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Meinungsbeitrag Über Günter Nooke, Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin

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Sami Omar (Quelle: Sami Omar)

Ich habe den Morbus Scholl-Latour erfunden – beim Zähneputzen. Er ist nach dem Journalisten und Publizisten Peter Scholl-Latour benannt und bezeichnet die Hybris, in der Begegnung mit anderen Kulturen Antworten zu formulieren statt Fragen. Natürlich ist das keine richtige Krankheit, sondern eine Art charakterliche Schwäche, die sich dadurch auszeichnet, sich seines Hochmutes nicht bewusst werden zu wollen.

Womit wir bei Günter Nooke (CDU) wären, dem Afrikabeauftragten der Bundesregierung. Dieser sah sich in der letzten Zeit großer Kritik ausgesetzt. Er formulierte in einem Interview mit dem Berliner Boulevard-Blatt „B.Z.“ vom 07. Oktober 2018 Vorstellungen von Afrika, die geeignet sind, rassistische Stereotypen über die Bevölkerung des Kontinents und seine 55 Staaten zu fördern. Unter anderem hatte er behauptet, die „Kolonialzeit [habe] dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen.“ Außerdem hätte der Kalte Krieg dem Kontinent schwerer geschadet als die Kolonialzeit. Daraufhin setzte eine Reaktion aus Zivilgesellschaft, Verbänden und Politik ein, die diese Aussagen verurteilten und die Hoffnung nähren, dass Deutschland sich in Teilen immer bewusster und offener mit seiner kolonialgeschichtlichen Verantwortung auseinandersetzt.

In einer Regierungsbefragung vom 10. Oktober 2018 wollte der Abgeordnete Ottmar von Holtz (B‘90/Die Grünen) denn auch wissen, wie die Regierung zu der Aussage des Afrikabeauftragten stehe, in Afrika sei ja vielleicht „der ein oder andere Regierungschef bereit, gegen eine Pacht ein Stück territoriale Hoheit abzugeben und dort für 50 Jahre eine freie Entwicklung zuzulassen. Dort könnten in Wirtschaftssonderzonen Migranten angesiedelt werden, unterstützt von der Weltbank oder der EU oder einzelnen Staaten.“ Der parlamentarische Staatssekretär Norbert Barthle (CDU) ging auf die Aussagen Nookes in der „B.Z.“ ein und erklärte, die Bundesregierung stehe „voll zu der Erklärung von Durban“, ein Papier einer der Weltkonferenzen gegen Rassismus der Vereinten Nationen.

Nookes Selbstverständnis ist das eines Mannes, der „die afrikanischen Länder“ dazu bewegen will, sich selbst zu helfen und alles hinter sich zu lassen, was sie an wirtschaftlicher Entwicklung und demokratischer Stabilität hindert. Dass er hier Umstände beklagt, die Kolonialmächte wie Deutschland selbst begründet haben, kehrt er oft unter den Teppich. Im Interview mit der „B.Z.“ antwortet er mit Bezug auf Afrika auf die Frage, ob „diese Missstände eine Folge der Kolonialzeit“ seien: „Es gibt schon Nachwirkungen. Schlimm waren die Sklaventransporte nach Nordamerika. Auf der anderen Seite hat die Kolonialzeit dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen. Experten, auch Afrikaner, sagen: Der Kalte Krieg hat Afrika mehr geschadet als die Kolonialzeit.“ Diese Argumentation folgt dem Roberto-Blanco-Prinzip, nach dem sich immer ein Mitglied einer marginalisierten Gruppe findet, dass die Argumentation der dominierenden Mehrheit stützt – nur gewinnt die Argumentation dadurch nicht an Richtigkeit.

Kürzlich nun lud Nooke seine Kritiker aus Wissenschaft und Verbänden zu einer Aussprache. Die „B.Z.“ berichtete aufgeregt mit dem Titel: „Rassismus-Prüfer verhören den Afrika-Beauftragten Günter Nooke“. Bei dem Treffen erklärte er, dass ihm „jede Form von Rassismus fremd ist“.  Rassismus ist etwas, dessen man sich nur durch das Eingeständnis erwehren kann, nicht von ihm frei zu sein. Ähnlich funktioniert es, wenn wir Männer uns doch immer wieder in ähnlicher Weise selbst von Sexismus freisprechen, als seien wir diejenigen, die das besser beurteilen können, als unsere Opfer – und werden dafür zurecht kritisiert. Nooke benimmt sich wie der Vormund eines ganzen Kontinents. Er will doch nur das Beste für Afrika und wenn er anhand von Fakten erklärt, was getan werden muss, wird er dort hintergangen und hier des Rassismus beschuldigt. Ihn scheint zu stören, dass wir Europäer noch etwas an kolonialer Geschichte aufzuarbeiten haben. Der Blick in die Vergangenheit ist ihm ein Hindernis bei der Lösung aktueller Probleme in der Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika.  Dabei wäre das Gegenteil die Voraussetzung von Lösungen.

 

Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung für Print und Online-Medien. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Sami Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration bei einem deutschen Wohlfahrtsverband. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk „Geht schon, danke“. Seine Kurzgeschichten erscheinen in Literaturzeitschriften, Anthologien und sind Teil seines abendfüllenden Bühnenprogramms, mit dem er deutschlandweit auftritt. Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. sami-omar.de

Vor einigen Monaten ist sein Buch „Sami und die liebe Heimat“ erschienen

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