Skip to content

Israel Antisemitismus und die blinden Flecken der Linken

Seit dem 7. Oktober 2023 ist etwas ins Rutschen geraten. Unter israelsolidarischen Linken breitet sich seitdem vor allem ein Gefühl aus: Einsamkeit. Wo einst ein gemeinsames Verständnis darüber herrschte, dass Antisemitismuskritik zu linkem Selbstverständnis und kritischer Gesellschaftstheorie dazugehört, herrscht heute Unsicherheit, Sprachlosigkeit oder gar Feindseligkeit. Wer Israel nicht hasst, gilt plötzlich als verdächtig, manchen gar als gefährlich.

 
Protestierende in Europa wünschen sich die Intifada für Israel und Palästina. (Quelle: picture alliance / NurPhoto | Marek Antoni Iwańczuk)

Der Sammelband „Warum man Israel nicht hassen muss, um zu den Guten zu gehören“ versammelt Stimmen, die der Vereinzelung etwas entgegensetzen. Das Buch erschien im September 2026 und wurde von Lisa Geffken und Nikolas Lelle herausgegeben, die bei der Amadeu Antonio Stiftung arbeiten. Aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen die Autor*innen, dass ein solidarischer und empathischer Umgang mit Israel kein Widerspruch zu progressiven Werten ist, sondern deren konsequente Fortsetzung. Die Texte handeln vom Ringen um Haltung und bezeugen, dass der Einsatz gegen Antisemitismus ein Prüfstein jeder emanzipatorischen Idee bleibt. Sie erzählen von Enttäuschung und Trotz und der Möglichkeit einer neuen Verständigung. Das Buch handelt von Menschen, die nicht aufgeben, weil sie an Solidarität als universeller Idee glauben. Auch und gerade mit Jüdinnen*Juden. Der folgende Text ist ein Ausschnitt.

In großen Teilen der Hamburger Linken herrschte Mitte der 1990er Jahre ein antizionistischer Grundkonsens vor. Der Slogan „Boykottiert Israel! Waren, Kibbuzim und Strände“, der Ende der 1980er Jahre unübersehbar an der Wand eines besetzten Hauses in der Hamburger Hafenstraße prangte, hatte zwar kurzzeitig für eine hitzige innerlinke Debatte über das Verhältnis zu Israel geführt, die aber schnell wieder verpuffte. Auch ich kannte das riesige Graffiti mit dem antiisraelischen Boykottaufruf. Über den Nahostkonflikt oder die „Intifada“, den palästinensischen Aufstand gegen die israelische Besatzung, der 1987 begann, wusste ich als Schülerin jedoch fast gar nichts.

Die erste politische Debatte über Israel in der Linken, die ich bewusst wahrnahm, fand 1991 statt. Im August 1990 hatte mit dem Einmarsch irakischer Truppen in das Nachbarland Kuwait der zweite Golfkrieg begonnen, und zu Beginn des Jahres 1991 wollte eine internationale Koalition unter Führung der USA den irakischen Diktator Saddam Hussein dazu zwingen, seine Truppen aus dem von ihm annektierten Kuwait wieder abzuziehen. In Deutschland demonstrierten Hunderttausende unter dem Motto »Kein Blut für Öl« gegen das militärische Eingreifen der alliierten Truppen. Ich war vor allem gegen die Beteiligung der Bundeswehr des gerade wiedervereinigten Deutschlands und protestierte vor einem Sammelpunkt der Marine in Kiel gegen die Entsendung von Minensuchbooten ins Mittelmeer, wodurch sich die Bundesrepublik indirekt am Krieg beteiligte. Doch dann las ich in der Zeitschrift konkret über Saddam Husseins Drohungen, Israel zu vernichten, und änderte meine Meinung über den Krieg. Der Irak verfügte über ballistische Raketen mit hoher Reichweite und über Chemiewafffen, und Saddam Hussein hatte 1988 mit einem Giftgasangrifff auf das kurdische Dorf Halabdscha bewiesen, dass er bereit war, diese auch gegen Zivilist:innen einzusetzen. Im Januar 1991 begann der Irak eine Raketenoffensive gegen Israel, und die Vorstellung, dass Israelis in ihren Häusern auf einen möglichen Chemieangriff des irakischen Diktators warteten, fand ich unerträglich. Deshalb überzeugte mich die Position des konkret-Hussein als notwendiges Übel betrachtete abzuziehen.


Ulrike Becker ist Historikerin und seit Mai 2025 Program Director im Bereich Arbeit gegen Antisemitismus bei der Amadeu Antonio Stiftung. 2008 war sie Mitgründerin des Mideast Freedom Forum Berlin (MFFB) und ist heute Vorstandsmitglied. Seit dem Wintersemester 2023/2024 ist sie Research Fellow am Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) an der katho in Aachen. Sie promovierte an der Universität Jena und publizierte 2022 ihre Dissertation unter dem Titel „Nazis am Nil“. Bis 2022 war sie Sprecherin der Kampagne „Stop the Bomb“.


Mit der Geschichte Israels und des Nahostkonflikts befasste ich mich zu dieser Zeit nicht; der Golfkrieg hatte mir jedoch klargemacht, dass es beim Nahostkonflikt nicht um einen Konflikt zwischen Israel und den Palästinenser:innen ging, sondern dass weit entfernte Diktaturen, die keine Grenze mit Israel teilten, den jüdischen Staat vernichten wollten, und dass Israel über 40 Jahre nach seiner Gründung noch immer in existenzieller Gefahr war. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre war ich Teil eines Diskussionszirkels. Wir beschäftigten uns mit Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland und diskutierten das Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ von Daniel Goldhagen. Der US-amerikanische Historiker beschrieb darin die prägende Rolle der antisemitischen Ideologie in der NS-Zeit und als Motiv für die Shoah. Uns trieb die Frage um, welche Bedeutung seine Thesen für eine linke Gesellschaftskritik hatten, wie weit antisemitische Vorstellungen die deutsche Gesellschaft und auch die Linke noch immer prägten. Wir stellten unsere Überlegungen öffentlich zur Diskussion, so auch in einem autonomen Veranstaltungszentrum in Hannover, die Veranstaltung war gut besucht. Doch unser Vortrag wurde immer wieder von einem Zuhörer unterbrochen: Eine Diskussion über den Antisemitismus in der Linken würde die innerlinke Solidarität zerstören, behauptete er. Die Veranstalter kapitulierten vor dem Druck, die Diskussion wurde abgebrochen, und vor dem Saal pöbelte der Störer weiter und versetzte meinem Freund schließlich einen Fausthieb auf die Nase. Wir wehrten uns natürlich, aber niemand kam uns zu Hilfe.

Diese Erfahrung prägte mich. Die Abwehr breiter Teile der Linken, sich mit Goldhagens These eines tief in der deutschen Gesellschaft verankerten Antisemitismus auseinanderzusetzen, zeigte mir, wie wenig Raum es in der Linken für eine Auseinandersetzung mit der Ideologie des Antisemitismus gab. Doch sie bestärkte mich auch in der Überzeugung, dass gerade diese Leerstelle thematisiert werden musste. Die Abwehr der Linken, sich mit vergangenem und gegenwärtigem Antisemitismus zu beschäftigen, obwohl die so genannte „Goldhagen-Debatte“ 1996 in den Feuilletons omnipräsent war, untersuchten wir schließlich systematisch und veröffentlichten dazu ein Buch, das 1997 unter dem Titel „Goldhagen und die deutsche Linke“ publiziert wurde. Wir führten die Abwehr im Kern darauf zurück, dass Goldhagens Thesen einen zentralen Glaubenssatz der Linken in einem ganz wesentlichen Punkt als Blütentraum entlarvten: den Glauben an das „Volk“ und das Postulat von der Unschuld der Arbeiter:innenbewegung, die als das eigentliche Opfer des Nationalsozialismus in ihrer Dignität zu verteidigen sei. Die Erscheinung des Buches veränderte die Debatte in der Linken: Es gab nun kontroverse Beiträge zum Thema in linken Medien wie der Jungle World, wir wurden zu Veranstaltungen eingeladen und konnten so dazu beitragen, Antisemitismus innerhalb der Linken zum Thema zu machen.

Die 1990er Jahre waren auch die Zeit der Friedensgespräche zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), die im norwegischen Oslo begannen und deshalb auch Oslo-Gespräche genannt wurden. Die Grundidee des Friedensprozesses, der 1993 zu einem ersten Abkommen geführt hatte, beruhte auf dem Prinzip „Land für Frieden“. Israel und die PLO erkannten sich gegenseitig an, die israelische Armee sollte sich schrittweise aus besetzten Gebieten zurückziehen, die Palästinenser:innen sollten im Gegenzug auf Gewalt verzichten und eine Selbstverwaltung aufbauen. Als „Oslo-Logik“ bezeichnete man die Hoffnung, durch gegenseitige Anerkennung und schrittweise Zugeständnisse und den Verzicht auf Gewalt zu einem dauerhaften Frieden zwischen beiden Seiten zu gelangen.

Ich verfolgte die Ereignisse weiterhin nur oberflächlich und ging davon aus, dass man über den Nahostkonflikt nichts wissen müsste, wenn man etwas gegen Antisemitismus in Deutschland tun wollte. Das änderte sich erst, als im Jahr 2000 die Verhandlungen scheiterten und die sogenannte „Al-Aksa-Intifada“, auch „zweite Intifada“ genannt, begann. Dieser zweite palästinensische Aufstand war von Anfang an von terroristischer Gewalt geprägt, begann im September 2000 und dauerte bis 2005. Palästinensische terroristische Organisationen verübten zahlreiche Anschläge auf israelische Zivilist:innen, das israelische Militär reagierte mit harten Vergeltungsaktionen. Von nun an prägte die Angst vor Selbstmordattentaten die israelische Gesellschaft jahrelang: Es gab Anschläge in Supermärkten, Restaurants, öffentlichen Verkehrsmitteln, Universitäten, Kindergärten und Discotheken. Eltern gingen getrennt einkaufen, um zu verhindern, dass beide bei einem Anschlag ums Leben kamen. Auf dem Weg zur Arbeit mieden Menschen öffentliche Verkehrsmittel und belebte Plätze. Jugendliche saßen mit Laptops vor der Brust in Bussen, um sich so vor Splittern bei möglichen Anschlägen zu schützen. Die zweite Intifada führte zu vielen Todesopfern auf beiden Seiten, die harten Vergeltungsschläge der israelischen Armee trafen auch Unbeteiligte; insgesamt zerstörte die „Al-Aksa-Intifada“ die Bemühungen um eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts.

In der deutschen Öffentlichkeit gab es für die israelische Reaktion auf den Terror kaum Verständnis. Im politischen Berlin war der Begriff der „Staatsräson“ in Bezug auf Israel noch unbekannt. Gerhard Schröder war Bundeskanzler und empfing 2001 kritiklos den syrischen Diktator Baschar al-Assad in der Hauptstadt: einen Autokraten, der Israels Existenzrecht ablehnte, antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitete, palästinensische Terrorgruppen unterstützte und sich weigerte, den antisemitischen Massenmörder und NS-Verbrecher Alois Brunner nach Deutschland auszuliefern. Ein Jahr später nahm Schröder auf dem Höhepunkt der zweiten Intifada verletzte Palästinenser:innen nach Deutschland auf, darunter auch islamistische Kämpfer. In der CDU erklärte der außenpolitische Sprecher Karl Lamers, dass Israels Politik für den Terrorismus verantwortlich sei und sein Parteifreund Norbert Blüm sprach von einem „hemmungslosen Vernichtungskrieg“ Israels. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP Jürgen Möllemann äußerte Verständnis für die terroristischen Anschläge gegen zivile Ziele. „Ich würde mich auch wehren, und zwar mit Gewalt“ und „auch im Land des Aggressors“, erklärte er in einem Interview in der taz. Als Belohnung bekam er Tausende E-Mails von Deutschen, die ihm dankten, dass er endlich das ausgesprochen habe, was viele sich nicht zu sagen trauten.

In der deutschen Presse wurden die Vergeltungsschläge des israelischen Militärs hart kritisiert, über den arabischen Antisemitismus wurde jedoch geschwiegen, und die Terroranschläge von Milizen der PLO, PFLP, des Islamischen Palästinensischen Jihad und der Hamas wurden immer wieder als „Verzweiflungstaten“ verklärt. Diese Sichtweise gab es auch in der Linken. Als ich in einer Diskussion in der Roten Flora vorschlug, dass wir die Anschläge auf vollbesetzte Busse als antisemitisch verurteilen sollten, wurde mir entgegengehalten: Wenn wir die Anschläge gegen israelische Schulbusse als Antisemitismus begreifen, sei die Linke als Ganzes mit ihrer internationalen Solidarität am Ende. Das Dogma, die Protestformen der „Unterdrückten“ nicht zu verurteilen, war stärker als das Bemühen darum, zu begreifen, wofür die Mordanschläge auf israelische Zivilist:innen eigentlich standen.

Was die palästinensische Abkehr von der Oslo-Logik eigentlich bedeutete, wurde in der Linken zum damaligen Zeitpunkt kaum diskutiert. Im Rückblick ist klar, dass sich bis heute beide Seiten nicht von den Folgen des gescheiterten Oslo-Prozesses erholt haben. Mit der „Al Aksa Intifada“ änderte sich etwas Grundlegendes: Das Streben nach einem eigenen Staat trat in den Hintergrund. Stattdessen rückten religiöse Bezüge ins Zentrum, auch die PLO setzte wieder offen auf Terrorismus, der Märtyrerkult und die Forderung nach dem „Recht auf Rückkehr“ dominierten die Diskurse. Dabei geht es um die Flüchtlinge und ihre Nachkommen, die 1948 im Verlauf des ersten arabisch-israelischen Krieges, der mit dem Angriff fünf arabischer Staaten auf das neu gegründete Israel begonnen hatte, aus ihren Heimatdörfern geflüchtet waren oder vertrieben wurden. Da die PLO das Rückkehrrecht auch für die Nachkommen der 1948 Vertriebenen beansprucht, betrifft es heute theoretisch etwa 5,9 Millionen Menschen, die ihren Anspruch geltend machen könnten, in Israel zu leben. Für Israel ist ein solches generelles Rückkehrrecht nicht akzeptabel, weil dies das demografiische Gleichgewicht des Staates fundamental verändern würde. Die Idee, dass es einen Staat mit jüdischer Mehrheit geben müsse und damit einen Schutzraum vor Antisemitismus, in dem Jüdinnen:Juden keine Minderheit mehr sind, war der Kerngedanke Theodor Herzls und damit des Zionismus. Während der Verhandlungen lag deshalb der Vorschlag des US-amerikanischen Präsidenten Clinton auf dem Tisch, demzufolge die Geflüchteten von 1948 das Recht erhalten sollten, im neu zu gründenden palästinensischen Staat zu leben.

Die palästinensische Abkehr von der Oslo-Logik und das Beharren auf dem Rückkehrrecht gegen den Kompromiss von Clinton bedeutete also, dass der Kampf gegen die Besatzung von Westbank und Gazastreifen, also die Folgen des Sechstagekrieges von 1967, vom Kampf gegen die Folgen von 1948, also die Gründung Israels, abgelöst wurde. Dies lag auch an der immer stärker werdenden Terrororganisation Hamas, die Ende 1987 während des Ausbruchs der ersten Intifada gegründet worden war. Die Gründungscharta von 1988, in der die Vernichtung Israels gefordert wurde, war die islamistische Antwort auf den neuen Kurs der PLO, die zu dieser Zeit beabsichtigte, einen palästinensischen Staat an der Seite Israels zu gründen und den gewaltsamen Aufstand zu beenden.
In dieser Zeit und auch als Reaktion auf die israelfeindliche Stimmung im politischen Berlin entstand in der Linken eine Strömung, die Solidarität mit Israel forderte. Ich habe das unterstützt. Solidarität mit Israel bedeutet für mich eine grundsätzliche Solidarität mit dem jüdischen Staat und der israelischen Gesellschaft und zwar unabhängig von der konkreten Regierungspolitik. Nach der Shoah entschied die Mehrheit der UNO-Mitglieder im November 1947, dass es einen jüdischen Staat als Schutzraum vor Antisemitismus braucht, und genau das finde ich richtig. Doch gerade diese Grundsätzlichkeit wurde der linken Israel-Solidarität vorgeworfen. So hieß es beispielsweise in einem Beitrag in der Zeitung Jungle World von 2002 die „bedingungslose Solidarität mit Israel“ reproduziere binäre Denkmuster und verabsolutiere mit Blick auf den Konflikt ein Täter-Opfer-Denken. Ich sehe das anders. Solidarität mit Israel hat mit binären Denkmustern nichts zu tun und schließt eine Solidarität mit den Menschen in Gaza, die unter der Herrschaft der Hamas leiden, nicht aus.

Nach Beginn der „Al-Aksa-Intifada“ und der Abkehr von der Oslo-Logik begann ich, mich mit Israel und dem Nahostkonflikt zu beschäftigen. Mich irritierte das mangelnde Verständnis für das israelische Sicherheitsbedürfnis ebenso wie die Tatsache, dass der Antisemitismus der palästinensischen Terrororganisationen ein blinder Fleck in der deutschen Berichterstattung war und auch Linke nicht interessierte. Dabei war die Hamas mit dem Ziel gegründet worden, den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinenser:innen zu torpedieren. Sie arbeitete seit Beginn der 1990er mit der islamistischen Diktatur im Iran zusammen. Hamas-Delegationen wurden in Teheran empfangen und im Oktober 1991 fand dort eine „Internationale Konferenz zur Unterstützung der islamischen Revolution in Palästina“ statt, mit deren Hilfe die iranische Führung den Friedensprozess zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten stören wollte. Denn zur gleichen Zeit trafen sich erstmals Delegationen aus Israel, Ägypten, Syrien und Libanon mit einer jordanisch-palästinensischen Delegation, um über Ausgleich und Frieden zu verhandeln. Die Hamas setzte auf Terror, um diesen Prozess zu stören, und operierte seit 1992 mit Selbstmordkommandos. Die Islamische Republik überwies jährlich Gelder in Millionenhöhe auf Konten der Hamas, damit diese Anschläge ausüben konnte, die das Friedenslager in Israel und unter den Palästinenser:innen schwächen sollten.

Je mehr ich mich mit dem Nahostkonflikt beschäftigte, desto klarer wurde mir, wie destruktiv die Rolle der Diktatur im Iran in diesem Konflikt war. Das Ziel der Vernichtung Israels gehört seit Beginn der Revolution 1979 zur Staatsräson der Islamisten. Die Führer des Regimes leugnen den Holocaust, verbreiten Antisemitismus und rüsteten palästinensische Terrororganisationen aus. Im Januar 2002 wurde die Karine A, ein Schiff mit über 50 t Waffen und Sprengstoff aus dem Iran auf dem Weg nach Gaza von israelischen Streitkräften aufgebracht. Der iranische Präsident Ahmadinejad forderte 2005, Israel müsse von der Landkarte verschwinden. Während diese Drohung in den deutschen Feuilletons und Talkshows als angeblicher „Übersetzungsfehler“ verharmlost wurde, trat Angela Merkel am 18. März 2008 in Israel vor die Knesset und erklärte, die Sicherheit Israels sei für sie als Bundeskanzlerin „niemals verhandelbar“. Die Formel der „Staatsräson“ war also eine Antwort auf die Vernichtungsdrohungen des Regimes im Iran. Merkels Erklärung, für die Sicherheit Israels eintreten zu wollen, folgten leider keine wirksamen Konsequenzen. Deutschland war zu dieser Zeit der wichtigste Handelspartner des Iran, zwei Drittel der Maschinen im Iran kamen aus deutscher Produktion. Wirksame Sanktionen gegen das Regime wurden von Lobbyisten und der Bundesregierung verhindert. Mit anderen zusammen gründete ich 2008 die Kampagne „Stop the Bomb“ in Deutschland, die sich gegen das iranische Atomprogramm richtete und harte Sanktionen forderte, sich aber gleichzeitig für die Unterstützung der säkularen und demokratischen Opposition einsetzte.

Die iranischen „Frau Leben Freiheit“-Proteste im Herbst 2022 haben die Islamistische Diktatur, die jahrelang von der deutschen Politik als Partner gesehen wurde, endlich endgültig diskreditiert. Sie haben einer breiten Öffentlichkeit deutlich gemacht, wofür die Islamische Republik Iran steht: für eine Gesellschaft der Unterdrückung, Gender-Apartheid und Gewalt, für die Hinrichtung von Homosexuellen und Oppositionellen sowie Minderheiten und Menschen, die sich von der islamischen Religion abwenden. Der Antisemitismus ist ein zentraler Bestandteil der Ideologie des Regimes, und Oppositionellen wird standardmäßig vorgeworfen, zionistische Agent:innen zu sein, die mit Israel zusammenarbeiten. Fast alle Ressourcen des Regimes werden für die Unterstützung von Terrororganisationen in der Region verwendet, die mit der Hamas und dem Islamischen Djihad im Gaza-Streifen, mit der Hisbollah im Libanon, mit irakischen Milizen und den Huthis im Yemen einen „Feuerring“ um Israel errichten sollten. Für die Anti-Regime-Proteste im Iran gibt es kaum signifiikante Unterstützung aus der Linken in westlichen Ländern. Es gab zwar Solidaritätsbekundungen und Aktionen, doch eine breite, sichtbare Unterstützung durch die westliche Linke blieb aus. Stattdessen solidarisierten sich linke Gruppen an westlichen Universitäten ausgerechnet mit denjenigen palästinensischen Gruppen, die mit dem Terrorregime im Iran zusammenarbeiten und verbreiten ihre Parolen wie „from the river to the sea“ – und damit den islamistischen Anspruch auf das ganze Land.

Diese Kollaboration erhielt ausgerechnet nach dem 7. Oktober, dem größten und grausamsten Massaker gegen Jüdinnen:Juden nach der Shoah, ihre besondere Dynamik. Am 7. Oktober 2023 drangen 6.000 Personen aus dem Gaza-Streifen nach Israel ein, darunter ca. 3.800 bewaffnete Hamas-Kämpfer. Sie richteten in den Grenzorten und auf dem Nova-Musik-Festival ein Blutbad an, sie folterten und vergewaltigten und ermordeten alle, die sie aufgreifen konnten, Familien, Kinder, junge und alte Leute, auf unvorstellbar brutale Weise. Zu den Opfern gehörten insbesondere viele Linke und Friedensaktivist:innen, die bewusst an der Grenze zum Gaza-Streifen lebten und sich für einen Ausgleich mit den Palästinenser:innen eingesetzt hatten. Ein Beispiel ist Oded Lifshitz. Der 83-jährige Journalist und Friedensaktivist, der am 7. Oktober aus seinem Haus in Nir Oz entführt und später im Gaza-Streifen als Geisel ermordet wurde, hatte sich jahrzehntelang für palästinensische Patient:innen eingesetzt und dafür gesorgt, dass sie in israelischen Krankenhäusern behandelt werden konnten. Auch seine Frau war einige Wochen eine Geisel der Hamas gewesen und sprach auf seiner Beerdigung, wie sehr sie der Tod ihres Mannes erschütterte, nachdem sie Jahrzehnte für Gerechtigkeit und Frieden gekämpft hatten.

Der Antisemitismus hat in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 massiv zugenommen. Und wer sich solidarisch mit Israel zeigt, ist seit dem Beginn des Gaza-Krieges mit massiven Vorwürfen und auch mit Anfeindungen konfrontiert. Die Zivilbevölkerung in Gaza hat einen hohen Preis gezahlt und unendliches Leid erfahren. Die Zahl der getöteten Zivilist:innen im Gaza-Streifen seit dem 7. Oktober 2023 ist schrecklich hoch. Israel hat in seiner Geschichte noch nie einen so langen Krieg geführt. Die Siedlerbewegung hat sich radikalisiert und Überfälle auf palästinensische Zivilist:innen werden nur selten geahndet. Seit Ende 2022 hat Israel die rechteste Regierung seiner Geschichte und rechtsextreme Kräfte sind Teil der Regierungskoalition. Itamar Ben-Gvir ist als Polizeiminister ein Anhänger des jüdischen rechtsradikalen Terroristen Baruch Goldstein, der im Jahr 1994 29 Palästinenser:innen ermordete. Die von Netanyahu geführte Koalition will mit der Justizreform systematisch die Demokratie in Israel aushöhlen, die Presse soll eingeschränkt werden, Korruption und Skandale erschüttern die israelische Gesellschaft fast täglich. Doch gegen diese Entwicklungen kämpfen große Teile der israelischen Bevölkerung. Premierminister Netanyahu hat keine Bevölkerungsmehrheit hinter sich. Bereits Mitte 2024 forderte eine Mehrheit der Israelis ein Ende des Krieges und einen Deal mit der Hamas, um die Geiseln zu befreien. Und bereits seit den ersten Wochen nach Ämtern zurücktreten sollte. Seit Beginn des Krieges forderte eine Mehrheit der Israelis, dass Netanyahu die Verantwortung für das Versagen der israelischen Streitkräfte am 7. Oktober übernehmen und von seinen Ämtern zurücktreten sollte.

Während des Gaza-Krieges begangene Kriegsverbrechen müssen, wie in jedem militärischen Konflikt, geahndet und bestraft werden. Doch das heißt nicht, dass der Kampf der israelischen Armee gegen die Hamas, eine mit Raketen bewaffnete Terrororganisation, hinter der das Regime im Iran steht, nicht grundsätzlich legitim und berechtigt ist. Israel hat genau dasselbe Recht wie alle anderen Staaten, in sicheren Grenzen zu leben und seine Bevölkerung gegen Angriffe zu schützen.
Wer die Parole »from the river to the sea« unterstützt, negiert dieses Recht und stellt sich bewusst oder unbewusst auf die Seite der Hamas und der Islamischen Republik Iran. Wird der Slogan auf linken Demonstrationen gerufen, zeigen sich die blinden Flecken der Linken. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie und den Zielen der palästinensischen Nationalbewegung ist notwendig, um zu verstehen, dass die Parole das 1948er Narrativ bedient und damit die Hamas und ihre Ziele, wozu die Vernichtung Israels gehört und die Errichtung einer islamistischen, totalitären Gesellschaft ohne individuelle Menschenrechte.

Es ist wichtig, eine Debatte über Antisemitismus zu führen, auch in seiner auf Israel bezogenen Erscheinungsform. Gerade jetzt, wo sich so viele aus der Debatte zurückziehen. Es ist mühsam und oft frustrierend. Aber es ist notwendig. Antisemitismus zu bekämpfen, bedeutet nicht, unkritisch gegenüber Israels Politik zu sein. Es bedeutet, an einer progressiven Gesellschaftskritik hierzulande festzuhalten, die sich nicht von Ressentiments und Feindbildern leiten lässt. Der Kampf gegen den Antisemitismus gehört untrennbar dazu.


Lisa Geffken, Nikolas Lelle (Hg.), Warum man Israel nicht hassen muss, um zu den Guten zu gehören, 152 Seiten, 18 Euro, ISBN: 9783957326614

Belltower.News macht gemeinnützigen Journalismus, denn wir klären auf und machen das Wissen von Expert*innen zu Antisemitismus, Rassismus und
Rechtsextremismus und allen anderen Themen der Amadeu Antonio Stiftung für alle zugänglich.
Unsere Reportagen, Recherchen und Hintergründe sind immer frei verfügbar und verschwinden nie hinter einer Paywall. Dafür brauchen wir aber auch deine Hilfe.
Bitte unterstütze unseren Journalismus, du hilfst damit der digitalen Zivilgesellschaft!

Weiterlesen

AUT, FPÖ Festakt zum 40. Jahrestag der Wahl von Jörg Haider

FPÖ und Israel „Nie wieder“ als Machtstrategie

FPÖ-Parteichef Herbert Kickl verspricht den Kampf gegen Antisemitismus, Israels Regierung applaudiert, die rechtsextreme Szene tobt. Ein Pakt, der zeigt, wie Israel-Solidarität im modernen Rechtsextremismus zur Machtstrategie wird.

Von
Erfurt Synagoge

„Alle gegen Zionisten“ So sieht (Israelbezogener) Antisemitismus in Thüringen aus

Die Thüringer Zustände verzeichnen einen deutlichen Anstieg an antisemitischen Vorfällen im Jahr 2024. Ein Vorabdruck.

Von
vadim-babenko-Fn8MogvA9zs-unsplash

[tacheles_3] „Ich steige als Jude in Berlin ins Flugzeug und lande in Tel Aviv als Israeli“

Ein Jahr nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Immer noch über hundert Geiseln in den Händen von Terroristen. In…

Von

Schlagen Sie Wissenswertes in unserem Lexikon nach.