Weiter zum Inhalt

Niedersachsen 2025 Neonazi-Netzwerke geschwächt, rechte Gewalt weiter gefährlich

Jahresrückblick: Niedersachsens Neonaziszene bleibt gefährlich. Rechtsextreme Gewalt, antisemitische Angriffe, Femizide und Radikalisierung Jugendlicher prägten das Jahr. Doch überall formiert sich Widerstand.

 
Die „Jungen Nationalisten“ (JN) nutzten ihre Zusammenkunft auf dem „Heimathof“, um unter anderem den „JN-Mädelbund“ als neue Unterstruktur der Organisation zu gründen. (Quelle: Recherche-Nord)

Der organisierte Neonazismus existiert, aber konnte auch 2025 in Niedersachsen nicht viel Wirkungsmacht entfalten. Es fanden überregional fast keine relevanten Versammlungen statt. Zweifelsohne hat auch die Nutzungseinschränkung durch den Landkreis des sog. „Heimathofs“ in Eschede, Treffpunkt der neonazistischen und völkischen Szene, dazu geführt, dass die organisierte Neonaziszene einen weiteren Tiefschlag erleiden musste. Hier zeigt sich, das jahrelanges Engagement von zivilgesellschaftlichen Gruppen und Fachjournalist*innen gegen rechte Raumnahme erfolgreich sein kann.

Trotz dieser Rückschläge kam es am 22. März 2025 noch zu einem größeren Vernetzungstreffen der Neonaziszene auf dem „Heimathof“. Die „Jungen Nationalisten“ (JN) nutzten die Zusammenkunft, um unter anderem den „JN-Mädelbund“ als neue Unterstruktur der Organisation zu gründen.

Wie auch in den letzten Jahren bundesweit zu sehen, ist Kampfsport Teil neonazistischer Aktionsformen. So fand beispielsweise in Dünsen im örtlichen Clubhaus der Hells Angels ein Kampfsport-Event statt. Vor Ort waren u.a.  Alexander Deptolla der Organisator von „Kampf der Nibelungen“ und Lasse Richei (gewalttätiger Neonazi aus Braunschweig). Hierbei zeigte sich die Vermischung des Rocker-Milieus mit der organisierten extremen Rechten deutlich.

Die Vermischung, Schnittmengen und Gewaltbereitschaft zur Durchsetzung eigener politischer Themen, zeigten sich auch bei der paramilitärischen Gruppe des sogenannten „Nordbunds“. Diese Gruppe, die vor allem von Johannes K. vorangetrieben worden sein soll, bekam erneute öffentliche Aufmerksamkeit, nachdem es im September eine bundesweite Razzia gab. Unter den Beschuldigten sind auch ehemalige Soldaten und ein Bundespolizist.

Gewalt wurde auch auf Parteimitglieder und Mandatsträger*innen demokratischer Parteien 2025 ausgeübt. So wurden bspw. Grünen-Mitglieder beim Plakatieren von Wahlplakaten im Landkreis Oldenburg angegriffen und verletzt. Der Beschuldigte äußerte verfassungsfeindliche Parolen und zeigte den Hitlergruß. 

Auch die verschwörungsideologische Szene konnte in Niedersachsen nicht viel Wirkungsmacht entfalten. Die verschwörungsideologischen Straßenproteste im Flächenland finden fast nicht mehr statt oder beschränken sich auf einen kleinen harten Kern. So fanden im Landkreis Ammerland seit Mai 2024 regelmäßig Veranstaltungen aus dem verschwörungsideologischen und Reichsbürger-Spektrum statt. Vortragende waren u.a. Ken Jebsen (Kayvan Soufi-Siavash) und Wolfgang Wodarg. Engagierte stießen vor Ort eine Debatte über diese umstrittenen Veranstaltungen an, mit Erfolg. Ihr kontinuierlicher Druck sowie die begleitende mediale Aufmerksamkeit führten dazu, dass derzeit keine vergleichbaren Veranstaltungen mehr auf dem Gelände stattfinden und die Szene in Niedersachsen bislang keinen Ausweichort etablieren konnte.

Rechte Jugendliche

Der Trend von neonazistischen Jugendgruppen und einer steigenden Popularisierung extrem rechter Jugendkulturen setzt sich auch in Niedersachsen fort.

Radikalisierte Jugendliche waren auch in verschiedenen Beratungskontexten Auslöser für Beratungsfälle. Schüler*innen, die sich teils ab der fünften Klasse im ‚klassischen‘ Bomberjacke-und-Springerstiefel-Schick der 1990er Jahre kleiden, sind keine Seltenheit mehr. Vielmehr werden mancherorts extrem rechte Codes und menschenverachtende Narrative fortschreitend etabliert.

Besonders beim Thema Queerfeindlichkeit treten rechte Jugendliche immer wieder mit verschiedenen Angriffen in Erscheinung. Die Palette der Übergriffe ist dabei sehr breit, von Stehlen der Regenbogenfahne, über Hassnachrichten bis hin zu körperlichen Angriffen. Vor allem Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren gehören oft zu den Tatverdächtigen. Angriffe auf die Sicherheit und Sichtbarkeit queeren Lebens, von Schutzräumen bis hin zu Veranstaltungen wie CSDs, gehen jedoch nicht allein von jugendlichen Gruppierungen aus. Zunehmend wirken sie im Zusammenspiel mit parteipolitischen Strategien. So versuchte die AfD in Ronnenberg (bei Hannover), den CSD per Ratsantrag zu untersagen und verlangte zudem die Offenlegung der Namen jener Verwaltungsbeamt*innen, die die Veranstaltung genehmigt hatten.

Parteipolitischer Arm der extremen Rechten stößt auf Widerstand

Die AfD als Bewegungspartei der extremen Rechten ist auch in Niedersachsen flächendeckend präsent. Sie veranstaltet sogenannte „Bürgerdialoge“, Versammlungen, stellt kleine Anfragen und Anträge in Kommunalräten und im Landtag. Damit versucht sie, extrem rechte Narrationen weiter zu normalisieren. Dabei stehen vorwiegend zivilgesellschaftliche Organisationen und Personen im Fokus, die eingeschüchtert werden sollen. Auch auf ein vermeintliches „Neutralitätsgebot“ wird oft gepocht, was besonders Schulen und damit auch Lehrkräfte verunsichern sollen.

Teilweise fanden auch größere Saalveranstaltungen der AfD statt. Dabei traten zunehmend extrem rechte Jugendliche und junge Erwachsene in zum Teil größeren Gruppen auf, die sowohl äußerlich als auch ideologisch deutlich radikalisiert wirkten. Solche Formate dienen erkennbar dazu, junge Menschen in ihrem Radikalisierungsprozess zu bestärken, eine Entwicklung, die durch Social Media zusätzlich befeuert wird.

In Hannover fand außerdem der von der AfD organisierte sogenannte „Kinderschutzkongress“ im Landtag statt. Neben der Organisatorin Vanessa Behrendt nahmen unter anderem die stellvertretende AfD-Bundestagsfraktionsvorsitzende Beatrix von Storch und Dennis Engelmann vom Bochumer Verein „Kinderseelenschützer“ teil. Im Kern ging es um eine queerfeindliche und autoritäre Agenda. Dagegen protestierte ein breites Bündnis aus rund 900 Personen.

Widerstand zeigt Wirkung

Land auf, Land ab wird aus der Zivilgesellschaft Widerspruch gegen diese Raumnahme demokratiefeindlicher Positionen organisiert. Beispielhaft sollen hier nur drei der vielen und vielfältigen Formen des Widerspruchs aufgezeigt werden:

In Osnabrück bspw. besteht seit einiger Zeit eine Mitmachkampagne („Den Rechten die Räume nehmen“) gegen die Etablierung der AfD im öffentlichen Raum. Zuverlässig wird jeder Infostand der AfD mit Gegenprotest begleitet und immer wieder verliert die AfD durch engagierte Zivilgesellschaft die Räumlichkeiten, in denen sie ihre Veranstaltungen durchführen können. In Wesendorf (Landkreis Gifhorn) wurde einer Wahlkampfveranstaltung der AfD mit über 600 Personen widersprochen. Auch in Lüchow-Dannenberg wurde ein breiter Gegenprotest gegen eine AfD- Veranstaltung organisiert.

Antisemitismus

Seit dem 7. Oktober 2023 ist Antisemitismus in Niedersachsen in seinen verschiedensten Formen sichtbar und deutlich vermehrt aufgetreten, wie auch RIAS in ihrem Jahresbericht 2024 festgehalten hat. Auch 2025 ist davon auszugehen, dass die Vorfälle im Vergleich nochmal zugenommen haben werden. Antisemitismus wurde bei Versammlungen, auf Flugblättern und in sozialen Netzwerken sowohl von extrem rechten, verschwörungsideologischen als auch antiimperialistischen, propalästinensischen oder muslimischen Akteur*innen geäußert. Es zeigt sich wiedermal, dass Antisemitismus in der Lage ist, sehr unterschiedliche Akteur*innen zu vereinen und neue Vernetzungen hervorzubringen.

Breite Öffentlichkeit fanden die vermehrten Angriffe auf die Gedenkstätte Ahlem in Hannover. Im Januar 2025 wurden erneut niedergelegte Kränze beschädigt. Bei einer Hausdurchsuchung im Februar wurden daraufhin bei dem polizeibekannten Verdächtigen etwa Schusswaffen und Munition gefunden. Im Oktober wurde er zu einer Bewährungsstrafe und einer Geldbuße verurteilt.

Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte die Einladung des US-Rappers Macklemore zum Deichbrand-Festival bei Cuxhaven. Der Musiker fiel bereits mehrfach durch antisemitische und israelfeindliche Statements und Songtexte, sowie mit Holocaust-Relativierungen auf. Trotz Bedenken und Gesprächen von verschiedenen Vertreter*innen fand der Auftritt statt. Wenig überraschend äußerte sich Macklemore dabei sowohl antisemitisch als auch verschwörungsideologisch.

Rassismus

Ähnlich wie bei den antisemitischen Vorfällen ist auch bei den rassistischen Vorfällen in Niedersachsen erneut mit einer hohen Fallzahl für das Jahr 2025  zu rechnen. Insgesamt kann von einer fortschreitenden Normalisierung menschenfeindlicher Positionen in der sog. „Bürgerlichen Mitte“ gesprochen werden.

Größte Aufmerksamkeit erreichte der Fall um Lorenz A. in Oldenburg, der durch Schüsse eines Polizisten getroffen wurde und daraufhin verstorben ist. Im November wurde Anklage gegen den Polizisten erhoben. Wie in anderen Fällen ist es der Zivilgesellschaft, in diesem Fall der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ zu verdanken, dass Rassismus als mögliches Tatmotiv in der Öffentlichkeit präsent ist.

Femizide mit mutmaßlicher rechter Tatmotivation

Femizide bezeichnen die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Letztlich geht es um die Tötung einer Frau, die in einem patriarchalen Gesellschaftssystem die für sie vorgesehene Rolle einnehmen soll. In Niedersachsen wurde in diesem Jahr an zwei Fällen deutlich, dass extrem rechte Motive auch bei Femiziden gesellschaftliche Beachtung finden müssen.

In diesem Jahr ist der Mörder von Andrea B.- Alexander K. („Maschseemörder“) aus der Haft entlassen worden. Er gilt als Neonazi, der seine Mordphantasien an Andrea B., die über seinen „Nazischeiß“ lachte, in die Tat umsetzte. Die Tat hängt daher auch mit seiner rechten Ideologie zusammen, in der Misogynie und die Abwertung von politisch nicht-rechten Menschen fest verankert sind. Die zwölf Jahre Haftzeit haben keinen Resozialisationsprozess angestoßen. Kurz nach seiner Entlassung wurden Videos veröffentlicht, wie er sein Opfer verhöhnt. Ideologisch scheint er noch immer gefestigt zu sein. Andrea B. ist nicht offiziell als Opfer rechter Gewalt anerkannt. Ihr Sohn kämpft für Gerechtigkeit und dafür, dass der Mord nicht in Vergessenheit gerät. Außerdem strebt er eine Zivilklage an.

Auch die Ermordung von Rahma Ayat (bei Hannover) gilt ebenfalls als Femizid und ein rassistisches Motiv des Täters wird nicht ausgeschlossen.

Diese beiden Fälle sind allerdings nur beispielhaft für die vielen weiteren Femizide die in Niedersachsen passiert sind, ob mit rechtem Tatmotiv oder allein aus patriarchaler Gewalt.

Belltower.News macht gemeinnützigen Journalismus, denn wir klären auf und machen das Wissen von Expert*innen zu Antisemitismus, Rassismus und
Rechtsextremismus und allen anderen Themen der Amadeu Antonio Stiftung für alle zugänglich.
Unsere Reportagen, Recherchen und Hintergründe sind immer frei verfügbar und verschwinden nie hinter einer Paywall. Dafür brauchen wir aber auch deine Hilfe.
Bitte unterstütze unseren Journalismus, du hilfst damit der digitalen Zivilgesellschaft!

Weiterlesen

476406097

Jahresrückblick 2024 Niedersachen – Rechtsrock und rechte Jugendkultur

Was wird von 2024 in Bezug auf Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit in Erinnerung bleiben? Heute: Niedersachsen.

Von
shutterstock_2116594061

Antifeminismus 2025 Bedrohte Körper, bedrohte Demokratie

Jahresrückblick zu Antifeminismus & Queerfeindlichkeit: Rechte Kampagnen, Hasswellen und politisierte Moralpaniken machten 2025 deutlich, wie eng körperliche Selbstbestimmung, Gleichstellung und demokratische Stabilität zusammenhängen.

Von
shutterstock_2660932499

Digitale Demokratiegefährdung 2025 Labubu-Terrorismus, Affektmaschinen und verzerrte Wirklichkeiten

Jahresrückblick: 2025 war das Jahr, in dem das digitale Vorfeld der extremen Rechten endgültig aus dem Schatten hervorgetreten ist.

Von

Schlagen Sie Wissenswertes in unserem Lexikon nach.