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Rechtsrockkonzert im Emsland

Lunikoff-Auftritt in Gera (2009) (Quelle: Infothek Dessau)

Ersten Hinweisen zufolge soll das Konzert, das in einem konspirativen Rahmen organisiert wird, in der Gaststätte „Zur Singenden Wirtin“ in Groß Berßen stattfinden. Ganz unwahrscheinlich sind diese Hinweise nicht: Wie ein Sprecher der Kampagne zu berichten weiß, fand bereits 2007 ein Rechtsrockkonzert mit etwa 150 Besucherinnen und Besuchern in diesen Räumlichkeiten statt. „Auch die NPD traf sich mehrfach für so genannte Stammtische und Mitgliederversammlungen in der Gaststätte“, so der Sprecher. Ebenfalls seien die Neonazis in der Gaststätte nicht ganz unwillkommen, denn bereits 2006 zeigte die Besitzerin der Gaststätte Interesse an der Arbeit der NPD, indem sie u.a. um Infomaterial der Partei bat.

Initiator des Konzerts ist der 32-jährige Neonazi Tobias Richter aus Haselünne, der bei der Bundestagswahl als Direktkandidat für die NPD im Wahlkreis „Mittelems“ angetreten war, jedoch in Niedersachsen die schlechtesten Ergebnisse für seine Partei erreicht hatte.

Keine Nazikonzerte mehr im Schützenhaus

Erst im Dezember letzten Jahres fand im Schützenhaus an der Schwedenschanze in Lingen ein Neonazikonzert mit dem Liedermacher „Lokis Horden“ statt, welches durch das Engagement von Antifaschistinnen und Antifaschisten öffentlich gemacht wurde. Der Schützenverein reagierte und die Räumlichkeiten werden seitdem nicht mehr an den Neonazi, der nur für die Anmietung der Räume Mitglied des Vereins geworden war, vermietet.

„Rechtsrockkonzerte dienen der Festigung der Neonaziszene sowie der Rekrutierung von Neulingen“, so der Sprecher der Kampagne weiter. „Diese Konzerte müssen unterbunden werden. Und der erste Schritt dazu ist die Veröffentlichung solcher Veranstaltungen im Vorfeld.“

Gegenproteste vor Ort

„Keinen Platz für Nazis – …in Lingen und anderswo!“ will nun am Donnerstag mit einer Kundgebung direkt vor Ort in Groß Berßen auf das Rechtsrockkonzert aufmerksam machen und dagegen protestieren. „Wir halten es für wichtig, den Neonazis direkt zu zeigen, was wir von ihnen und ihrer menschenverachtenden Musik halten“, so ein Sprecher der Kampagne. „Schon alleine durch die Veröffentlichung im Vorfeld dürften wir Unruhe bei den Neonazis ausgelöst haben.“

Wie im Verfassungsschutzbericht 2009 aus Berlin zu lesen ist, steht „Lunikoff“ unter besonderen richterlichen Auflagen. So muss er beispielsweise jedes seiner Konzerte eine Woche im Vorfeld der Polizei mitteilen. Die Polizei hingegen sagt, dass sie bis zur Veröffentlichung von „Keinen Platz für Nazis – …in Lingen und anderswo!“ von nichts gewusst habe. Somit würde Lunikoff gegen Auflagen verstoßen. Der Sprecher der Kampagne hierzu: „Hier wäre ein Ansatzpunkt, um das Konzert mit Lunikoff zu untersagen. Allerdings ist uns nicht bekannt, ob und in welcher Form diese Auflagen noch heute gelten.“

Kundgebung ab 17.30 Uhr

Ob das Konzert nun stattfindet oder nicht: Eine Kundgebung ist am 10.10.2013 ab 17.30 Uhr vor dem Dorfgemeinschaftshaus an der Bushaltestelle (Dorfstraße Ecke Klein-Berßener Straße) in Groß Berßen angemeldet. „Wir würden uns freuen, wenn möglichst viele Menschen vorbeikommen und zusammen mit uns ein deutliches Zeichen gegen Rechtsrock und Menschenverachtung zu setzen“, so der Sprecher abschließend.

Textübernahme mit freundlicher Genehmigung von „Keinen Platz für Nazis – …in Lingen und anderswo!“

Hintergrund:

„Die Lunikoff Verschwörung“ ist eine seit dem Jahr 2004 existente Band rund um den ehemaligen Sänger von „Landser“ – Michael Regener. Dessen Spitzname „Lunikoff“ war in der DDR der Name eines billigen Wodkas.

Nachdem 2001 die konspirativen „Landser“ aufgeflogen waren, schließlich vor Gericht kamen und sich Regener mit seinen ehemaligen Bandkollegen überwarf (sie machten Aussagen vor Gericht, um geringere Strafen zu bekommen) entwickelte sich in der Rechtsrockszene schnell ein Kult um den „standhaften“ und „treuen“ „Landser“-Sänger. Logische Konsequenz: Ein neues Bandprojekt.

„Die Lunikoff Verschwörung“ – bestehend aus Regener sowie Musikern von „Spreegeschwader“ – knüpfen musikalisch wie textlich bruchlos an Landser an. Auch das Bandlogo von Landser, ein „L“ und ein Schwert (dem Abzeichen der SS-Kavallerie-Division Lützow nachempfunden), hat die Nachfolgeband übernommen. Einziger Unterschied ist, dass die Texte von „Die Lunikoff Verschwörung“ rechtsanwaltlich geprüft wurden und nicht gegen Strafgesetze verstoßen.

Die meisten Veröffentlichungen von „Die Lunikoff Verschwörung“ stammen aus der Zeit zwischen 2003 und 2005 – also zwischen dem Auffliegen von „Landser“ und dem Antritt der Haftstrafe von Regener. Im Februar 2008 wurde Regener aus der Haft entlassen. Es folgte ein neues Album namens „Heilfroh“ (2008).

Der 1965 geborene Berliner hat sich inzwischen der NPD angenähert. 2006 demonstrierten rund 1000 Parteianhänger vor dem Gefängnis in Berlin-Tegel, in dem Regener zu diesem Zeitpunkt einsaß. Der Neonazi „transportierte mit seiner Musik die Sehnsucht einer ganzen jungen Generation nach Erneuerung und nach einem Land, das die Heimat der Deutschen sein soll“, hieß es im NPD-Aufruf.

Regener ist selbst inzwischen Parteimitglied, schreibt in der Deutschen Stimme (dem Parteiblatt) und ein Song von „Die Lunikoff Veschwörung“ ist auf einer der NPD-Schulhof-CDs zu finden. Sein Abschiedskonzert vor dem Haftantritt 2005 gab er nach dem Landesparteitag der NPD Thüringen. Regener ist außerdem Mitglied der „Ariogermanischen Kampfgemeinschaft Vandalen“. Die kleine Neonazi-Combo mit Rocker-Habitus gründete sich bereits 1982 in Ostberlin.

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