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Nach Vorbild der MAGA-Bewegung Onlyfans für die AfD

Junge Frauen, AfD-Slogans und Links zu erotischen, kostenpflichtigen Inhalten: In den sozialen Netzwerken machen Profile, die rechtsextreme Botschaften mit sexualisiertem Content kombinieren, die Runde. Einige der Profile sind KI-generiert.

 
KI-Frauen werben für die AfD und ihren OnlyFans-Account. (Quelle: Shutterstock und Screenshot)

„Ich will, dass meine Kinder mal ‚Grüß Gott‘ sagen und nicht ‚Wallah‘“, heißt es in der Überschrift eines Kurzvideos. Hinterlegt ist der Clip der Userin namens Cassie mit dem Lied „L’amour toujours“, das in rechtsextremen Kreisen als rassistische Chiffre für Deportations-Fantasien missbraucht wird.

Der umgedichtete Partyhit sorgte die vergangenen Jahre mit der Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ in den Medien für Aufmerksamkeit. In den Kommentaren des knapp 50.000 Mal geklickten Videos stimmen die User*innen, überwiegend ältere, weiße Männer, der Botschaft der blonden Frau zu; einige kommentierten mit blauen Herzen. Viele der Videos von Cassie enthalten sexuelle Anspielungen und sollen für ihr „Onlyfans“-Profil werben, einer Plattform, auf der sich intime Bilder und Videos für monatliche Abonnements kaufen lassen.

Jede Menge Deutschlandfahnen und blaue Herzen

Die Kurzvideos von Cassie sind oft mit blauen Herzen versehen. In rechtsextremen Kreisen gilt das blaue Herz-Emoji meist als Bekenntnis zur rechtsextremen AfD. In beinahe jedem einzelnen Video auf ihrem Profil ist eine Deutschlandfahne zu sehen. Das Profil suggeriert ihren patriotischen und nationalistischen Follower*innen damit den Eindruck einer ideologischen Übereinstimmung. Ein Gefühl der Nähe soll vermittelt werden.

In einem Video fragt sie ihre Follower*innen, ob ihre Haltung zur AfD sie davon abhalten würde, mit ihr intim zu werden. In der Kommentarspalte verweist sie auf einen „Onlyfans“-Link in ihrer Instagram-Biografie.

Ein anderes Video von Cassie trägt die Überschrift: „Sie kommen 3000 Kilometer hierher, nur um uns zu erklären, dass ihre Kultur die bessere ist“. Das Video ist ergänzt um das Marschlied „Erika“, das ebenso wie Komponist Herms Niel ein wichtiger Bestandteil des NS-Propagandaapparates war. In einem anderen Video beklagt sie, dass „ein 21-jähriger Analphabet“ mehr Unterstützung als ihre Oma bekomme. Die Clips erreichen so zum Teil 100.000 Klicks. Ihrem Account folgen auf Instagram fast 20.000 Follower*innen.

Stets mit blauem Herzen versehen. (Screenshot)

Noch etwas ist auffällig an ihrem Profil: Die Bewegungen und die Hintergründe in ihren Videos wirken unecht. In keinem einzigen Kurzvideo auf Instagram spricht sie. Im Verlauf eines anderen Videos ändert sich eines ihrer Tattoos und wird unleserlich. Cassie nutzt für ihre Videos künstliche Intelligenz.

Nach Vorbild der MAGA-Bewegung 

Cassies Videos erinnern an ein Profil einer vermeintlichen MAGA-Influencerin, die kürzlich für Aufmerksamkeit sorgte. Ein Profil mit dem Namen Jessica Foster erreichte in kurzer Zeit mit patriotischen, Trump-nahen und sexualisierten Inhalten ein Millionenpublikum. Oft zeigte sich das Profil in Uniform, bei Militäreinsetzen oder mit den Mächtigsten der Welt. Die patriotische Vorreiterin Jessica versah die meisten ihrer Videos mit einer USA-Flagge, einem Adler-Emoji und präsentierte sich stets in Armeeuniform. War die Person nicht gerade vermeintlich damit beschäftigt, Putin oder Selenskyj zu treffen, postete sie Bilder mit ihren Fußsohlen in die Kamera zeigend, um gezielt Fußfetischist*innen anzusprechen.

Kürzlich sorgte das Profil in MAGA-Kreisen jedoch für großen Ärger: Jessica Foster existiert gar nicht. Das inzwischen gelöschte Profil, das suggerierte, die auffällig idealisierte junge, blonde Maga-Frau arbeite in einer militärisch hohen Position, ist gänzlich KI-generiert. Das Profil sollte MAGA-Fanatiker*innen ebenfalls zu ihrem „Onlyfans“ bringen. Cassies und Jessicas Videos folgen ähnlichen Wirkmechanismen: Mit der Verzahnung von Sexualisierung, Politik und Empörung soll eine maximale Reichweite erzielt werden.

KI-Frauen für die AfD

Dass diese Taktik sehr erfolgreich ist, scheint auch in AfD-nahen Kreisen angekommen zu sein: In den sozialen Medien findet sich inzwischen eine ganze Reihe AfD-naher Profile, die rechtsextreme Botschaften nutzen, um eine bestimmte Zielgruppe für ihre exklusiven Inhalte zu gewinnen. Auffällig ist: Die meisten dieser Profile sind nicht echt oder zumindest zum Großteil mit künstlicher Intelligenz erstellt. Manchmal existiert die Frau dahinter aber tatsächlich, wie bei Cassie.

Ein Profil, das den Namen Melli trägt, versehen mit einem blauen Herzen in der Beschreibung, ist ähnlich aufgebaut wie die von Cassie und Jessica: Oft mit sexuellen Anspielungen, stets eine Deutschlandfahne im Hintergrund, beschwert sich Melli über „die Altparteien“, Linke und Immigrant*innen, die die deutsche Kultur hassen würden.

In einem Video verwendet der Account dieselbe Überschrift wie zuvor Cassie: „Sie kommen 3000 km hierher, nur um uns zu erklären, dass ihre Kultur die bessere ist – dann geh doch zurück”. Die Videos erreichen teils Hunderttausende Aufrufe. Auch Melli verweist in ihrer Instagram-Biografie auf einen Link, der zu ihrem „Onlyfans“-Profil führt. Im Gegensatz zu Cassie spricht sie in ihren Videos. Im Hintergrund sind dennoch unleserliche Schrift und nicht existierende Ziffern zu sehen, ein Verweis darauf, dass auch dieser Account mit künstlicher Intelligenz arbeitet.

Viele Deutschlandfahnen. Die Schrift links ist unleserlich. (Screenshot)

„Stolzes AfD-Mitglied“

Ein Profil mit dem Namen Bella Albrecht legt die Taktik am offensichtlichsten dar. Es lassen sich gleich mehrere Profile mit diesem Namen und derselben Person finden, die gänzlich mit künstlicher Intelligenz generiert worden sind. Sich selbst beschreibt das Profil als „stolzes Mitglied der AfD“.

Inhaltlich unterscheiden sich die Videos kaum von den bisher genannten Profilen. Neben sexuellen Anspielungen und Werbung für kostenpflichtigen Exklusivcontent inszeniert sich der Account als AfD-Politiker*in.

In vielen der Videos zeigt sich die künstlich generierte, sehr jung aussehende und blonde Person oft in AfD-Kleidung. Ähnlich wie die Videos von Jessica zeigt sich Bella Albrecht an Partei-Wahlständen und gemeinsam mit anderen fiktiven AfD-Politiker*innen. Ein Video trägt die gleiche Überschrift wie das Video von Cassie: „Ich will, dass meine Kinder mal ‚Grüß Gott‘ sagen und nicht ‚Wallah‘“. Hinterlegt ist das Video mit „Das ist mein Leben“, einem Lied der Rockband „Böhse Onkelz“.

Bella Albrecht nutzt dieselbe Videoüberschrift wie Cassie. (Screenshot)

Gleiche Inhalte, dieselbe Überschrift: Wer steckt dahinter?

Sowohl bei Cassie, Melli als auch bei Bella Albrecht lassen sich identische Videoüberschriften finden. Anders als Bella Albrecht existieren Cassie und Melli tatsächlich. Sie veröffentlichen Inhalte unter ähnlichen Namen, die nicht KI-generiert sind und nicht für die AfD werben, aber ebenfalls zu ihren „Onlyfans“-Profilen führen. Warum sie ausgerechnet für ihre AfD-nahen Instagram-Videos künstliche Intelligenz nutzen, ist unklar.

Eins steht jedoch fest: Mit KI lassen sich realistisch wirkende Gesichter, Stimmen und ganze Videos erstellen, ohne dass überhaupt eine Frau, geschweige denn eine echte Person, vor der Kamera stehen muss. Für Nutzer*innen verschwimmt so die erkennbare Grenze zwischen Realität und künstlich erstellten Inhalten. Die AfD-nahen Positionen und die identischen Überschriften werfen die Frage auf, wer hinter den Videos steckt. Denn auch die AfD selbst hat bereits seit längerem künstliche Intelligenz in ihren Wahlkampf eingebettet.

Zudem profitieren die Ersteller*innen mit den Videos gleich aus doppelter Hinsicht: Die reichweitenstarken Videos pushen nicht nur AfD-Narrative, sondern auch exklusive Inhalte. Mit Plattformen wie „Onlyfans“ und der gezielten Ansprache einer rechtsextremen männlichen Gruppe lässt sich jede Menge Geld verdienen.

AfD-Slogans für mehr Onlyfans-Abonnet*innen 

Einer Studie der California State University zufolge sind knapp 60 Prozent der Onlyfans-Nutzer*innen männlich und knapp 80 Prozent heterosexuell. Diese Struktur passt ideal in politisch eher konservative bis rechtsextreme männliche Online-Communities.

Die Strategie: Sexualität und Ideologie kombinieren, um Engagement und Zahlungsbereitschaft zu erhöhen. Männliche Nutzer könnten so parasoziale Beziehungen zu den Creatorinnen aufbauen, von denen einige offenbar nicht einmal echt sind. Gleichzeitig folgen die vermeintlichen Influencerinnen dabei einem klassischen Rollenbild der Neuen Rechten: Frauen haben eine primär untergeordnete Rolle als Fürsorgerinnen, müssen als attraktiv erscheinen und sollen so rechtsextreme Positionen normalisieren. Auch die Erscheinungsform künstlich generierter Frauen wie etwa Bella Albrecht oder Jessica ist selten zufällig. Blond, jung und ins Ideal der Neuen Rechte passend.

Problematisch ist nicht, dass Frauen sich dazu entscheiden, exklusiven Content zu verkaufen, sondern die Verknüpfung mit rechtsextremen Botschaften. Schließlich ist nicht einmal eindeutig, ob hinter den Inhalten wirklich Frauen stecken.

Künstlich generierte Inhalte, sexualisierte Anspielungen und politische Botschaften greifen hier ineinander und zeigen, wie rechtsextreme Akteur*innen Plattformenlogiken missbrauchen. Ob hinter den Profilen tatsächlich organisierte AfD-Strukturen stehen, lässt sich nicht belegen. Fest steht dennoch: Sex sells, auch für die AfD und die MAGA-Bewegung, oder zumindest für die, die ihr nahestehen.

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