema insgesamt zu betrachten, finde ich allerdings gut, weil sie etwas über den Gesellschaftsvertrag zwischen Bürgern und Staat aussagen könnte. Klöckner allerdings hat es so formuliert, als wären das Problem allein „die anderen“, die Staatsfremden oder „Deutschlandfremden“, die Nachholbedarf hätten. Das gilt aber nicht nur für „die“, sondern für alle Antisemiten. Die Frage ist: Kriegt man es überhaupt hin zu sagen, Staatsräson sei „nicht antisemitisch zu sein“? Ist das als Gedanke tragfähig oder zu groß?

Wie geht es weiter? Wo stehen wir in fünf, in zehn Jahren mit dieser Erinnerungskultur?
Das kann ich nicht sagen. Es hängt davon ab, inwieweit die Zivilgesellschaft dieses Thema als wichtiges Kernthema der täglichen Arbeit begreift – auch wir, etwa in der Amadeu Antonio Stiftung. Es geht nicht bloß ums Erinnern. Die zahlreichen Angriffe auf die Erinnerungskultur, die fragiler ist als es manchmal wirkt, brauchen eine Antwort: Es ist Zeit für eine zweite Welle der Erinnerungskultur von unten. Wir müssen es noch einmal machen. Nach der Vereinigung war das Thema Erinnerungskultur schon relativ etabliert und wurde über den Osten gelegt – das war gut, mit Gedenkstätten und vielem mehr. Aber es gab dort diese Form von lokaler „Grabstein-Erinnerung“ weniger. Vielleicht müssen wir das jetzt noch einmal machen, mit einer neuen Generation. Wir müssen uns ehrlich auch den eigenen Familiengeschichten stellen. Ich glaube, es liegt an uns. Wir können es niemand anderem überlassen. Wenn wir es hinkriegen – gut. Ich bin vorsichtig optimistisch.

Vielen Dank.

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